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| Zwanzig Minuten bis Sonnenuntergang und der Winddruck
nahm mit jeder Minute zu. Der Sturm war nicht einmal mehr fünfzig
Kilometer entfernt. Staub wirbelte an der Sandkatze vorbei. Reno entschied
sich. Wenn er seinen Gewinn noch sehen wollte, musste er sich beeilen.
Noch war der Himmel über Canyon Constrictor rosa. Aber hinter der
nächsten Biegung wartete Finsternis. Der Spieler gab den Triebwerken
Schub.
Keine schöne Welt. Ewige Gezeitenstürme zwischen Tag und Nacht. Temperaturen wie auf dem Mars. Die Canyons und Wüsten der Oberfäche bei Sonnenschein mit Atemschutz gerade noch erträglich. Nachts kalt wie der Weltraum. Drinnen, unterhalb der uralten Gebirge, Höhlensysteme von fantastischen, geradezu fraktalen Ausmassen. Ein Mann konnte aus seinem Wohncontainer treten, in den falschen Gang biegen und auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Sie hatten ihm gestern Abend in der warmen Sicherheit der Bar davon erzählt. Und ihm geraten, die Sache lieber zu vergessen. Anschliessend hatten sie in aller Freundschaft versucht, ihn abzufüllen. Und sehr gelacht. Über ihn, wie seinen Gewinn. Reno war höflich geblieben. Möchtegern-Piraten waren sie alle. Glücksritter in teuren Anzügen, langbeinige Huren an ihrer Seite. Keiner der Cocktails in ihren Gläsern synthetisch, das Knabberzeug grundsätzlich mit Blattgold. Die Männer dieser Welt im Ganz weit Draussen zeigten sich gerne gegenseitig, dass sie es sich leisten konnten. Denn wem auch sonst. Renos Erscheinen war dankbar begrüsst worden. Endlich neues Publikum, auch wenn der Neue wenig von sich erzählte, noch weniger trank und sie abgezockt hatte. Reno war im Grossen und Ganzen mit sich zufrieden. Der Abend war durchaus erfolgreich verlaufen. Dabei störte auch nicht, dass sie über ihn gelacht hatten. Sie konnten lachen, solange sie wollten. Solange Reno bekam, was er wollte. Er schaltete die Scheinwerfer der Sandkatze ein. Zwecklos, das Licht malte nur zwei helle Scheiben auf das wirbelnde, heulende Chaos voraus. Der Sand pfiff, scheuerte an die Panzerung. Farbe hatte die Aussenhülle schon lange nicht mehr. Aber dass die Fenster neu waren - gewesen waren, als er aufgebrochen war, glaubte Reno inzwischen. Der Techniker der Wartungsbereitschaft hatte nicht übertrieben. Fenster von Sandkatzen mussten nach Ausflügen in die Wüste routinemässig ausgetauscht werden. Der Sturm war drauf und dran, die Scheiben matt zu schleifen - nach weniger als einer halben Stunde Fahrzeit. Reno war froh, dass er auf den Mann gehört und sich das Kollisionswarnsystem geleistet hatte, das im Standardangebot natürlich nicht inbegriffen gewesen war. Der Autopilot führte die Sandkatze sicher durch das Labyrinth des Canyons. Vorbei an Felsen, die der Spieler ohne diese Hilfsfunktion gar nicht, oder erst viel zu spät gesehen hätte. Ihm war schleierhaft, wie es der Alte geschafft hatte. Nicht nur diesen Ort zu finden, sondern auch wieder zurück. Auch darüber waren gestern an der Bar reichlich Witze gemacht worden. Über den Alten, über Reno. Weil er sich überhaupt darauf eingelassen hatte. Poker mit einem Alten, der als letzten Einsatz nichts als einen zweifelhaften Mineralbrocken vorzuweisen gehabt hatte. Die Wetten, wer dabei wen übers Ohr haute, waren höher geschnellt, als die Einsätze am Tisch. Die Sandkatze blieb abrupt stehen. Laut Karte hatte Reno sein Ziel erreicht. Zu sehen