34. Honey Winters Tagebuch: NebelCleo machte heute wieder einmal eine ihrer regelmässigen Techniker-Trainings-Runden, das heisst, sie simulierte einen Notfall. Diesmal ging es darum, ein Leck in der Aussenhülle zu lokalisieren und abzudichten.
Spassige Sache das, wenn man genau weiss, dass die RAINBOW GLORY kein Leck hat. Die Techniker freuten sich, in das Morgentaining der Rainbows hineinplatzen zu können - denn sie mussten sich ja vergewissern, dass die Druckschotten auf allen Ebenen auch hielten, was der Hersteller versprach - Tante Leilas Mädchenpensionat freute sich auch.
Die Managerin ist auf ihre Art genau so schlimm wie Cleo, weniger als perfekt gibt es bei ihr nicht und die Rainbows waren über die zusätzliche Trainingspause wirklich dankbar. Als ich Cleos Notfall-Übung in meiner Eigenschaft als Captain dieses Schiffs offiziell bei ihnen anmeldete, sah ich rings um mich erstaunlich viele erschöpfte Gesichter.
»Selbst Tanz-Profies scheinen manchmal an ihre Leistungsgrenzen zu kommen«, sagte ich wenig später in der Küche, wo wir uns bei Silver Kaffee holten. Die RAINBOW GLORY flog mit Autopilot.
Ginnie bestätigte meine Vermutung durch Nicken. »Und wenn ich mich nicht täusche, kriegen wir demnächst ein zweites Bordfest«, sagte sie, »so wie Titti Drummer und Frank Jamaica vorhin auf dem Trainings-Deck die Köpfe zusammensteckten ...«
»Nicht, bevor in der Küche die zweite Reling befestigt worden ist! Ich weiss gar nicht mehr wohin, mit Schöpfkellen und Pfannenhebern«, klar, dass Silver sofort Einspruch anmelden musste.
»Die wundersame Vermehrung des Küchengeräts«, spottete Anne, »Silver, alles, was du hast, hängt schon seit vor dem Start, wo es heute ist.«
»So finde ich aber nichts! Es ist viel zu eng geschlichtet. Soll ich's mir vielleicht in die Haare stecken?«
Cleo fand das gar nicht komisch. »Kinderkram. Dafür haben wir heute keine Zeit.«
Sie sagte, Silver müsse warten. Worauf meine Schwester tatsächlich still wurde und (wie ich dachte) schmollte.
Nun, das sind wir bei ihr ja gewöhnt.
Nach dem Mittagessen kaum wieder auf der Brücke, hörte ich irgendwann in der Kursbesprechung, die gerade anlag, schwache Bohrgeräusche aus der Tiefe des Subdecks. Aha, mutmasste ich, Silver hat also doch einen Techniker aufgetrieben, der ihr die zweite Reling anbringt. Und damit konzentrierte ich mich wieder auf Sterntore und Kursberechnungen.
Nicht so Cleo. Sie hörte dem Bohren eine Weile zu, rief schließlich den Dienstplan für den Tag auf und hämmerte danach Befehle in ihr Keyboard, dass die Tasten nur so klackerten. Das Ergebnis brachte sie zum Kopfschütteln. »Angeblich alle Mann auf ihrem Posten. Möchte mal wissen, wer dann Silver die Stange reindreht ... na, vielleicht hat sie tatsächlich selbst zur Bohrmaschine gegriffen. Dass deine Schwester absolut nie warten kann.«
»Sie wird halt doch mal selbstständig werden«, spottete Anne, die heute an meiner Schwester kein gutes Haar liess.
»Oh, seid friedlich!« bat Ginnie.
Das wurde auch, ein friedlicher Nachmittag. Die Kursbesprechung hielt sich in Grenzen. Zabrisky, der wie festgeklebt neben Frog Hansen sass, richtete einmal sogar das Wort an mich. Er fragte mich nämlich, ob ich noch eine Tasse Kaffee haben wollte. Er brachte es zwar nicht über sich, mich dabei anzusehen, aber was soll's. Man darf von manchen Leuten nicht zu viel auf einmal erwarten.
Ich trank den Kaffee und schaffte es sogar, Frogs salbungsvollen Kommentar zu Zabriskys Aktion zu überhören. Halbwegs wenigstens. Die Erleuchteten geben denen in der Finsternis Licht. Oder so ähnlich. Nicht das, was ich mir unter einem konstruktiven Beitrag zur Berechnung von Tordurchflügen vorstelle. Und zu einer Tasse schwarzen Kaffee besonders unpassend. Aber ich ärgerte mich nicht. Nicht wirklich, im Gegensatz zu Cleo.
»Will er damit sagen, dass du eine unterentwickelte Lebensform bist? Oder meint er nur, dass wir alle miteinander blöd sind?« sie redete sich ziemlich in Rage, später im Captains-Zimmer und nicht einmal Ginnie konnte sie bremsen.
»Frog ist kein Fanatiker. Er versucht lediglich, Zabrisky im Zaum zu halten«, behauptete meine Co-Pilotin.
»Jedenfalls kriegt er es mit mir zu tun, wenn er versucht, an Bord eine Lichtgänger-Zelle aufzubauen«, sagte Cleo, immer noch wutschnaubend, und verzog sich zu den Technikern und deren Lagebesprechung (mit Manöverkritik der Leck-Übung vom Vormittag) in den Turm.
