26. Honey Winters
Tagebuch: Gäste an Bord - nächster Fall»Wir müssen zusehen, dass wir den Fehler in der Klimaanlage endlich finden«, sagte Anne-Cyril heute morgen zu mir im Bad, »Cleo dreht sonst noch durch.«
Nun gehört die gute Anne nicht zu den Menschen, die 06:30 munter aus dem Bett springen, ein fröhliches Lied auf den Lippen. Sie macht ihre Arbeit und kann merkwürdigerweise essen ohne Ende, aber vor der dritten Tasse Kaffee spricht man sie normalerweise besser nicht an. Der Fall war also ernst.
»Ein Glück nur, dass die Rainbows es mit Humor nehmen«, sagte ich deshalb zu Anne und spuckte Schaum. Ich hatte gerade das Dentalset im Mund.
Tatsächlich haben die Techniker in den vergangenen Tagen das gesamte Kommunikationsystem einer gründlichen Inspektion unterzogen - die Anschlüsse in den Räumen unserer Passagiere natürlich mit - und nichts gefunden. Trotzdem brummt es immer einmal wieder; und hätte nicht mittlerweile fast jeder an Bord das verflixte Geräusch schon einmal irgendwo und irgendwann gehört, käme selbst mir langsam ein böser Verdacht.
Das Verrückte ist nämlich, wir können das Geräusch nicht genau lokalisieren, oder zumindest gibt es keine Logik hinter seinem Kurs. Es ändert Frequenz und "Flugrichtung" nach Belieben, ebenso die Lage im Raum. Wir kennen es aus den Gängen und einigen Räumen und vermutlich existiert es zeitweilig auch im Maschinenturm - nur, dass man es dort, wegen der hochentwickelten Schalldämmung eben leider nicht hört.
Letzteres vermutet Anne. Sie hat sich die Mühe gemacht, das akustische Zickzack des Brummens in ein 3d-Raster zu übertragen und damit sieht man eindeutig, dass das Geräusch manchmal regelrecht auf die Öffnungen der Klimaanlage "zielt" und Teilstrecken innerhalb der Luftzirkulation zurückzulegen scheint, während es die anderen Systeme konsequent verschont. Was schon etwas komisch ist.
Anne hat nämlich noch etwas mehr getan, als nur den Kurs des "Geräuschs" im Raum nachzuvollziehen. Sie hatte das Glück, dass es sich gestern mehrmals vor Silvers Reich auf dem Subdeck genau zwischen zwei Bildschirmen der Bord-Vifonanlage herumtrieb, deren Mikros Anne eine Art Stereo-Anpeilung ermöglichten. Demnach besitzt das Geräusch in etwa die Gestalt eines Tropfens. Falls es Tropfen fertig bringen, Loopings zu schnell für eine normale Aufnahmeoptik zu drehen. Die optische Erfassung vor Silvers Küche zeigt nur einen sehr unscharfen, gekrümmten Strich.
Wir diskutierten die Ergebnisse noch einmal während der Vormittags-Schicht auf der Brücke, natürlich mit der gebotenen Vorsicht, sprich via mail und ohne viel Worte dabei zu verlieren.
- Meint ihr, das Geräusch könnte organische Ursachen haben? - fragte Anne-Cyril uns alle.
Cleo antwortete, sie sei ratlos. Aber nach den heftigen verbalen Attacken, die sie noch gestern off record im Captainszimmer gegen den Alten geritten hatte, war das schon ein Fortschritt.
(»Warum kann er nicht einmal im Leben etwas fabrikneu kaufen? An dem Nebengeräusch in der Bordkommunikation ist garantiert nur sein Sparsamkeitsfimmel schuld!«
Da dachten wir nämlich noch, das Geräusch sei System-immanent und ich erfuhr nebenbei, dass die Vifons an Bord second-hand waren und aus Rest-Beständen der Homburg-Holding stammten, wenn man das mal so vornehm nennen will. Der Alte hatte sie im Internet der Kolonie Ceres entdeckt und dort, wie Cleo sagte, im lokalen Schrott.
