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Der Werll lag auf der Seite, als die anderen mich zu ihm liessen. Neun Aliens im Niemandsbereich der Klimaschleuse umstanden den zehnten, im Tod nur noch ein starres Bündel Glieder. Das Wesen war zusammengerollt wie das Imago eines grossen Insekts kurz vor dem Schlüpfen. Ich blieb erst einmal stehen und sagte nichts. Schweigen ist in Konfliktsituationen oft noch die beste Lösung. Schweigen und langsame Bewegungen. Ausserdem hätte schon der dicke Schutzanzug gegen die Fremdatmosphäre im Werllquartier jede schnelle Bewegung verhindert. Ich fühlte mich unbehaglich in der Montur. Zudem wurde ich beobachtet. Von den Facettenaugen der Werll mir direkt gegenüber und fast noch aufmerksamer durch die Kameras von meinen Mitmenschen jenseits des Schotts. Zu viel stand auf dem Spiel. Wir wussten noch sehr wenig über die Werll, vielleicht unsere neuen Handelspartner. Wir kannten einander erst seit einem knappen Jahr und die Werlldelegation and Bord der VENICE war die erste, die je Verhandlungen mit Menschen zugestimmt hatte. Dass wir jetzt unter ihnen einen Toten hatten, war genau das, was nie hätte passieren dürfen. Schlicht und einfach eine Katastrophe in einer Situation, da beide Seiten noch kein Vertrauen zueinander hatten fassen können. Dass mir Alastair Foster Jenkins im Nacken sass und rasche Aufklärung des Falls forderte, beeindruckte mich allerdings weniger. Neue Besen kehren gut und mit neuen Delegationsleitern ist das kaum anders. Aber ich machte mir Sorgen, auch ohne Ermunterung durch A. Foster Jenkins. Als Sicherheitschef der VENICE war ich für Leben und Gesundheit unserer Gäste an Bord mitverantwortlich. Verschiedene Biosphären auf einer Raumstation parallel zu fahren, ist immer eine heikele Sache. Es war immerhin denkbar, wenn auch nicht beruhigend, dass der Tod des Werll auf einen technischen Defekt zurückzuführen war. Die Klimatechniker hatte ich schon aufgescheucht. Aber sie hatten bis jetzt keine Anzeichen gefunden, dass Sauerstoff von unserer Seite ins System der Werll eingedrungen wäre. Sabotage war ebenfalls ausgeschlossen. Nichts und niemand hatte seit ihrer Ankunft an Bord die Schleuse zu den Aliens passiert - abgesehen von mir. Trotzdem war es für Entwarnung noch zu früh. Es konnte unabsehbare Konsquenzen nach sich ziehen, wenn der Werll doch durch menschliche Schuld gestorben war. Ich kniete mich schwerfällig hin, beugte mich über den Leichnam. Nichts mehr an dem toten Werll erinnerte an die schimmernde Eleganz, die dieser Lebensform in Bewegung zu eigen ist. Die Werll waren sechsgliedrige Insektoide, aber der Chitinpanzer des toten Alien hatte jeden Glanz verloren. Er war so grau wie der Russ, der auf dem Sanduntergrund des Werllquartiers um die Leiche verstreut war. Die Substanz bildete fast eine Art dunkler Korona um den Körper des Werll. Am dichtesten lag der Russ dort auf dem hellen Sand, wo sich die Atemöffnungen befanden. Sie waren wie von schwarzen Strahlenfächern umgeben. Vielleicht war das Muster als Ehrung für den Verstorbenen gedacht. Wer wusste schon, wie und ob die Werll um ihre Toten trauerten? Bevor ich kam, hatte mir Ihr Sprecher zu verstehen gegeben, dass ich den Leichnam übernehmen sollte. Schriftlich, denn mit dem Abflug des alten Delegationsleiters der menschlichen Seite