war trotz der Scheinwerfer nichts. Aber er hörte es. Der Alte hatte ihn auf die tönende Landmarke im Gezeitensturm hingewiesen, als wäre sie ein achtes Weltwunder. Der Sänger in der Wüste. Spannungen im Gestein, hatte der Alte gesagt, nichts weiter. Der Gezeitensturm pfeift. Auch wenn man wusste, dass das Geräsch natürliche Ursachen hatte, verursachte es Reno Zahnschmerzen. Er grub in seiner Brusttasche nach, drehte und wendete das Objekt des Alten vorsichtig zwischen seinen Fingern. Es war so gross wie ein Ei, aber alles andere als rund. Mindestens zwei Kanten waren rasiermesserscharf. Die Männer an der Bar hatten brüllend gelacht, als Reno seinen Gewinn kommentarlos eingesteckt hatte. Der Alte hingegen hatte nur gegrinst und Reno einen Cocktail spendiert. Natürlich mit vergoldeten Chips und der Drink rosa. Rosa, wie der Himmel über Canyon Constrictor. Seitdem war Reno nicht mehr so sicher. Gut möglich, dass ihn der Alte doch geleimt hatte. Geblufft hatte, genau wie Reno selbst. Wer nach einem Verlust dieser Grössenordnung dem Gewinner noch Drinks spendierte, war entweder besonders gut drauf - oder ein Schlitzohr. Reno hatte gestern Nacht keineswegs das beste Blatt gehabt. Vielleicht nur deswegen gewonnen, weil der Alte zu deutlich hinter dem Pott her gewesen war, der sich auf dem Tisch angesammelt hat. Das Glück war eine launische Lady. Wer es überstrapazierte, den liess es im Stich. Reno konnte ein Lied davon singen. Die Lady zeigte ihm schon seit Monaten die kalte Schulter. Er starrte wütend in die heulende Finsternis vor den Scheiben der Sandkatze. Seine zweifelhaften neuen Freunde von gestern hatten vielleicht doch recht. Es lohnte sich wohl nicht. Er hätte sich nicht darauf einlassen sollen. Der Sturm saugte die Luft aus Canyon Constrictor, steigerte die Frequenz des Sängers zum schrillen Heulen. Reno rutschte auf seinem Sitz herum. Er hasste es, festzusitzen. Und dann schnitt er sich auch noch am Diamanten des Alten den Finger blutig. Die Männer an der Bar hatten dem Alten gestern natürlich nicht geglaubt. Das Belegexemplar sah auch wirklich schäbig aus. Ein dunkler Klumpen, kaum Glanz. Selbst wenn es mehr davon gab, was sollten sie mit dem Plunder? Du meine Güte! Die ganze Bar, ein Dutzend Männer und Frauen, hatte den Kopf geschüttelt. Reno, verkrachter Manager vierer in den Sand gesetzter Projekte innerhalb von fünf Jahren, wusste es besser. Oder glaubte es zumindest. Wollte an die Chance glauben. Zu guter Letzt, endlich. Nach Monaten, in denen selten er den Kaviar und den Sekt hätte zahlen können. Dort, wo der Alte den Diamanten gefunden hatte, gab es mehr. Aber selbst wenn nicht. Reno kannte einen Schleifer, Spezialist auf seinem Gebiet, der Steine zweifelhafter Herkunft für wenig Geld in neue Stücke umarbeitete und notfalls auch verkaufte. Es konnte kein Problem sein, ein Fenster in den Diamanten des Alten schleifen zu lassen. Zu sehen, ob er Feuer hatte. Und dann - diese Welt war fast völliges Neuland. Reno hatte sich die Bar gestern gründlich betrachtet. Der Barkeeper verstand seinen Job. Aber vom Rest, dem Nebengeschäft hinter der Bühne, Sex und Drogen, hatte er keine Ahnung. Dabei brauchte es nur etwas Startkapital um eine Goldgrube daraus zu machen. Reno war sicher, daá er auch auf dieser gottverlassenen Welt innerhalb weniger Wochen wieder das nötige Netzwerk aufziehen konnte. Der Barkeeper wäre nicht der erste, der als Strohmann für