Nicht, dass er es wirklich nötig hatte. Oder besser gesagt, Totila gefiel die Vorstellung nicht. Nicht nach dem Piraten-Dojo und Vermillion O'Toole mit ihrer/seiner zur Schau getragenen Sexualität. Ausserdem tat die Trennung, was heisst Trennung, die still schweigende Übereinkunft zwischen Anne und ihm, dass sie die Beziehung zu Totila als beendet betrachteten, zugegeben, sie tat noch immer weh.
Ein bisschen. Wie der Katzenjammer nach einer durchsoffenen Nacht. Den Totila genau genommen nie selbst gehabt hatte, weil er aus anderer Leute Zustand zu genau wusste, mit-gefühlt hatte, wie man sich danach fühlte. Er trank nie so viel. Das musste wirklich nicht sein. Nicht, wenn es sich vermeiden liess. Er liess sich auch nie so intensiv auf eine Frau ein. Genau genommen.
Anne, naja, sie war wie alle gewesen. Heiss im Bett und im Alltag ein guter Kumpel. Aber im Kopf das Chaos. Frauen waren grunssätzlich so. Sprunghafter, als Männer. Emotional. Nur Ginnie nicht, oder zumindest nicht in diesem Mass. Sie war ganz anders. Im Gedanken auf ihn eingestimmt, eben.
Trotzdem fand es Totila ganz angenehm, sie im Augenblick nicht an seiner Seite zu wissen, weder körperlich noch geistig. Ginnie steckte mitten in den Vorbereitungen für ihren A-Pilotenschein - oder sie schlief schon. Totila konnte es zum ersten Mal seit Wochen nicht genau sagen. Zwischen ihr und ihm steckten im Augenblick Millionen Tonnen Gestein und die Gedanken von Hunderttausend Menschen.
Er hatte noch immer leichte Kopfschmerzen. Oder vielmehr ein ganz leicht taubes Gefühl im Kopf dort, wo er normalerweise fremde Gedanken hörte und Ginnie ging das wohl genauso. Sie würde heute Nacht zwangsläufig nichts von seinen Aktivitäten mitbekommen. Die Gelegenheit war also günstig und Totila, ob er es sich selbst eingestehen wollte oder nicht, auf der Jagd.
Herr Gott, er kam sich ziemlich dämlich vor, weil er sich überhaupt Gedanken über seine Sexualität machte. Hatte er sich nicht in den vergangenen Wochen selbst bewiesen, dass er es sehr gut ohne Sex aushielt? Und wenn es wirklich nur um die basics ging, den reinen Instinkt, rein, wie sagen wir: Hunger, Durst, Bedürfnis nach Schlaf, das Entleeren der Blase, dann, ja dann - hätte er sich am besten gleich auf Vermillion eingelassen. Totila war ganz sicher, dass sie das Kamasutra von vorne bis hinten beherrschte.
Er grinste für sich selbst, für eine Sekunde entzückt von der Anzüglichkeit des Gedankens, während er aus dem Taxi stieg und sich langsam quer über die Fussgänger-Passage dieser Verkehrsebene auf den Eingang der Shopping-Mall unter dem Historischen Institut Reno zu bewegte.
Aber es half natürlich alles nichts. Totila wäre
nicht gerne mit Vermillion O'Toole im Bett gewesen. Genauer gesagt nicht
einmal gerne lange allein in einem Zimmer. Ob sie ein höfliches Nein
überhaupt verstand? Es war ein Kreuz mit Leuten, die sich zur Selbstbestätigung
über ihren Körper definierten.
Ganz egal, ob sie nur vertikal oder sonstwie Sport betrieben,
Totila regte das auf.
Nicht an. Und die Wanddisplays mit Ausstellungsstücken aus dem Historischen Institut Reno, früher besser bekannt als: Das Haus der Laster, und in der glorreichen Vergangenheit der Piraten Renos berühmtestes Bordell, sie machten die Sache auch nicht besser. Obwohl zumindest einige der Hologramme an Deutlichkeit - und da transparent, anatomischer Korrektheit - wirklich nicht mehr zu überbieten waren.
Totila kannte sie nur schon so lange und ganz davon abgesehen hatte ihn Zuschauen noch nie angemacht. Er nahm die Dinge immer lieber selbst in die Hand - sozusagen.
Nun ja.
Um diese Zeit traf sich alles an den Brunnen der Shopping Mall. Totila liess sich in der Menge treiben und am zweiten Brunnen fand er Sie.
Sunny Fairchild.
Sehr jung, blond und ebenso auf der Suche, wie er. Manchmal
muss man ein Mädchen nur ansehen.