30. Honey Winters Tagebuch: KaterWozu doch Parties gut sind. Vermillion O'Toole läuft wie eine zufriedene Katze durch das Schiff und bei Anne und Jules hat es wohl auch gefunkt. Mit anderen Worten: wir durften den Wohntrakt der Chefcrew vorhin ein wenig umräumen. Cleos Bett steht künftig auf Dauer bei mir - was sie zu vielen Entschuldigungen veranlasste, dabei macht es mir wirklich nichts aus. Natürlich war es nicht so geplant, als Captain sollte ich eigentlich sogar zwei ganze (winzige!) Räume für mich haben.
»Von wegen Status und so«, sagte Cleo ebenso reuig, wie unzusammenhängend, aber einen der beiden Räume hatten wir ohnehin von Anfang an zum Aufenthaltsraum für die gesamte Chefcrew umfunktioniert und ob im zweiten ein Bett steht, oder zwei, ist nun auch schon egal. Privatleben hat an Bord sowieso keiner von uns.
Gewollt, oder nicht, man erfährt alles, bis ins Detail. John Wayne und Zabrisky zum Beispiel sind sich inzwischen vollständig gram - ich vermute mal, weil Vermillion O'Toole auf der Party Zabrisky abgeschleppt hat - und dazu kam noch, dass Jules wohl auch ein wenig ausgelaugt zum Dienst erschien. Mit dem Ergebnis, dass Crew Drei um 6:49 Uhr kurz vor Schichtende den fälligen Sterntordurchflug vermasselte und eine Schleife drehen musste. Doch zu ihrem Glück oder Unglück war Ginnie bereits wach. Sie kam Wayne und Zabrisky zu Hilfe.
So steht das jedenfalls im Logbuch. In Wahrheit und das weiss ich nun wieder von Jules Arcan, er hat es mir nämlich erzählt, spazierte Ginnie um exakt 6:50 Uhr auf die Brücke, scheuchte sowohl Wayne, als auch Zabrisky aus ihren Sitzen und übernahm die Sache im Alleingang.
»...wie eine Rachegöttin«, sagte Jules grinsend, »und sie hat das Tor genial erledigt. Meine Güte, was für eine Pilotin!«
»Und wenn schon. Tu' uns allen den Gefallen, und treibe es nicht gar zu weit, ja? Ich meine - du wirst es doch wohl noch schaffen, dich mit Anne auf vernünftige Beischlafintervalle zu einigen«, sagte Cleo und setzte sich mit Kaffeetasse an ihren Platz, ungerührt davon, dass es Jules und mir ob so eindeutiger Worte ausgerechnet aus ihrem Mund die Sprache verschlug.
Davon einmal abgesehen, musste ich natürlich etwas gegen die Animosität zwischen John und Zabrisky unternehmen. Ich wollte das Problem gleich in der Piloten-Konferenz angehen. Leider machte ich den Fehler, erst hinterher Attila Gorekians Memo-Datei zu den Crews aufzumachen. Oder eigentlich war es nicht meine Schuld. Der Alte hatte seine "Geheiminfo für den Captain" einfach zu gut versteckt. Wenn ich eine Chance gehabt hätte, sie früher zu lesen, brauchte ich mir jetzt keine Sorgen zu machen.
Vielleicht übertreibe ich auch. Wir werden abwarten müssen ...
Aber eins nach dem anderen:
Die Kursbesprechungen mit allen drei Teams finden meistens am späten Nachmittag statt, da ist es für uns, die Chef-Crew, nämlich gerade günstig: wir haben unser Nickerchen hinter uns und noch Pause vor der Abendschicht, und Crew Zwei, die morgens um 04:00 Uhr Schluss hatte, ist ausgeschlafen und kommt zufrieden von einem ausgedehnten Brunch und begleitendem Schwatz mit Silver. Die einzigen, die mit dieser Regelung nicht so ganz glücklich sind, sind die Piloten der Crew Drei, aber ich kann es schliesslich nicht allen recht machen. John Wayne und Zabrisky gehen morgens um Acht schlafen, sie sind um 16:00 also gerade wieder wach und meistens etwas ungnädig, wenn sie zum Frühstück Koordinaten berechnen sollen.
