Sterne wie Staub 36. Honey Winters Tagebuch: The Green Hills of Home II

Tagebuch: Eintrag vom 01.08. 2389:  00:15

Natürlich kam ich vor Mitternacht nicht mehr dazu, meinen eigentlichen Schreibfaden zu Ende zu stricken. Silver holte mich - ich war schon mitten in der Übergabe der Flugkontrollen an Crew II (keine grosse Sache) - und bat mich, schnell noch einmal zu ihr in die Küche zu kommen. Dort fand ich auch Chiyo Asadori vor.

Man erfährt alles viel zu spät. Heute morgen mus sich wohl eine der Tänzerinnen nach dem Frühstück übergeben haben. Silver sagte, dafür könne sie aber gar nichts.

»Das will ich hoffen ...«

Meine Schwester liess sich durch diese Unterbrechung nicht aus der Ruhe bringen. » ... ich habe selbstverständlich das gesamte Frühstück der Rainbows von Chiyo Asadori testen lassen.«

»Es war in allen Bestandteilen einwandfrei«, Chiyo nickte zur Bestätigung.

»Ja -  aber was wollte ihr dann eigentlich von mir?« fragte ich. Ich verstand nun gar nichts mehr.

Aber es war ganz einfach: alle drei, die Tänzerin, Silver, Chiyo, wollten nicht, dass Leila Aylik überhaupt davon erfuhr. Die Ärztin meint, die Übelkeit der Tänzerin sei hoffentlich nur auf einen Reizmagen zurück zu führen.

»Du musst wissen«, erklärte sie mir, »dass einige aus Angst, ihre Bühnenpräsenz aufgeben zu müssen, wenn sie zunehmen, nicht einmal die Menge essen, die sie nach den Diätplänen unbedingt zu sich nehmen müssten. Könnte ein Fall von Bulimie werden, wenn wir es nicht schaffen, das aufzufangen. Ich werde versuchen, der Betreffenden auf dem Weg einer Gesprächstherapie zu helfen.«

Sie wollte mir nicht sagen, über wen wir überhaupt redeten.

Ich sagte: »Du brauchst keine Angst zu haben, dass ich deine Patientin an Leila Aylik verrate.«

Worauf Chiyo sagte, ich solle das bitte nicht persönlich nehmen. Was ich nicht tat. Aber ich mache mir Sorgen. Wir sind noch sehr, sehr lange unterwegs. Und um es ganz klar zu sagen: kein Captain möchte mit Passagieren oder Crew-Mitgliedern nach einer Halbjahresreise ankommen und gleich die Männer mit den weissen Kitteln und Schuhen rufen müssen ...

Zurück zu etwas erfreulicheren Themen. Ich bin hundemüde, trotzdem schreibe ich jetzt noch zu Ende, was es über den heutigen Abend auf dem Panoramadeck fest zu halten gibt. Wie schon erwähnt, Tante Leila und ihre Ladies schneidern ab heute bei uns Kostüme für die Show.

Sie sagte: »Wir haben uns dafür entschieden, möglichst einen Kontrast zu den minimalistischen Shows zu setzen, die wir im letzten Jahr von der Erde zugesandt bekamen. Natürlich können wir nicht genau wissen, welche Form Show auf der Erde in einem halben Jahr gerade en vogue sein wird. Aber im Allgemeinen ändern sich Trends nicht soo schnell.«

Den Audruck en vogue mussten wir Cleo erst einmal erklären.

»Das ist französisch und bedeutet modern, aktuell. Du könntest es auch als up to date bezeichnen,« sagte ich, in der Hoffnung, Cleo möge das nicht als Belehrung auffassen.

Tat sie aber doch: »Warum sagst du dann nicht einfach das. Ist doch albern!«

Als ob ich, oder Tante Leila etwas dafür könnten, dass man auf der Erde immer noch mehrere Regionalsprachen spricht, die dann natürlich ständig hin- und herfliessen und konsequent gemixt werden. Das ganz normale Alltagspidgin eben.

Ja. Und plötzlich steckten wir mitten in einer Diskussion mit dem Oberthema: Wie ich mir die gute alte Erde vorstelle.

Tante Leila hielt sich zurück, beziehungsweise, sie sagte einfach nichts dazu. Ich vermute, die Rainbows haben keine Ahnung, dass sie genau wie ich von dort stammt. Sie scheint sich über ihre Vergangenheit ziemlich ausgeschwiegen zu haben. Was aber niemanden sonderlich aufgefallen zu sein scheint.

Offtopic: Anne sagte mir vorhin, dass es auf Reno ganz und gar nicht zum guten Ton gehört, sich gegenseitig über Familien- oder sonstige Verhältnisse auszufragen. Sie behauptete, das komme noch aus der Zeit, als dort wirklich nur Piraten lebten, die natürlich kein gesteigertes Interesse daran hatten, wenn ihre Nachbarn mehr über sie wussten, als das Allernötigste.

