Plejades


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Das Pferdemädchen

Jehoo-Nala

Scholle schaffte es nie, nein zu sagen, doch für gewöhnlich liessen Reis dieses Dinge kalt. Es hatte immer ein Mädchen gegeben, immer und überall, und so würde es auch bleiben, bis zu Erdmanns letzten Atemzug. Frauen zogen Scholle an, wie der Honig den Bären. Ein Lächeln, eine Berührung, und Scholle schmolz wie Wachs.

Nicht, dass Reis ihm das missgönnte.

Aber warum ausgerechnet hier? Warum sie? Es hätte Reis vielleicht nicht so empört, wenn er nicht genau gewusst hätte, dass das Mädchen seinen Vetter nur benützte. Bloss - zu welchem Zweck? Dass Jehoo-Nala kein gewöhnliches Hirtenmädchen war, schien sonnenklar. Die Frauen und Töchter der Pferde-Clans arbeiteten schwer, viel härter, als Reis das von zu Hause her kannte. Sie liefen bis zum Fluss um Feuerholz und Wasser, sie gruben nach Wurzeln und sie stampften Korn, sie filzten und spannen, sie melkten, sie kästen, sie gerbten Leder. Aber immer in Gemeinschaft, streng von den Männern getrennt. Selbst wenn das Pferdevolk aufbrach, fuhren die Frauen auf Karren mit Zelten und Hausrat für sich.

Reiten konnte keine, bis auf Jehoo-Nala. Sie musste auch nicht mit den Frauen reisen. Aber natürlich konnte trotzdem keine Rede davon sein, dass er oder Scholle ihr näher als bis auf Rufweite kommen durften. Dass Mädchen mit Fremden mehr als nur das Nötigste  redeten, verboten im Hochland Sitte und Anstand, und dass sich beide Seiten  daran  hielten, dafür  wurde schon gesorgt. Immer, wenn der Clan weiterzog, ritt Jehoo-Nala mit den Hirten, half ihnen, die Schafherden treiben, während Reis und Scholle mit den älteren Männern die Nachhut hinter Stuten und Jährlingen bildeten. Und am Abend im Lager setzte man sie erst recht auf Abstand.

Gastfreundschaft war schon ein seltsames Ding. Der Ältestenrat sah anscheinend keine Möglichkeit, ihn und Scholle wegzuschicken. Aber dass den Männern ihre Anwesenheit jetzt nicht mehr passte, war offensichtlich. Die Hirten zogen in die Ebene, zum Begräbnis des Gross-Chans, und sie betrachteten es als grosse Ehre, dass der Clan der Weissen Pferde auserwählt worden war, das Opfer für den Toten zu vollziehen.

Fremde waren dabei nicht sehr erwünscht. Man duldete, dass Reis und Scholle mitzogen und natürlich, untertags, wenn es die Herden zusammenzuhalten galt, oder am späten Nachmittag, beim Aufbau des Lagers, da war jedes zusätzliche Paar Hände recht. Nach Sonnenuntergang dagegen wurden sie plötzlich überflüssig. Und am meisten machten Reis die Abende zu schaffen.

Im Königreich der Berge kannte man das nicht, dort hielten Verwandte und Freunde ein Totenmahl, sobald sie den Leichenbrand der Erde zurückgegeben hatten und wenn das Grab grünes Gras deckte, galt die Trauerzeit als beendet. Hier gab es jede Nacht ein Fest.

Für alle, bis auf ihn und Scholle. Zwar sagte niemand ausdrücklich: »Ihr dürft nicht mitfeiern«, oh nein. Das Gästezelt stand nur jeden Abend ein Stück weiter entfernt von den Feuern, an denen der Schamane die halbe Nacht zum Klang seiner Trommel mit Jehoo-Nala tanzte. Ausserdem beeilten sich die Hirten, ihn und Scholle rechtzeitig vor Beginn des Fests zu versorgen. Sobald Reis und Erdmann mit dem Aufbau des Gästezelts fertig waren, bekamen sie stark gewürztes Hammelfleisch, Brot und reichlich Wein.

»Esst und ruht danach in Frieden.« Der alte Mann, Tashee, der sie meist bediente, sprach sehr höflich, nach Gastfreundschaft und Brauch. Doch sein Gesicht zeigte überdeutlich: Dies sind unsere Sitten. Mischt euch nicht ein.

