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Das Pferdemädchen |
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Nach der Königin Blonde
gelangte König Brand zur Regierung
Aber das Unglück wollte
es, dass Lohe mit den Drachenschwingen,
Danach herrschte Frau Flamme
in seinem Auftrag zwanzig Jahre
So kam es, dass beider Sohn
Reis als Bastard aufwuchs und
Dieses Stachels ledig, suchte
Reis fröhlich die weite Welt und das Abenteuer.
Fern in der Anderswelt und
doch von Reis
Deshalb schickte die Herrin
Seide
Mit der zeugte der Gott eine
Tochter.
* * *
Der Clan der Weissen Pferde Joshee schlug die Schamanen-Trommel schon so lange, dass er es aufgegeben hatte, die Winter zu zählen. Er las den Hirten das Wetter aus den Wolken, er beobachtete den Zug der Vögel, die jeden Herbst vor den Drei Männern und ihrem Schnee hoch über die Berge nach Süden flohen; und er opferte bei Bedarf den Göttern, die jedoch selten mehr forderten, als ein Schaf, dessen bessere Teile hinterher in den Kochtopf von Joshees Frau wanderten, nachdem der Schamane aus den Eingeweiden die Zukunft gedeutet hatte. Es waren kleine Sorgen, die den Clan bekümmerten: ob sich ein verirrtes Stück Vieh wieder einfand, zum Beispiel, oder ob es der Steppenwolf bekam, was meist lediglich eine Frage der Zeit war. Oder, wenn sich jemand nicht gleich von Krankheit erholte, baten die Angehörigen gewöhnlich Joshee, die bösen Geister aus dem Betroffenen zu vertreiben. Und dies gelang ihm. Oder auch nicht. Im Sommer weide die Herden und im Winter meide den Schnee. Alles lag in der Hand der Götter. Märchen wie jenes, dass sich die Unsterblichen einst selbst die Mühe gemacht hätten, jedem Hirten, dessen Herde in alle Winde zerstreut lief, zu erscheinen und ihm Prinzessinnen zur Frau zu versprechen und goldene Berge, glaubte heutzutage niemand mehr. Und was hätte ein Hirte auch mit einer Hochwohlgeborenen anfangen sollen, die vermutlich weder melken noch käsen konnte. Da blieb man in den Zelten doch besser unter sich. Für den Alltag fand Joshee schon Rat. Oder er wusste zumindest hinterher genau, was vorher besser hätte anders laufen sollen. Und so lange er noch genügend Kraft besass, das gespannte Fell des neugeborenen Fohlen mit dem Schlegel aus Knochen und Frauenhaar in Schwingung zu bringen, musste sich sogar der Häuptling dem Spruch des Schamanen beugen. Dieses Mal jedoch ... Joshee überlegte schon den ganzen Morgen. Aber er konnte nachdenken, wie er wollte, er fand keine Lösung. Der Schamane schlug die Trommel, beobachtete dabei unauffällig die Gesichter der Männer jenseits des Feuers, die in Joshees Zelt auf der guten, der Besucherseite, wo sie der kalte Wind nicht traf, im Halbkreis hinter dem Häuptling sassen. Sie fingen schon an, unruhig auf ihren Polstern hin und her zu rutschen. Und Samalee, Häuptling des Clans der Weissen Pferde, blickte so wütend, wie ein angeschossener Bär. Nun gut. Jeder Schamane, der sein Handwerk verstand, wusste, dass er irgendwann mit dem Trommeln aufzuhören hatte, sonst liefen ihm die Zuhörer davon. Joshee legte entschlossen den Schlegel hin. »Ein geschlachtetes Schaf oder sogar ein Pferd wird diesem Frevel nicht abhelfen«, sagte er bestimmt. Zustimmendes Gemurmel antwortete von jenseits des Feuers. Das wussten die Männer selbst. Ein Festessen für den Clan, gut und schön. Eingeweide nützten, falls wirklich Zweifel darüber aufkam, wann die Zelte