Plejades


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Das Pferdemädchen

..
Der Fahrende Ritter

»Ach komm schon! Das schaffen wir noch. Die Zelte sind schon ganz nah, Erdmann.«

Man konnte Reis schlechterdings nichts abschlagen, wenn er einen so anlächelte, das war das Problem. Trotzdem machte Erdmann zumindest den Versuch. »In dieser klaren Luft täuschen die Entfernungen, vergiss das nicht«, sagte er, »wir brauchen wenigstens zwei Stunden, bis wir ihr Lager erreichen und dann ist es Nacht, mein Prinz.«

»Umso besser. Dann können sie uns schon aus Höflichkeit nicht weiterschicken«, Reis sass unbekümmert wieder auf, »ich möchte endlich berühmten die weissen Pferde sehen. Auf geht's, Scholle, Herzensbruder!«

Erdmann mochte es nicht, wenn man ihn Scholle nannte. Selbst dann nicht, wenn ihn ein Prinz gleichzeitig Herzensbruder nannte. Er verzog das Gesicht.

»Scho... , Erdmann, du wirst mir doch deswegen nicht böse sein?« fragte Reis und tat, als sei er über Erdmanns strenge Miene besorgt. Was Reis sicher nicht war. Nein, nicht der Prinz. Besonnenheit war nicht seine Sache, jedenfalls nicht Erdmann gegenüber. Ausserdem, und das war das wirklich Ärgerliche, verstand sich Reis ausgezeichnet darin, in Gesichtern zu lesen. Erdmann gab es auf, diesem strahlenden Blick stand zu halten und führte sein Pferd zu einem Stein, um ihn als Aufsteighilfe zu benützen. Reis war ein ganzes Stück grösser und schwerer, aber er schaffte es trotzdem aus dem Stand auf jedes Pferd, sogar mit der Rüstung. Neidisch konnte man werden ...

Aber in Wahrkeit neidete Erdmann seinem königlichen Vetter nichts. Erdmann, Sohn und Enkel eines Bauern hatte mit Sicherheit das leichtere Leben. Reis, Enkel desselben Bauern, aber der Sohn eines Prinzen, musste immer und überall Rücksicht nehmen. Man brauchte sich zum Beispiel nur die Rüstung anzusehen, die Reis trug: sie war schwer, sie war unbequem und ob sie im Bedarfsfall wirklich nützte, wollte Erdmann lieber nicht miterleben müssen. Ausserdem rostete sie. Wenn Erdmann Reis abends half, sich wie ein Hummer aus Brustpanzer, Arm- und Beinschienen zu schälen, musste er ihm anschliessend die Schmiere aus Schweiss und Rost von der Haut schrubben. Oder zumindest dann, wenn Reis gerade prinzlicher Laune war und beim Baden Lust auf die Gesellschaft seines Vetters hatte.

»Die alte Dame hätte für das Ding ruhig noch ein bisschen was drauflegen können, meinst du nicht auch? Der Bucklige soll Rüstungen schmieden, die überhaupt nicht rosten. Drachenstahl nennen sie es. Bin gespannt, ob wir ihn wirklich hier im Hochland finden«, sagte Reis beiläufig, zog während des Reitens einen Handschuh aus und fuhr sich mit den Fingern zwischen Brustpanzer und Hals, um sich dort hingebungsvoll zu kratzen.

Dies eine weitere, manchmal schwer zu ertragende Eigenschaft des Prinzen: Reis sagte oft, was man einen Augenblick vorher selbst gedacht hatte, ohne Rücksicht auf Höflichkeit oder Rang und das hatte ihn bei Frau Flamme nicht gerade beliebter gemacht. Wahrscheinlich war es das beste, was Reis hatte tun können, nämlich zu gehen. Aber da er natürlich trotz allem der Sohn des Thronfolgers war, wenn auch von einer blossen Freien, und gleichzeitig sehr zu Frau Flammes Missfallen deren einziger Enkel, hatte sie ihn nur nach einer Menge Geschrei ziehen lassen. Und mit Auflagen: Rüstung und Begleitmannschaft.

