38. Honey Winters Tagebuch: The Green Hills of
Home IIISo, das zweite Fest hätten wir nun auch hinter uns. Es wäre schön, wenn ich so wie Silver und einige Techniker damit wieder zu business-as-usual übergehen könnte, das heisst, die Küche aufräumen, überall auf dem Panoramadeck die Scherben beseitigen (nein, sooo schlimm war die Party nicht) und so weiter und so fort.
Aber es besteht ja begründete Hoffnung, dass das Panoramadeck im Lauf des Tages wieder einsatzbereit sein. Wir brauchen es heute und vermutlich viele weitere Abende als Atelier für die Rainbow-Show.
Ehrlich gesagt, ich bewundere die Frauen. Ich an ihrer Stelle wäre nicht bereit, den gesamten Krempel an Stoffen, halbfertigen Kostümen und Zutaten zusammen zu packen und zwei Decks tiefer zu tragen, nur um das Panoramadeck für eine Bordparty frei zu kriegen. Und noch mehr wunderte mich, dass die Managerin dabei mitmachte.
Später sagte mir Leila Aylik, sie betrachte das als Übung für den Ernstfall.
»???«
»Im Chartervertrag steht, dass die RAINBOW GLORY während der Tournee notfalls als Ausweichquartier zur Verfügung steht«, sagte meine Tante, »das habe ich doch richtig verstanden?«
Dank des grossartigen Einfalls des Alten, den Charterflug mit jener Stoff-Geschichte zu verknüpfen, gab es eine Standby-Vereinbarung im Vertrag mit den Rainbows, damit wir einen Vorwand bekamen, um auf der Erde bleiben zu dürfen.
»Ja, das stimmt«, gab ich deshalb vorsichtig zu. Mir war dabei von Anfang an nie recht wohl mit diesem Passus gewesen.
»Na also! Wir werden die GLORY auf der Erde als Party-Zone nutzen. Dann brauchen wir nicht eigens Räume dafür anzumieten«, stellte Leila Aylik gelassen fest.
Sie muss mir wohl die mangelnde Begeisterung angesehen haben, denn sie riet mir, ihr Vorhaben als kostenlose Werbung für Gorekian Starlines zu betrachten.
»Auserdem«, sagte sie, »sei ehrlich - ihr habt doch auf der Erde sowieso nichts zu tun. Und mit den Trinkgeldern, die zweifellos anfallen werden, kommt wenigstens etwas zusätzliches Geld aufs Mannschaftskonto. Die Erde ist teuer!«
Wer hätte das nicht gewusst.
Tante Leila rauschte zum Mittagessen ab. Ich schlich hinterdrein.
»Du siehst so ein bisschen missvergügt aus?« fragte Cleo, die den Vormittag im Antriebsturm gearbeitet hatte und auf dem Weg nach unten in die Küche mit mir zusammentraf. Zufall oder nicht, sie hat ganz entschieden ein Talent, Unheil im Voraus zu wittern und immer dann aufzutauchen, wenn ich noch gar nicht weiss, wie ich ihr die neue Katastrophe nervenschonend beibringen soll. (Schonend für meine Nerven, versteht sich.)
»Och ...«
Ich hatte meinen masochistischen Tag und erzählte ihr von Tante Leilas Vorhaben diesmal gleich, das heisst nachdem wir auf dem Subdeck bei Silver angekommen waren, wo uns das automatische Logbuch nicht hören konnte.
Cleo nahm die Neuigkeit zu meiner Überraschung gelassen auf.
»Wer weiss, ob die Rainbows das auf der Erde noch machen wollen. Vielleicht werden sie selbst so mit Einladungen überhäuft, dass ihnen gar keine Zeit mehr für eine eigene Party bleibt?«
Dafür rastete Silver aus.
»Wenn ihr glaubt, dass ich mich zu Hause auch noch die ganze Zeit in die Küche stelle, habt ihr euch verrechnet!« sie schmetterte wütend eine Schöpfkelle in die Edelstahlspüle.