abzubrechen waren. Manchmal gingen die Meinungen der Hirten auseinander, ob die Pferde auf neuen Weiden mehr Futter finden würden, oder ob die augenblicklichen noch zureichten und wie lange wohl das Wetter hielt. Gewöhnlich fragten sie dann Joshee und er erzählte ihnen, was er immer in Schafsdärmen sah: Windungen, dünne Strecken und dicke, und eine Menge unverdautes Zeug. Und spätestens, wenn der Inhalt zum Himmel stank, wurden sich die Hirten einig. Dafür brauchte es im Sommer höchstens zwei Tage und nicht viel Zauberei. Aber das hier? Joshee sah sich in der unangenehmen Pflicht, dem Häuptling in aller Öffentlichkeit die Meinung zu geigen. Es machte keinen Sinn, um den heissen Brei herum zu reden. Wusste doch jeder hier in der Versammlung, wer die Hauptschuld an der unseligen Sache trug. Ausserdem konnte der jähzornige Alte Joshee in seinem eigenem Zelt nicht an die Gurgel fahren. Nicht, wenn Joshees Frau mit allen anderen Frauen und dem Neugeborenen hinter dem Schamanen auf seiner, der schlechten, der Gastgeber-Seite des Feuer sass. Der Wollteppich schlug hinter Joshees Rücken vor dem Eingang im Wind. Das Feuer wärmte, aber in seinem Rücken fühlte der Schamane Zug. Durch die Rauchluke in den Filzmatten des Zeltdachs heulte die Luft. Die Götter hatten dem kleinen Mädchen einen stürmischen Eintritt in die Welt der Hirten verschafft. Jam-Nalas Kind war gestern um Mitternacht geboren worden, während der Pfeifer die Regenfrauen und ihre Wolken mit all seinen Windhunden über den Himmel gehetzt und das Lager tief unter sich dabei gründlich eingeweicht hatte. Deshalb hatte Joshee auch zuerst angenommen, das Unglück sei im Sturm geschehen. Aber nein, leider, die Tochter des Häuptlings hatte sich erst im Morgengrauen aus dem Zelt ihrer Mutter geschlichen. Jam-Nala hatte gewartet, bis Samalees Frau eingenickt war, das Neugeborene genommen und bis zum Fluss getragen. Dort hatte sie dann wohl der Mut verlassen. Vielleicht war sie sogar ausgeglitten, wer wollte das so genau sagen? »Samalee, warum ist deine Tochter ins Wasser gegangen?« fragte Joshee sanft. Die Stammesältesten rechts uns links neben dem Häuptling rückten unwillkürlich ein wenig von Samalee ab. Er war jünger als Joshee, mindestens zehn Winter, aber für die Dauer eines Lidschlags dachte der Schamane, den Häuptling treffe der Schlag. Samalees Hals lief puterrot an. Einige von den Jüngeren saugten zischend Luft durch die Zähne und selbst die erfahrenen Männer warteten wie gebannt. Dann sagte der Häuptling mühsam beherrscht: »Ich habe keine Tochter.« Stille senkte sich über Joshees Gäste. Im Feuer zerbarst krachend ein Scheit. Das neugeborene Mädchen tat einen winzigen Seufzer. Joshee seufzte unhörbar mit. Sicher, der Frevel war unerhört. Ein erwachsener Mann, der sich zum Beispiel dabei erwischen liess, in den heiligen Fluss zu pinkeln, wurde unbarmherzig bei Seite geführt, gefesselt und an Ort und Stelle liegen gelassen, während der Clan sofort weiterzog. Manchmal schlugen ihn die Hirten auch gleich tot. Und keine der Frauen hätte es gewagt, verunreinigtes Wasser zurück in das klare, lebendige zu kippen, das von den Gipfeln der Berge kam. Wasser diente zum Waschen, zum Trinken, zum Kochen. Man konnte Lenz-Zauber damit wirken. Aber man stürzte sich um Himmels Willen nicht hinein. Im Sommer weide die Herden und im Winter meide den Schnee. Es war an Joshee, die Zeichen zu deuten und vielleicht