Jetzt musste ich ihnen auch noch ins Gewissen reden. Und war daher auf Widerstand gefasst, ich mischte mich auch gar nicht gerne ein. Aber ich weiss (aus eigener Erfahrung), dass sogar Kleinigkeiten wie die, wer wann wo seine Haarbürste hinstellen darf, auf Langstreckenflügen leicht zu Grundsatzdebatten führen und in soliden Hass umschlagen, wenn man nicht rechtzeitig etwas dagegen unternimmt. Wobei die einzig mögliche Lösung oft genug darin besteht, dass der Captain die Kontrahenten so gut wie möglich trennt.
»Hah! Das mach' mal, auf einem so kleinen Schiff!« sagte Cleo, heute mal wieder Kassandra.
Auch Ginnie zog ein bedenkliches Gesicht. »Ich weiss nicht, ob es eine gute Idee ist, zwischen den Crews zu tauschen.«
»Ihr seid mir eine wirkliche Hilfe!« sagte ich.
John W. und Zabrisky hatten das Problem allerdings schon unter sich geregelt. Sie sagten mir auch die Lösung.
»Zabrisky tauscht mit Solera. Frog sagt, es ist ihm egal, wer seinen Co macht«, sagte John Wayne und schob das Kinn vor. Sollte heissen: Captain, vermassel du mir bloss nicht, was ich eingefädelt habe!
Ich sah Frog an. Kam er mit Zabrisky zurecht?
Frog Hansen verzog keine Miene. »Das passt schon«, sagte er.
Dummerweise glaubte ich ihm. »Na schön! Wenn ihr alle damit einverstanden seid, dann fliegt ab sofort Solera mit Wayne und Zabrisky mit Hansen.«
Sah ich richtig, oder tauschten Frog und Zabrisky tatsächlich einen intensiven Blick? Ich witterte Unheil, aber dann dachte ich: Quatsch, du siehst Gespenster. Vielleicht hat Zabrisky nicht nur ein Auge auf Vermillion geworfen, sondern auch noch homosexuelle Neigungen. Kommt er deswegen mit John Wayne nicht klar? Mir egal, sollen sie treiben, was und mit wem sie wollen.
Kaum zu diesem Schluss gekommen, fing ich einen anderen Blickkontakt auf, zwischen Totila und Ginnie. Er war in die Kursbesprechung gekommen, weiss Kuckuck warum, und so wie sie sich beide ansahen, konnte ich fast ihre Gedanken mitlesen: Siehst du, da haben wir die Bescherung.
--- Unterbrechung ---
20:20. Die Vorahnungen der Terescus. Welche, fand ich wenig später heraus, als ich die Umbesetzung samt neuem Dienstplan mit Beginn der Abendschicht ins Logbuch eintragen wollte. Mit diesem Ergebnis:
Zugriff erst nach Bestätigung der Zugriffsberechtigung.
Auf meinem Bildschirm hüpfte ein grellrotes Icon. Die Datei hiess sinnig:
Captain Honey Winter - For your eyes only -
Ich musste meine Identitätskarte holen, um sie öffnen zu können, und danach war ich auf den Alten ziemlich sauer. Attila Gorekian, und der Teufel soll ihn holen, denn das hätte ich wirklich lieber gewusst!, obwohl es mir natürlich jetzt, Wochen entfernt von Reno, gar nichts mehr nützte, der Alte hatte jedenfalls in dieser Datei recht brisante Informationen über einige Mitglieder der Besatzung versteckt. Zu Zabrisky und Frog Hansen las ich jeweils:
Vorsicht! Aktives Mitglied der Lichtengel-Sekte.
Womit ich dadurch, dass sie nun zusammen arbeiten, mit nur etwas Pech zur Bildung einer fundamentalistischen Keimzelle an Bord der RAINBOW GLORY beigetragen habe.
---- Nachsatz ----
Erinnere ich mich richtig, dass meine Tante vor ihrem fingierten Tod ebenfalls Probleme mit den Lichtgängern hatte? Komisch, ich dachte immer, die Anhänger dieser Sekte führten ein besonders keusches Leben. Ob Frog Hansen wohl mit Zabriskys Techtelmechtel mit Vermillion einverstanden ist?
Na, ich lasse mich überraschen.
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