Plejades


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Traumpfade


Escalar de Emergenza

Das Sirren des Stahlseils zerriß die Stille der Salina de Lobos, aber es gab Mara auch eine Chance. Sie hechtete aus ihrer Deckung zwischen den Steinen hoch, flankte über einen etwa brusthohen Brocken vor ihr und kauerte sich auf der anderen Seite sofort wieder zusammen.  Irgendwo zwischen den Felsen stand der Jäger, ließ die Lassoschlinge wie zum Vergnügen über seinem Kopf kreisen und vorhin war er womöglich genau hinter Mara gewesen. Oder er bewegte sich zumindest jetzt direkt auf ihr altes Versteck zu, wofür auch sprach, daß sie ihn noch immer nicht sah.

Mara blieb geduckt, musterte ihre neue Umgebung. Die eigentliche Salina lag etwas tiefer in der Senke, einer vom ständigen Wind blank geputzten Fläche zwischen den Bergen, aus der Entfernung blendend weiß wie frisch gefallener Schnee mit einem roten See-Auge in ihrer Mitte. Das Wasser verdunstete jeden Sommer trotz der Kälte fast völlig und die Salzkonzentration und bestimmte Algen färbten die Lake rot. Der Rest war weißes Salz, herbeigetragen vom Wind. Es überzog hier alles, die Felsen. den Sand, Maras Kleidung, ihre Haut. Deswegen verriet der Stein, hinter dem sie sich verbarg, eigentlich sehr deutlich, wo sie steckte. Wenn der Jäger die Spuren zu lesen verstand, zeigten ihm die grauen Flecken zerbrochener Kruste, abgeplatzt vielleicht unter Maras Stiefeln beim Sprung, zumindest die richtige Richtung. Sie selbst hätte im umgekehrten Fall sicherlich nachgesehen. Aber vielleicht wollte der Jäger sie noch nicht finden.

Mara putzte sich die Hände  notdürftig an der Hose sauber. Was für ein Spielchen! Sie begutachtete ihre Finger. Der salzige Staub trocknete die Haut aus, sie schmeckte ihn auch auf der Zunge und sie konnte ihn nicht loswerden, aber sie hatte sich zum Glück bei ihrem hastigen Rückzug nicht wirklich verletzt. Schürfwunden brannten hier in der Salina wie der Teufel, obwohl sie das mit all dem Adrenalin im Körper vielleicht gar nicht gleich gemerkt hätte.

Das Zirpen des Stahlseils setzte wieder ein. Es klang jetzt leiser, sanfter, einlullend und fast hätte es Mara wirklich abgelenkt. Doch dann, endlich, kam der Jäger in Sicht.

Er schritt direkt auf Mara zu, schwang seine Garotte, kein Lasso, ließ ihr loses Ende kreiseln wie ein Schwirrholz und bewegte sich damit sicher durch das Gelände, aufmerksam für seine Umgebung, nur Mara sah er nicht.

Sie starrte ihn an. Sie hätte ihn berühren können, seine glatt rasierte Wange streicheln, wenn sie das gewollt hätte, sie stand längst fluchtbereit auf ihren Füßen, blickte ihm genau ins Gesicht. Die stählerne Garotte glitzerte, Mara sah die feinen Zähnung des Seils und sie wußte, ihr damit die Kehle durchzuschneiden und sie gleichzeitig zu erdrosseln ginge ganz leicht. Auch wenn es ihr gelungen wäre, die Hände zwischen Hals und Seil zu bringen, sie hätte sich dadurch nur selbst die Finger abgetrennt.

Aber der Jäger ging  weiter und an ihr vorbei. Er bedeutete für sie keine Gefahr. Kies knirschte unter seinen Füßen und er ignorierte sie völlig.

Mara konnte es nicht fassen. Sie war für ihn nicht existent. Er benahm sich ganz so, als gäbe es sie überhaupt nicht, als sei sie nicht in der Salina vorhanden.

Sie brauchte länger, um es zu begreifen. Zuletzt  kam sie zu dem Schluß, daß er sie gar nicht sehen konnte. Sie bewegten sich vermutlich nur zufällig auf  der gleichen Ebene, benutzten denselben Pfad, doch seine Wirklichkeit war offensichtlich nicht die ihre.