»Da siehst du mal, was ihr auf der Erde für Verschwendung treibt. Das Equipment war noch tadellos«, fuhr sie fort, in schöner Missachtung dessen, was sie exakt eine halbe Minute vorher über die Bord-Vifons behauptet hatte.)
Das Schimpfen änderte natürlich nichts. Im Gegenteil, es führte nur dazu, dass Cleo Annes Ergebnisse anzweifelte und danach zu einer Sinnkrise auf beiden Seiten ...
--- Unterbrechung ---
Tagebuch: Eintrag vom 21.06.2389 20:45 - Fortsetzung -
Kurz und gut, die Stimmung heute morgen auf der Brücke kann man ein wenig mit gerade erkalteter Lava vergleichen. An der Oberfläche tragfähig, aber darunter brodelte es. Und wie es immer so ist, traf Cleos nächste kleinere Eruptionen eine Unschuldige, diesmal Beispiel Leila Aylik. Sie besuchte uns am Nachmittag überraschend im Captainszimmer. Die Managerin sagte:
»Wir haben eine Fliege an Bord. Ziemlich gross, so etwas habe ich überhaupt noch nicht gesehen.«
»Bist du sicher« fragte Cleo, »ich meine, hast du sie sicher gesehen?«
Tante Leila zuckte mit den Schultern.
»Sicher bin ich sicher. Was soll das sonst sein: knapp so gross wie ein Daumen, Flügel, viel zu viele Beine, grün-goldener Panzer. Oder habt ihr Bioreplikant-Spielzeug an Bord?«
»Das fehlt mir noch! Äh, natürlich nicht. Und jetzt ist sie vermutlich weg. Na, dann wollen wir mal«, sagte Cleo merkwürdig munter, »ich sage schon mal den Technikern, dass sie die Jagdausrüstung auspacken sollen.«
Eins muss man meiner Tante lassen. Sie verlor nicht direkt die Fassung. Sie sah Cleo nur an, jedenfalls für einen Augenblick. Dann sagte Leila Aylik:
»Junge Frau - hältst du mich für bekloppt?«
Cleo sagte nein, selbstverständlich nicht, und nun, da uns die Managerin endlich auf die richtige Spur gebracht habe, werde sie alles daran setzen, das Tier zu fangen. Das alles immer noch in diesem aufgesetzten viel-zu-fröhlichen Ton. Worauf Tante Leila den Mund zusammenkniff und ging.
»Heimat deine Sterne! Auf ganz Reno gibt es keine Fliegen. Ratten und vermutlich Läuse, meinetwegen«, schimpfte Cleo »aber das will sie bestimmt nicht hören, die Madam.«
»Musstest du sie unbedingt verärgern? Sie hat es doch sicher nur gut gemeint. Übrigens - was willst du jetzt machen?« fragte ich.
Cleo stand auf. »Na was schon!« sagte sie, »wir schnappen uns die Fangnetze und legen los.«
Es wurde ein lustiger Nachmittag.
Erstens stellte sich heraus, dass wir uns tatsächlich viel Mühe und einiges an Nerven hätten sparen können, wäre nur ein einziger aus drei Techniker- und Kommunikations-Teams auf die Idee gekommen, das undefinierbare Geräusch durch den Biofrequenz-Indikator zu jagen, der im Bordcomputer natürlich zur Verfügung stand. Aber weil wir uns ja auf einem Langstreckenflug befanden - Zwischenstopps nicht vorgesehen und Tiere an Bord nicht erlaubt - und nicht sein kann, was nicht sein darf - bis Tante Leila kam, hatte keiner daran gedacht.
Na gut: ich gebe zu, ich auch nicht. Und Anne hatte zumindest schon am Vormittag die richtige Idee, nur hörten wir nicht auf sie.
Die spezielle Flügelschlag-Frequenz dieser Fliege kannte der Computer zwar nicht, lernte sie aber innerhalb von Minuten und danach wussten wir den Standort des lieben Tierchens endlich zentimetergenau.