war auch der Dolmetscher von Bord gegangen. Unter Protest. Unser Neuer hatte den Dolmetscher jedoch als überflüssig abgelehnt, und oberflächlich betrachtet hatte Foster Jenkins sogar recht. Der Sprache der Werll war für menschliche Ohren unhörbar. Sie rieben für gewöhnlich ihr mittleres Thorax-Armpaar gegeneinander, wenn sie untereinander redeten, verständigten sich mit diesen sogenannten Singarmen im Ultraschallbereich. Nur gab es noch eine andere Form der Kommunikation unter den Aliens. Sie war der menschlichen Taubstummensprache sehr ähnlich und wenn sich der neue Delegationsleiter unserer Seite die Mühe gemacht hätte, die Berichte seines Vorgängers zu lesen, hätte er das gewusst. Über diesen Umweg, Gestensprache, hatten die Werll sich vom Dolmetscher auch unsere Schriftsprache erklären lassen. Einfache Sätze tauschten sie schon seit dem zweiten Tag nach ihrer Ankunft mit uns aus, dennoch blieb manches an den Botschaften rätselhaft. An der Wortwahl des Aliensprechers gemessen kam es mir zum Beispiel jetzt so vor, als sei die Angelegenheit und das ganze Problem für die Werll damit erledigt, dass ich ihren Toten übernommen hatte. Obwohl fast zwei Meter gross, war der Well überraschend leicht, als ich ihn mir auf die Arme lud. Die neun Überlebenden spreizten die Glieder der Singarme zum Gruss, nachdem ich den zehnten an mich genommen hatte. Dann drehten sie sich um und verliessen gelassen den Raum. Das Schott der Klimaschleuse schloss sich auf ihrer Seite, und das war es gewesen. Auch ich bereitete mich schleunigst darauf vor, den Niemandsbereich zwischen den Atmosphären zu verlassen, jede für die Gegenseite tödliches Gift. Trotzdem war genau diese Tatsache für die Werll wie für uns der grösste Anreiz, ein Handellsabkommen überhaupt in Erwägung zu ziehen. Was unter ihren Umweltbedingungen schwierig oder unmöglich herzustellen war, war auf Menschenwelten alltäglich - und umgekehrt. Aber wenn es uns nicht gelang, den Werll unsere Unschuld am Tod ihres Artgenossen zu beweisen, kam das Abkommen vielleicht nie zustande.Die Regierung der Mutterwelt der Werll war schon von dem Vorfall unterichtet. In acht Stunden sollte ihr neuer Delegationsleiter auf der VENICE eintreffen. Jenkins hatte mir fünf davon für meine Ermittlungen gelassen. Die Klimasensoren in meinem Schutzanzug summten mir beruhigende Okay-Töne ins Ohr. Trotzdem brach mir auf den wenigen Metern bis zur Menschenseite der Schweiss aus. Die Glieder des toten Werll begannen durch meine Bewegungen zu baumeln. Nicht nur, dass ich ihm mehrmals fast auf die Finger trat. Ich hinterliess auch eine Russspur quer über den gesamten Schleusenbereich. Aus allen Gelenken des Alien rieselte es ununterbrochen. Mir wurde himmelangst. Die Physis der Werll war auf Ammoniakverbindungen aufgebaut. Vermutlich enthielt auch der graue Russ aus dem Körper des Toten diese für Menschen giftige Substanz. Womöglich reichte die Konzentration aus, die Luft im gesamten Bereich hinter der Klimaschleuse bis zum nächsten Schott in ein hochexplosives Gemisch zu verwandeln. Ich biss auf das Mikrophon vor meinen Lippen, aktivierte es damit und sagte Doktor Young May-ling bescheid, die vor der Schleuse mit einem hermetisch verschliessbaren Sarg für den Werll auf mich wartete. "In Ordnung", May begriff sofort, "wir errichten im Bereich bis zum