Das Schrillen des Weckers riß sie aus allem, zurück in die Dunkelheit vor Sonnenaufgang.

Durch das Fenster zur Außengalerie leuchteten die vertrauten roten Buchstaben auf dem Schild Feuertreppe/Notausgang und darunter hing der Zettel, den der Hausmeister gestern für die spanisch sprechenden Gäste im Haus hingeklebt hatte. Mara wußte, was darauf stand, weil sie es am Abend gelesen hatte: Escalar de Emergenza.

Sie krabbelte aus dem warmen Bett, ging aufs Klo.

* * *

Namaqualand

Westlich von Loriesfontein zogen graue Winterwolken über Tafelberge, hüllten die Klippen des Karoo und das dahinter liegende Buschmannland in Nebel. Das Veld blühte. Links vom Zaun, wo man einst gehofft hatte, daß die Niederschläge für Getreideanbau ausreichen könnten, winkten Felder von Kapmargeriten in orange und gelb, rechts dagegen, im erodierten, überweideten Grasland, blühte die Steppe rosa.

Mara wäre gern geblieben, aber sie mußte dem Jäger folgen. Er ging zur Schutthalde der verlassenen Mine. Dort stand er eine Weile, suchte mit den Schuhspitzen zwischen Abraum. Aber der Oranje floß schon seit der letzten Eiszeit weiter nördlich und falls es hier je Diamanten gegeben hatte, so waren sie längst ausgesucht, die körnige Erde tausendfach gesiebt. Mara fand nur lebende Steine, Lithops, das Biotop des Granitgrus wäre für Liebhaber dieser glatten Sukkulenten eine Fundgrube gewesen. Grau und grün, rundlich wie vom Wasser geschliffene Kiesel, jeder exakt in der Mitte zweigeteilt mit einem violetten Blütenstern im Spalt, leuchteten sie überall, doch Blumen bedeuteten dem Jäger nichts.

Sie entdeckte ihn auf der Leiter zur alten Schottermühle. Er betrat gerade den untersten der rostigen Laufstege, die in Galerien um die verrotteten Förderbänder führten. Zum Teil lag noch Schutt auf den Transportflächen, als habe man den Betrieb mitten in der letzten Schicht aufgegeben, aber Mara fragte sich, was der Jäger hier eigentlich suchte. Er beobachtete den Himmel, spielte mit der Schlinge des Stahlseils auf seiner Schulter.

Sie erfuhr es, sobald die Raben einfielen. Sie kamen in Scharen, sie trugen Steine in den Krallen und sie warfen ihre Last auf die Förderbänder ab, daß der Kies dort nur so spritzte, als wollten sie den Jäger damit ärgern. Er stand mitten im Steingewitter, schwang die Schleuder nach den Vögeln - und traf. Schwarze Federn stiebten, der getroffene Rabe schrie wie ein Kind und Mara kniff die Augen zusammen, weil sie nicht sehen wollte, was der Jäger mit dem Vogel tat.

Aber die Beute entwischte. Mara hörte den Mann fluchen. Sie machte die Augen wieder auf.

Der Rabe floh zu Fuß über den Schotterboden auf sie zu, den linken, von der Schleuder getroffenen und nacktgerupften Flügel grotesk abgespreizt und während sie zusah, wuchs der Vogel, verwandelte er sich in einen Jungen von etwa zehn oder zwölf Jahren, ein halbnacktes Kind in schwarzen Federhosen mit erschreckten Augen und einem blutenden, zerschundenen linken Arm. Und der Jäger verfolgte ihn.

Mara sah sein junges, angespanntes Gesicht und die Gier in seinen Augen, sie wußte sofort, der Jäger würde mit seiner Beute spielen, hätte er den Rabenjungen erst einmal zwischen seinen Händen. Er würde dem Kind die Schlinge um den Hals legen, grausam fest, doch noch nicht tödlich, nicht gleich. Er würde ihn zuerst quälen, dem Jungen versprechen, ihn wieder laufen zu lassen, wenn er nur erst nett zu dem Jäger gewesen sei, sehr nett, und dann würde er ihn nehmen. Und hinterher, nachdem er ihn gehabt hatte, würde der Jäger sein Opfer vielleicht sogar tatsächlich laufen lassen, für eine kurze Weile.

