31. Honey Winters Tagebuch: KaterII- in aller Eile -
demnächst schreibe ich noch auf dem Klo ...
Nein, es ist nicht ganz so ernst. Tante Leila kam nur gestern Abend mit einem Anliegen auf das Panoramadeck. Sie sagte:
»Honey - ich darf dich doch einfach so nennen? Also, es gibt folgendes Problem. Wir haben in der Kostümschneiderei verflixt wenig Platz, während das Panorama-Deck hier während des Flugs nach 20 Uhr so gut wie nie gebraucht wird. Es hätte auch den Vorteil, dass wir die Sachen liegen lassen können, bis wir daran weiterarbeiten und somit Zeit sparen. Für Parties oder so ist schnell alles wieder weggeräumt.«
Kaum war meine Tante gegangen, sagte Cleo wütend: »Was glaubt die, was wir hier tun? Stricken vielleicht?«
Was in Annes Fall zufällig sogar stimmte, aber das nur nebenbei.
Zum Glück hielt Cleo aber während Tante Leilas Anwesenheit den Mund. Denn was blieb mir schon übrig. Ich lug Managerin und Show-Gruppe herzlich ein, nach Belieben über den freien Platz rund um das Hufeisen der Brücke zu verfügen.
Es hat auch seine Vorteile. Die Rainbows wissen nichts von der Gepflogenheit aller Crews, im Cockpit nur gepflegten Unsinn zu schwatzen, um dadurch die automatische Gesprächsaufzeichnung des Logbuchs ad absurdum zu führen. Sie werden sich nicht an diesen Brauch halten - und auf diese Weise einen idealen Geräuschhintergrund für uns abgeben.
»Falls wir mal wieder was ändern müssen«, Anne dachte wie immer praktisch.
»Sie werden uns für schwachsinnig halten, wenn sie uns zuhören«, antwortete Cleo kritisch.
Ich überliess beide ihrer Debatte, ob und wozu denn das gut sein sollte,und flüchtete hierher ins Captainszimmer.
Es macht mir wenig aus, wenn Tante Leila & Co mich künftig hin und wieder auf der Brücke im Tagebuch schreiben sehen. Es ist noch die Frage, ob sie dann realisieren, was sie eigentlich sehen. Womöglich denken sie, es gehört dazu.
Nur möchte ich nicht, dass mir jemand über die Schulter linst, wenn ich Dinge festhalte, wie das, was ich gestern Nacht noch kurz vor dem Schlafengehen von Totila erfahren habe. Er passte mich auf dem Weg ins Bad vor dem Schlafengehen ab. Genauer gesagt, er öffnete vor mir einen Einstieg zum Maschinenturm und zog mich blitzschnell hinein.
Es ging mir zu schnell und auch generell etwas gegen den Strich. Ich mag es nicht, wenn man einfach über mich verfügt. Aber ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, zu protestieren, wenigstens nicht im Augenblick. Cleo hatte recht, sie sagte mir schon damals, während des Umbaus der RAINBOW GLORY, dass es im Antriebsturm bei laufenden Maschinen trotz Schalldämmung fürchterlich laut wird. Folglich grinste Totila nur und hielt mir ein Headset hin. Und nach etwas Zaudern setzte ich es auch auf.
Seine Stimme klang über das Lippenmicro womöglich noch sanfter als sonst, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.
»Keine Angst, Honey, ich tu'dir nichts. Ich muss dir nur ohne Zeugen etwas sagen.«
Ich dachte, oh weia, was kommt jetzt?
»Du solltest deine Identitätskarte grundsätzlich bei dir tragen«, sagte Totila ernsthaft.
»Wozu denn das?«
Er lächelte. »Erstens, und das hast du im Fall Hansen/Zabrisky selbst gemerkt, kommst du nur mit der Karte an bestimmte Dateien ...«
»... die ich sicher nicht täglich brauchen werde.«
»Vielleicht nicht«, fuhr er ungerührt durch die Unterbrechung fort, »zweitens ist deine Karte sehr wertvoll.«
»Kommm!« sagte ich, »das bisschen Bargeld, das mir gehört, ist nicht der Rede wert.«
Totila schmunzelte.
»Der Alte hat alle Kredite für Liegeplatz, Verpflegung und Treibstoff auf deine Karte gebucht. Du kannst diese Summen zwar nur via Adresse RAINBOW GLORY öffnen. Aber danach kannst du nach Belieben überweisen was und wohin du willst.«
»Guter Gott! Habt ihr gar keine Angst, dass ich damit verschwinde?«
»Wohin denn?« fragte Totila.
»Na«, sagte ich, »nach der Landung auf der Erde eine kurzer Zwischenstopp auf einem anderen Kontinent und danach ab Richtung Ceres oder Gaia ...«
Totila schüttelte den Kopf. »Selbst wenn wir dich nicht finden sollten, die Mafia findet dich bestimmt. Vergiss nicht, wir haben einen Spion an Bord.«
»Weiss Vermillion, was auf meine Karte wert ist?« fragte ich.
»Bis jetzt nicht«, sagte Totila, »und ich glaube auch nicht, dass ich es ihr je sagen muss.«
Er schien auf etwas zu lauschen, und dann nahm er mich bei den Schultern und schob mich sanft wieder aus der Einstiegsluke zurück auf den Gang vor Silvers Küche.
»Honey, du bist ein zu ehrlicher Mensch, um so etwas auch nur eine Sekunde ernsthaft in Erwägung zu ziehen«, stellte Totila fest.
Und dann, bevor er mich losliess, küsste er mir die Hand.
Jetzt bin ich nervös.
Nicht deswegen. Ich glaube sowieso, das war reine Bosheit, denn in der Sekunde, da seine Lippen meine Haut berühren, bog Vermillion O'Toole um die Ecke, vielmehr die Gangbiegung.
Nervös macht mich das, was in meiner Identitätskarte steckt.
Sogar ganz gewaltig.
Vierzehn Millionen Credits. Ich habe nachgesehen.
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