Die Rüstung schien Reis für sinnvoll zu halten. Er trug sie. Die Reisigen hatte er geschickt vermieden. Der Prinz war einfach eines Morgens vor nunmehr zehn Tagen hoch zu Ross bei Erdmanns Vater auf dem Königsgut erschienen, mitten in den Vorbereitungen zur Heuernte, und hatte Erdmann aufgefordert, ihn auf einen kleinen Ausritt zu begleiten.

Den machten sie immer noch. Und dass Erdmann dadurch für die Feldarbeit ausfiel, war nicht der Punkt. Erdmanns ganze Familie diente dem Königshaus auf die eine oder andere Weise; umgekehrt durfte er sicher sein, dass Frau Flamme seinem Vater einen Ersatzmann für ihn stellte, als selbstverständlichen Teil des Handels, so lange Erdmann mit Reis abwesend war. Er galt als ständiger Begleiter des Bastard-Prinzen. Alles andere hatte sich dieser Aufgabe unterzuordnen.

Frau Flamme hatte nur dabei sicher nicht bedacht, wie sehr gerade dieser Umstand Reis die Flucht erleicherte. Plötzliche Aufbrüche mit Erdmann war die Umgebung des Prinzen gewohnt. Niemand hatte sich über diesen seinen Einfall gewundert, auch nicht über die beiden Tragtiere, die Reis an jenem heiteren Morgen hinter das Haus seiner Mutter in der Unterstadt bestellt hatte. Sonderbarer konnte man vielleicht finden, dass die Dame Perle Erdmanns Jagdausrüstung dazu packen liess, an die Reis natürlich nicht gedacht hatte; sowie alles andere, das man für eine längere Reise notwendig brauchte.

Aber das fiel nur dem auf, der Erdmanns Tante besser kannte. Die Götter hatten ihr die Gabe der Voraussicht geschenkt. Sie ging nie aus dem Haus und lebte vom Königshof strikt getrennt. Trotzdem wusste Perle Rebentochter meist, was ihrem manchmal doch recht sprunghaften Sohn als nächstes einfallen würde, oft noch vor dem Prinzen selbst. Erdmanns Packtaschen enthielten zum Beispiel mehrere Säckchen mit Ketten aus winzigen Glasperlen. Sinnloser Ballast - ausser man ritt den am wenigstens wahrscheinlichen Weg aus dem Königreich, den Pass hoch ins Andertal und danach über das Kar zu den Sommerweiden des Pferde-Volkes. Man bekam hier in den Hochtälern für Perlen selbstverständlich keines von ihren schönen Tieren, deren Wert kannten die Hirten genau. Aber die Männer nahmen Reis und Erdmann bereitwilliger in ihre Zelte auf, wenn er am Morgen darauf zum Dank buntes Glas an Frauen und Töchter verteilte.

Darum, dass Reis die Gastfreundschaft der Clans über Gebühr in Anspruch nahm, brauchte sich Erdmann dagegen zum Glück nicht zu sorgen. Die Unrast des Prinzen zog ihn meist schon nach einer Nacht weiter. Sie ritten ohne Ziel und mit schmalem Gepäck und es schien Reis nichts auszumachen, in einer Höhle oder gar unter freiem Himmel zu schlafen, wenn der Weg bis zum nächsten Lager an einem Tag nicht zu schaffen war. Die einzelnen Herden weideten viele Wegstunden von einander entfernt.

In einer Beziehung war Erdmann froh über so viel Selbstbeschränkung. Reis mochte Frau Flamme durch sein blosses Vorhandensein ein Dorn im Auge sein. Aber die Regentin des Königreichs empfand es wohl trotzdem als ihre Pflicht, dem Bastard-Prinzen ein standesgemässes Leben zu ermöglichen und so steckten in seiner Rocktasche genügend Goldstücke für eine vollständige Reise-Karawane, einschliesslich Zelt und Wagen, Zugtieren und Bediensteten, oder mit einem Wort: Umstände. Und von prinzlichem Aufwand und der ständigen Aufmerksamkeit fremder Augen und Ohren hatte Erdmann mittlerweile entschieden genug.

