BauchtanzLeila Aylik: Schatten der Vergangenheit

Kurzbiographie

Sie dachte nicht mehr oft daran. Die Frau, die sie einmal gewesen war, lag tot in ihrem Sarg. Und das war auch gut so.

Über die Vergangenheit nachzudenken brachte nichts. Sie, die sich jetzt Leila Aylik nannte, schon so viele Jahre, dass sie ihren richtigen Namen fast vergessen hatte, wollte nicht zurückblicken.

Ein Wunder, dass sie ihren Glauben behalten hatte. Sie war weit gereist, Jahre lang, von Kolonie zu Kolonie, immer getrieben von der Angst, ihre ehemaligen Oberen könnten sie eines Tages doch noch finden. Eingetreten war der Fall der Fälle nie. Zum Glück. Für den Orden lag sie tot auf dem Erd-Mond.

Um diesen Preis der Verstrickung aus Lügen und Sex entkommen. Sie durfte leben, wenn auch fern von ihrer Heimatwelt, den Menschen, die sie liebte. Ob Lilly sie wohl manchmal vermisste?

Der Glaube gab Leila Aylik die Kraft, immer noch. Sie wusste natürlich längst, durch ihre Reisen und auch aus den Quellen, dass optische Phänomene, wie sie manchmal beim Durchgang eines Raumschiffs durch ein Sterntor auftraten, nicht wirklich Boten des Lichts waren. Sie kannte alle Theorien dazu, die theologischen genau so, wie die der Laien.

Die Kirche der Anhänger der Boten des Lichts vertrat als offizielle These, dass ihr Prophet, der Gesegnete Christensen MacCall, Captain der CLOSE ENCOUNTER (Nomen est Omen), eine echte Begegnung mit Außerirdischen erlebt hatte. Wahrscheinlich die einzige in  diesem Jahrtausend, denn das Phänomen der Lichtgänger liess sich nicht in der Vollständigkeit wiederholen, wie es MacCall beschreiben hatte. Weiss Gott womit ausgerechnet MacCall die Ehre verdient hatte. Aber SIE hatten mit ihm geredet.

Vielleicht. Psychologisch betrachtet ein klassischer Fall von Wahnvorstellungen, Spätfolge nach Dauer-Stress. Immerhin hatte die Mannschaft der CLOSE ENCOUNTER als erstes irdisches Raumschiff den Sprung durch ein Sterntor gewagt, und das, ohne zu wissen, ob Mensch und Material die Passage überstanden. MacCall und seine Leute waren jedoch unbeschadet zurückgekehrt und dafür auf der Erde gebührend gefeiert worden.

Aber mit den Jahren wurden die Sterntordurchflüge zur Routine, die Helden schluckte der Alltag. Leila Aylik wusste, aus eigener, schmerzlicher Erfahrung, das packte man nicht so leicht. Dass MacCall sich später selbst zum Botschafter des Lichts ausgerufen hatte, dafür von der Öffentlichkeit weitgehend für seine Thesen zu den Lichtgängern verlacht worden war und sein Leben hinter den Mauern eines wunderschönen Landsitzes beendet hatte, den Nichtgläubige ein Sanatorium nannten, wunderte die Managerin nicht.

Die wissenschaftlichen Erklärungen des Lichtgänger-Phänomens befriedigten sie aber auch nicht. In einem hatte der Prophet MacCall recht. Es gab etwas, hinter der sichtbaren Welt. Es musste einfach etwas geben. Es konnte doch nicht sein, dass die Starken immer die Schwachen besiegten, dass Geld vor Recht ging, und Macht vor Moral. Wobei Leila Aylik ihre Illustionen über die zu ihrer Zeit amtierenden Anhänger MacCalls in dieser Hinsicht bald und gründlich verloren hatte. Die Oberen der Kirche der Anhänger der Boten des Lichts redeten zwar geläufig über die Lichtgänger redeten, und dass alle Menschen Brüder seien.

Doch bei solchen schönen Sprüchen hielten sie die Hand auf und nahmen. Und bekamen nie genug. Vielleicht war MacCall wirklich ein Heiliger gewesen, oder je nach Sichtweise auch nur ein harmloser Irrer. Seine Nachfolger waren jedenfalls keines von beidem. Machthörig, besessen vom Götzen Mammon, das waren sie. Rein - ach du lieber Gott!

Womöglich war MacCall lediglich zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Aber zumindest hatte er hinterher versucht, ein moralisch einwandfreies Leben zu führen. Glaubte man der Botschaft seiner Kirche, dann teilten sich die Lichtgänger nur aussergewöhnlichen Persönlichkeiten wie MacCall direkt mit. Trotzdem durfte jeder Mann, jede Frau glauben. Die Sterntor-Erscheinungen waren ein Zeichen. DAS ZEICHEN, ein Menetekel auf Raumschiffen. Und jede(r) Gläubige musste für sich selbst herausfinden, was ihm das Licht mitteilen wollte.

Hatten die Engel des HErrn nicht immer eine Form gewählt, die ihnen erlaubte, unerkannt unter Menschen zu wandeln? Vielleicht war ihre Form für das vierundzwanzigste Jahrhundert einfach die des reinen Lichts. Die Oberen hatten für fast alles eine Erklärung und die Lebensbeschreibungen aller Propheten seit Moses gründlich studiert. Keiner von ihnen habe den Job freiwillig und begeistert gemacht. Alle litten sie unter Zweifel und der HErr schlug sie dafür. Mit Krankheit, mit der Ignoranz ihrer Mitmenschen. Der Prophet gelte nun einmal nichts in seinem Vaterland. So gesehen war auch MacCalls Schicksal typisch.

Und man verlangte sicherlich zu viel vom Licht, seine Boten liessen sich eben nicht mehr zu jedem einzelnen Menschen herab und gaben ihm oder ihr genaue Anweisungen für ein gottgefälliges Leben. Das Wie und Was, das Wann müsse man schon selbst für sich entscheiden.

Reichlich bequem für den Orden, diese Art der Deutung. Trotzdem hatten die Oberen auf ihre eigene verquere Art vielleicht dennoch Recht. Ein Körnchen Weisheit steckte überall. Leila Aylik hatte lange darüber nachgedacht. Möglicherweise lautete die Botschaft für sie tatsächlich: Verlasse deine alte Umwelt. Begib dich ins Nichts.

Nur - was war hier ihre Aufgabe? Sie würde es nie mit Sicherheit wissen.

Vielleicht hätte sie bleiben sollen. Den Kelch sozusagen bis zur bitteren Neige leeren. War ihre Flucht Feigheit gewesen? Sie konnte es nicht sagen.

Die Erinnerung an jenen letzten Tag machte sie noch immer krank.

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