Biefer Eisbecher 29. Honey Winters Tagebuch: Let's have a Party ...

Tagebuch: Eintrag vom 02.07. 2389: 09:00

Ja, die Bordparty ... In gewisser Weise sind alle Parties gleich. Einige Leute haben viel Spass, manche wieder weniger und irgend jemand ärgert sich hinterher garantiert, egal, ob das Fest am Baggersee stattfindet, oder im All. Wobei ich Cleo den Begriff Baggersee erst einmal erklären musste, und selbst danach krauste sie noch die Nase. In dieser Hinsicht ist Cleomene Patras, Ingenieurin mit Spezialgebiet Raumschifftechnik, eine typische Kolonistin (mir klar, dass das ein Vorurteil ist). Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, wozu Leute schweres Geräte heranschaffen und ein Loch in die Landschaft graben sollten, nur um anschliessend Wasser hinein zu kippen. Zitat: »Wo es doch auf jeder erdähnlichen Welt überall genug Seen gibt.«

Ich fürchte, es wird schwierig werden, Cleo zu vermitteln, wie wenig das auf die Erde zutrifft - zumindest in gewissen Bereichen - und wie dicht die Besiedlung zu Hause ist. Als ich ging, lebten dort noch immer um die sechs Milliarden Menschen; und das nach einem Aderlass von beinahe einer Milliarde Kolonisten und Millionen Toten durch weltweite Seuchen, Hungersnöte, Kriege, Wetterkapriolen und andere, vom Menschen selbst verschuldete Nettigkeiten, von denen ich Cleo lieber nichts erzählte. Sie hätte mich sonst noch für verrückt erklärt. Beziehungsweise geglaubt, ich erzähle ihr Märchen.

Dies übrigens ein gängiges Vorurteil, das Kolonisten Erdleuten gegenüber haben.

Sie denken alle, wir schneiden bloss auf. Ich weiss das und es kümmert mich nicht sonderlich, obwohl inzwischen auch Crew Zwei und Drei herausgefunden haben, dass ich EinevonDenen bin, und je nach Temperament Bemerkungen darüber machen, oder eben gerade nicht. John Wayne, Chef der Crew Zwei sagt, für eine Erdfrau sei ich eine nette und kein bisschen hochnäsig (was mich natürlich zu hören freute). Der Co-Pilot aus Drei dagegen gibt sich neuerdings alle Mühe, mich zu übersehen. Wobei er damit soweit Pech hat, als ich mir nichts daraus mache und ihm trotzdem Fluganweisungen gebe, wenn ich meine, das braucht es. Captain sein hat Vorteile.

Ausserdem muss ich zugeben, dass die Abneigung gegenseitig ist. Ich kann und kann mir seinen Namen nicht merken. Zabrisky - das habe ich gerade in der Mannschaftsliste nachgesehen. Einen Vornamen hat er uns verweigert, oder besser gesagt: er rückt ihn nicht heraus.

---- Pause ---

Einschub: Ich war soeben mit Anne in der Küche, für uns alle auf der Brücke Kaffee holen. Anne sagt, womöglich hat Zabrisky überhaupt keinen Vornamen. Ich wusste es nicht, aber auf Reno bekommen Kinder grundsätzlich den Familiennamen der Mutter; und manche geben ihn nur den Töchtern, nicht jedoch Söhnen weiter.

Nachsatz: das hätte ich mir eigentlich schon vor Annes aufklärenden Sätzen denken können. Auch Ginnie und Totila heissen Terescu wie die Präsidentin und nicht MacDiarmuid, wie ihr Vater.

Na gut. Zabrisky, wie gesagt, ignoriert mich, wenn er kann. Ich meinerseits sehe nicht ein, warum ich mich mit ihm abgeben soll. Bei der Kursbesprechungen ist er dabei, erfährt somit alles, auf das es ankommt und wenn er nicht mit mir reden will, ist das sein Problem.

