Plejades


Start | Index Galerie¦ Objekte | Texte ¦ über mich ¦ Kontakt ¦ Links



 
Wellen 
Der Cresdeck hüpfte aus der Brandung, kaum dass Miriam die Bonbondose in den Sand gestellt hatte. Sie kannte die Vorliebe der Bewohner von Stella Maris für jede Art von Zucker, aber es war doch immer wieder erstaunlich, wie schnell sie reagierten. Die Siedlung lag gut zweihundert Meter vor der Küste im Flachmeer. Trotzdem hatte der Wachposten Miriams Ankunft beobachtet - und festgestellt, dass der Zucker höchstens für Einen reichte.

»Kch! Nur zwei!«

Der Cresdeck hatte die Dose geöffnet und befingerte den Inhalt. Seine biegsamen Stäbchenfinger rollten sich blitzschnell um ein eingewickeltes Toffee, dann landete die bunte Folie auch schon vor Miriams Füssen. Sie sah fasziniert zu, wie der Cresdeck den Rüssel ausfuhr und die Süssigkeit mit einem deutlichen Plopp! einsaugte.

Plopp! Ds zweite Bonbon nahm den Weg des ersten. Der Cresdeck warf die leere Dose zur Seite. Ein schwarzes Auge fixierte Miriam.

»Kch! Sag schon was du willst!«

Alle Cresdecks klangen, als seien sie permanent verschnupft, und wahrscheinlich waren sie das auch wirklich. Ausserdem blubberte der Rüssel bei jeder Silbe nach. Das Auge des Cresdeck blinzelte.

Miriam konnte Cresdecks nicht unterscheiden. Sie hatten keine Mimik, und ihre Augen, seitlich am Kopf, schienen sie beim Sprechen nie anzusehen. Möglich, dass dieser Miriam kannte. Cresdecks vergassen nie ein Gesicht.

Oder einen Text, oder ein Muster. Wozu immer das im Meer gut war.

Die dicke graue Walze bewegte sich, rückte Miriam so nah, dass sie den Trangeruch des Cresdeck überdeutlich wahrnahm. Hoch aufgerichtet reichte ihr der Meerbewohner gerade bis zur Schulter. Der Cresdeck schnüffelte an ihrer Tasche.

»Kch! Ich will noch Einen!«

Cresdecks waren ungeduldig, egoistisch und intelligent. In genau dieser Reihenfolge. Ohne Zucker kein Geschäft. Miriam gab dem Cresdeck das verlangte Bonbon. Ihr war heiss.

Schwimmen wäre jetzt schön gewesen. Der Stand war ideal dafür, aber daran war gar nicht zu denken. Stella Maris war eine Wasserwelt, algenreiche Ozeane bedeckten sie zu siebzig Prozent, und ihre Bewohner, die Cresdecks, waren mit Algen und Wasser eigen.

»Noch Einen!«

Miriam liess sich das nächste Bonbon aus der Hand schnappen. Sie kam regelmässig hierher, an diesen oder einen der unzähligen anderen Strände, um mit den Eingeborenen zu handeln. Blaues Keresh gegen Zucker.

Blauer Keresh-Tang war unerlässlicher Bestandteil einiger Medikamente und ein gutes Geschäft - wenn es Miriam gelang, zu einem vernünftigen Preis einzukaufen. Doch das Meer war schon sehr nah.

Bei einem ihrer ersten Besuche hatte sie den Fehler gemacht, bis dicht an die Flutlinie zu gehen. Der Cresdeck - war der Dicke überhaupt ein Er gewesen? - er war jedenfalls ausser sich geraten, und es hatte Miriam viel Zucker gekostet, ihn wieder zu besänftigen.

Komischerweise war es auf dem Wasser anders. Aber die Strände vor ihren Siedlungen waren den Cresdecks sakrosankt.

In Miriams linkem Ohrring knackte es leise. Sie drehte den Knopf unauffällig, lauschte der Stimme ihres Captains.

»Und? Spielt er mit?«

Steven, Captain und Eigner der TINKA, hatte mit der letzten Fahrt so gut wie keinen Gewinn gemacht und war deshalb jetzt ziemlich nervös.

»Was ist nun! Kch!« auch der Cresdeck wurde ungeduldig.

Miriam nannte ihre Wünsche.

»Keresh! Kch! Schon wieder dieses Zeug! Na, von mir aus. Was zahlst du freiwillig?«

Kereshtang wuchs nie in weniger als zweihundert Metern Wassertiefe am Kontinentalabhang, an der Grenze zur Tiefsee. Cresdecks konnten unbegrenzt oft tauchen, waren nicht wie Menschen von Dekompressionsgrenzen und lästigen Anzügen abhängig, und sie waren schneller als jeder Tauchrobot. Miriam brauchte die Cresdecks für die Ernte und der vor ihr wusste das auch.

