Plejades


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Nachtflüge

Zwingt mich nicht, den Sturm zu wecken.
Stutzt nicht meine Flügel.
Mit Sonnenuntergang hatte sich hauchdünner Nebel wie ein Schleier über die Niederung vor dem Haus gelegt. 
Sie konnte ihn dort fliessen sehen, schweben. 
Schweben.

Kälte war ein Hilfemittel. Kälte und Hunger.
Aber noch war es nicht an der Zeit.
Noch war es im Haus zu unruhig, kein Stern über den Bergen aufgegangen.
Sie wartete geduldig.

Die Hitze in allen Räumen war ihr noch ungewohnt. Onkel und Tante konnten sich das viele Holz leisten, aber sie hatte in den letzten beiden Wintern selbst mit dem Reisig für das Kochfeuer sparen gelernt. Die Kühle ihres Schlafzimmers machte ihr nichts aus. Sie hatte die beiden Fenstertüren zum Balkon geöffnet, die kalten Abendwinde willkommen geheissen. Mehr konnte sie, durfte sie nicht tun.
Später vielleicht.

Unten sassen sie beim Abendessen, tranken Wein. Sie hatte gesagt, dass sie keinen Hunger habe. Zum Glück hatte ihr der Onkel geglaubt und sie gehen lassen. Sie hatte seit Tagen nichts gegessen.
Es war ihr schwer gefallen.

Das Essen roch gut, besser als Alles, das sie vorher gehabt hatte. Trotzdem, wenn sie es gegessen hätte, wäre sie gezwungen gewesen, es anschliessend wieder auszuspucken.
Kälte war ein Hilfsmittel, Kälte und Hunger.
Und ihr Hunger war gross.

Unter ihr im Tal, wo sich der Nebel immer mehr verdichtete, erwachten allmählich die Geschöpfe der Nacht. Kleine, pelzige Wesen, harmlos und hungrig. Sie konnte ihren Hunger spüren, neben ihrem eigenen.
Hunger nach Wurzeln und Beeren, Hunger nach Paarung.
Mordlust.

Aber nein, nicht einmal der Nachtweih, der Meister der Wüste, tötete zum Vergnügen. Hunger trieb sie alle.
Hunger trieb auch sie. Eine andere Art von Hunger.
Schweben.
Fliegen.
Hexen fliegen mit der Nacht.

Der Nebel war jetzt eine breite, silberne Strasse. 

Sie hatten ihr die Kräuter weggenommen.
Der Onkel hatte gesagt, sie seien Gift.
Aber es würde auch so gehen. Kräuter machten es nur leichter.
Kälte und Hunger taten es genauso. 

Hunger machte den Kopf leicht.
Nicht mehr lange.
Sie war schon lange bereit.
Puls und Atmung wurden langsam, schwangen mit der Nacht.
Sie entschloss sich.

Es ging ganz leicht.
Sie liess sich fallen.
Der Nachtwind trug sie hinauf, fast bis zu den kalten Sternen.

Jetzt nur keine Angst bekommen.
Angst, das wusste sie, holte sie augenblicklich zurück.
Aber sie wollte nicht zurück.
Die Nacht lockte.

Der Onkel hatte ihr verboten, das Haus zu verlassen.
Sie sei zu zart, leichte Beute aller Gefahren der Wüste.
Vielleicht später, wenn sie kräftiger geworden sei ...

Als ob sie auf der Alm, bei der Grossmutter, nicht mit den Ziegen gegangen wäre.
Über Stock und Stein.
Sie hatte Kraft.
Die Kraft und die Macht.
Hexen fliegen mit der Nacht.

Sie wünschte sich die Wüste. 
Das offene Land zog sie magisch an.

Der Onkel nannte es Wüste, aber es war nicht wirklich tot und leer. Es gab spärliches Gras, Büsche, sogar niedrige  Bäume. Tiere lebten auch hier, suchten nach Futter, gingen nächtlich auf Beute aus. 
Jäger und Gejagte, das alte Spiel.
Irgendwo lebte der Nachtweih. 

Sie fand einen kleinen Tümpel.
Merkwürdig, wie nass sich Wasser anfühlte, das ihre Füsse doch gar nicht wirklich berührte.
Sie setzte sich auf einen grossen Stein am Ufer, genoss das leichte Grausen, als sie sich über das Wasser beugte.
Kein Spiegelbild.
Nichts.

---

Die Tante fand sie am andern Morgen kalt und steif auf den Steinen der Balkonterrasse liegen.
»Daran ist nur deine Mutter schuld«, sagte der Onkel, »was hat sie dem Kind diesen Unsinn in den Kopf setzen müssen! Eine Schlafwandlerin im Haus!«

Von da an wurde sie verfolgt.
Mit Essen und guten Absichten.
Sie weinte sich in den Schlaf.
Sie nahm zu.

Sie lernte.
Kochen, putzen, nähen. 
Ein bißchen tanzen.
Für alle Fälle.

Zu Spätwinter stellte sich der Sohn des Pächters vom Nachbarhof ein.
Er taxierte sie mit den Augen, wie eine Kuh.
Sie mochte ihn nicht.