Mara warf sich dazwischen, drehte sich und das Kind in ihren Armen aus dem Griff des Jägers, sah seine Überraschung über die unerwartete, neue, viel interessantere Beute, sah seine Zähne aufblitzen, hörte ihn rufen und verstand die Worte nicht. 

Verstand ihn doch. Lecken, Kratzen, Beißen, sie las es ihm deutlich genug aus den Augen.

Aber nicht mit Mara. Der Jäger versuchte sie beim Zopf zu packen, ihr den Kopf nach hinten zu biegen, doch sie ließ sich noch schneller fallen, wich aus und gab ihm nur die Haarspange, Mara riß sie sich aus dem Haar, schüttelte es frei, rannte los, ihm davon. Der Jäger blieb ihr auf den Fersen.

Vor ihr endete die Klippe. Mara hob ab, streckte die Arme gegen die Schwerkraft, flog endlich, quälend langsam, wie immer in Träumen und nicht wirklich sicher. Sie ahnte, daß die Energie nicht bis zum Boden reichen würde und richtig, sie fiel. 

Der Sturz traf Mara wie eine Faust in den Magen, warf sie in ihr Bett, zurück in die Nacht.

Sie setzte sich, machte Licht, sah auf die Uhr, sechs Uhr dreißig, draußen wurde es grau. Auf dem Nachtisch lag der Bildband Namaqualand.

Sie ging ins Bad. Als sie in den Spiegel sah, stand hinter ihr der Jäger, Vorfreude im Gesicht, die Hände damit beschäftigt, lautlos den Gürtel aus der Hose zu  zerren.

Mara drehte sich ruckartig um.

Da war niemand.

* * *

La fee verte

Der Zauberer wohnte diesmal in der Wohnung, in der Mara früher mit ihren Eltern gelebt hatte. Es hatte sich nicht viel verändert, zumindest nicht im Wohnzimmer, höchstens die Vorhänge, Mara erinnerte sich nicht, daß die Mutter je roten Damast drapiert gehabt hätte. Außerdem waren da die Jungen.

Eine Menge Jungen, alle ungefähr im gleichen Alter, alle Lockvögel des Zauberers. Der Rabenjunge kam als letzter.

»Der Arm heilt«, sagte der Zauberer und tatsächlich sah Mara überall blonde Daunen aus der Haut des Kindes spriessen. Aber so lange die Federn nicht vollständig nachgewachsen waren, konnte er sich natürlich auch nicht mehr wandeln, nach keiner Seite. Der Junge war zu einem seltsamen Geschöpf mutiert, ein Rabe in Menschenjungengröße mit schwarzen Krallenfüßen unter der viel zu kurzen Federhose, mit Vogelkopf und einem Flügel auf der rechten Seite, links wuchs aus der Rabenschulter ein nackter, dünner Jungenarm, bedeckt mit gelbem Flaum.

»Du mußt entscheiden«, sagte der Zauberer, »wie du es haben willst. Du kannst den Jäger aus deinem Dasein verbannen, oder ihn an dich heranlassen. Du hast die Wahl.«

»Ich weiß«, sagte Mara. Der Jäger konnte ihr nichts tun, es sei denn, sie lud ihn dazu ein und wenn sie sich von Spiegeln fern hielt, blieben ihm ihre Bewegungen innerhalb der Wohnung verborgen. Er konnte ihr dann auch nicht folgen, jedenfalls nicht nach außerhalb, drinnen allerdings stand es patt.

»Muß ich ihn sehen, damit ich weiß, wo er ist?« fragte Mara.

»Natürlich«, sagte der Zauberer, »wie willst du es sonst wissen? Träume wollen gut überlegt sein. Strategien auch. Trinkst du zum Abschied noch ein Glas?«

Er schenkte Mara ein, stellte den Schnapskelch wie zur Vorbereitung eines Tricks mit eleganter Bewegung vor die Kerze.

»Pass gut auf, Mara«, sagte der Zauberer, goß Wasser im hohen Strahl in die klare Flüssigkeit, die sich sofort milchig eintrübte.

