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Das Pferdemädchen |
| Nimm dem Jäger
die Feder
Der Hengst drehte beunruhigt die Ohren und ging einen Schritt seitwärts, als Nala die Flöte zückte und den ersten Ton blies. Aber dann stieg das Lied auf, klare Töne, wie Perlen auf eine Schnur gereiht, und mit dem Lied kam der Wind. Sachte zuerst, kaum mehr als ein Lüftchen, das die Blätter der Weiden am Fluss nur gerade eben in silbern aufglänzende Bewegung setzte. Dort unter den Bäumen standen die Jährlinge und liessen in der Hitze die Köpfe hängen, zu träge sogar, um von dem jungen Laub über ihren Köpfen zu naschen. Nala spann ihre Weise weiter. Sie liebte die Sommerweiden, liebte es, in der Mitte eines weiten Talbodens auf dem Rücken ihres Hengstes zu sitzen, die Flöte an den Lippen. Es war die Stunde des Pfeifers. Sie spürte seine Gegenwart zuerst in den Haaren. Wind streichelte ihr Gesicht, brauste in den Bergen auf und sandte Nala einen kräftigen Strom kühler Luft, der von den schneeglänzenden Wohnungen der Götter hinunter zu ihr ins Tal strich. Kleine Staubhexen fegten im Gras hoch, zausten den Jährlingen die Schweife. Die Herde setzte sich langsam in Bewegung, zog zum Schattenhang. Auch Nalas Pferd hob den Kopf. Der Hengst wieherte. Sie klopfte ihm Hals. Sie sah die fremden Pferde selbst. Die beiden Reiter, der Grosse, Eisenkleid, und sein Freund, der Jäger, er trug eine schöne Feder am Hut, sie verhielten ihre massigen Rösser gerade an der Schafsfurt in der Flussbiegung, damit die Tiere saufen konnten. Und wie sie dort auf ihren Pferden sassen und warteten, frischte es noch einmal auf. Eine letzte Böe pfiff durch das Tal, wirbelte die Mäntel der Männer hoch. Den Eisernen beeindruckte der unerwartete Windstoss leider nicht, sein Kleid konnte die Luft nicht fassen. Doch der Jäger verlor fast seinen Hut. Nimm dcm Jäger die Feder ... Nala musste lachen. Aber er konnte wirklich gut reiten, beinahe so gut wie ein Hirte. Der Jäger, Erdmann hiess er, er fing die Kopfbedeckung mit einer knappen Wendung seines schweren Wallachs, der den Spass erstaunlich flink mitmachte. Nala zollte den beiden im Stillen ihre Anerkennung, dem Pferd mehr als dem Reiter. Der Wallach ging ohne Zügel weiter, sehr gleichmässig im flotten Trab, während der Jäger sorgfältig die Feder glättete und den Hut wieder aufsetzte. Die Feder glänzte, lang, rot und golden und sie flatterte in der Bewegung von Ross und Reiter mit. Die Feder gefiel Nala ausserordentlich gut. Und der geschickte Jäger auch. Sie bekam fast Lust, ihm etwas anderes zu blasen. Aber sie wusste, dass sie es nicht tun würde. Noch nicht. Der Andere, Eisenkleid, er war eher lästig. Er verfolgte Nala immer mit den Augen, seit dem ersten Abend. Blau wie der Himmel über den Bergen, das waren sie, diese Augen, und wie er sie damit ansah, das war schon komisch. Zwingend und gleichzeitig anbetend, aber Nala liess sich nicht davon beeindrucken. Er sollte ruhig noch eine Weile mit den Augen betteln. Sie würdigte ihn keines Blickes, während er an ihr vorbei ritt. Sie war die Mittlerin, das heilige Pfand, sie gehörte dem Clan der Weissen Pferde und den Göttern, und es stand ihr zu, zu wählen. Sie durfte sich so viele Männer zu Weggefährten nehmen, wie sie wollte, wenn ihre Reise begann. So es ihr gefiel, sogar die beiden Fremden. Nimm dem Jäger die Feder , blas' dem Hirten ein Lied .. . Nichts und niemand konnte ihr das verbieten. Aber falls es diesen Sommer dazu kam, dann war ihr der Ruhige lieber. Den Anderen konnte sie danach
immer noch haben.
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