Und so sassen sie dann abseits, an ihrem eigenen Feuer, kauten  Brot und tranken den Wein, und hörten von fern Jehoo-Nala zur Trommel des Schamanen singen. Sie hatte eine rauhe Stimme, eher leidenschaftlich als schön, kein Vergleich zum Silberlaut ihrer Flöte.

Er und Scholle schwiegen sich an. Nicht nur der Hammel, der ganze Abend war Reis versalzen.

Reis hatte natürlich die Blicke gesehen, die Jehoo-Nala Scholle in der Frühe zugeworfen hatte, beim Aufbruch zum Viehtreck, als sie zufällig  an ihnen vorüber geritten war. Genauso hatte er die leisen Worte am Nachmittag gehört, als die Zelte aufgebaut wurden - was  lag näher, als Erdmann zu  bitten, bei Errichten des Schamanenzelts  schnell  mit Hand anzulegen, wo er doch ohnehin gerade ein Bündel Feuerholz  brachte? Sie sprach zwar  nur einige unverfängliche Dankesworte, vor  aller Augen, aber Reis bemerkte, dass sie Scholle dabei ein Bündel Kräuter zusteckte. Oder hatten es alle im Lager  gesehen?

Reis spürte die Spannung innerhalb des Clans überdeutlich. Er konnte sogar ungefähr den Grund dafür benennen. Die Hirten warteten auf etwas, ein Ereignis, das in Zusammenhang mit dem Begräbnis in der Ebene stehen musste. Soviel war sicher. Reis begriff nur nicht, was die Hirtin damit zu tun hatte. Oder besser gesagt, er hoffte inständig, dass er sich täuschte. Jehoo-Nala schien eine Entscheidung getroffen zu haben und man hätte blind sein müssen, um nicht zu begreifen, für wen. Merkwürdigerweise wirkten die Männer seitdem eher erleichtert.

Und genau das ging Reis nicht ein. Er wäre enttäuscht gewesen, im umgekehrten Fall, wenn er dazu gehört hätte. Enttäuscht und sauer, dass sie  nicht einen der Hirten gewählt hatte, sondern einen Aussenstehenden. Er begriff Jehoo-Nala nicht. Warum Erdmann? Aber da niemand ausser dem alten Tashee mit ihm sprach, und er der Fremde und noch dazu der Jüngere war, konnte er ihn auch nicht fragen. Und Scholle war in solchen Dingen blind.

Später fand er das Kräuterbündel in Erdmanns Satteltasche.

Scholle, der beste und ehrlichste Freund, den ein Mensch haben konnte, gab sofort zu, zu welchem Zweck ihm Jehoo-Nala das duftende Schlafkraut gegeben  hatte. Er machte Reis sogar das Angebot, den Spiess sozusagen umzudrehen, das musste man ihm lassen.

»Schliesslich,« sagte Scholle, »haben sie das oft genug getan, getauscht.«

Nur, dass Reis um diesen Preis nicht wollte.

Er spielte allerdings eine Weile mit dem Gedanken, die Kräuter tatsächlich zu nehmen. Sie waren harmlos. Wer schläft, sündigt nicht, sagte das Sprichwort und: was du nicht weisst, macht dich nicht heiss. Aber wie Erdmann klar machen, was sein Vetter nicht ahnte und ihm, Reis, nie glauben würde. Dass die Hirten warteten. Dass Jehoo-Nala nur eine Rolle spielte. Es war kein Abenteuer mit einem Fremden, was sie suchte. Reis wusste es mit einer Sicherheit, die ihn selbst erstaunte. Sie würde natürlich mit Scholle schlafen, aber das bedeutete gar nichts, im Gegenteil. Erdmann, vielleicht auch Reis selbst, sie waren in Gefahr.

»Das glaube ich dir nicht«, sagte Scholle, »du willst nur keinen Gefallen von mir annehmen müssen, das ist alles.«

»Stimmt!«

Verfluchter Stolz! Hinterher tat es ihm leid. Sie verbrachten den Abend in unbehaglichem Schweigen, beide gleich unglücklich. Denn, was er Reis damit antat, dass er sich mit ihr einliess, das tat wiederum Scholle an. Reis spürte, dass sein Vetter drauf und dran war, aufzustehen, einfach in der Nacht zu verschwinden. Und er, er hatte gute Lust, mit Scholle zu gehen. Schliesslich, was ging sie der Clan der Weissen Pferde an? Aber sie sassen beide in einer Falle fest, die zu sprengen keiner von ihnen den Mut fand. Erdmann nicht, weil er nicht einsah, warum er auf ein Vergnügen verzichten sollte, das ihm immerhin freiwillig angeboten worden war. Und Reis, weil er nicht wusste, wie er seinem Vetter erklären sollte, was ihm immer mehr die Kehle zuschnürte. Reis verfolgte seit Tagen eine Art Gesicht:

Erdmann, in sich zusammengesunken auf einem toten Pferd ...