Während der Party jedenfalls hat er sich mit seiner Einstellung zu mir ziemlich blamiert.

Es lief ganz gut, dies unser erstes - und wahrscheinlich nicht letztes - Bordfest. Vor allem war Silver zufrieden. Sie sagte, die Möglichkeit, sämtliche Restvorräte an Frischfleisch und -gemüse auf einmal zu verbrauchen und noch dazu mit gutem Effekt, komme nicht wieder. (Logisch: jetzt sind wir alle Reste los.)

»Für ein kaltes Buffet hätte es nicht mehr gereicht«, sagte sie glücklich, »aber Fingerfood macht sich doch auch ganz nett.«

Was natürlich nichts darüber aussagt, dass sie zumindest uns, die Chef-Crew, diese letzten beiden Tage in der Küche ungnädig empfing, eine fürchterliche Laune verbreitete und höchstens Sandwiches oder Soljanka servierte. Nichts gegen diese Suppe, normalerweise kocht Silver sie richtig gut. Aber vorgestern und gestern gab es sie zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen. Und wie Cleo düster sagte: »Es schwimmt mir zuviel Undefinierbares darin herum.«

Aber damit kam sie bei Silver nicht an. Mein Schwesterlein knallte Cleo die Menagerie mit Sojasosse, Sambal Oelek und Essig vor die Nase.

»Da!« sagte sie, »schmeiss' was davon rein, wenn's dir nicht schmeckt. Ihr wolltet Bordparty. Für Sonderwünsche habe ich KEINE Zeit.«

Spätestens wenn Silver anfängt, in Grossbuchstaben zu reden, lässt man sie besser eine Weile in Ruhe ...

Doch zur Party übertraf sie sich dann wirklich selbst. Es gab sogar für jeden einen Eisbecher.

»Marcel Biefer «, sagte Anne-Cyril und verdrehte genüsslich die Augen, »das Beste, was man im Netz finden kann. Hast du es auf Reno gekauft? Warum hast du uns nicht schon früher etwas davon serviert?«

»Oh, weil ich nichts davon wusste. Das war der persönliche  Vorrat von Estelle«, Silver deutete mit ihrem Löffel auf eine sehr blasse, sehr junge Frau mit violett getönten Haaren, »Leila Aylik hat es wohl gestern herausgefunden. Mir tut sie ja ein bisschen leid ...«

»Wer? Leila-in-Chief?« Annes Meinung über meine Tante stand ihr im Gesicht.

»Estelle«, sagte Silver zwischen zwei Löffeln Eis, »die Aylik hat Estelle gezwungen, mir das Eis zu geben. Muss 'n ziemlichen Aufstand gemacht haben, gestern, beim Nachmittagstraining. Wegen möglicher Gewichtszunahme und den Kostümen und so. Dabei ist Estelle gar keine Tänzerin.«

»Nein? Was tut sie dann hier?« Anne wunderte sich, aber Silver wusste längst alles über die Innenstruktur der Rainbow-Show. Es gab sieben Tänzerinnen, für jede Farbe des Regenbogens eine und genauso sieben sogenannte Beauties. »Die machen nur so eine Art Cat-Walk. Anders gesagt, sie stehen dekorativ in den Kulissen herum. Posing halt.«

Anne machte: »Aha!«

Da ich neugierig bin, liess ich mir von Captain-Girl Titti  Drummer genauer erklären, wie die Shows abliefen. Denn ich kannte sie zwar von den Videos, die der Alte aus Reno mitgebracht hatte, damals vor Monaten, als ich mich in meine Aufgabe als Captain einarbeiten sollte. Ich glaube, ich muss eine ganze Kollektion von Shows gesehen haben, aber dass eine der beteiligten Frauen nicht tanzte, war mir darin nicht aufgefallen. Ausserdem keine Modenschau, wenn es das war, was Silver damit meinte. Und wenn ich so an die Gesichter dachte, an die ich mich erinnerte, wurde mir klar, dass sich kein einziger der bekannten Stars der Rainbows an Bord befand. Gorekian Spacelines beförderte die zweite Besetzung.