»Zucker und Tang im Gewicht eins zu eins.« 

»Die See ist unser! Kch! Zehn zu eins!«

Der Cresdeck liess sich fallen und wälzte sich mit einer eleganten Rolle zurück in die Brandung. Sofort fiel alles Plumpe von ihn ab. Miriam musste schreien, um sich verständlich zu machen, während sich der Cresdeck in den Wellen wiegte. Trotzdem wurden sie irgendwie einig.

»Kch! Du zahlst also fünf zu eins, wenn wir dein Boot bis zur Ebbe gefüllt haben.«

»Falsch! Drei zu eins.«

»Na gut - ich nehme vier. Du kannst noch Einen von euch mitnehmen. und du bringst Scheinwerfer mit. Wir brechen bei Sonnenuntergang auf. Kch!«

»Einverstanden. Aber warum so spät?«

»Kch! Das geht dich gar nichts an!«

* * *

Das Meer schimmerte golden, als die Cresdecks das Boot in Schlepptau nahmen, und war eine Stunde später über dem Rand des Festlandsockels schwarz wie die Nacht. Natürlich hatte es sich Captain Steven nicht nehmen lassen, Miriam persönlich zu begleiten.

»Ich begreife diese Burschen nicht«, sagte Steven, »ich habe ingesamt zwanzig Cresdecks gezählt. Aber nur fünf davon arbeiten für uns. Was treiben die anderen hier? Spielen die Fangen?«

»Ich weiss es nicht«, Miriam stand über die Reling gebeugt, starrte ins Wasser. Neben dem Boot tauchte der runde Schädel eines Cresdeck auf.

»Kch! Warum redet ihr? Du kannst die Scheinwerfer einschalten!«

Der Cresdeck wartete nicht auf Antwort. Die graue Walze tauchte mit dem charakteristischen Rüsselblubbern ab. Eine Kette silbriger Luftblasen begleitete seinen Weg in die Tiefe.

»Wenigstens haben sie nichts gegen Licht.«

Steven überprüfte die Leistung des Generators, der zwei Ketten von Unterwasserleuchtkörpern speiste. Rund um das Boot schimmerte das Meer jetzt türkis.

»Sieh mal, Miriam sie tanzen!«

Tief unter ihnen, vor der Schwärze der Tiefsee gerade noch zu ahnen, wirbelten die langen Fäden des Keresh-Tang. Dort arbeitete die Erntegruppe. Eine Etage höher, im freien Wasser, zog eine Reihe von Cresdecks grosse Kreise. Steven räusperte sich.

»Ich werde das Gefühl nicht los, als ob die sich heute extra Zeit liessen! Wieviel Zucker hast du mit ihnen noch mal ausgemacht?«

»Vier zu eins«, sagte Miriam geistesabwesend. Eine ganze Wolke Tang löste sich von unten und schoss mit ihren Trägern raketengleich nach oben. Kurz darauf klatschte eine halbe Tonne Keresh in einem Schauer salzigen Wassers über die Bordwand ins Boot. Steven fluchte.

»Herr Gott! Können die nicht aufpassen!«

Der Captain wischte sich Wasser aus dem Gesicht und spähte nach unten, wo sich das Meer eben wieder beruhigte. Plötzlich packte er Miriam am Arm.

»Mann, ist das ein Riesenbursche!«

Steven deutete nach unten. In der Tiefe schob sich lautlos eine gewaltige Masse ins Licht der Scheinwerfer, glitt in den Ring der tanzenden Cresdecks und löst ihn auf.

»Da passiert was!«

Der Captain machte hastig die Unterwasserkamera fertig, warf sie mit der Rückholleine über Bord. Kurz darauf konnten die beiden Menschen im Boot das Geschehen über die Vergrösserung wie aus nächster Nähe mitverfolgen. Das riesige Meerwesen drehte sich um die Cresdecks. Sie wirkten neben ihm winzig. 

Miriam sah Tentakel ausfahren und auf einen der intelligenten Bewohner von Stella Maris losschiessen.

»Der wird doch nicht ...«

Steven startete ohne lange zu überlegen den Motor.

»Steven! Nein!«

»Hast du nicht gesehen? Das Ding hat einen Cresdeck im Fang!«

Der Captain beschleunigte, zwang das Boot in eine Kurve und machte gleichzeitig den Sonar klar. 

