Leila Aylik: Passagier 16Am liebsten wäre sie sofort wieder ausgestiegen, als sie es bemerkte.
Aber sie berührte den Türknopf nicht. Den Triumpf gönnte sie denen nicht, die sie überwachten und zur Sicherheit eingeschlossen hatten. Selbst die modernsten Verriegelungsmechanismen klickten leise, wenn sie betätigt wurden und sie hatte gute Ohren. Sie beglückwünschte sich dazu.
Jetzt galt es nur noch, nicht in Panik zu geraten.
Das Engagement sei ein Kinderspiel, sie hörte es Fred noch sagen. Du brauchst nichts zu tun, als das was du sonst auch machst. Tanzen.
Fred, die wollen, dass ich strippe!
Komm, du hast sonst auch kaum mehr als diese Schleier an. Es kann dir doch nichts ausmachen, dieses eine Mal ...
Noch dazu, wo Fred ihr praktisch die Garantie gegeben hatte, dass sie niemand anfassen würde.
Gott sei Dank gab es einen Mantel zum Kostüm. Es stimmte schon, viel Unterschied zu ihren eigenen, den vielen, die sie besass, machte diese Büstenhebe nicht. Peinlicher war ihr da schon die Totalrasur und dass der Rock von oben bis unten offen war. Die langen Gürtelfransen verdeckten die Blösse nur sehr unvollkommen.
Sie schlug den Mantel sorgfältig um sich. Sie war wirklich empfindlich geworden, sie musste es sich eingestehen.
Es war ja nun nicht so, dass sie nicht schon völlig
nackt getanzt hätte. Meine Güte, für ihre Abschlussarbeit
auf der Akademie, Sexual Acts on Stage, hatte sie es sogar auf offener
Bühne
life getan. Und den Preis für die beste Choreographie
des Jahrgangs gewonnen.
Aber für eine private Vorführung im engsten Kreis? Das schmeckte gefährlich nach Prostitution. Was hatte Fred da nur eingefädelt!?
Tu's und du bist alle Sorgen los. Das garantiere ich dir.
Ausgerechnet der fade Fred, der Mann ihrer Schwester.
Sie trug das Ticket in dem kleinen Täschchen, das zum Mantel gehörte. Flug mit der RAMA nach Taiga Nova, für einen Passagier. Kabine Sechzehn, Name nicht registriert.
Das war sie. Wenn alles gut ging, in einigen Stunden.
Sie hatte Angst. Man sah es ihrem Gesicht in den spiegelnden Fensterscheiben an. Es ging ihr nicht gut. Aber jetzt war es definitiv zu spät. Sie hatte sich auf Fred Szenario eingelassen, nun musste sie die Suppe auslöffeln.
Das Fahrzeug hielt.
Sie wartete eine Weile.
Es tat sich nichts. Der Autopilot blinkte grün. Die Klimaanlage rauschte.
Sie war froh gewesen, zu Beginn der Fahrt, dass es keinen
Fahrer gab. Ein Mann mit ihr in diesem Luxusauto, sie auf dem Rücksitz,
hergerichtet wie eine Nutte, und vorne ein Mann, nein, sie
hätte es nicht ertragen.
Komisch, Fahrer dieser Klasse Wagen waren immer Männer. Die Besitzer schienen zu glauben, ihr Image vertrüge keine Frauen in dieser Funktion. Das änderte sich vermutlich nie. Obwohl jeder Mensch auf dem Sitz des Fahrers im Grund nur noch Darsteller war, Dekoration.
Sie musste an Rod denken. Wäre sie noch mit ihm zusammen, sie sässe nicht in diesem Schlamassel. Aber Rod hatte nie verstanden, was sie an der Kirche fand. Sie verstand es ja inzwischen fast selbst nicht mehr.
Anfangs waren ihr die Oberen so makellos vorgekommen, wirkliche Heilige, die eine andere, bessere Welt predigten, ihre Unterweisungen eine echte Offenbarung. Der Sinn des Lebens, es gab ihn also doch. Und sie hatten Recht, sie brauchte den ganzen Luxus nicht. Sie war gerne bereit, von ihrem Überfluss denen zu geben, die weniger hatten. Oder zumindest einen Teil ihres Geldes.
Spenden kannst du auch ohne die. Dazu brauchst zu keine Kirche, das war Rods Meinung zu diesem Thema. So hatte es angefangen. Er hatte ihr nicht geglaubt, dass sie über alles die Kontrolle behielt. Sie hatten viel deswegen gestritten. Zuletzt hatten sie sich getrennt.
Sie managte sich seitdem eben selbst. Das klappte gut, war nur ein wenig mehr Stress. Sie brauchte tatsächlich keinen Mann, der ihr sagte, wo es lang ging. Rod, das sagten auch die Oberen, sei reine Bequemlichkeit gewesen.