Titti Drummer sagte, nein, es sei ein neues Konzept, extra für die Tournee zur Erde entwickelt.

»Wir sind speziell für dafür engagiert worden, Leila Aylik auch. Obwohl sie wohl zuerst total dagegen war. Sie wollte absolut nicht mitfliegen. Aber sie ist überredet worden«, Titti wies unauffällig Richtung Vermillion O'Toole. Vermillion aale sich auf einer der Couches des Panorama-Decks in der Bewunderung zahlreicher Verehrer - so zahlreich das bei fünfzehn Männern an Bord eben ging. (Totila fehlte.)

»Was heisst das: überredet?« Nun wollte ich es doch wissen. Titti verdrehte die Augen.

»Leila redet nicht gerne darüber«, sagte sie, »du kennst die Lichtgänger?«

»Das ist eine Sekte«, sagte ich vorsichtig.

Schatten der Vergangenheit: ich war zwölf oder dreizehn, als Tante Leila Schwierigkeiten mit dieser Spielart des Fundamentalismus bekam, deshalb weiss ich nicht übermässig viel darüber, wie und was genau ablief. Ganz davon abgesehen, dass ich heute annehme, meine Eltern schotteten mich ab. Ein Jahr später war meine Tante offiziell und für uns tot, ich Einzelkind bekam eine Schwester - und Hemmungen, weil damit ja nun jeder, aber auch wirklich jeder in der Schule klar sein musste, dass es meine Eltern (in meinen Augen uralte Leute) doch tatsächlich noch immer  miteinander trieben - ja, und ausserdem gab es Flugsimulatoren, jede Menge  Zoff zu Hause, weil ich mich seit dieser tollen Entdeckung nach Meinung meines Vaters viel zu sehr darum und zu wenig um die Lerneinheiten für die Basis-Bildung kümmerte (womit er Recht hatte) und trotzdem noch vier sorglose Jahre.

Danach allerdings war damit Schluss und zwar für immer. Aber ich wollte mir und Titti die Party nicht mit meiner Lebensgeschichte  vermiesen, was ging es sie auch an? und so zog ich mich lieber mit Anne und Jules Arcan, dem Funker der Crew Drei (natürlich heisst das offiziell für beide Kommunikationsspezialist), in eine Ecke zurück. Beide, und das hatte ich mir gedacht, wussten alles über Lichtgänger, Sterngötter und ähnlichen ausserirdischen Hokuspokus - und wie alle Funker glaubten sie nicht daran. Oder zumindest nicht bis zur Anbetung.

»Wie du weisst, hat kein Mensch je einen der geheimnisvollen Konstrukteure der Sterntore gesehen«, begann Anne, »und wie du auch weisst, gab es bei der allerersten vier Tordurchflügen unerklärliche Lichterscheinungen.«

»Die Lichtgänger. Bis heute undokumentiert.«

»J-ja«, Anne zögerte auffallend, und sah mich vorsichtig an.

»Nein«, sagte ich, »ich halte das für Unsinn. Wenn du mich fragst, war das nur Hysterie und sonst nichts.«

Ich sah aus den Augenwinkeln, wie Ginnie mit Leila Aylik  sprach, oder vielmehr meine Tante mit ihr und wie dann beide mit Chiyo Asadori  zu der Couch gingen, auf der Vermillion O'Toole Hof für einen Teil meiner Mannschaft hielt. Die Zahl ihrer Bewunderer war mittlerweile etwas geschrumpft, weil sich die Rainbows und meine Crews munter kreuz und quer unterhielten. Sogar Cleo lachte mit. Aber dann sprach Jules weiter und als ich wieder Richtung Couch sah, waren Vermilllion, Tante Leila, Chiyo und Ginnie verschwunden.

»Nun, man kann es nicht völlig als Hysterie abtun«, sagte er zu meiner Überraschung und damit vergass ich Vermillion ganz.