»Sie wird noch mehr Kaffee trinken und heute nacht überhaupt nicht schlafen können«, sagte Ginnie traurig.
Und mit einem Mal hatte ich von Allen und Allem genug.
Es passiert mir nicht oft. Ich weiss, dass die RAINBOW GLORY zu klein ist, und dass ich keine Chance habe, auch nur fünf Minuten für mich allein zu sein. Es sei denn auf dem Klo. Ginnie hat das unbezahlbare Talent, bei Bedarf einfach Kopfhörer aufzusetzen und in irgendeinem Musikstück abzutauchen, was sie auch heute nachmittag wieder tat. Mir gelang das nicht. Ich konnte nur die Augen schliessen, mich heftig irgendwohin zu wünschen ... und irgendwann einschlafen.
Ich erwachte vom Piepsen des Alarms. Im Nebel.
Im Captains-Zimmer wirkte er zuerst gar nicht so sehr schlimm. Ich stutzte zuerst nur, weil mir das Warnblinken auf dem Bildschirm so seltsam verschwommen vorkam. Unscharf sozusagen, als ob ich innerhalb eines Nachmittags-Nickerchens plötzlich die Anlagen zur Kurzsichtigkeit entwickelt hätte. Ausserdem störte mich der Lärm. Auf unserem Deck hupte der Alarm.
Aber der Dunst blieb auch, nachdem ich mir die Augen gerieben hatte, und endlich glaubte, dass wir ein Problem hatten.
Ginnie wusste bereits, welches. »Die Klima-Anlage spinnt«, sagte sie, »Cleo ist schon dran. Vielleicht beruhigst du das Ballett?«
Gut gesagt.
Meine Tante nahm es zwar von der heiteren Seite, doch tatsächlich war der Nebel auf den Trainingdeck der Rainbows durch die Grösse des Tanzsaals viel schlimmer, als etwa in den Gängen, oder auf den Treppen zwischen den Stockwerken. Wo ihn das Rotlicht des Alarms zusätzlich einfärbte.
»Schluss für heute, das Nachmittagstraining fällt aus! Vergesst nicht, euch an den Händen zu halten. Damit mir keine verloren geht«, Tante Leila winkte ab, weil ihre Frauen in Lachen und Beifall ausbrachen. Und kaum verschwand die letzte Tänzerin ausser Hörweite, drehte sich die Managerin abrupt zu mir um.
»Honey - wie konnte das geschehen?«
Ja - wenn ich das schon gewusste hätte! Die Aufklärung liess jedoch nicht lange auf sich warten. Cleo stiess zu uns. Sie war mit einer langen Stange bewaffnet, die mir verdächtig nach der von Silver geforderten zweiten Küchenreling aussah.
»Abwehr gegen Zusammenstösse?« vermutete meine Tante.
»Nee.« Cleo war erstaunlich kurz angebunden.
Mir dämmerte etwas. »Silver?«
»Na klar!«
Meine Schwester hatte mit ihrem Selbst-ist-die Frau-Anfall zu tief gebohrt, die Wandverkleidung durchstossen und dabei gleich zwei Klimasensoren "erlegt".
»Die Reibungswärme des Bohrers hat sie zuerst eine gewisse kurze Zeitspanne lang nur überhitzt, bevor sie endgültig den Geist aufgaben. Nur leider - Computerlogik - interpretierte der zuständige Steuerungschip die letzten Daten, die er noch bekam, als schnellen Temperaturanstieg in der Küche und fing an, die heisse und trockene Luft gegen kalte und feuchte auszutauschen. Und da keine neuen Werte mehr nachkamen und die Wärmeentwicklung für einen Brand wiederum nicht hoch und anhaltend genug war ...«, Cleo holte Luft und erklärte Tante Leila und mir, dass die Luftführung im gesamten Decksverbund der RAINBOW GLORY aus praktischen Gründen von unten nach oben geführt wurde, »...warme Luft steigt sowieso hoch ...«,
... hatte die Klimaanlage des Guten entschieden zu viel getan und uns in Nebel gehüllt.
»Frank Jamaicas grosse Wäsche half auch noch mit dazu. Offenbar verteilt der Wäschetrockner genügend feine Staubpartikel und damit Kondensationskerne für Nebel im Unterdeck. Aber das ist nur ein Nebeneffekt. Man muss sich freilich in den nächsten Tagen darum noch kümmern«, schloss Cleo ihren Bericht.
Sie sagte auch, wir müssten uns keine Sorgen machen, der Nebel würde mit der Zeit von selbst wieder verschwinden. »Jetzt, da ich weiss, woran es liegt, brauche ich das Klima an Bord nur entsprechend einzurichten. Wenn man weiss, dass das nötig ist, kann man den Computer durchaus die nötigen Routinen vorprogrammieren.«
»Und Silver wird hoffentlich nicht noch einmal solche Aktionen starten!« Aber das sagte sie erst später off record im Captainszimmer, zu mir.
»Wenigstens brauchen wir den vernebelten Nachmittag nicht aus dem Bord-Logbuch tilgen«, Ginnies Versuch, Cleo zu trösten, kam nicht an.
»Die Flugaufsicht auf der Erde wird sich die Bäuche halten, vor Lachen, wenn sie das sehen«, prophezeite Cleo düster.
Sie war nicht davon zu überzeugen, dass die Mitarbeiter der zuständigen Behörde schon ganz andere Sachen zu Gesicht bekommen hatten.
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