Womit wir bei Zweitens sind:
Sie zu fangen, war ein anderes Ding. Selbst als ich die Techniker in verschiedene Fängergruppen einteilte, ging sie uns ein paar Mal durch die Maschen. Cleo behauptete zwar, das Insekt dürfe die Fangnetze eigentlich gar nicht sehen können, sie seien speziell auf Facettenaugen und deren Rastersehen hergestellt und somit für die Fliege nicht zu erkennen.
»Vielleicht weiss sie das nicht?« sagte einer der Techniker und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Fliegen fangen ist anstrengend.
Das liebe Tierchen war uns wupps!! gerade wieder einmal durch einen Lüftungsschlitz ins Innere der Klimaanlage entwischt.
»Vielleicht riecht sie die Netze«, vermutete Jules Arcan.
»A propos. Sag mal Honey, kann Silver nicht die Tür zur Küche geschlossen halten? Es riecht hier sehr komisch, verflixt noch mal. Was ist das nur?« fragte Frank Jamaica.
Cleo schnupperte.
»Seidenstrauch-Blüten«, sagte sie, »na, was Silver damit vorhat, ist mir ein Rätsel!Sie riechen ganz nett, aber sie schmecken ziemlich widerlich. Wie Seife. Du solltest das Silver sagen, Honey. Bevor sie versucht, das Zeug den Rainbows zu servieren.«
»Ach!« sagte Jules Arcan empört, »und ob wir es essen müssen, ist dir wohl egal, was?«
»Du zahlst ja nichts dafür«, antwortete Cleo. Annes Kollege brauste auf.
Ich kam nicht dazu, diesen neuen Streit zu schlichten. Ich sah so etwas wie einen grün-goldenen Wischer quer über den Gang huschen, machte den Mund auf, wollte etwas sagen - da schlug Frank schon mit dem Kescher zu.
Wir brüllten Triumph. Aber wir hätten uns die Luft besser gespart. Das Netz tanzte mit Franks Hand ein paar interessante Kapriolen. Wir hörten ein wütendes Bzzzr, Bzzr und dann wurde es ihm regelrecht aus den Fingern gerissen. Die Fliege brauchte nicht einmal die eine Sekunde, bis der Kescher auf dem Boden auftraf, um sich sozusagen heraus zu beissen.
Tja, und dann war sie weg. Unauffindbar, für die nächsten Minuten, dann hatte Annes Suchprogramm sie wieder gefunden. Das Biest sass nun im Unterdeck. Und natürlich kein Fänger weit und breit. Wir brachen auf.
»Hohe Intelligenz«, sagte John Wayne, »für eine Fliege. Ist offenbar die Hauptleitung der Lufttzirkulation nach unten gesaust.«
»Geflogen, meinst du wohl - du willst doch nicht sagen, wir haben ein Alien an Bord?« Cleo war fassungslos.
Ich weiss, Raumflug-Personal entwickelt die seltsamsten Hobbies gegen die Langeweile auf Langstreckenflügen. (Langeweile? Wo?) Meines ist Tagebuch-Schreiben, Anne zum Beispiel strickt und Cleo begeistert sich für jede neue Mode, ohne sie deswegen allerdings gleich anziehen zu wollen.
John Waynes Steckenpferd waren offenbar Hochgeschwindigkeits-Aufnahmen. Er drehte den Bildschirm seiner Kamera so, dass wir alle die Wiedergabe sehen konnten.
»Da«, sagte er, »acht Beine, vier Flügel. Netter Brummer.«
»Acht Beine? Fliegen haben sechs«, sagte Leila Aylik hinter uns. Sie war unbemerkt dazu getreten.
»Sex?« fragte ein Techniker, »Fliegen?«
»Nicht, was du darunter verstehst.« Cleo stöhnte. Sie sagte: »Wollen hoffen, dass das Vieh keine Gelegenheit dazu hatte. Wenn das ein Weibchen ist und hier überall Eier verteilt hat, dann Gnade uns Gott.«
Sie rechnete uns vor, wieviele Nachkommen des lieben Tierchen innerhalb eines halben Jahres zusammen kamen, wenn die Verhältnisse dem nichts entgegen setzten.
»Nun sieh nicht zu schwarz«, sagte ich.
