Orion-Nebel 29. Honey Winters Tagebuch: Food-Design II

Tagebuch: Eintrag vom 30.06. 2389:  17:30

- Fortsetzung -

Ich komme gerade von einer interessanten Unterhaltung mit Tante Leila. Nun, ich sollte sie besser nicht so nennen, nicht einmal im Tagebuch. Aber egal. Ob es mir gefällt, oder nicht, sie ist meine Tante und genau so hartnäckig wie meine Schwester, auch wenn sie das nicht weiss. Manche von Silvers Eigenschaften erklären sich mir jetzt besser ...

Wie gesagt - egal.

Cleo und ich konnten uns zuerst nicht ganz einig werden, ob und wann denn nun die Party für die Rainbows steigen soll. Cleo war eigentlich ganz und gar dagegen, aber Ginnie und Anne haben sie überstimmt. Anne sagte sehr richtig, dass wir in den nächsten Monaten noch sehr froh sein werden, wenn sie Mannschaft und Gäste gut verstehen. Und sie meinte damit offensichtlich auch: intim. Jedenfalls fasste es Cleo so auf.

»Wir sind doch hier nicht auf einer Swinger-Party!« sagte sie aufgebracht.

Anne gab sich nicht geschlagen: »Abwarten. Vielleicht doch.«

Zu mir sagte sie später, dass Cleo sich noch wundern werde. Wir sassen in der Küche, sahen Silver dabei zu, wie sie mir ein superweiches Veggi-Steak durch den Wolf drehte, es mit Aromen, Gelatbildner und Farbe zum Rinder-Tartar umformte und als i-Tüpfelchen sogar noch ein täuschend echtes "rohes Eigelb" ober draufsetzte. Das Gelbe wirkte nur ein wenig marmoriert.

»Das kriege ich noch hin«, versprach Silver, »lass mich nur ein bisschen üben.«

»So lange du Honey nicht jeden Tag Beefsteak Tartar servierst. Aber es ist schon toll, was dir alles einfällt, nur weil sie mit ihrem neuen Unterkiefer noch nichts Festes beissen darf«, Anne gab sich beeindruckt, blinzelte mir aber dabei zu und verfolgte dann ihr eigentliches Thema weiter. »Weisst du, Cleo war noch nie auf einem Langstreckenflug. Ich aber schon. Ich bin in Reno aufgewachsen, aber geboren bin ich auf Ceres. Wir zogen um, als ich sechzehn war und der Flug dauerte sieben Wochen ...«

Anne-Cyril brach ab und wartete, bis Silver mit meinem Steak für das Abendessen in den Vorratsraum neben der Küche verschwunden war. Dann sagte sie: »der Captain hatte seine Leute gut im Griff. Aber du glaubst nicht, was trotzdem abging ...«

Annes Augen glänzten. Ich vermute, sie hat mit mehr als einem Mann geschlafen, aber so genau wollte ich das gar nicht wissen. Ich sage hastig: »Ich weiss.«

Anne nickte. »Klare Verhältnisse. Das ist das Wichtigste. Vermillion wird die Techniker alle nacheinander durchprobieren und danach haben wir wenigstens von dieser Seite Ruhe. Wusstest du, dass auf durchschnittlich sechs Langstreckenflüge ein Todesfall kommt?«

»Da sind aber die natürlichen Ursachen mitgezählt«, sagte Silver ungerührt. Sie war inzwischen zurück., »Also was wird nun aus der Party? Es wäre ganz gut, wenn ihr euch endlich entscheidet. Dann weiss ich nämlich schon mal, dass ich mit den Vorbereitungen anfangen kann.«

Manchmal überrascht mich Silvers Pragmatismus immer noch.

Dass ich damit die frohe Botschaft Leila Aylik überbringen musste, freute mich wieder weniger. Ich weiss mittlerweile, weil es Titti Drummer, das Captain-Girl der Rainbows irgendwann erwähnt hat, dass meine Tante starke Sympathie für die Lichtgänger-Sekte empfindet, deren Anhänger nicht gerade für eine hedonistische Einstellung zum Leben bekannt sind. Seitdem wundert mich auch nicht mehr, wie strikt sie den Tagesablauf der jungen Frauen verplant hat. Aber gegen die Party hatte die Managerin der Rainbow-Show nichts.

»Ausgezeichnete Idee«, sagte Tante Leila, »das gibt uns Gelegenheit, uns gegenseitig etwas zu beschnuppern.«

Ich muss wohl ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben.

»Was denn«, sagte meine Tante, »glaubst du, ich bin blind?«

Danach allerdings wurde es richtig unangenehm. Tante Leila benützte nämlich die passende Gelegenheit, mich über Silver auszufragen. Zuerst dachte ich, meine liebe Schwester habe sich wieder über das Ernährungskonzept der Rainbows ausgelassen; ich war schon fast erleichtert. Aber nein, leider wusste Leila Aylik - vermutlich von Silver selbst - dass wir vor nun fast fünf Jahren auf der Erde vor der Zollfahndung geflüchtet sind, dass unsere Eltern bei einem Tunnelbrand umkamen, als Silver noch ein Baby war und so weiter. Irgend ein gnädiger Gott hat wohl bis jetzt verhütet, dass meine Schwester meiner (ihrer!) Tante auch noch die Story ihres eigenen angeblichen Todes auf dem Erdmond erzählen konnte.

Tja und exakt ich schon gar nicht mehr wusste, wie und was ich auf Tante Leilas zum Teil recht bohrende Fragen überhaupt noch antworten sollte,  steckte Ginnie den Kopf durch die aufgleitende Tür und sagte:
»Entschuldigt bitte die Unterbrechung. Kannst du bitte so schnell als möglich auf die Brücke kommen, Honey? Crew Drei hat Probleme.«

Ich dachte sofort an den Tordurchflug, der gerade anstand, aber nein. Als ich das Panorama-Deck betrat, lag der Co-Pilot der Crew Drei mit einem Kühlelement über einem Auge in einer der Couches des Gästebereichs und Chiyo Asadori versorgte gerade sein lädiertes Kinn.

»Nichts gebrochen«, sagte die Ärztin, »aber nahe dran. Pass nächstes Mal lieber auf deine Füsse auf.«

Der Co-Pilot konnte kaum reden. Aber er machte mir trotzdem klar, dass er nur gestolpert sei.

Ginnie und ich hörten uns das Logbuch an.

Das Gespräch klang tatsächlich völlig unverfänglich. Sogar der Knall.

Die emails der Crew allerdings waren gelöscht und der Chef-Pilot versteckte seine linke Hand.

»Ich vermute, John Waynes Fingerknöchel tun gemein weh«, sagte Ginnie fröhlich, als wir wenig später abhörsicher und ohne Überwachungskamera im Captainszimmer auf der Mannschafts-Ebene sassen, »wenn du mich fragst, sind sich die Piloten wegen der O'Toole in die Haare geraten. und John hat seinem Co eine geschossen. Dabei kannst du sicher sein, von Vermillion kriegt jeder, was er braucht.«

»Vielleicht will John Wayne das aber nicht.«

»Er wird sich dran gewöhnen«, Ginnie wirkte ihrer Sache sicher.

Sie sagte, sie sei auf die Party sehr gespannt.

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