»Wir sollten uns besser nicht einmischen!«

»Pah! Sie werden uns dankbar sein, und dann können wir den Preis drücken!«

Steven hatte das Jagdfieber. Er gab Gegenschub, drehte das schaukelnde Boot und löste das Sonar aus, kaum dass er das Tiefseewesen im Fadenkreuz hatte. Die Tentakel gerieten in Bewegung. Ein grauer Körper löste sich aus dem Armgewirr, trudelte nach oben.

»Das dachte ich mir!« sagte Steven zufrieden, »das Sonar hat das Ding getroffen wie ein Hammer.«

»Dem Cresdeck geht es aber auch nicht gut, Steven!«

»Der wird schon wieder! Aber wo sind die Anderen? Hilf mir mal!«

Kein Cresdeck mehr zu sehen, nur noch der Verletzte. Der Wasserbewohner war bewusstlos, dümpelte hilflos in der Dünung. Schliesslich blieb ihnen nichts übrig, als ihn mit dem Netz an Bord zu hieven. Der Cresdeck war entsetzlich schwer.

»Woher kommen diese Schnitte? Das Sonar war das aber nicht!«

»Nein, aber das Netz.«

Die empfindliche Haut des Cresdeck war an vielen Stellen tief aufgerissen. Grüngelbes Blut quoll reichlich aus den Wunden.

»Tja Steven, das werden sie uns übelnehmen!«

Der Captain griff kommentarlos zum Funkgerät.

* * *

Zwanzig Minuten später nahm das Shuttle Miriam und den Captain auf, brachte sie zur TINKA. Steven ging ins Cockpit, während der Doc den schwer atmenden Cresdeck untersuchte, Es hatte drei Techniker gebraucht, um ihn an Bord zu tragen.

»Das sieht böse aus, Miriam«, sagte der Bordarzt, »ich kann vermutlich nicht mehr tun, als diese Wunden zu verkleben.«

In diesem Augenblick drehte der Cresdeck den Kopf. Ein dunkles Auge fixierte die Menschen.

»Willst du Zucker?« fragte Miriam besorgt.

»Kch! Nein!«

Mehr bekamen sie nicht aus ihm heraus. Der Cresdeck liess sich ohne Protest in den Behandlungsraum schleppen, doch es war eine schwierige Aufgabe für den Doc, seinen wenig kooperativen Patienten zu versorgen. Der Arzt sah müde aus, als er gegen Morgen in die Messe kam.

»Ich denke, er wird es überstehen. Zum Glück scheint dieses Wasserwesen einen stabilen Kreislauf zu haben. Er hat ganz schön Terror gemacht, bis ich ihn in den Whirlpool im Bad verfrachtet habe.«

Der Arzt nahm dankbar eine Tasse Kaffee von Miriam.

»Da sitzt er nun und blinzelt. Es geht ihm wohl ganz gut. Er spricht nur nicht mit mir. Wie ist es bei euch gelaufen?«

»Gar nicht.«

Der Captain war zum Strand zurück geflogen, um mit dem Wächter zu sprechen und Zucker anzubieten. Steven hatte die ganze Zeit eine Art Sprechgesang aus der Cresdecksiedlung gehört. Aber keinen der Bewohner herauslocken können.

»Haben sie wenigstens den Zucker genommen?«

»Steht unberührt am Strand.«

»Vielleicht redest du mal mit unserem Gast, Miriam?« schlug der Arzt vor.

* * *

»Ich habe mich bei ihm entschuldigt, so gut ich konnte«, sagte Miriam, als sie später zurückkam, »aber ich fürchte, die Preise haben sich geändert. Wir haben gestern Nacht durch unser Eingreifen eine Art Initiationsritus gestört. Und uns natürlich gründlich das Vertrauen der Cresdecks verscherzt.«

Sie rieb sich die Nase.

»Zuerst wollte unser Gast überhaupt nicht mit mir reden. Er hat mich sogar angespuckt.«

»Gott!«

»Ich hab's überlebt. Es ist nur - tja, wie soll ich das erklären? Der Cresdeck, den wir aufgefischt haben, hat durch unser Netz das Gesicht verloren. Nur dumme Fische gehen ins Netz, versteht ihr? Zucker macht das nicht mehr gut. Er muss der Gemeinschaft schon etwas Besonderes bieten, wenn sie ihn wieder aufnehmen sollen. Also hat er von uns Schadensersatz verlangt. Aber ich nehme an, er hat auch ein Geschäft gewittert. Er konnte seine Begeisterung kaum verbergen. Jeder Cresdeck in der Siedlung wird davon entzückt sein.«

»Miriam, bitte mach es nicht so spannend!«

»Oh - er will den Whirlpool. Sagte ich das nicht?«

* * *


zurück zum Textanfang


Start | Inhalt | Galerie ¦ | Texte¦ über mich¦ Kontakt ¦Links