Es schepperte so laut, dass Titti Drummer, das Captain-Girl der Rainbows den Kopf von nebenan hereinsteckte, wo die Showgruppe ihr Mittagessen im sogenannten Salon einnahm. Ursprünglich war der Raum als Vorratskammer für Geschirr und Gläser konzipiert gewesen, aber Silver hat ihn vor einigen Tagen von den Technikern halb ausräumen und den langen Tisch und die Stühle aus der Küche hineinstellen lassen. Wir haben jetzt in der Küche nur noch die Theke - hier dürfen die Crews essen - und dieser gegenüber die andere Hälfte der Regalwand für Geschirr. Mehr Platz gewonnen ist damit natürlich nicht, aber Silver behauptet, für sie sei es praktischer.
Das mag sein, zumindest hat sie damit in sofern Recht, als uns Leila Ayliks Girls jetzt nicht mehr mit hungrigen Augen auf die Teller schauen können. Was mir nie aufgefallen ist, aber Cleo, Ginnie und Anne-Cyril sehr wohl.
Meinetwegen! Auf jeden Fall beruhigten wir erst einmal Titti Drummer, dass der Lärm keinen Unfall in der Küche bedeutetete. Silver sagte sehr an der Wahrheit vorbei, ihr sei das Teil versehentlich aus der Hand gerutscht.
»Du meinst wohl, du hast's geschmissen«, sagte Anne, aber erst, als Titti die Tür wieder von aussen geschlossen hatte, »glaubst du eigentlich, nur du darfst dich hier aufführen? Wenn uns die Party trifft, dann trifft sie uns alle.«
Silver wurde ein klein wenig rot, behielt aber die Überhand. »Und wer zahlt das?«
»Mann!« Anne-Cyril gab sich nicht so leicht geschlagen, »wenn ich was mag, dann Finanzerörterungen beim Essen. Willst du, dass ich auch noch das Kotzen kriege?«
»Wieso auch noch? Gibt es hier etwas, von dem ich nichts weiss?« Das war natürlich Cleo, Gross-Inquisitorin vom Dienst.
Was blieb mir übrig, ich erzählte ihr, was mir Chiyo Asadori gesagt hatte. Ich fragte mich allerdings, von wem Anne wusste, dass eine der Rainbow-Frauen eine Ess-Störung hat.
»Komm«, sagte Anne, »das wissen mittlerweile alle.«
»Ich nicht!« sagte Cleo sofort.
»Na gut - dann warst du halt diesmal ausnahmsweise die letzte«, Anne klopfte ihr beruhigend auf den Arm.
Ginnie sagte wie üblich nichts.
Dafür redete sie - für ihre Verhältnisse - abends umso mehr. Zu meinem Glück.
Ich weiss nicht, welcher Teufel Silver ritt. Fakt ist, dass sie Leila Aylik (ihre und meine Tante) eigentlich nicht leiden kann, und ihr lieber aus dem Weg geht. Silver ist natürlich höflich, es gibt auch mit den Diätplänen der Rainbows schon lange keine Schwierigkeiten mehr, aber seit jenem peinlichen Auftritt beim ersten Abendessen an Bord ist Silvers Grundhaltung dem Management der Show gegenüber eher bewaffnete Neutralität, wenn man das mal so nennen will. Mir passt das ehrlich gesagt ganz gut, denn wenn Silver mit Leila Aylik keine Freundschaft hält, kommt sie auch viel weniger in Versuchung, ihrer Tante unsere Lebensgeschichte zu erzählen. Nicht, dass ich mich dafür schäme, ausserdem käme Tante Leila wohl selbst in erhebliche Erklärungsnot, warum sie ihren eigenen Tod inszenierte. Ich möchte ihr (und Silver) aber meinerseits auch lieber nicht erklären müssen, weshalb ich Leila Aylik bisher nicht gesagt habe, dass ich sie in ihrem Büro auf Reno sofort wiedererkannte, oder wer ich bin. Und warum Silver von allem nichts ahnt.
Ganz verstehe ich das ehrlich gesagt ja selbst nicht. Was wäre mir schon passiert? Schlimmstenfalls hätte mir meine Tante nicht geglaubt. Ich war selbst doch auch vollkommen platt. Wem passiert das schon, dass Tanten aus dem Reich der Toten auferstehen? Dass ich ihr jetzt, nach fast zwei Monaten Flug, nicht mehr mit der Tatsache unserer Verwandtschaft kommen brauchte, verstand sich wohl von selbst. Ich mache mich nicht gerne lächerlich.