war er vom vielen Hammelfleisch träge geworden. Aber, was hatte der alte Starrkopf, Samalee, im letzten Sommer beim Treffen der Clans auch seine einzige Tochter dem Gross-Chan zur Frau versprechen müssen, der ohnehin schon viel zu viele Weiber besass und das, ohne Jam-Nala überhaupt zu fragen. Im Grund, und Joshee wusste, dass er mit dieser Einschätzung nicht allein stand, trugen ganz allein Samalees hochfliegende Pläne die Schuld an der Verzweiflungstat seiner Tochter. Schwiegervater des Gross-Chans, einer von vielen, ihr Liebesgötter, welche Ehre! Es stand jeder jungen Frau frei, sich selbst einen Mann zu wählen, und wenn sich der Nachwuchs schon einstellte, bevor die beteiligten Familien über den Brautpreis einig geworden waren, umso besser für das Paar. Schlimm nur, dass der betreffende junge Mann, in den sich in die Häuptlingstochter verguckt hatte, so gar nichts besass. Samalee wäre bereit gewesen, ihm Jam-Nalas Kind zu geben, musste er ja wohl, Kinder gehörten ihren Vätern, selbst wenn sie nur eine Flöte ihr eigen nannten. Jam-Nala bekam der Junge jedoch um keinen Preis und so war der Pfeifer schliesslich ohne seine Liebste weiter gezogen. Ach, warum hatte sich die Unglückliche nicht von einem Berg gestürzt! Der Fluss forderte Sühne für den Frevel und Jam-Nalas Seele forderte sie auch. Der Stamm, oder wenigstens die Männer, und Joshee kehrte es den Magen um, wenn er daran dachte, befanden sich in gefährlicher Stimmung. Sie waren aber auch unsicher und deshalb geschah eine kleine, für den alten Schamanen wie ewig anhaltende Weile nichts. Dann drehte der Wind, beulte den Vorhang aus schweren Teppichen nach innen. Im Zelt roch es nach Rauch. Hinter Joshee stand die Frau des Häuptlings auf. Jee-Samalee atmete schwer. »Du sagst, du hast keine Tochter«, sprach die Frau des Häuptlings, »ich hatte nie einen Mann.« Die Hirten stöhnten auf. Joshee, erleichtert und entsetzt zugleich, stöhnte mit. Samalee hatte das kleine Mädchen, sein Enkelkind, dadurch, dass er Jam-Nala zur Nicht-Tochter erklärt hatte, zum niemand, Nicht-Wesen, gemacht. Was es nicht gab, konnte man auch nicht nähren, das lag auf der Hand. Wäre die Frau des Häuptling ihm und seinem Verspruch gefolgt, sie hätten das Kleine lebendig mit seiner toten Mutter begraben müssen. Aber der Häuptling hatte sein Amt durch Heirat erworben und ganz offensichtlich mit den Jahren vergessen, dass er nicht machen konnte, was er wollte. Jee-Samalees Wort galt im Rat mindestens so viel, wie das des Häuptlings und ihr Gegenspruch hob sein Urteil über seine Tochter wieder auf. Nein, es war sogar viel besser: wenn sie erklärte, dass er nie ihr Mann gewesen war, konnte er in Folge dessen auch nicht Jam-Nalas Vater sein und damit die Tochter Jee-Samalees nicht zur Nicht-Tochter machen, während umgekehrt Jee-Samalee den Häuptling, der das im Nachhinein betrachtet nie gewesen war, sehr wohl als Un-Menschen aus dem Lager schicken konnte, Clan-frei. Samalee musste gehen. Noch vor Sonnenuntergang, und bis dahin durften ihn sogar die Kinder anspucken. Natürlich konnten Frau oder Tochter einem Mann in die Verbannung folgen. Aber Jam-Nala war tot und Jee-Samalee, nein, die, die jetzt Jeeho-Nalaman hiess, immer geheissen hatte, würde das wohl kaum tun. Joshee nickte bedächtig, gab damit sein Einverständnis kund. Rache für den Frevel, ein Bannfluch für den Urheber, so war es Recht. Der Clan der Weissen Pferde