Plejades


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Eine Art Unsterblichkeit


Zuerst hatte sie gar nicht hingehen wollen. Holo-Art, Darstellung von Menschen unter Einbeziehung des gerade anwesenden Publikums, was immer das sein sollte. Moderne Kunst war eigentlich nichts für Lea. Sie ging ab und zu gerne ins Theater. Aber Performances? Ausserdem begann die Veranstaltung knapp nach Feierabend, genau genommen mitten am Nachmittag, doch auf jeden Fall ungünstig. Es war nicht genug Zeit, vorher nach Hause zu gehen oder statt dessen eine Kleinigkeit in der Stadt zu essen und bis kurz vorher zu arbeiten kam aus verschiedenen Gründen diesmal auch nicht in Frage. Erstens, und da hatten ihre Freundinnen recht, war das Wetter viel zu schön dafür. Zweitens gab es keine Platzkarten.

Lea mochte keine Massen. Sie bereute sofort, nachdem sie das Büro abgeschlossen hatte und auf die Strasse hinaus getreten war, dass sie sich hatte überreden lassen. Scheinbar hatte jeder, aber auch wirklich jeder Tickets gekauft und war jetzt mit ihr auf dem Weg zum Theater. Ausverkauft verkündeten die grellroten Aufkleber auf den Plakaten zwischen Königsallee und Freiheitsplatz. Unmöglich, in der Menschenmenge voraus Cat oder Annie zu finden. Die ganze Stadt war auf den Beinen, Lea sogar eine der letzten.

Sie verstand die Euphorie nicht. Sicher, auch sie hatte den Bericht im örtlichen Netz aufmerksam verfolgt. Die Veranstalter versprachen eine völlig neue Art der Durchdringung von Kunst und Alltag. Jeder Einzelne werde durch seine Teilnahme am Projekt zum Kunstobjekt und damit letzlich Unsterblichkeit erlangen. Nicht, dass Lea danach gierte. Vor allem, da sie gar nicht glaubte, dass das wirklich ging.

Die Menschen vor ihr liefen jetzt schneller. Ein Paar mit Baby hastete an Lea vorbei. Der junge Vater pflügte regelrecht durch die Menge, zog Mutter und Kind hinter sich her. Lea fing Gesprächsfetzen auf, Befürchtungen überhaupt unterzukommen. Offenbar hatten die Veranstalter mehr Karten verkauft, als tatsächlich Plätze zur Verfügung standen.

Im Stadtpark rannten sie wie auf der Flucht. Lea fragte sich, was sie hier eigentlich tat. Sie blieb stehen, liess die Menge an sich vorüberziehen. Sie hatte Seitenstechen, ging erst nach eine Weile langsam weiter.

Als sie das Stadttheater endlich erreichte, war das Foyer beinahe leer. Absurderweise, denn es kamen ununterbrochen Einzelne aus dem Grossen Saal zurück, die dort wohl keinen Platz mehr gefunden hatten, einige kopfschüttelnd. Die meisten von ihnen steuerten nun die Treppe zu Balkon Eins oder Zwei an. Lea überlegte, ob sie diesem Beispiel nicht besser folgen sollte. Ihre Freundinnen hatten zwar versprochen, ihr einen Platz aufzuheben. Aber sie bezweifelte, dass es ihnen bei dem Andrang gelungen war.

Sie betrat den Grossen Saal schliesslich doch. Er war sichtlich überfüllt. Und trotzdem, Lea registrierte es mit Verwunderung, fast still.

Die Leute redeten natürlich miteinander, hier und da schien es, den aufgeregten Gesten nach zu urteilen, sogar heftige Diskussionen zu geben. Aber nicht einmal die grössten Streithähne wurden laut. Oder besser gesagt: man hörte sie nicht besonders gut.

Vielleicht lag es an der sonderbaren Dekoration. Die dicken schwarzen Vorhänge an den Wänden ringsum dämpften zweifellos alle Geräusche. Der Saal erinnerte Lea aus irgend einem Grund an eine Arena, obwohl er natürlich nicht rund war. Eher ein düsterer, vier Stockwerke hoher Kubus. Schwarz verhangen, keine Bühne, die Zuschauersitze zu einer schwankenden Tribüne bis unter die Saaldecke hochgebaut.