»Ach?«

»Du kannst es nicht wissen«, sagte Jules, »aber man kann auf jedem Schiff unter bestimmten Voraussetzung Lichterscheinungen provozieren. Oder zumindest etwas, das den Aussagen von John Christensen MacCall von der CLOSE ENCOUNTER sehr nahe kommt.«

»Wie bitte?« fragte ich, denn das stellte die offizielle Lehrmeinung so ziemlich auf den Kopf. Und die der Lichtgänger-Sekte sowieso.

»MacCall behauptete, die Lichterscheinung ging zwei Mal quer durch das Cockpit der CLOSE ENCOUNTER und drang zielgerichtet in die Anschlüsse des Bordcomputers ein. Er war der Meinung, die Konstrukteure der Sterntore hätten ihn und sein Schiff durchleuchtet und die Menschheit dabei quasi für würdig befunden, die Sterntore benützen zu dürfen ...« , sagte Jules.

»... und er hat eine Religion damit begründet. Ist mir bekannt«, sagte ich. Ausserdem wusste ich, dass John Christensen MacCall seine letzten Jahre in einem Sanatorium verbracht hatte, wo ihn regelmässig Lichtgestalten besuchten. Sagte er.

»Da war MacCall natürlich schon völlig daneben. Übergeschnappt«, gab Jules zu, ich muss sagen, zu meiner Erleichterung, »aber das mit dem Licht passiert tatsächlich. Du bist noch nie durch ein unregistriertes Sterntor geflogen, stimmt's? Ich schon.«

»Erzähl' mal.«

Jules sagte, sie seien eigentlich versehentlich hindurchgeraten.

»Ich habe die Kennungs-Melodie des Sterntors davor nicht hundert Prozent richtig  hingekriegt ...«

»Du hast sie doch nicht etwa per Hand ...?« Ich war entsetzt. Eine Zahlen- und Ziffernmatrix mit 48 Positionen!

Anne sagte, da sei nicht viel dabei. »Was meinst du, wie ich Plejades - Reno programmiert habe? Der Alte stellt niemand ein, der die Tormelodien nicht im Kopf behalten kann.«

Auch eine Methode, um zu verhindern, dass die genaue Position  seiner Welt Eingang in der allgemeinen Sterntor-Routendatei verzeichnet wird. Oder mit anderen Worten: ohne Anne und vielleicht Ginnie konnte niemand von uns nach Plejades zurück.

Dafür tauchte meine Co-Pilotin gerade eben mit meiner Tante wieder aus der Versenkung auf, will sagen, sie kamen gemeinsam die Treppe zum Panorama-Deck hoch.

»Wow«, sagte Jules.

Für eine Sekunde wurde die Party schlagartig still.

Ginnie sagte später zu mir, sie habe gedacht: hej, das bist du nicht, als sie sich zum ersten Mal im Spiegel gesehen habe. Chiyo hatte ihr die Haare mit dem Lockenstab geringelt und ihr Gesicht mit perlweissem Puder bestäubt, Vermillion ihr in ein langes weisses Kleid geholfen.

Heraus kam eine Göttin.

Sie floh zwar relativ schnell wieder nach unten und kam zurück wie immer, Ginnie in Hemd und Hosen, die Haare im Zopf. Aber der Eindruck liess sich nicht mehr auslöschen. Die Bordparty hatte ihre Sensation.

»Nun wissen wir wenigstens, wen wir fragen müssen, falls wir eine zusätzliche Beauty benötigen«, sagte Titti Drummer. Sie prostete Ginnie lachend zu.

Cleo packte mich am Arm. »Ich muss mit dir reden.«

»Also was gibt es?«

»Es ist ein Skandal«, sagte sie.

»Dass Chiyo und Vermillion Ginnie verkleidet haben? Nun lass ihnen doch den Spass.«

»Quatsch! Das meine ich nicht. Da - nimm mal einen Schluck«, Cleo drückte mir energisch ein Glas in die Hand.