Naja, und ein Stück Liebe. Oder wenigstens guter Sex.
Es war vier Monate später umgekommen, beim Surfen, seinem Lieblingssport.
Allein.
Sie hatte es nicht mehr rechtzeitig zu ihm ins Krankenhaus geschafft. Und es war noch die Frage, ob er sie nach allem hätte sehen wollen.
Sie wischte sich eine winzige Träne aus dem Augenwinkel. Nur jetzt nicht ihr Make-up verwischen.
Es tat sich immer noch nichts. Der Autopilot blinkte grün.
Sie entschloss sich. Sie drückte auf den Türöffner. Der Wagenschlag schwang auf. Sie blickte in eine Tiefgarage.
Leer, so weit das Auge reichte. Vor ihr ein Lift.
Es war kühl. Sie hielt den Mantel vor sich geschlossen, stöckelte vorsichtig zum Aufzug. Schon daran merkte man, dass richtiges Tanzen für diesen Auftritt nicht vorgesehen war. Zum Kostüm gehörten echte Mörder-High-Heels. Dass sie sich nur nicht damit die Knöchel verstauchte. Das wäre eine Katastrophe.
Meine Güte, worum sie sich Sorgen machte. Das nächste halbe Jahr konnte sie ohnehin nicht tanzen. Wie auch, als Passagier Sechzehn an Bord eines Schiffs? Trotzdem war sie froh. Der Flug bedeutete auch ein halbes Jahr Urlaub, weg von Allem. Nach der Rückkehr konnte man weiter sehen.
Der Lift trug sie in eine Suite.
Teuer. Und geschmacklos. Wie sich der naive Konsument 1001Nacht vorstellt. Das grösste Zimmer dekoriert als Beduinenzelt. Überall Plüsch, Fransen, rotes Licht. Fehlte nur noch das ausgestopfte Kamel.
Sie mochte das Bad. Nicht, weil sich auf dem Tischchen neben der Wanne das gängige Sortiment kleiner weisser Pillen fand. Sehr aufmerksam, aber sie rührte es nicht an. Lieber einen klaren Kopf behalten.
Ein sanfter Gong.
Eine Männerstimme, neutral, möglicherweise synthetisch:
»Sind Sie bereit?«
Sie nickte unwillkürlich. Konnte sie der Sprecher
sehen? Sie vermutete es. Sie sagte trotzdem laut: »Ja.«
Es freute sie, dass man ihrer Stimme nichts anmerkte.
Sie klang fast normal. Obwohl ihr die Angst in der Kehle sass. Das Herz
schlug ihr bis zum Hals, als sie die letzten Handgriffe tat. Die Anweisungen
für die Rolle, die sie hier für Freds Auftraggeber zu spielen
hatte, gingen bis in intime Details. Rouge auf die Brustwarzen. Die Schamlippen
rosa gepudert.
So nackt sie sonst war. Ihr Gesicht verbarg ein roter, nur mässig transparenter Halbschleier. Dazu dicker schwarzer Kajal um die Augen. Auch das Kostüm-Vorschrift.
Die High Heels klackten. Klick, klick, den kurzen Gang entlang.
Mut! Der erste Eindruck entscheidet.
Egal, was Management-Berater dazu sagen: der erste Eindruck macht den Erfolg. Stimmt das erste Bild nicht, geht die Show den Bach hinunter. Kriegst du sie nicht sofort, kriegst du sie nie.
Das Beduinen-Zelt erwartete sie leer. Noch. Es roch nach Weihrauch. Wie in der Kirche.
Die Kirchen-Oberen hatten ihr nach Rods Tod einen Ehemann vorgeschlagen. Plötzlich durfte eine unverheiratete Frau ohne Aufsicht eines, ihres! Mannes nicht mehr öffentlich auftreten. Plötzlich fanden die Heiligen der Kirche unschicklich, was sie tat. Sie sollte sich auch nicht mehr selbst managen. Das sei schliesslich Männersache. Den passenden Kandidaten hatten sie schon.
Sie glaubte zuerst, sie habe sich verhört. Ausserdem wollte sie sich nicht binden. Die Trennung von Rod und sein überraschender Tod steckten ihr noch in den Knochen.
Ihr persönlicher religiöser Betreuer sagte, er verstehe ihren Schmerz. Sie solle sich ein wenig Zeit lassen. Sie würde sicher noch zur Einsicht kommen. Es sei besser so. Sie werde es sehen.
Sie sah es nicht. Und ein wenig Zeit hiess exakt: drei Wochen.