Sie dachte zuerst, sie habe sich getäuscht. Aber es war keine optische Täuschung. Die Stuhlreihen schwankten tatsächlich wie ein Schiff auf hoher See. Vor Lea versuchte ein Mann nicht allzu geschickt einen Sitz zu erklimmen. Die erste Reihe Parkett schien ganz normal im Boden festgeschraubt zu sein, aber bereits die Sitze der ersten Folgereihe waren es offensichtlich nicht. Lea sah einigermassen fassungslos zu, wie der Mann vor ihr mit seinem Stuhl bis fast auf die Höhe des Parkettfussbodens einsank und danach, wie von Geisterhand gehoben, wieder hochstieg, fast schnellte.

»Da oben ist noch Platz. Kommen Sie, kommen Sie, ich helfe Ihnen!«

Arme packten sie, zogen. Lea merkte, dass sie ihr Ticket fest umklammert hielt. Die Tribüne wogte wie ein Meer. Sie hatte Lust, das freundliche Angebot abzulehnen, wurde aber von hinten geschoben. Es gab wirklich keine Treppe zwischen den Reihen. Wer nach oben wollte, musste klettern. 

Es war sehr merkwürdig. Lea war schwindelfrei, und die Sitzflächen, die unter ihr nachgaben und wieder hochfederten, machten ihr nicht viel aus. Man konnte den Effekt sogar ausnützen und bei einigem Geschick die eine oder andere Reihe überspringen, obwohl das sinnlos erschien. Es brachte wenig, bis ganz nach oben zu klettern. Lea fand, dass die Sicht auf die nicht vorhandene Bühne von dort keineswegs gewann. 

Aber sie hatte keine Wahl. Hinter ihr drückten ununterbrochen Menschen nach. Manche schienen das Schaukeln und Schwingen unter ihren Füssen für einen Riesenspass zu halten. Aber es gab auch Menschen, die seekrank wurden, die sich sichtlich unwohl dabei fühlten. Lea konnte das verstehen. Das gesamte Theater schlingerte unter ihren Füssen. Die Tribüne schien von keiner Statik in ihrer Beweglichkeit behindert. Ein Wunder, dass bisher niemand bei dem verrückten Tanz abgestürzt war. 

Als hätte sie Leas Gedanken gehört, stiess die Frau neben ihr plötzlich einen spitzen Schrei aus, weil der Sessel unter ihr unvermittelt nachgab. Lea sah ihrer Nachbarin dabei zu, wie sie in einem tiefen schwarzen Loch verschwand, viel zu verblüfft über den Vorgang, um auch nur einen Finger rühren zu können. Die Tribüne war unter der Bestuhlung hohl, leer, soweit man das in der Schwärze  erkennen konnte. Es gab dort unten absolut nichts, was den Blick hätte festhalten können. Nur ein Geräusch.

Bss. Bss. Bss ... BSSS.

Es hörte sich wie eine dieser elektrischen Schafschurmaschinen an, als ob sich dort unten etwas in mehreren Richtungen bewegte. Unmöglich zu sagen, ob das merkwürdige Geräusch von der Hydraulik der Sitze kam. Lea glaubte fest daran, dass die Tribüne von einer Steuerung bewegt wurde, wenn ihr auch der Grund für die Mechanik des Ganzen nicht klar war.

Während sie noch darüber nachdachte, federte der Sitz neben ihr aus dem schwarzen Loch wie eine Rakete wieder hoch. Aber ohne die Frau. Der Platz, auf dem sie gestanden hatte, war leer. 

Leas Verwunderung wuchs. Was hatte das zu bedeuten? Niemand ausser ihr schien den Vorfall bemerkt zu haben. Der Sitz wurde auch schon wieder besetzt und rührte sich unter dem Mann, der nun darauf sass, um keinen Milimeter.

»Ist Ihnen nicht gut?« fragte der Mann grinsend, »sehen Sie es doch sportlich. Wir werden heute unsterblich.«

Lea klappte den Mund wieder zu.