Ich hatte mir John Waynes Alien-Aufnahme inzwischen gründlich betrachtet, genau wie Leila Aylik.
»Eine irdische Fliege ist das nicht«, schloss sie.
Cleo neben mir nickte unauffällig. Wir dachten beide das gleiche. Auf Reno gab es nachweislich keinerlei Insekten, von den von Cleo vermuteten Läusen vielleicht abgesehen, Blieb also nur noch eine Möglichkeit: Plejades. Aber ich hatte dort nie ein so grosses Tier gesehen. Cleo sagte:
»Ich bringe sie um!«
»Die Fliege?«
»Meine Kusinen.«
Danach wurde sie einsilbig.
Mir fiel das Loch in der Pflanzen-Vitrine ein, das Frank Jamaica vor ein paar Tagen erwähnt hatte, deshalb zog ich Melody bei Seite, als Cleo gerade nicht zuhörte. Sie schüttelte den Kopf.
»Honey, das ist unmöglich«, behauptete Cleos Kusine, »die Vitrine ist aus Verbundwerkstoff. sie muss schliesslich dem dreifachen Atmosphärendruck standhalten.«
»Ach.«
»Ja, klar. Hast du nie darüber nachgedacht, warum der Alte ausgerechnet im Hochgebirge siedelt? Wir konnten das Flugzeug in den Nebelbergen nicht verlassen. Wir hätten sonst vor dem Start in eine Druckausgleichs-Kammer gehen müssen. Und die Pflanzen haben wir mit dem Robot-Arm gepflückt«, sagte Melody.
Aber sie ging und untersuchte die Vitrine dann doch. Als sie zurückkam, war sie etwas blass im Gesicht.
»Wie mit dem Präzisions-Schneider herausgefräst«, sagte sie, »was muss das Biest für Kiefer haben.«
»Hast du wenigstens nachgesehen, ob sonst noch etwas in der Vitrine lebt?« fragte ich.
»Ich habe den Sauerstoff aus der Atmosphäre entfernt« sagte Melody, »den Pflanzen macht das unter Verdunkelung bis morgen nichts. Aber Krabbelviecher gehen drauf.«
»Brutal«, fand Frank Jamaica und das blieb der Stand bis nach dem Abendessen.
Kurz nach 19:30, wir von der Chef-Crew essen immer im Anschluss an die Rainbows, und wir räumten gerade noch das Geschirr in den Spüler, da brachte Silver strahlend einen ihrer Kochtöpfe aus dem kleinen Vorratsraum direkt neben der Küche angeschleppt.
»Schaut mal, ist die nicht süss?« fragte sie begeistert und zeigte mit dem Finger durch den Klarglas-Deckel.
In Silvers Topf sass friedlich unsere Fliege und frass sich mit beängstigender Geschwindigkeit durch eine Seidenstrauch-Blüte.
»Tatsächlich, acht Beine«, sagte Cleo, nur mässig entzückt. Und mit einem Blick auf meine strahlende Schwester, kurz nachdem wir Richtung Brücke aufgebrochen waren: »Kaum hast du ein Problem gelöst, tut sich ein neues auf. Hoffentlich segnet das liebe Tierchen bald das Zeitliche. Hätte nie gedacht, dass ausgerechnet Silver an unserem kleinen Alien Gefallen findet. Wenn ich denke, wie sie auf die Sommerdrachen reagiert hat.«
Anne zupfte Cleo besorgt am Ärmel und schnitt Grimassen in Richtung des nächsten Vi-fons, aber Cleo klopfte ihr nur beruhigend auf die Hand.
»Lass mal«, sagte meine Chefingenieurin, »wir müssen schon so viel aus diesem verdammten Logbuch herausnehmen, dass es auf die paar Meter auch nicht mehr ankommt. Ausserdem habe ich die Zeit mitgestoppt. Aber du hast Recht, wir sollten am besten gleich wieder in die Küche gehen und unseren Start wiederholen. Also umdrehen und alles auf Anfang, Leute! Und überlegt euch schon mal, worüber ihr diesmal sprecht, bis wir auf dem Panorama-Deck sind.«
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