Ich kostete. Der Drink schmeckte sehr fruchtig, gut komponiert, nach Ananas und Kokos, süss, leicht berauschend. Ich roch noch einmal.

Bacardi.

»Rumaroma«, sagte ich.

»Du meinst wohl Alkohol! Wenn ich den erwische, der das verdammte Zeug eingeschmuggelt hat. Dann aber ...« Cleo wedelte energisch mit einer Hand.

»Niemand hat Alkohol an Bord gebracht«, mischte sich Totila ein, der nun gegen Ende der offiziellen Party tatsächlich den Antriebsturm verlassen hatte. Boshaft wie ich bin, dachte ich, dass es natürlich auch daran liegen konnte, dass Vermillion soeben Zabrisky abgeschleppt hatte - der vorher laut und deutlich jedem auf dem Panoramadeck verkündet hatte, ob sie es hören wollten oder nicht (ich zum Beispiel hätte nicht unbedingt Wert darauf gelegt) er, Zabrisky, würde nie im Leben mit einer Erdfrau gehen.

»Nochnichmal'nStocktiefer.«

Worauf Vermillion schlagfertig sagte: »Na dann vielleicht mit mir.«

Genau zu diesem Zeitpunkt kam Totila. Nur, wie hatte er das Timing nur wieder hinbekommen?

»Mach' dir nichts draus«, sagte Totila.

»Wer, woraus? Ich mir wegen Zabrisky, oder Cleo wegen Silvers Drinks?« fragte ich ihn.

»Suche es dir aus«, sagte Totila. Aber dann lief Silver mit einem Tablett voll leerer Gläser vorbei, sah Cleo an, dass sie stinksauer war und sagte: »Der Alkohol stammt von mir, Cleo.«

»Was?!?«

»Wäre es dir lieber, die Crews brauten sich in einer Ecke des Turms heimlich irgend etwas zusammen? Jeder Raumfahrer weiss, wie man Maische vergärt und anschliessend zu Sprit destilliert. Meiner ist wenigstens sauber«, sagte Silver ungerührt.

»Alle guten Geister ...« Cleo ging sofort ins Bett.

Aber das machte in sofern keinen Eindruck, als wir von Anfang an Mitternacht Bordzeit zur deadline erklärt hatten; schliesslich sollten  sowohl Flugbetrieb als auch Tageslaufplan der Rainbows ungehindert weiterlaufen. Ich machte mir etwas Sorgen, ob Crew Zwei und Drei nüchtern genug waren, um ihren Dienst anzutreten, das gebe ich zu. Aber Silver meinte, sie habe nur gerade so viel Alkohol in die Drinks gemischt, dass man ihn schmecken konnte.

»Niemand ist hier wirklich betrunken, schau dich doch um«, sagte Silver und war nun wirklich fast beleidigt, dass ich ihr zutraute, sie habe ihre Mixturen nicht im Griff. Totila schwenkte die letzten Reste in seinem Glas zusammen und grinste.

»Schade eigentlich«, sagte er, ohne jedoch zu erklären, was er damit meinte.

Trotzdem muss ihm Silvers letzter Drink ein wenig in den Kopf gestiegen sein, und natürlich war die Party, offiziell beendet oder nicht, noch lange nicht vorbei. Totila setzte sich jedenfalls zu meiner Überraschung mit zu Anne, Jules und mir in eine der Sitzgruppen auf dem Panorama-Deck und hörte Jules' Erklärung des Lichtgänger-Phänomens zu. Annes Kollege war vorhin nicht damit zu Ende gekommen und Jules sagte, das aktuelle Tor sei erst in seiner Schicht fällig und John Wayne brauche von seinem Platz im Hufeisen des Cockpits aus nur zu pfeifen.