nächsten Schott ein zweites Vakuum. Sobald es steht, gebe ich dir ein Signal. Okay, Piet?" "Okay. Danke, May." Die Raumstation trieb im Ganz Weit Draussen zwischen den Sternen, an der Grenze unserer Einflusssphäre. An Bord lebten zweiunddreissig Menschen. Die zweiundzwanzig Mann Besatzung der VENICE, dazu zehn Wirtschaftsdelegierten unserer Seite und jetzt nur noch neun Aliens. Falls ich bei der Bergung ihres Toten einen Fehler machte und die irdische Atmosphäre verseuchte, würde uns niemand helfen können. Ich hielt den Werll behutsam, während ich wartete. Eine seiner Greifhände schleifte auf dem Boden. Ihre Glieder waren graziler als Menschenfinger und präzise wie chirurgische Instrumente. Sie stellten mit diesen Fingern Erstaunliches her. Ich hatte einige ihrer feinmechanischen Erzeugnisse gesehen. 2. Doktor Young May-ling steckte bis zu den Ellenbogen in den Manschetten des Schneewittchensargs über dem Seziertisch und untersuchte den Leichnam des Werll. Unsere Bordärztin hatte den Toten unter der gläsernen Isolierhaube auf den Rücken gelegt und seine Glieder gestreckt. Im harten Licht der OP-Lampen sah der Alien auf dem Obduktionstisch fast durchsichtig aus. "Gut beobachtet", sagte May, "Ammonik und Sauerstoff reagieren ausgesprochen heftig miteinander. Die Todesursache war meiner Meinung nach eine Art Verpuffung. Aber sieh selbst." Mays Ohrgehänge und ihre schwarzen Haare fielen ihr ins Gesicht, als sie sich vorbeugte und sorgsam eine Chitinplatte aus dem Thorax des Werll schnitt. Die Körperhöhle dahinter war vollkommen leer. "Der Werll ist regelrecht innerlich ausgebrannt. Ich habe den grauen Russ analysiert. Es ist zerstörtes Gewebe. Der Druck der chemischen Reaktion hat es explosionsartig durch alle Körperöffnungen gepresst. Was du für Totenschmuck gehalten hast, hatte natürliche Ursachen." "Er ist also direkt in der Schleuse gestorben." Ich hatte inzwischen die zeitliche Abfolge jeder Bewegung an Bord der Venice überprüft. Die Ökosphäre der Werll war vollkommen intakt. Wie ich schon vermutet hatte - von Menschenseite war der Sauerstoff nicht zu den Aliens gelangt. Jenkins hielt die Angelegenheit damit für geklärt. Er war mit meinem Bericht zufrieden. Ich war es nicht. "Der Werll kann gar nicht in Kontakt mit Sauerstoff gekommen sein. Es sei denn, er hat ihn freiwillig genommen." Die Ärztin nickte. "Das ist auch meine Vermutung. Oxygen ist für die Werll genauso toxisch, wie für uns Ammoniak. In richtiger Dosis wirkt Sauerstoff auf sie allerdings wie eine Droge. Also hat der Werll entweder einen Trip geschmissen - und zuviel erwischt. Oder es war Selbstmord." "Vielleicht auch Mord. Unter Aliens. Aber aus welchem Grund? Hatte es mit uns zu tun? Haben wir einen Fehler gemacht? Wir werden mit den Werll reden müssen. Doch ohne den Dolmetscher brauche ich dazu deine Hilfe, May." Die Anhängsel an Young May-lings Ohrschmuck tanzten, als sie nickte. "Das habe ich mir schon gedacht." Meist war es mir gar nicht mehr bewusst. Wie Jeder an Bord wandte auch ich May mein Gesicht längst ganz automatisch frontal zu, wenn ich mir ihr sprach. Obwohl es eigentlich unnötig war. May konnte mich hören, von jeder Postion im Raum aus. Der Ohrschmuck und ihre Pagenfrisur verdeckten die Sensoren. Aber bevor man ihr mit Neunzehn diesen Ersatz für die zerstörten Hörnerven eingepflanzt hatte, hatte May eine taubstumme Jugend gelebt. Sie konnte noch immer perfekt von den Lippen ablesen. Und sie beherrschte genau wie der Dolmetscher und die Werll die Gestensprache. "Foster Jenkins wird dagegen sein." "May, ich hatte nicht die Absicht ihn gross zu fragen." Wir machten uns auf den Weg zum Konferenzraum mit der grossen Fensterscheibe. 