Wahrscheinlich war alles ganz harmlos gewesen. Die Frau hatte schliesslich nach ihrem ersten Schrei nicht mehr um Hilfe gerufen. Vielleicht gab es unter der Tribüne einen ganz normalen Ausgang. Lea hatte das von oben in die Dunkelheit hinunter spähend natürlich nicht erkennen können. Der Mann neben ihr grinste noch immer. Er blinzelte Lea an.

Sie hatte keine Lust, sich lächerlich zu machen. Sie beschloss, zu gehen.

Aber wieder nach unten zu gelangen, war fast noch schwieriger als der Aufstieg. Die Tribüne war nun so gut wie besetzt, bis auf wenige Plätze ganz unten in der ersten Reihe, wo wegen der begrenzten Sicht auf die leere Fläche vor der Tribüne, die man für eine Bühne halten konnte, scheinbar niemand sitzen wollte.

Lea dagegen schien fester Boden unter den Füssen allmählich sehr erstrebenswert. Die Heftigkeit des Seegangs kam ihr jetzt, abwärts über Stuhllehnen, noch viel ausgeprägter vor. Sie arbeitete gegen den Strom, über Plätze, die oft genug kurz vorher mit Männern oder Frauen versunken und leer wieder hochgefahren waren. Ausser ihr schien sich niemanden daran zu stören. Im Gegenteil, auf manchen Sitzen standen inzwischen mehrere Leute. Freie Stühle wurden regelrecht gestürmt.

Lea war erleichtert, als sie endlich auf dem Parkett landete. Sie schwankte die ersten Schritte wie betrunken, doch es dauerte nicht lange, bis sie sicherer ging. An der Saaltür angekommen, drehte sie sich dann doch noch einmal um. Der Beginn der Performance liess noch immer auf sich warten. Lea suchte unter den Menschen auf der Tribüne nach ihren Freundinnen, um ihnen wenigstens zum Abschied zu winken.

Aber sie fand sie nicht.
 
 

* * * * *

Sie war fast die einzige, die ging. Die Stadt war menschenleer, der Freiheitsplatz und auch die Königsallee völlig verlassen. Lea wusste, dass sie sich morgen eine Menge Bemerkungen würde anhören müssen. Was sie versäumt habe und dass sie eben nicht immer so ungeduldig sein dürfe, und dergleichen mehr. Sie war nach der Pleite der Performance so ärgerlich, dass sie sogar dem schönen Abend böse war. Wunderbares Sommerwetter, ein Himmel wie gemalt und alle Cafes gähnend leer.

Sie ging langsam durch öde Strassen nach Hause, machte sich in der Küche Brote und Tee und setzte sich damit auf den Balkon und genoss die ungewöhnliche Stille. Sie blieb ganz gegen ihre Gewohnheit bis weit in die Dunkelheit sitzen. Auch in der Nacht fuhr keinerlei Verkehr.

* * * * *

»Was bin ich froh, wenigstens Sie zu sehen«, Leas Abteilungsleiter hatte hektische rote Flecken im Gesicht,  »ach - wissen Sie es denn wirklich noch nicht?«

»Was denn?«

»Na gestern - die Performance. Es hat dabei einen Unfall gegeben.« 

Lea hatte sich natürlich gewundert, auf dem Weg zur Arbeit. Sie stand gerne früh auf. Sie mochte es, unterwegs zu sein, wenn der Rest der Stadt noch schlief. Aber dieser Morgen war wirklich extrem gewesen. Alles wie ausgestorben, bis auf ein paar jaulende Hunde.

»Das werden wir wohl jetzt öfter hören. Bitte, hier: diese Aufstellung kam gerade übers Netz.«

Der Abteilungsleiter legte Lea eine Liste hin.

Cat und Annie standen auch darauf.

Lea musste sich setzen. Es war so grauenhaft, dass sie gar nicht darüber nachdenken durfte.

Als gestern die Türen zum Grossen Saal nach 23 Uhr, also über sechs Stunden nach Beginn der Performance, immer noch nicht wieder geöffnet worden waren, hatten die Ordner im Foyer die Schlösser aufgebrochen. Sie hatten einen menschenleeren Zuschauerraum vorgefunden.