Zweiundzwanzig Tage nach den ersten Gespräch wurde sie erneut vor den Rat der Oberen zitiert. Die Oberste Priester ermahnten sie förmlich. Der Führer ihrer Kirche erklärte ihr in einem persönlichen Gespräch, dass sie sich versündige. Es sei nicht an ihr, zu entscheiden. Man habe mir ihr Geduld gehabt. Doch jetzt es sei an der Zeit, dass sie ihren Irrweg einsehe.
Selbstverständlich, sagte der Oberste Priester, verstehe er ihre Lage. Sie sei auf ihrem Gebiet eine Berühmtkeit und für ihre Eigenständigkeit bekannt. Es fiele Frauen in ihrer Position immer schwer, sich unterzuordnen. Ein ausserordentliches Opfer, natürlich, das wäre eine Möglichkeit. Wir müssen die Details nicht in aller Öffentlichkeit verhandeln. Ich könnte mir vorstellen, dass wir bei einem privaten Treffen ruhig in einem Hotel, am neutralen Ort, gemeinsam zu einer Lösung finden, die uns beide befriedigt ....
Der Orden wollte Verfügungsgewalt über ihr Konto.
Sie rechnete es sich aus. Ging sie darauf ein, blieb ihr ein Taschengeld. Für die Zukunft, Krankheit, Alterssicherung nichts. Nicht genug.
Sie empfand das als Unverschämtheit. Spenden waren die eine Sache. Ausbeutung die andere. Sie trat noch am gleichen Tag aus der Gemeinschaft der Gläubigen aus.
Damit ging es los.
Zunächst hielt sie es für Zufälle.
Plötzlich "vergassen" Veranstalter, dass sie bei ihnen fest für den Abend gebucht war.
Tatsächlich heute? Aber das kann doch gar nicht sein ... ich verstehe das nicht, ich habe Sie nicht in meinem Kalender ...
Mein Gott, haben wir Ihnen das wirklich nicht mitgeteilt? Ich war sicher, dass meine Sekretärin die Absage schon vor Wochen ...
Liebe, das tut mir jetzt aber ehrlich leid!
Manche gaben es sogar zu. Sie sagten, dass man sie bedroht habe.
Sie verstehen, wir können uns das nicht leisten. Eine Bombendrohung...
Ein Unglück im Studio, womöglich sogar Publikum betroffen ...
Sender sagten Plätze für ihre Shows ab, stornierten Abruf-Kanäle.
Sie protestierte. Sie schaltete einen Rechtsanwalt ein. Die Medien nahmen Kenntnis von dem Skandal. Die Kirche waren davon - kurzfristig - wenig begeistert.
Die Oberen der Kirche zeigten sich betrübt, wiesen aber jede Beteiligung von sich. Sie bekam das sogar schriftlich. Mit Schadensersatzgarantie, sofern sie bereit war, sich aussergerichtlich mit ihrer ehemaligen Kirche zu einigen. Allerdings lag die Nachweispflicht für entstandene Schäden oder Verdienstausfall bei ihr.
Tags darauf flog der erste Stein.
Er traf sie an der Wange. Nicht sehr heftig. Sie blutete nicht einmal. Trotzdem engagierte sie Leibwächter.
Junge Männer mit Stiernacken halfen gegen Belästigungen in der Öffentlichkeit. Gegen obszöne Anrufe nützten sie nichts. Dagegen war sie machtlos. Selbst als sie alle ihre Nummern, private, wie geschäftliche, wechselte und schliesslich die personalisierte Variante öffentlicher Erreichbarkeit ganz aufgab, half ihr das wenig.
Die Sex-Hacker fanden sie überall. Sie brauchte sich nur in eine Cafeteria zu setzen, in einer Shopping-Mall schnell einige Einkäufe zu tätigen, schon flimmerte ihr Gesicht über einen Bildschirm in der Nähe. Sie fand sich auf sehr intime Weise bloss gestellt. Natürlich war der Blow-Job eine Fälschung, aber gut.
He, junge Frau, sorgen Sie dafür, dass diese Scheisse von der Videowand verschwindet. Hier sind Kinder!
Hugh, du siehst dir das nicht an. Komm schon! Dass sie sich nicht schämt.
Die Nutten werden immer dreister ...
Sie war keine. Bis heute nicht. Auch wenn man sie als solche engagiert hatte. Sie tat dies hier nur, weil sie musste. Weil ihr nichts anderes mehr übrig blieb.
Ihr erster Auftritt seit Wochen ...
Zuerst hatte sie sich eine Weile bei Schwester und Schwager verkrochen, wie auch schon unmittelbar nach ihrer Trennung von Rod und noch einmal, kurz nach seinem Tod. Aber für den Rest ihres Lebens in dem Häuschen von Fred Winter zu sitzen, Terrasse und Grillen mit den Nachbarn, das ging auch nicht.