Hm,  wäre es auf Plejades genauso, Cleo würde wahnsinnig. Sie liebt es, alles über jeden zu wissen.

Und es erklärt auch, warum der "neue" Teil der Mannschaft, Crew II und III mich nicht weiter ausfragen, seit sie wissen, wer und was ich bin ....

Das gleich gilt aber für die Rainbows nicht. Sie fragten mich nach Strich und Faden aus. Und stichelten dabei eifrig weiter an ihren Kostümen.

Es wird nämlich alles von Hand genäht,  jede Perle, jede Paillette.

»Kleben hält nicht gut genug«, sagte Vermillion, das Gesicht düster wie eine Kassandra. Die Rainbows benützen Spezialfaden. Erst nähen, dann mit UV-Licht verschweissen. Cleo fragte sich sofort, ob sie mit diesem Faden vielleicht auch die Filtersiebe der Algen-Tanks unseres Bordökosystems reparieren könnte.

»Falls sie mal reissen,« sagte sie, auch sie Schwarzseherin vom Dienst.

Prompt folgte ein Exkurs über die Wahrscheinlichkeit von Ökosystem-Zusammenbrüchen (was an Bord eines Raumschiffs meines Wissens noch nie vorgekommen ist) , denn jetzt wollte es zur Abwechslung natürlich Tante Leila ganz genau wissen.

Aber Cleo nicht faul, brachte alle mit einer rhetorischen Volte zurück zum eigentlichen Anlass des Gesprächs: sie sagte, auf der Erde müsste sie sich sicher keine Gedanken über sauberes Wasser und Ökosystemsteuerungen machen.

(Oh weh, Cleo, weit gefehlt!)

Wie diese Meinung der Rainbows zustande gekommen ist, kann ich mir nicht richtig erklären, doch alle unsere Passagiere haben reichlich verklärte Vorstellungen darüber, wie es auf der Erde so ist. Die Mutterwelt der Menschheit (keine Bezeichnung, die ich wählen würde) geistert durch die Köpfe der Frauen als eine Mischung aus Disneyland und Shopping-Mall. Vor allem ist sie für Tante Leilas Damen eines - nämlich grün. Sie waren platt, als ich ihnen sagte, dass es auf der Erde sehr viel mehr Wasser gibt, als Land und etliche Wüsten dazu. Ich musste ihnen sogar erst ein Video zeigen, bevor sie mir glaubten. Zum Glück hat Anne-Cyril in ihrem Sortiment nicht nur Unterhaltung, sondern auch etliche Infotainmaints, sie wusste das gar nicht, wir fanden sie neulich eher zufällig, wahrscheinlich hat der Alte daran gedacht und sie uns einpacken lassen.

So kamen wir darauf, dass zwar kaum eine aus der Gruppe auf Reno geboren ist (sonst hätten sie nämlich sicherlich Hemmungen gehabt, mich über meine Herkunft auszufragen), dass aber vor diesem Flug niemand die Piratenwelt je verlassen hat; oder wenn reisten sie auf Schiffen in der Touristenklasse, das heisst ohne Fensterblick ins All. Überhaupt sind die Rainbows offenbar nur die begrenzten Distanzen innerhalb der unterirdischen Megacity Reno gewöhnt. Sie werden den offenen Himmel und die kilometerweite Sicht auf der Erde erst einmal lernen müssen.

Blumen kennen dafür alle. Ganz Reno ist verrückt nach Blumen und wenn sie duften, um so besser. Gabie, eine der Beauties (die in den Shows nicht tanzen, sondern "nur" toll aussehen - in manchmal besonders schweren Kostümen), zeigte mir ihre Sammlung. Video-Clips über jede mögliche Blume, irdisch, wie aus den Kolonien, sortiert nach Farbe. Blauer Himalaya-Scheinmohn Mekonopsis neben Vergissmeinnicht und der berühmten Blauen Susy, die nur auf Belindas Welt vorkommt, einer aufgelassenen Strafkolonie mit mehr als der doppelten normalen Schwerkraft und was die Susy angeht, ausserdem giftig.

Mitten in den weissen Blumen (irdische Rosen, Feldblumen von Gaia) eine Seidenstrauchblüte - von Plejades.

»Hey!« sagte Cleo spontan, »wo hast du die denn her?«

Gabie sagte: »Geheim.«

Und als sie Cleos Gesicht sah: »Nein, Quatsch. Ich habe sie von einem Verehrer. Ein komischer alter Kauz, weisser Vollbart, trägt sogar eine Brille. Sagte, er sei Captain und er habe sie auf einer der Ausenwelten vor Reno gefunden. Aber sonst ist er glaube ich völlig harmlos.«

Sie verstand nicht, warum Anne-Cyril und ich brüllten vor Lachen.
 

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