»Weiss man, wie das geschehen konnte?« hörte Lea sich selbst fragen.

Der Abteilungsleiter schüttelte den Kopf.

»Offenbar haben die Veranstalter vor dieser  -äh- Performance nur mit Tieren experimentiert. Und nicht einmal das soll immer sicher geklappt haben, wie man sagt.« 

Die Haustiere würden ein Problem werden.

Eines von vielen.

* * * * *

Vier Jahre nach dem Unfall waren die meisten Betroffenen weggezogen. Lea war eine der wenigen, die blieben. Es war auch für sie nicht einfach, immer wieder mit dem konfrontiert zu werden, was die Performance aus ihrer Stadt gemacht hatte. Aber sie lernte schliesslich damit zu leben. 

Am Anfang freilich war es schlimm. Zuerst kamen die Wissenschaftler, und mit ihnen die Kriminalisten. Erst nachdem man die Veranstalter um den halben Erdball gejagt hatte, nach dem spektakulären Prozess, und als alle Fragen geklärt waren, als alles dokumentiert worden war, das sich überhaupt erfassen liess, und in den ersten beiden  Jahren nur sehr zögerlich, kamen die Touristen.

Lea war der ganze Rummel nicht recht. Sie beteiligte sich nie an den Stadtführungen. Meistens weigerte sie sich auch, über ihren eigenen Anteil an der Performance zu reden, oder über Cat und Annie und über das Leben, das sie alle führten. Sie fand es indezent, irgendwie obszön. Ihre Freundinnen konnten sich schliesslich nicht wehren.

Sie hatte nicht mehr viel Kontakt mit ihnen, praktisch eigentlich gar nicht. Sie ging nur ab und zu in ihre Wohnungen, goss die Blumen, entfernte den Staub. Andere taten in anderen Häuser das gleiche. Alles sollte so bleiben, wie es war.

Das war auch der Rat der Psychologen. In den ersten Tagen nach dem Vorfall waren noch nicht genügend Kameras in der Stadt gewesen, viele Bewegungen auf den Stassen deshalb unwiderbringlich verloren gegangen. Es war auch zu schwierig gewesen, für alle Beteiligten. Auch Lea hatte sich erst daran gewöhnen müssen. Zu begreifen, dass das Leben trotzdem weiterging.

Cat und Annie kamen jeden Dienstag in das Strassencafe, in dem sie sich früher immer mit Lea getroffen hatten, setzten sich dort auf immer die gleichen Stühle. Am Anfang hatte sich Lea noch verpflichtet gefühlt, sich wenigstens zu ihnen zu setzen. Wenigstens für eine Weile.

Aber sie hatte inzwischen begriffen, dass ihre Freundinnen kein Bedürfnis nach Gesellschaft mehr hatten.

Oder zumindest keines, das sie mit ihr teilen konnten.

Viele Strassencafes liessen ihre Tische jetzt bei Wind und Wetter draussen, aus Höflichkeit gegenüber den Leuten aus dem Theater, denen die Jahreszeiten abhanden gekommen waren. Im Winter, wenn die Dämmerung früh einfiel, kamen die meisten Touristen. Dann sah man die Teilnehmer der Performance am besten. 

Cat und Annie, den jungen Vater mit Frau und Kind, die Frau, die neben Lea die Fahrt in die Unterwelt angetreten hatte, den Grinsenden, der jedem zublinzelte.

Hunderte anderer.

Sie waren nicht immer alle gleichzeitig unterwegs. Lea vermutete, dass sie tatsächlich eine Art Leben lebten, wenn sie auch nicht ganz nachvollziehen konnte, wie. Sie ging ihnen aus dem Weg, aus langer Gewohnheit, aber die Touristen bekamen manchmal schon einen Schock, wenn sie unversehens in Einen aus der Performance hineinrannten.

Die aus dem Theater schienen es nie zu merken. Es machte ihnen ja auch tatsächlich nichts aus.

Cat trug noch immer das gleiche Kleid und machmal lächelte sie sogar. Ein geisterhaftes, schimmerndes Lächeln in einem Gesicht aus Licht, durch das man die Vorhänge im Cafe hinter ihr sehen konnte.

 



 
 

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