ihn arbeitete. Das war ja gerade der Trick. Reno hatte gut dotierte Posten gehabt, sogar krisensichere. Aber das wirkliche Geld war damit nie zu machen gewesen. Für den Spass am Leben brauchte es mehr. Der Spieler befürchtete nur, dass ihn seine speziellen Freunde auch hier wieder nicht in Ruhe lassen würden. Reno griff nach dem AV-Modul, zappte sich durch alle Kanäle. Er bekam nur Sprechverkehr herein, das übliche Gewäsch. Männer, die irgendwo über ihren Job schimpften. Diese Welt war ein Aussenposten. Es gab auf ihr keine Mediengesellschaft, noch nicht einmal Nachrichten. Gut so! Reno war nicht scharf darauf, dass Hinz und Kunz sofort seine Lebensgeschichte erfuhren. Warum er sich gerade ein ödes Stück Wüste im Ganz Weit Draussen für einen Zwischenstopp ausgesucht hatte. Aber wahrscheinlich hätte es die Männer an der Bar ohnehin nicht gekümmert. Höchstens, dass sie sich königlich über Renos Probleme mit der Zivilfahndung amüsiert hätten. Reno fragte sich wirklich, womit er die Federales verdient hatte. Warum sie ihn nicht einfach in Ruhe liessen. Oder wenigstens warteten. Die Zivilfahnder hatten ihren Preis. Eine halbe Million Cash und er war sie los. Aber sie hatten ihm schon zweimal den endgültigen Coup vermasselt, waren zu früh aufgetaucht. Aasgeier mit miserablen Timing, das waren sie! Reno versetzte der Bordbar einen Tritt. Sie öffnete sich scheppernd, übertönte damit für einen Augenblick sogar das Brausen des Orkans. Und dann, ebenso plötzlich, wie der Sturm losgebrochen war, wurde es sehr still. Die Männer an der Bar hatten ihn auch davor gewarnt. Aber Reno war kein Anfänger. Die Projekte, an denen er gearbeitet hatte, hatten nie an angenehmen Orten stattgefunden. Die Bergwerke auf Pallas Fünf - keine Atmosphäre, fast keine Schwerkraft. Die Minen von Mizar - zur Abwechslung unter Chlorgas. Zuletzt Belindas Welt mit ihrer zweieinhalbfachen Erdgravitation. Jede dieser Welten eine kleine Vorhölle, die Jobs dort lausig bezahlt. Alle, die daran arbeiteten, Techniker wie Ingenieure, Verrückte. Mit Macken, die jeden Anderen zur Verzweiflung getrieben hätten. Reno hatten sie zum Snob gemacht. Er konnte überall leben. Aber er hatte es satt, sich mit Kleinkram herumzuplagen. Er wollte endlich den passenden Rahmen, teure Anzüge, Luxus, Mädchen - und wenn es zwischen Stürmen und singenden Felsen war. Diese entlegene Welt im Ganz Weit Draussen war noch unterentwickelt, das Potential kaum angedacht. Aber vorhanden. Der Diamant war nur der Anfang. Reno würde dieses verschlafene Piratennest wachrütteln. Die unterirdische Stadt bot so viele Möglichkeiten. Ein Spielcasino musste her, ein Hotel und ein Golfplatz. Unterirdisch, versteht sich. Die Achtzehnloch-Grotten, warum nicht? Und vielleicht eine Badewelt. Wasser, viel Wasser, war auf einem Wüstenplaneten immer eine Attraktion. Das Ganze musste natürlich geschickt vermarktet werden. Der Spieler schloss energisch seinen Schutzanzug, stieg aus der Sandkatze. Jetzt nach dem Sturm war der Luftdruck ein Witz. Gefrierende Atmosphärenreste lagen wie zäher Reif auf den Steinen, klebten an Renos Stiefeln. Der Himmel über Canyon Constrictor schimmerte. Aber Reno gönnte dem Herzen der Milchstrasse keinen Blick. Er betrachtete den dunklen Felsen vor ihm. Der Alte war so zuvorkommend gewesen, die Wegbeschreibung in den Routencomputer der Sandkatze zu scannen. Aber Reno verliess sich nie auf fremde Daten. Er mass seinen