3. Es war nicht leicht, den Werll den Grund für meine Besorgnis klarzumachen. Zwar klappte die Verständigung zwischen May und den Aliens nach den unvermeidlichen Anfangsschwierigkeiten sehr gut. Aber was die Werll auf die vorsichtigen Fragen der Ärztin antworteten, gab immer mehr Rästel auf. "... Notwendigkeit ... unabdingbar ..." übersetzte May, "Ausgleich. Erhalt des Gleichgewichts. Vakuum?" Sie wurde immer ratloser. " Neun ungleich Zehn. Neun gleich Neun. Opfer. Danach wieder gleich." Dr. Young May-ling verstummte, tauschte mit den Werll von Bildschirm zu Bildschirm ganze Serien hastiger Gesten aus. Schliesslich kreuzte der Werll ihr gegenüber seine Singarme. Die Bedeutung seiner Haltung war selbst mir klar. Schluss. Finito. Der Alien hatte offensichtlich alles gesagt, was zu sagen war. "Das war's", sagte May-ling, " Piet, da haben wir wirklich ein Problem. Der tote Werll war das ranghöchste Mitglied ihrer Delegation, ihr Führer, und sie haben ihn uns geopfert." "Aber warum?" "Weil Foster Jenkins turnusgemäss unseren alten Delegationsleiter ersetzt hat. Es ist so ähnlich wie - naja, wir stehen in ihrer Schuld. Die Werll sahen, dass die Delegationsspitze unserer Seite abgelöst wurde. Sie waren zehn, wir neun. Und sie verstanden nicht, warum. Es gibt bei ihnen keine Ablösung. Wer einmal Leiter ist, bleibt es." "Und deshalb haben sie ihren Chef umgebracht?" "Nein. Es war eine freiwillige Entscheidung. Oder vielmehr ein Ritual. Der Sprecher nannte es den Ausgleich. Ritueller Selbstmord in einer unausgeglichenen Situation, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Die Werll sind übrigens immer noch an der Fortsetzung der Verhandlungen interessiert. Nur sind jetzt wir am Zug." "In wie fern?" Sicherheitschef einer Raumstation wird man nicht durch Zufall. Ich hatte mehr als einen Erstkontakt mit Aliens hinter sich und einiges an fremdartiger Logik kennengelernt. Trotzdem stöhnte ich unwillkürlich auf, als die Ärztin die Katze aus dem Sack liess. Kurz gesagt lief es auf dies hinaus: "Wir haben die Leiche ihres Anführers", sagte May, "insoweit haben sie ihre Schuld an uns, das Ungleichgewicht wie sie es sehen, bezahlt. Doch um die Verhandlungen fortsetzen zu können, müssen wir ihnen etwas Gleichartiges geben. Deshalb bestehen die Werll darauf, dass wir ihnen Foster Jenkins oder seinen Vorgänger übergeben." "Da wird Jenkins aber nicht mitmachen wollen", sagte ich. "Oh, ich glaube schon," sagte die Ärztin munter, "er wird müssen. Schliesslich wäre der ganze Schlamassel kaum passiert, wenn er auf die Empfehlungen des Dolmetschers gehört hätte. Zuerst wollten ihn die Werll übrigens tot..." "Was!?" May lachte. "Keine Angst, es wird genügen, wenn Alastair Foster Jenkins das Ritual der Werll wiederholt. Sie haben sich damit einverstanden erklärt. Und ich gebe ihm schon nicht zuviel Amoniak. Unser Herr Delegationsleiter wird allerdings ganz schön husten müssen." |
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