Auf der anderen Seite des Zeltlagers wurde es still. Es war gespenstisch, wie schnell der Clan der Weissen Pferde mit dem Ende des allabendlichen Fests jedesmal zur Ruhe fand. Zu Hause, am Hof seiner  Grossmutter, nach Festmusik und Tanz, löste sich die Versammlung regelmässig in einzelne Grüppchen auf, die noch lange hernach in der Nacht zusammen standen, plaudernd und lachend. Hier im Lager des Clans der Weissen  Pferde  hörte man vielleicht noch vereinzelt Schritte, Männer, die zu den Zelten der Frauen gingen. Danach nur die Nacht.

Reis zuckte zusammen, als sich sein Vetter räusperte.

»Wollen wir uns nicht auch legen?«, fragte Erdmann.

Scholle stand auf, machte sich an den Matten zu schaffen, die tagsüber vierfach zusammengefaltet als Sitzpolster dienten und breitete sie am Feuer aus. Reis gab ihm keine Antwort. Es schlief sich gut auf der dicken Unterlage, unter wollenen Decken, die von den Frauen in Dutzenden von bunten Mustern gewebt wurden. Wenn man denn schlafen konnte.

Reis wusste von seiner traumkundigen Mutter, dass nicht  alle Gesichte etwas zu bedeuten hatten. Doch die Vision liess sich nicht mehr abschütteln, sie wurde in der Finsternis nur bedrückender.

Ein totes Pferd auf einem Hügel, aufrecht gehalten durch Pfähle. Erdmann auf seinem Rücken, sterbend ...

Es musste nicht geschehen. Und schon gar nicht in naher Zukunft. Aller Menschen Schicksal lag in der Hand der Drei Mütter. Die Spinnerin spann, die Weberin wob und die Schneiderin schnitt zuletzt den Lebensfaden ab. Aber  was sie in den Stoff verwoben und ob ihr Gespinst aus dicken Fäden bestand, oder leicht zerriss, das behielten die Göttinnen  der Zeit für sich. Einzig Seherinnen wie der Dame Perle war in ihren Träumen ein kurzer Blick auf das Muster des unablässigen Vergehens erlaubt, und band sie dann der Bannspruch der Götter.

Niemand, nicht einmal sein eigener Vater, glaubte den Gesichten seiner Mutter, oder hörte ihr gar richtig zu. Reis kam ein schrecklicher Gedanke. Hatte seine Mutter das gesehen, was ihn jetzt quälte? Hatte sie  ihn mit ihren Worten warnen wollen, beim Abschied in der Unterstadt?

»Die schönen Tage dauern nicht ewig, mein Sohn. Halte fest, was du hast. Und du, Erdmann, lebe wohl.«

Reis kamen die Tränen. Er wollte seinen Vetter nicht verlieren, was scherte ihn dieses dumme kleine Mädchen. Sollte Erdmann sie doch haben, Reis war das gleichgültig, selbst wenn  sie es unter seinen Augen miteinander trieben. Scholle war sein bester Freund. Der einzige, den er vielleicht je haben würde und es durfte nicht so enden.

Bitte  nicht.

Er machte sich steif, als sich Erdmann zu ihm bewegte. Reis spürte, wie sich starke Arme um ihn schlossen. Scholle wischte ihm sanft die Tränen vom Gesicht. Sein Vetter sagte nichts und das war ganz gut so. Wenn Reis etwas abgrundtief hasste, dann war es Mitleid. Er brauchte Erdmann, sicher. Er konnte ihm unbedingt vertrauen und musste das auch, denn es gab das eine oder andere, von dem Reis nicht um den Preis seiner beiden Hände gewollt hätte, dass es Aussenstehende erfuhren. Dass er es manchmal brauchte und sich dann mit Scholle entspannte, zum Beispiel.

Es half schliesslich auf diesmal.

Jehoo-Nala kam in dieser Nacht nicht.

* * *

Fortsetzung