Standort sorgfältig ein, verglich die Aufzeichnungen des Alten mit dem automatischen Logbuch. Das Eingangstor der Höhle glich einem sehr grossen Schlüsselloch. Reno kniff misstrauisch die Augen zusammen. Interessant, dass es zu dieser Formation hatte kommen können. Windschliff auf einer Welt mit Marscharakter. Der Spieler klinkte die Sicherungsleine an seinem Gürtel in den Karabiner neben dem Austiegsschott der Sandkatze. Dann ging er gemächlich los. Sie hatten ihm gestern Abend erzählt, was mit Leuten geschah, die auf der Aussenseite verloren gingen. Niemand würde nach ihm suchen. Reno hatte keine Lust, die Nacht als Mumie zu beenden, schockgefrostet bei Minus hundertachtzig Grad. Auch wenn es nicht für ewig war. Die ewigen Gezeitenstürme schliffen innerhalb weniger Tage sogar Knochen und Zähne zu Staub. Dann hatte Reno sein Ziel erreicht. Die Angaben des Alten waren exakt. Nur über die Ausmasse der Eingangshalle der Höhle hatte der alte Gauner nichts gesagt. Der Handscheinwerfer reichte nicht aus, um das Dach der gigantischen Kaverne auszuleuchten, die sich irgendwo über Reno in Finsternis verlor. Der Spieler drehte sich, versuchte einen Eindruck zu gewinnen. Und erschrak furchtbar, als ihm auf die Schulter geklopft wurde. Reno fuhr herum. Nicht und niemand zu sehen. Der helle Schlitz Himmel war leer. Aber der Boden zitterte. Der Spieler überlegte nicht. Reno machte auf dem Absatz kehrt. Er rannte ins Freie. Hinter ihm prasselte der Steinschlag los. Einzelne Bruchstücke hüpften ihm bis zur Sandkatze nach, knallten noch an die Panzerung, als Reno längst sicher an Bord saß. Natürlich, das hätte er sich denken können! Der alte Gauner hatte zwar behauptet, seine Mine läge ausserhalb der Stadt. Doch die unterirdische Siedlung wuchs völlig unkontrolliert. Wahrscheinlich hatte Jemand in relativer Nähe gesprengt. Aber Reno war ohnehin längst alles klar. Der Alte würde seine Mine zurückbekommen. Was immer seine früheren Arbeitgeber über Renos privates Verhalten gedacht haben mochten, an seiner Qualifikation als Bergwerksingenieur hatten sie nie gezweifelt. Er wusste bis auf fünf Stellen hinter dem Komma, was die Ausbeutung einer Mine kosten durfte. Und er dachte gar nicht daran, sich auf eigene Rechnung auf die Mine des Alten einzulassen. Sie war ein so zweifelhaftes Projekt, dass er irre hätte sein müssen. Oder inkompetent genug, das Risiko nicht zu sehen. Doch zum Glück kannte er Männer, die beides waren. Die Bar war schon geöffnet, als Reno vom Hangar der Sandkatzen zurückkam, vielleicht schloss sie auch nie. Der Spieler warf im Vorbeigehen einen Blick hinein. Er hatte keine Lust auf einen Drink, wollte eigentlich ein paar Stunden schlafen. Dann sah er sie. Ihr Timing hätte nicht besser sein können. Die Federales sassen am Tresen, unterhielten sich mit dem Alten. Der Spieler trat an die Bar, wie magisch angezogen. Der Alte spielte lässig mit einem riesigen, perfekt geschliffenen Brillanten, der mit jeder Bewegung Licht feuerte. Hallo Junge, sagte der Alte. Jetzt sahen auch die Federales auf. LaReyna machte wie immer den Sprecher für seinen schweigsamen Partner. Hallo Reno, sagte er, wir hören gerade, dass du seit gestern glücklicher Besitzer einer Diamantenmine bist. Was hältst du davon, endlich deine Schulden zu bezahlen? Reno schluckte. Bescheiden seid ihr ja gerade nicht, sagte er dann. Der Alte grinste. |
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