»Die grüne Fee«, sagte der Zauberer, »bitter und süß zugleich, verboten wie die Sünde. Laß sie dir schmecken. Und auf gutes Gelingen mit dem Jäger.«

Mara fiel ein, daß sie noch nie Absinth getrunken hatte, gar nicht genau wußte, wie er schmeckte.

Sie erwachte durstig, ging in die Küche. Der Spiegel im Flur zeigte nur Wände.

* * *

Spiegelein, Spiegelein 

Der Tag verlief wie immer. Mara ging joggen und anschließend ins Büro, aber sie traute dem Frieden nicht. Sie hielt es für durchaus möglich, daß ihr der Jäger gefolgt war. Sie sah auf dem Weg in die Innenstadt in jedes Schaufenster, bei günstiger Beleuchtung und den richtigen Blickwinkel vorausgesetzt konnte sie die Glasflächen zur unauffälligen Überprüfung ihrer Umgebung benützen und keine der Spiegelungen zeigte ihr die vertraute Gestalt, doch damit stand noch nichts fest.

Mara machte auf dem Nachhauseweg einen Abstecher in die Kaufhalle und verblüffte die gelangweilte Verkäuferin dadurch, daß sie sich nacheinander mit den verschiedenen Handspiegeln des Sortiments rücklings vor die Exponate in der Kosmetikabteilung stellte und eingehend die Größe des jeweiligen Sichtfelds begutachtete, bevor sie sich für ein Modell entschied. 

Sie hielt ihr Zusammentreffen mit dem Jäger nach wie vor für Zufall. Keiner der Reisenden auf den Pfaden der Träume wußte im voraus, wohin sie ihn  führen würden, man konnte sie ebenso wenig beeinflußen, wie man dort die Gesetze der realen Welt voraussetzen durfte. Mara vermutete deshalb auch nur, daß die Wirklichkeit, in der sich der Jäger jetzt aufhielt, tatsächlich eine genaue, nur seitenverkehrte Kopie ihrer eigenen darstellte. 

Sicher war gar nichts, aber so oder so: mit Hilfe des Spiegels würde es Mara wissen. Steckte der Jäger noch immer - oder tatsächlich - in ihrer Wohnung, konnte sie ihn damit finden. Dann allerdings mußte sie mit ihm reden. Und ihn, sollte der ungebetene Gast nicht auf sie eingehen oder freiwillig das Feld räumen, schleunigst loswerden.

Schon, um sich nicht selbst verrückt zu machen. 

Mara testete zuerst das Treppenhaus. Im Flur vor ihrer Tür und auf der Treppe fand sie nichts. Auch die Wohnung wirkte nach dem ersten Durchgang unverändert, so wie sie Mara am Morgen verlassen hatte. Sie glaubte schon, sie habe sich unnötig Sorgen gemacht. Doch dann sah sie im Badezimmerspiegel den feuchten Fleck vor der Dusche. Auf seiner Seite hatte er sich also zumindest gewaschen.

Mara schenkte sich und der Dusche im Spiegel noch einen langen Blick. Dann drehte sie sich um. Real war von der Nässe nichts zu sehen. Mara bückte sich, fuhr mit den Fingerspitzen  über die Fußbodenkacheln. Wie sie es sich gedacht hatte: staubtrocken.

Sie folgte einer Eingebung, ging noch einmal in die Küche. Sie fand es ein bißchen schwierig den Inhalt des Kühlschranks aus der Perspektive des Handspiegels zu überprüfen, sie mußte ihn dazu vor die Brust klemmen und von oben hineinsehen. Aber das Ergebnis war eindeutig. Im Spiegelbild fehlten alle Wurstscheiben auf dem Teller, die gleichzeitig sichtbar und unberührt in Maras Welt vor ihren Augen darauf lagen. 

Das beunruhigte sie nun ernstlich. Was, wenn sie die Scheiben, ohne darüber nachzudenken, auf ihrer Seite der Welt noch einmal verspeist hätte? Konnte Wurst zwei Mal verdaut werden - und hatte sie. nachdem sie bereits vorher im Magen des Jägers gelandet war, für Mara überhaupt noch Nährwert? 

