28. Honey Winters Tagebuch: Food-Design
IHeute morgen bei Verräumen des Frühstücksgeschirrs sagte Totila zu mir: »Honey, warum machen wir nicht ein Fest?«
Ausgerechnet er. Es ist mir natürlich nicht entgangen, dass sich Totila mehr oder weniger im Antriebsturm versteckt. Techniker, und soweit es Cleos Kusinen betrifft: Technikerinnen, laufen einem nämlich dem lieben langen Tag überall im Schiff über den Weg. Mal kommen sie gerade aus der Küche und wollten:
»... nur einen Schluck zum Trinken.«
Oder ich finde einen von ihnen auf dem Gang: »... bloss schnell das Vi-fon hier gecheckt. Nicht, dass hier wieder irgendwo etwas brummt.« (ein Techniker, ohne jedes Testgerät in der Hand, mit einem Zwinkern).
In Wahrheit leiden sie alle latent unter Klaustrophobie.
Was ja auch bei der Enge und der widernatürlichen Stille im Antriebsturm nur zu verständlich ist. Wer sich länger als eine Stunde darin aufhält, will nur eines: raus!
Bis auf Totila.
Ginnies Bruder bringt es locker auf Dienstzeiten von acht Stunden. Er geht als letzter durchs Bad und verlässt die Küche als erster; und wenn man ihn zu einer beliebigen Tages- oer Nachtzeit brauchen sollte, steckt er garantiert irgendwo im Turm.
»Du wunderst dich, weil gerade ich diesen Vorschlag mache?« sagte er und grinste dazu ein bisschen, als wüsste er genau, was ich dachte. »Dann frag' mal Silver. Ihre Frischfleisch und-gemüse-Vorräte gehen zur Neige.«
»Ach! Und jetzt meinst du, es ist besser, wir werfen alles bei einer Party auf den Kopf?« fragte ich.
»Ja, so ungefähr.«
Totila liess sich nicht beirren. Er ging aber dann doch, nämlich nur Sekunden bevor Silver aus dem Tiefkühl-Bereich kam, die Stirn in Runzeln, ein aufgeklapptes Notebook in der Hand, dessen Display sofort beschlug. Sie wischte es ab, hielt es mir hin und sagte sorgenvoll: »Honey, wir haben fast keine Frischware mehr ...«
Typisch für meine Schwester liess sie diese Aussage natürlich nicht isoliert im Raum stehen, sondern begann eine ganze Serie von Klagen. Zum Einen fand Silver, die Mannschaft frässe, zum Anderen assen ihr die Rainbows nicht genug. Und ob sie wohl künftig Mahlzeiten akzeptieren würden, deren Hauptbestandteile aus Gefriergetrocknetem und Algenheu bestünden?
Unvorsichtig, wie ich manchmal bin, sagte ich: »Na, ich denke, du hast extra deshalb den Food-Designer-Kurs auf Reno gemacht? Damit es uns auch weiter schmeckt?«
Ich erfuhr, dass das gar nicht so einfach sei. Und ob ich mir vielleicht je klar gemacht habe, dass Silver zur Herstellung eines halbwegs essbaren Hamburgers rund ein Dutzend Aromen, sowie Konstistenzgeber, Geldbildner und Farbstoffe mischen müsse? »Vom höheren Zeitaufwand noch gar nicht zu reden.«
Bei diesem letzten Satz betrat Cleo die Küche. Sie schnitt Silvers Aufzählung mitten im Wort ab. Sie sagte: »Du wirst das schon schaffen, Silver. Stell' dich nicht so an!«
Und zu mir: »Honey, wo bleibst du nur? Crew Drei hatte heute Nacht zwei Tordurchflüge. Die Piloten wollen ins Bett.«
Dass Totila eine Party vorgeschlagen hatte, machte sie dann unterwegs auf dem Gang erst einmal platt. Die Sprachlosigkeit hielt jedoch nur bis zum Panoramadeck, wo mir Cleo den Schichtverlauf der letzten 48 Stunden auf den Arbeitsbildschirm legte und mir dazu schrieb:
... da macht er also freiwillig Dienst für Andere, wie du aus dem Logbuch sehen kannst. Er hat sich allein gestern in der Nachmittagsschicht von Crew Zwei für zweimal eine Stunde eingetragen. Gleichzeitig will er eine Party. Totila verstehe, wer will.
Ich verstand ihn auch nicht, aber jetzt immerhin besser, warum ich in den letzten Tagen immer wieder Techniker mit viel Freizeit getroffen hatte. Normalerweise hält sie Cleo nämlich auf Trab.
Dem werde ich einen Riegel vorschieben, schrieb sie denn auch prompt.
Ginnie, neben mir, gab keinen Ton von sich. Aber sie lächelte. Hauchfein, wie man das manchmal auch bei ihrem Bruder sehen kann, wenn er mehr weiss, als er bereit ist, zuzugeben. Wobei mir das Ausmass dieses Wissens oft genug unheimlich wird. Die Geschwister scheinen eine geheime Informationsquelle zu besitzen. Wenn das nicht Unsinn wäre, könnte man sogar vermuten, es gibt an Bord der RAINBOW GLORY ein zweites, nur ihnen zugängliches akustisches Netz.
Sekunden später kam von Cleo ein erstickter Laut.
»Verschlucke dich nicht, Cleo«, sagte Ginnie. Sie klopfte der Ingenieurin liebevoll auf den Rücken. Aber auch mir blieb vom Vorschlag der Techniker aus dem Turm erst einmal die Spucke weg. Auf meinem Bildschirm stand:
Zeitversetzt seit 04:05 - Senden bei
Dienstbeginn Crew Eins:
08:15 mail an Captain / Kopie an Chef-Ingenieur:
Wie wär's mit einer Überraschungs-Party
für das Ballett?
gezeichnet: Crew Zwei und Drei / Mehrheitsbeschluss
»Also, darauf brauche ich einen Kaffee«, sagte Cleo.
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