Allein zu reisen hatte natürlich den kleinen Nachteil, dass die Hirten Reis weniger zuvorkommend behandelten, als sie es vielleicht getan hätten, hätten sie gewusst, dass Frau Flammes Reisegeld für den Kauf einer ganzen Herde Pferde reichte. Aber Erdmann glaubte nicht recht daran, dass Reis der Sinn danach stand. Der Prinz besass genügend Verstand, seine zweihundert Pfund Gewicht - einschliesslich der Rüstung gerechnet - keinem der schönen Hochlandpferde auf den edlen Rücken wuchten zu wollen. Sie waren gute Renner und zäher, als sie aussahen. Aber eben keine Lasttiere. Die schweren braunen Wallache, die Reis und Erdmann ritten, dienten diesem Zweck viel besser.

Vermutlich, dachte er, kommt auch das von der Frau Tante Perle, dass sie uns nämlich keinen einzigen Hengst mitgegeben hat. Überall rossige Stuten, das hätte Ärger geben können ...

Reis, der ein kleines Stück vor Erdmann geritten war, hielt plötzlich an.

»Schau«, sagte er.

Vor ihnen im Abendlicht trieb ein Schimmelhengst eine Stute. Sie schlug noch nach ihm aus, aber er folgte ihr beharrlich weiter.

»So eine möchte ich«, sagte Reis, »schau sie dir an. Sie lebt fast wild, aber ihr Fell schimmert wie Seide.«

»Sie könnte dich nicht tragen. Wenigstens nicht lange.« Erdmann konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen. Zu seiner Überraschung schüttelte Reis den Kopf. »Man muss nicht alles reiten wollen. Mir wäre es genug, sie zu zähmen. Dass sie kommt und Brot aus meiner Hand nimmt. Oder vielleicht einen Apfel.«

Der Prinz lachte plötzlich.

»Lass uns Hengst und Stute umgehen«, sagte er, »ich mag nicht zusehen, wenn er sie besteigt. Ich weiss, sie sind Tiere und folgen nur ihrem Trieb. Trotzdem. Möchtest du, dass dich jemand dabei beobachtet?«

»Sicher nicht.«

»Na also!«

Es klang aufgeräumt,  aber Erdmann liess sich nicht davon täuschen. Die jungen Frauen und Mädchen in der Königsburg machten Reis schöne Augen, seit Jahren, und nicht nur, weil er der Bastard des Reichserben war. Was das Aussehen anging, musste neben Reis jeder andere einen Schritt zurücktreten,  in die zweite Reihe, das sagten alle. Trotzdem war da nichts gewesen, nie. Erdmann wusste das genau, weil er seinen Stössel in dem einen oder anderen Köcher gerieben hatte, der eigentlich Reis zugedacht gewesen war.

Sein Amt als bevorzugter Gefolgsmann brachte es mit sich, dass er dem Prinzen selbst zu eindeutigen Einladungen begleiten musste. Reis überliess ihm dann gerne seinen Platz, im Schutz der Dunkelheit, und weil der Prinz gemerkt hatte, wie sehr dieses Spiel ihm, Erdmann, gefiel. Daraus hatte sich allmählich die Merkwürdigkeit ergeben, dass manche junge Dame von Stand gleich den Vetter nahm, als Ersatz für den, der sich doch nicht fassen liess. Vielleicht sogar in der Hoffnung, dass Erdmann ihre Vorzüge Reis schilderte. Und manchmal tat er das wirklich.

Nur hatte es nie die von den Hoffräuleins erhoffte Wirkung. Der Prinz traute keiner Frau, schlief lieber allein, und einzig Erdmann kannte den Preis. Was es Reis kostete und dass er sich aus Berechnung zurückhielt, beziehungsweise aufs sichere Pferd setzte. Frau Flamme liess Reis nachzuspionieren, sie mochte wohl nicht auch noch Bastard-Urenkel versorgen. Ob sie wohl ahnte, wen Reis manchmal ritt?