»Falls wir dann immer noch traut vereint hier sitzen. Also - wenn du willst, kann ich dir ohne Weiteres noch erzählen, was ich weiss. Es ist natürlich so, dass es eine Reihe von Fakes gibt«, sagte er, »die Kommunikationsnetze der Kolonien sind voll von Berichten: Ich habe die Konstrukteure getroffen ....alles Unsinn, genau wie geschichtlich gesehen die UFOs auf der Erde früher. Aber im Prinzip scheinen die Sterntore tatsächlich über eine Art Mechanismus zu verfügen, mit dem sie Materie in ihrer näheren Umgebung durchleuchten können.«

Jules erklärte mir, er habe absichtlich "durchleuchten"  gesagt, weil er genau das erlebt hatte.

»Wir benützten dieses unregistrierte Sterntor, beziehungsweise, wir wollten. Und während ich noch damit beschäftigt war, die Torkennungs-Melodie im Navigationscomputer abzuspeichern und nach dem Schlüssel suchte, du weisst: man weiss nie, wo man herauskommt und vor allem, wohin es weiterführt. Man kann nur umkehren, wenn man das noch innerhalb des inneren Radius der Sterntorstation tut. Na, jedenfalls bemerkte ich es zuerst gar nicht. Ich wurde erst durch die Helligkeit im Cockpit darauf gestossen.«

Jules zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, ob es wirklich das war, was ich vermute. Aber  wir konnten hinterher durch Messungen feststellen, dass unser Schiff einem massiven Schauer von Lichtquanten ausgesetzt war. Und zwar gebündelt, also wie ein Laser und gegen die Richtung des Sonnenwinds. Ich kann mir zwar keine Technologie vorstellen, mit der man dadurch Informationen gewinnen kann. Andererseits wissen wir auch nicht wirklich, warum die Tore funktionieren. Nach unserem Stand der Technik sollten sie es nicht. Also halte ich es schon für möglich, dass diese uns völlig unbekannte Technologie auch das schafft, ein Schiff mit Licht nach Freund oder Feind zu katalogisieren.«

»Du hast vergessen zu erwähnen, dass einige Ärzte der Meinung sind, diese Lichtausbrüche könnten das limbische System des Menschen beeinflussen, so dass es dadurch zu örtlich begrenzten Halluzinationen kommen kann, eben den Lichtgängern. Kann einen schon erschrecken, wenn man plötzlich die Umrisse eines Menschen aus Licht quer durch ein irdisches Schiff gehen sieht«, sagte Totila.

Jules wollte wissen, ob Totila das etwa schon einmal selbst erlebt habe. Er antwortete: »Nicht direkt. Aber ich weiss verdammt genau, was du meinst«, und sah dabei sehr unbehaglich drein.

In der Tat so missvergnügt, dass seine Laune nicht nur unsere kleine Runde auf der Couch sprengte, sondern letztlich auch einige Paare vertrieb, die bis jetzt noch auf dem Panoramadeck ausgehalten hatten.

»Nee«, Anne widersprach, »das glaube ich nicht. Denk doch mal nach: Crew Zwei sitzt im Cockpit. Aber Crew Drei tritt ihren Dienst erst um vier Uhr morgens Bordzeit an. Das reicht gerade noch für einen Quickie.«

»Findest du?« fragte Jules, »und was mache ich, wenn ich's lieber stundenlang mag?«

»Och ...«, Anne lächelte.

Ich ging. Ich war sehr müde und ganz davon abgesehen macht es mich überhaupt nicht an, anderen Leuten beim Flirten zuzusehen und Totila dachte wohl ähnlich. Er sagte, er gehe noch in die Küche, Silver und Ginnie aufräumen helfen.

Cleo wartete im Captainszimmer, als ich kam.

»Ich habe so ein Gefühl, dass mich Anne heute Nacht nicht gebrauchen kann«, sagte sie, »hast du etwas dagegen, wenn wir mein Bett schnell noch zu Dir räume?«

Ich hatte nicht.

zurück zum Textanfang

oder weiterlesen?