Jedenfalls war ich bis zur Party gestern ganz zufrieden damit, die Dinge stehen zu lassen, wie sie nun einmal sind. Ich hatte dabei nur das komplizierte Sozialgefüge an Bord nicht einkalkuliert. Für die Eskalation brauchte es nur den gestrigen Abend - und Vermillion O'Toole.
Und dann ist Silver natürlich noch sehr jung. Obwohl man auch das nicht verallgemeinern darf. Ginnie, die im selben Jahr geboren wurde, wie mein leichtsinniges Schwesterlein, kommt mir im Vergleich dazu manchmal uralt und abgeklärt vor. Sie war es auch, die mich sozusagen rettete.
Ich stand ahnungslos an der Bar, die Techniker hatten die Brüstung des Cockpits mit Silvers Flaschenbatterei besetzt, was ganz praktisch war, weil ich nebenbei die Kontrollen im Auge behalten konnte. Bei mir waren Silver, und Ginnie, die uns beiden mixen half, sowie Vermillion, die ihren Cocktail schon hatte. Tante Leila kam, sich auch einen zu holen.
»Weisst du eigentlich«, sagte Vermillion plötzlich, »dass das Schicksal mit dem beiden Winters auf der Erde echt herb umgesprungen ist? Lass dir das mal von Silver erzählen. Erst stirbt ihre einzige Tante bei einem Unfall auf dem Mond, und dann auch noch die Eltern.«
Stille an der Bar.
Ich hielt meine Augen hartnäckig auf dem Glas, das ich gerade in Arbeit hatte und rührte einen Light Martini, als hinge mein Leben davon ab.
Oh, Gott! Silver hatte geredet. Mit Vermillion. Und die musste es natürlich sofort herumtratschen.
Ginnie fragte gelassen: »Leila, was möchtest du trinken?«
Ich schielte über das Glas vorsichtig zu meiner Tante. Sie studierte in aller Ruhe Silvers Barkarte.
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Leila Aylik reagierte überhaupt nicht auf Vermilion O'Tooles Bemerkung. Ich hatte vergessen, sie konnte die O'Toole nicht sonderlich leiden, so wenig wie ich, obwohl sich Vermillion für ihre Verhältnisse an diesem Abend sogar benahm. Wir wissen durch Anne, dass Leila Ayliks Kostümexpertin ihren jeweiligen Liebhabern treu ist. Sie wechselt sie nur so schnell, wie andere Leute das Hemd.
»Planter Boy's Punch«, beschloss Leila Aylik (die alkoholfreie Version des bekannteren Planter's Punch) und klappte die Barkarte zu. »Silver, entschuldige, ich habe nicht richtig zugehört - worauf wollte Vermillion soeben hinaus?«
»Genau, was John Wayne braucht ...« Totila stand plötzlich zwischen Leila Aylik und mir und schnappte Silver den Cocktail für meine Tante aus der Hand.
»Was fällt dir ein! Der ist doch für Leila Aylik«, Silver rannte Totila und Cocktail hinterher.
»Deine Tante ist gestorben?« fragte Leila Aylik nun natürlich - mich. Der Himmel helfe mir: sie war jetzt kalkweiss im Gesicht.
»TBC«, brachte ich heraus. Es war das einzige, was mir gerade einfiel.
»Aber Schwindsucht ist doch schon lange besiegt?«
»Hat mir meine Mutter immer gesagt« sagte ich lahm.
Hatte sie nicht.
Aber das spielte auch schon keine Rolle mehr. Lügen ziehen weitere Lügen nach sich. Und wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht. Dass Sprichworte auch so ekelhaft allgemein gültig sein müssen!
»Noch zwei Margharitas«, das kam von Ginnie.
Tante Leila liess das Thema zum Glück auf sich beruhen. Sie hätte aber sowieso keine Chance mehr gehabt, denn Ginnie beschäftigte Silver, und natürlich auch mich, bis weit nach Mitternacht mit Aufträgen. Sie ging von Couch zu Couch, sie fragte, wer noch etwas trinken wollte, sie sammelte leere Gläser ein.