Es ging einfach nicht gut.
Ihre Schwester war schwanger und reizbar. Und dann kamen natürlich auch dort Anrufe an. Sie wollte nicht, dass ihre Nichte davon etwas sah. Minnies Tante bei Fellatio, das ging ja noch an. Zumindest konnte man das einem Teenager vom Optischen her erklären.
Aber nicht die Sache mit dem Hund.
Sie hätte nie gedacht, dass ihr ausgerechnet Fred aus der Patsche helfen würde. Der gute, harmlose Fred, den sie für zu träge zum Bumsen gehalten hatte. Lillys zweite Schwangerschaft hatte sie echt überrascht.
Fred, man fasste es nicht, arbeitete für die Mafia.
Tagsüber war er ordentlicher Professor für Neuere Deutsche Sprache. Ein Scheiss-Job und schlecht bezahlt dazu. Was Fred offenbar auch so sah. Fred Winter arbeitete nebenbei für eine Reihe von Firmen, die nirgendwo offiziell auftauchten.
Sie war sich natürlich darüber klar, dass ihr Freds Verbindung zur Mafia nicht viel genützt hätte, wäre ihre ehemalige Kirche nicht offenbar einigen Leuten in die Quere gekommen. Fred sagte ihr natürlich nicht was und wie. Und sie wollte das auch gar nicht wissen. Aber sie fand es in Ordnung, wenn die Mafia den Oberen mit der bescheidenen Mithilfe einer arbeitslosen Tänzerin in die Eier trat.
Sie hoffte, dass es den Brüdern ordentlich weh tat.
Und fürchtete sich zu Tode.
Fred hatte gesagt: Du bist sicher. Überall rund um die Suite stehen Leute bereit. Aber wenn meine Informationen stimmen, kommt es nicht soweit, dass sie in Erscheinung treten müssten.
Von allen Seiten überwacht. Grossartig. Zwei Fliegen mit einer Klappe: Freds Mafia-Freunde produzierten kostengünstig ein laszives Tanz-Video als Dreingabe dazu.
Aber darauf kam es auch schon nicht mehr an. Sie liess probeweise die Hüften kreisen.
Sofort erklang Musik. Ihr Lieblingsstück. Sie setzte ganz automatisch ein. Die High-Heels störten weniger, als sie befürchtet hatte.
Sie wusste nicht recht, was von ihr erwartet wurde. Schliesslich tanzte sie einfach ihr Programm. So, wie sie es seit Jahren auf der Bühne tat. Nur in um einiges dezenteren Kostümen.
Und dann war sie plötzlich nicht mehr allein. Sie tanzte gerade eine Drehung, sah den Kunden zuerst nur aus den Augenwinkeln. Der Schreck fuhr ihr eiskalt in den Bauch. Sie erkannte ihn sofort.
Mein Gott! Dieser alte Ziegenbock!
Aha, der Oberste Priester der Kirche der Anhänger der Boten des Lichts lebte also seit Jahren keusch, mit seiner Frau wie mit einer Schwester. Sagte er. Nun kein Wunder, sie kannte schliesslich die Gattin des Oberpriesters, diese vertrocknete alte Schachtel. Sie konnte schon verstehen, dass er sich bei Nutten aufgeilen musste, so wie jetzt und hier, an ihr.
Oh Himmel, wie hatte sie nur so naiv sein können? So wie er sie anglotzte, hatte er mit dem ausserordentlichen Opfer wahrscheinlich gar nicht ihr Geld gemeint.
Ekelhaft.
Mann, dem quollen wirklich fast die Augen aus dem Kopf. Gerade, dass er nicht noch sabberte.
Na schön, wenn es nur das war, was er wollte ....
Sie legte einen Zahn zu, rückte ihm näher. Sie konnte so tanzen. Sie tat es normalerweise nicht, für sie war Ras Sharki Kunst, uralt, beinahe heilig. Sie war keine "Bauch"-Tänzerin in einem der Clubs, die mit der anderen Masche arbeiteten, dem Herrn und Meister ihres Harems Lust darauf machten, sie zu besteigen. Aber wenn der Oberpriester auf diese Variante abfuhr, war das dann ihr Problem?
Ob der alte Bock überhaupt erkannte, wer da vor ihm tanzte? Nun, DAS liess sich ändern ...
Weg mit dem Schleier vor der Nase.
Sehr gut so! Sie hörte den Alten japsen.
Und weg mit der albernen Büstenhebe.
Sie schüttelte ihre Brüste. Riss sich den Rock vom Gürtel. Bog sich im Rad vor ihm nach hinten.
Das gab ihm den Rest.
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