Sie ging mit dem Teller zum Küchenfenster, pickte eine der Scheiben heraus, roch daran, drehte sie im Licht. Sie befühlte ihre fettigen Finger. Die Wurst sah aus wie immer, aber Mara mochte sie trotzdem nicht mehr essen. Ihr kam ein ketzerischer Gedanke.

Was, wenn sie die Scheiben, die im Magen des Jägers längst zu Brei zerkaut, vom Magensaft verflüssigt und in Fett und Eiweiß zerlegt wurden - was würde auf der anderen Seite damit passieren, wenn Mara genau diese Wurst jetzt in der Pfanne erhitzte? 

Falls dem Jäger ziemlich warm wurde, hatte Mara mit ihm kein Mitleid. Er hätte den ganzen Tag Zeit gehabt, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern und zu verschwinden. Statt dessen war er geblieben, hatte die Dusche benutzt, vielleicht in Maras Wohnung alles durchgestöbert und zuletzt, ohne zu fragen, ihr Abendbrot gegessen. Sie fand das Experiment nur gerecht.

Aber bevor sie die Herdplatte anstellte, holte Mara den Hammer aus dem Werkzeugkasten, zog Handschuhe an und zertrümmerte alle Spiegel in ihrer Wohnung. 

* * *

Western Mountain Karoo 

In ihrer eigenen Zeit, von Maras augenblicklichem Aufenthalt aus betrachtet in noch sehr ferner Zukunft, nannte man die dann kläglichen Reste des fynbos Cape Floral Kingdom und Pflanzenliebhaber aus der ganzen Welt unternahmen weite Reisen, um einmal das Karoo in Blüte zu sehen. Doch im Jetzt war es nichts als lästiger, dichter Busch aus Baumheide und Protea, der Mara den Zugang zum Fluß versperrte, dazu dürrer Sommer und Durst und Hitze dabei noch nicht das schlimmste. 

Irgendwo zwischen Mara und dem Wasser bewegten sich Männer. Mara konnte sie hören, die Ketten an ihren Händen und Füßen klirrten, sie waren vermutlich Häftlinge, aus irgend einem Straflager in die Karoo entflohen und im Grund in einer wesentlich übleren Lage als Mara. Ob sie zu trinken bekam oder nicht, spielte keine große Rolle. Sie konnte hier lange aushalten, trotzdem konnte sie weder vorwärts noch zurück.

Mara hatte ihren Verfolger bisher nicht gesehen, der Busch war dazu einfach zu dicht, aber sie brauchte das auch gar nicht. Sie mußte nur gen Himmel blicken, um zu wissen, daß er sie fast erreicht hatte. Die Raben verrieten den Jäger, sie kreisten schon den ganzen Tag über ihm und sie waren Mara inzwischen sehr nah. 

Sie hörte ihn jetzt auch. Der Jäger spielte noch immer mit der Garotte, benützte sie vielleicht als Machete. Sie pfiff und schnitt durch die Proteen, daß die harten Blätter prasselten und natürlich brachte der Lärm auch die Männer am Flußufer auf die Beine. 

Mara verlor keine Sekunde damit, dem wüsten Getöse aus Kettenrasseln, krachenden Büschen, Flüchen und krächzenden Raben zu lauschen. Sie nutzte den allgemeinen Aufruhr, ließ sich auf alle Vierre nieder und kroch zwischen die nächsten Büsche unbemerkt bis ins Unterholz des fynbos.

Gerade rechtzeitig genug. Ein etwa unterarmlanges Stück verkohltes Holz landete dicht vor Maras Versteck auf dem Boden und als sie es entsetzt genauer betrachtete, fand sie, daß es tatsächlich ein Arm war. Oder genauer gesagt, das, was die Verbrecher davon übrig gelassen hatten.

Mara erkannte den abgehakten Stumpf von Elle und Speiche, brutal aus dem Gelenk gedreht und zersplittert und dazwischen noch einen kleinen Rest fast schwarz verbranntes Fleisch. Aber das wirklich grausige war die halb verkohlte Hand mit den eingekrallten Fingern. dem blinden, weichgekochten Daumennagel und dem Kettenrest am Gelenk.