Ehrlich, ich hörte sie noch nie vorher so viel reden, wie gestern.
Leila Aylik hatte im Gegenzug im Verlauf des Abends immer mehr damit zu tun, die gelöste Stimmung noch halbwegs in geregelten Bahnen zu halten. Obwohl es dieses Mal auf Cleos ausdrücklichen Wunsch - und unter Androhung von Strafe für die Mannschaft - nur alkoholfreie Drinks gab, lief die Party Richtung Geisterstunde immer mehr aus dem Ruder.
Tatsächlich - Geisterstunde.
Später fand ich heraus, dass Totila das Thema aufgebracht hatte. Die Crews machten sich einen Spass daraus, den Rainbows sämtliche haarsträubenden Geschichten zu erzählen, die ihnen nur einfielen. Und Leila Ayliks Truppe kicherte und quietschte, wie eine Horde Teenager auf der ersten Schulreise. Die ganze Bande war zum Schluss so albern, dass sich Cleo mit Leidensmiene Stöpsel in die Ohren steckte.
Das, und die Anspannung des Abends, ob Tante Leila es noch schaffte, Silver zu interviewen oder nicht, war zuviel für mich. Ich bekam einen hysterischen Anfall.
Ich lachte immer noch Tränen, als Cleo zehn Minuten später ins Bad kam, nicht, wie ich zuerst dachte, um nach mir zu sehen. Nein, sie sah mich nur für eine Sekunde konsterniert an - dann prustete sie ebenfalls los.
»Was ist an einem Lachanfall so komisch?« fragte ich.
Sie sah mich an und dann lachten wir beide, denn ich konnte jetzt natürlich überhaupt nicht mehr aufhören. Wäre Cleo nicht gekommen, ich hätte es vielleicht geschafft. Nebenbei - so lange lachen zu müssen, tut irgendwann nur noch weh. Ausserdem kommt man sich ziemlich dämlich vor.
Trotzdem fasste sich Cleo nach einer Weile
»Also, ich weiss auch nicht, was das ist. Ob Silver uns irgend etwas in die Cocktails gekippt hat? Ich weiss ja nicht, warum du lachst. Du hast das Beste nämlich versäumt«, sagte Cleo und tupfte sich vorsichtig die Lachtränen aus den Augenwinkeln, »Vermillion macht immer noch auf Totila Jagd. Sie will einfach nicht verstehen, dass er nichts für sie übrig hat ...«
Cleo machte eine Pause, während sie ihr Dentalset auspackte und startete. Ich unterdrückte mit Mühe einen neuen Schub hysterisches Kichern. Was war mir in Hinsicht Totila dieses mal entgangen? Es war mir eigentlich egal. Aber die Vorstellung, Totila im Bett mit Vermillion. Ich explodierte vor Lachen. Cleo wartete geduldig, bis ich mich wieder halbwegs gefangen hatte.
»Jetzt versucht sie es auf die hinterlistige Tour«, erklärte sie mit Schaum im Mund,
??
»Na, sie hat Totila Cecil Gray und Alec Wolfe quasi ans Messer geliefert.«
Ich verstand immer weniger.
»Himmel, Honey! Manchmal kannst du einen Heiligen zur Raserei treiben«, Cleo spuckte Wasser, »du weisst doch, wie die Beiden gestickt sind.«
Nur, dass sie sich ziemlich aus allem heraushielten. Was ich ihnen, da sie in einer Schicht mit unseren beiden "Anhängern des Lichts" arbeiteten, Hansen und Zabriski, ganz bestimmt nicht verdenken konnte. Sogar das hysterische Gelächter in mir blubberte nur noch verhalten, als ich das sagte.
Cleo verdrehte die Augen.
»Was Cecil und Alec glauben, spielt dabei nun wirklich keine Rolle. Ich weiss ja, dass du dich nie für das Privatleben deiner Umgebung interessierst. Aber bist du wirklich so ahnunglos? Was ich sagen will: gerade hat Vermillion Totila vor versammelter Mannschaft gefragt, ob er auch schwul ist«, sagte sie.
Das ernüchterte mich endgültig.
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