überliess den Übeltäter der Gnade des offenen Himmels. Die Götter, die das Wasser die Berge hinab schickten, es zum Fluss sammelten und damit die Lebensgrundlage für alle Clans schufen, sollten damit zufrieden sein. Immerhin hatten sie das Schicksal gefügt. Denn, wenn sie es nicht genau so gewollt hätten, wäre das Unglück nie geschehen. Jam-Nala hätte nie den Flötenspieler getroffen, nicht unter ihn gelegen und ihm keine Tochter geboren. Samalee, der inzwischen auch auf seinen Füssen stand, nickte ebenfalls. »Ich habe dich verstanden, Weib«, sagte der Mann, den sie alle während zwanzig Wintern fälschlich für ihren Häuptling gehalten hatten, »aber du vergiss nicht, dass jeder Verbannte einen letzten Wunsch tun darf. Meiner ist, dass Joshee diese Kleine zum Pferdemädchen für den Stamm bestimmt.« »So sei es«, sagte die Frau gelassen, die eine lange Zeit mit ihm gelebt hatte und ihn nun ohne Träne wegschickte. Die Götter waren den Herden des Clans der Weissen Pferde seit drei Menschenaltern immer gewogen gewesen. Kaum ein Schaf, das verlammte, keine Stute, die ihr Fohlen verlor; und die Töchter gingen mit reichem Brautschatz aus dem Zelt. Joshee konnte sich gar nicht erinnern, wann das je anders gewesen war. Und wahrscheinlich dachte Jeeho-Namalan das auch. Joshees Frau dagegen sah ihn vorwurfsvoll an. Sie hielt das kleine Mädchen fest gegen ihren Busen gedrückt, doch der Schamane zuckte nur mit den Schultern. Jetzt, mit Jeeho-Namalans Zustimmung, konnte er nichts mehr dagegen einwenden. Er hatte wirklich geglaubt, die Zeit dieser Sitte sei vorbei. Im Sommer weide die Herden und im Winter meide den Schnee. Damit sich der Wind nicht drehte und Unglück über die Herden eines Clans kam, wählte der Schamane ein Kind aus, meist ein besonders hübsches kleines Mädchen. Er erzog sie sorgfältig und lehrte sie alle Lieder, und die Männer bauten auf dem der Gipfel der Götter hoch im ewigen Schnee für sie ein Haus. Sie war die Mittlerin, das Heilige Pfand. So war es Brauch, nach ihm hatte sie selbst vor ihrer Heimat mit Samalee gelebt und deshalb fand es Jeeho-Namalan für die Tochter ihrer Tochter recht. Sie nahm das kleine Mädchen aus den Armen von Joshees Frau und reichte es dem Schamanen hin. »Dies ist Nala und Nala ist für dich«, sagte sie förmlich. »Jehoo-Nala! Ehre dir, Pferdemädchen, Glück der Herden«, sagte Joshee und dann musste er sich räuspern. Wenn die Trommel des Schamanen allein nicht mehr ausreichte und die Sorge um die Gesundheit der Herden, den Wohlstand des Clans, es gebot - dann, und nur dann, nach sorgfältiger Prüfung aller Zeichen, führte der Schamane das Pferdemädchen in feierlichem Zug, von allen Hirten begleitet, auf den Berg, vor ihr kleines Haus. Dort in Eis und Schnee sang und tanzte das Pferdemädchen zu seiner Trommel. Bis zur Erschöpfung, bis sie niederfiel. Wo sie lag, zog sie der Schamane aus. Dann opferte er sie nackt den Göttern. Für das Glück der Herden. Im Sommer weide die Herden und im Winter meide den Schnee. Das kleine Mädchen im Arm des Schamanen schlief. Joshee betrachtete die langen Wimpern und den Knospenmund. Unruhiger Feuerschein tanzte auf dem Gesichtchen. Diese Kleine, geboren in einer Sturmnacht, war also sein Pferdemädchen. Das erste und letzte, das unter seiner Verantwortung die alten Lieder lernen würde. Er hatte immer gehofft, es
bleibe ihm erspart.
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