»Du hast keine grossen Aussichten«, sagte die Tante, »er würde dich auch ohne Mitgift nehmen.«
Der Onkel sagte, das Jahr sei sehr schlecht gewesen.
Sie wusste, es war nicht wahr.
Scheunen und Vorratsschränke quollen über.

Sie erbat sich Bedenkzeit.
Bis zum Frühling.
 

---

Im Tal scholz der Schnee.
Die Tante sagte, sie sei gross geworden, richtig zur Frau erblüht.
Aber immer noch so blass.
Und: das sei manchmal so, bei jungen Mädchen mit dem Übel des Frauseins.
Dafür seien Kräuter erlaubt.

Die Bergwiesen hinter dem Haus wurden grün.
Auf der Alp lag noch Schnee.
Die Hütte der Grossmutter stand seit einem Jahr leer.

Sie arbeitete viel. In Haus und Hof, schliesslich auch auf den Wiesen.
Der Vorrat der Tante ging zur Neige.
Sie kannte alle Kräuter, die Grossmutter hatte sie ihr gezeigt.
Die Tante liess sich alles geben, roch, schneckte sogar an Einigen.
Die unter der Schürze versteckten fand sie nicht.

Es war schwierig.
Es ging nur, wenn alles schlief.
Sie wurde noch blasser von den heimlichen Nachtwachen, und müder.
Sie sagte der Tante, dass sie nicht schlafen könne.
Es stimmte sogar.
Nur die Gründe nicht.

»Es wird Zeit, dass du heiratest«, sagte die Tante, »zu Mittsommer, und keine weiteren Ausreden.«

Bis dahin erlaubte der Onkel einen Schlaftrank.
Nach dem Rezept der Grossmutter, von der Tante gebraut und ans Bett gebracht.
Damit sie nicht auf dumme Gedanken käme.
Was sie unter der Matraze hervorholte, dazu noch kaute, sah die Tante nicht.
Die toten Kräuter schmeckten bitter.

Hexen fliegen mit der Nacht.

Ihr erster Ausflug war fast der letzte.
Sie war wie im Rausch, versäumte die Zeit.
Flog weiter, sah mehr.
Die Tante fand sie hoch am Morgen noch im Bett, rüttelte sie wach.
Danach war sie vorsichtig.

Sie war noch ein Kind gewesen, als die Grossmutter sie eingeweiht hatte.
Sie ein Geheimnis gelehrt hatte, das die eigenen Töchter belächelt, oder als Altweibergewäsch abgelehnt hatten.
Jetzt war sie erwachsen.

Hexen fliegen mit der Nacht.

Sie konnte alles sehen, jedes Geheimnis ergründen.
Der Onkel schlich sich aus dem Haus, sobald die Tante schlief.
Er hielt es im Heu mit den Mägden.

Es war nicht schwierig, den Nachtweih zu finden.
Schwieriger, ihn zu überreden.
Dann, am Tag vor Mittsommer, ging der Onkel auf die Jagd.

Oh, wie alt und grau die Tante plötzlich aussah, als sie ihn ihr abends brachten. 
»Totgebissen«, sagte einer der Männer, die den Onkel auf der Bahre trugen, »das Vieh war wie rasend.«
Tot auch der Nachtweih.

Die Hochzeit fiel aus.

Nach der Beerdigung sagte der Sohn des Pächters, dass für ihn wohl schon eine gute Mitgift herausschauen müsse, wenn er die Junge heiraten solle, die bei der alten Hexe aufgewachsen sei. Man wisse ja nie.

Hexen fliegen mit der Nacht.

Es war nicht schwierig, den Bullen dazu zu bringen, den Weidezaun niederzuwalzen.
Der Rest erledigte sich wie von selbst.

Die Leute sagten, die Tante habe den Stier verhext und auf den Sohn des Pächters losgelassen.
Weil er mit ihr nicht über die Mitgift für die Nichte habe einig werden können.
Und: schliesslich sei die Alte die Tochter einer Hexe.

Sie war im Wald, pflückte Pilze, als die Büttel die Tante holten.
Haus und Hof fielen an den Vogt.
Ihr blieb das nackte Leben.
Und die Hütte.

Die Leute im Dorf sahen ihr schweigend zu, wie sie ging.
Einige spuckten auch hinter ihr her.
Sie zog zurück auf die Alm.

»Du kannst nichts dafür«, sagten die Hirten, »du bist ist nur ein Mädchen.«

Sie machten ihr kecke Angebote.
Aber heiraten wollte sie keiner.

Der Winter war hart.

---

Als der Schnee schmolz, kamen die ersten Frauen aus dem Dorf.

»Du redest doch nicht?«

Sie gab Allen Kräuter.
Sie hatte kommen sehen, dass sie kommen würden.
Sie wusste jeden Kummer im Dorf, kannte alle Geheimnisse.
Hexen fliegen mit der Nacht.

Sie hatte schon im Herbst mit dem Sammeln begonnen.

 



 

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