Sie also hatten einen von ihnen erschlagen und geschlachtet. Vielleicht war er auch ohne ihr Zutun einfach an Erschöpfung gestorben und seine Gefährten, aneinander gekettet, ohne Chance zum Jagen und nach wochenlangem Umherirren halb verrückt vor Hunger, hatten ihn verspeist. Mara hörte, wie sie ganz in ihrer Nähe knurrten und schimpften, und daß sie das letzte Stück, das der nuschelnde Sprecher den Proviant nannte, unbedingt brauchten.

» ... Sweeny würds nich wolln, daß wir sein Arm einfach hier verrottn lassn«, sagte er und die anderen kicherten.

Vertiert, dachte Mara. Einer zog immer wieder Rotz hoch, während er die mannshohe Heide durchkämmte, sie sah schon seine Füße und sie roch ihn, er stank nach Hunger und sie wußte, wenn die Kerle sie erwischten, ging es ihr schlecht. 

Mara robbte so schnell sie konnte noch ein Stück tiefer in den dichten fynbos. Sie brauchte Gott sei Dank kein große Angst zu haben, sich dabei durch Rascheln zu verraten, denn die Truppe vor ihr machte mehr als genug Lärm und über ihnen krächzten jetzt auch noch die Raben.

»Scheißviecher«, schimpfte einer der Sträflinge und warf einen Stein und dann hatte er den Arm gefunden, weil er darüber stolperte und hinfiel.

»Ich habn! Sweeny is wieder da!«

Oh, gut, dachte Mara und erschrak fast zu Tode, als sich ein Mann von hinten auf sie warf, ihr den Mund zuhielt und sie mit seinem ganzen Gewicht flach zu Boden presste. 

Mara hätte ihn gebissen, aber der Jäger trug Handschuhe. Sie versuchte, sich unter ihm herauszuwälzen, doch er war zu stark für sie. Sie spürte seine Erregung, er rieb sich an ihr und was sie wirklich empörte, war, daß er lautlos lachte. Er sagte etwas, sehr leise, und als sie nicht reagierte, brachte er seinen Mund an ihr linkes Ohr, leckte sie und sie verstand endlich den Sinn in den geflüsterten Worten:

»Sei still, dann geschieht uns beiden nichts.« 

Er wollte also nicht, daß die Männer Mara fanden. Sie hatte den leisen Verdacht gehabt, daß er mit ihnen zusammen arbeitete. Aber er betrachtete sie offenbar als seine Beute und wollte sie ganz für sich. 

Es paßte ihr nicht. Aber es war immer noch besser, als von den Ausbrechern geschnappt, vergewaltigt, geschlachtet und gegrillt zu werden und nicht notwendigerweise genau in dieser Reihenfolge. 

Mara drehte den Kopf und blickte dem Jäger ins Gesicht. 

* * * 

Er nahm sie noch im fynbos, zwischen Heidekrautbüschen, kaum, daß die Sträflinge abgezogen waren und dann noch einmal nachts in ihrem Bett, bevor er verschwand. 

Wäre sie wirklich auf brutalen Sex scharf gewesen, er hätte sie enttäuscht. Mara kehrte zurück in die tägliche Routine, duschte, ging joggen und später gemächlich ins Büro. 

Sie dachte schon, sie sei den Jäger für immer los. aber zwei Nächte später wachte sie davon auf, daß er ihr das Hemd auszog, zu ihr ins Bett kroch und einfach über sie verfügte. 

Mara kratzte und biß, sie hatte überhaupt keine Lust und schon gar nicht auf ihn, aber der Jäger lachte nur, das warme Lachen des Zauberers und das stachelte ihre Wut noch mehr an. Sie packte zu, zerrte an seinem linken Arm und fühlte die Narben.

Sie hätte es wissen können. Der Jäger hatte sich selbst gejagt, dem Rabenjungen den Flügel zerstört, damit er erwachsen zum Jäger werden konnte und dieser wiederum zu dem Zauberer, später einmal, auf einem anderen Pfad, in einer anderen Ebene der Traumzeitwelt. 

»Anders hätte ich dich nie bekommen, aber du brauchst nicht zu befürchten, daß ich dir weiter auf die Nerven gehe. Ich kenne meine Grenzen«, sagte der Zauberer, »wach auf, Mara de Lobos.«

Er stellte sie auf die Füße, öffnete das Fenster und die Morgensonne löste ihn auf.
 
 

- Ende -




 



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