»Vielleicht bin ich nur wählerisch, Bruderherz«, sagte Reis plötzlich. Seine Augen glitzerten.

Sie waren mittlerweile dem Zeltlager bis auf einen sicheren Pfeilschuss nah gekommen. Erdmann roch den Rauch der Feuer und den Hammel, der über mindestens einem davon brutzelte. Es war fast dunkel und er hatte Hunger. Er sehnte sich nach einen ganzen Tag im Sattel danach, sich einfach nur auszustrecken. Aber er wusste aus Erfahrung, dass Reis nicht einmal diese natürlichste aller Regungen einzugestehen leicht fiel. Das Glitzern in den Augen des Prinzen bedeutete eine Warnung. Irgend etwas, vielleicht sogar das Liebesspiel zwischen Hengst und Stute, schien Reis die Laune verdorben zu haben.

Erdmann entschloss sich, nicht darauf einzugehen. Sie waren Milchbrüder. Sie hatten schon als Kinder immer unter einer Decke gesteckt, später bei denselben Waffenmeistern und Hauslehrern über ihren Aufgaben geschwitzt und auch noch in der Zeit viel zusammen unternommen, da Frau Flamme widerwillig eingesehen hatte, dass Reis als dem Sohn ihres Sohnes zumindest eine gewisse Stellung an ihrem Hof zustand. Erdmann rechnete das Reis hoch an, dass er sich seiner bäuerlichen Verwandtschaft bis heute nicht schämte und ihm die Freundschaft hielt, obwohl der Prinz nicht mehr in der Unterstadt lebte. Aber aussprechen durfte Erdmann das nie. Reis hasste nichts mehr, als jede Art von Liebedienerei, oder was er dafür hielt. Erdmann wiederum brauchte keine kalte Dusche.

»Lass mich uns ankündigen«, sagte er deshalb einfach. Der Prinz nickte. Sie wussten mittlerweile, welch ungewöhnlicher Anblick ein Ritter in voller Rüstung im Hochland war. Manche der Männer mochten mir Reis nicht einmal reden. Erdmann in Jagdkleidung und Federhut wirkte ihnen schon eher vertraut.

»Ich hoffe, sie palavern nicht wieder endlos«, sagte Reis, »es wird Zeit, dass ich aus diesem verfluchten Panzer herauskomme. Sieh zu, ob du irgendwo einen Zuber für mich auftreiben kannst.«

Das klang sogar für Reis an einen schlechten Tag launisch und als Erdmann dem Blick des Prinzen folgte, erkannte er auch den Grund.

Aus der Gasse der Zelte ritt auf einem schneeweissen Pferd eine junge Dame.

Sie hielt eine Flöte in der Hand und obwohl sie auf den zweiten Blick die Kleidung eines Hirtenmädchens trug und vermutlich noch nie einen Mann von Reis' Grösse gesehen hatte, erst recht keine Rüstung, wirkte sie nicht im mindesten von ihm beeindruckt. Sie schenkte Erdmanns Pferd im Vorüberreiten den Ansatz eines leisen Stirnrunzeln, übersah den Prinzen völlig und zog an ihnen beiden vorbei.

Nach ihr kam der Wind.

Eine linde Abendbrise, unerwartet und erfrischend, gefolgt von einer kleinen Staubwolke, als die Hirtin ihrem Pferd die Fersen in die Seiten trieb. Für einen Atemzug versanken die Geräusche des Lagers und das geschäftige Treiben an den Feuern zu Nichts. Erdmann kam es vor, als sei es vollkommen still. Dann klapperten die Hufe des Pferdes über Steine. Und schon war sie auf ihrem Schimmel in der Nacht verschwunden.

Reis seufzte.

»Lass uns für eine Weile hierbleiben«, sagte er.

* * *

Fortsetzung