24. Honey
Winters Tagebuch: Gäste an BordParadox, aber wahr: ich habe festgestellt, dass ich während einer Schicht noch am besten zum Schreiben komme, besonders an Tagen wie heute. Wir haben ruhige Zeit vor uns, das nächste Sterntor erreichen wir nicht unter 38 Stunden, Ginnie kommt ohne mich zurecht und was die Flugaufsicht später von dem leisen Begleitgeräusch des Tippens im Hintergrund der akustischen Aufzeichnung denken mag, ist mir gleich. Das Witzigste an diesem Captains-Job ist nämlich das: wenn jemand etwas will, dann ausschliesslich von mir. Wir haben in jeder Arbeitsschicht einen Spezialisten für Bordkommunikation sitzen, plus zwei Flugbegleiter, die in ihrer Zeiteinteilung völlig frei sind, also jederzeit zu erreichen wären - doch wenn angeblich die Klimaanlage brummt, kommen sie alle zu mir, heute sogar zwei Techniker, die das Geräusch ebenfalls gehört hatten. Und natürlich rückten sie wie alle Anderen auch in meiner Freischicht an.
Was unsere Passagiere angeht, liegt das zum Teil sicher daran, dass sie am Nachmittag noch am besten Gelegenheit dazu finden. Leila Aylik hat den Tag der Rainbows auf die Minute genau verplant. Den Frauen bleibt zwischen den einzelnen Einheiten kaum Zeit zum Luftholen. Vormittags von 08:00 bis 11:30 haben sie Training im Grossen Saal, nach dem Mittagessen arbeiten sie dort in wechselnden Gruppen an der Einstudierung ihrer Show weiter. Dann ist zwischen 17:00 und 18:00 gerade mal eine Stunde Pause vor dem Abendessen und anschliessend werden bis Mitternacht Kostüme genäht. Keine Spur von Glitzerwelt und Glamour, wir haben ein Mädchenpensionat an Bord. Für die Crews gilt Küchenverbot, während das Ballett dort isst und für die Nasszelle der Frauen ständig und sowieso.
»Weshalb mich Frog glühend beneidet«, sagte Anne-Cyril.
»Wer?« fragte ich.
»Fred. Hansen, der Chef-Pilot von Zwei.«
»Ach so, der.«
Ich lerne die beiden neuen Crews allmählich besser kennen. Hansen könnte Spargel quer essen und dazu die leicht vorquellenden Augen, kein Wunder, dass ihn die Mannschaft Frog getauft hat.
»Nur Schwimmhäute zwischen den Zehen hat er wohl keine. Schade eigentlich. Das wäre doch mal was; ein Frosch im Frauenbad«, sagte Anne und prustete über ihren eigenen Einfall los.
»Man muss viele Frösche küssen, bevor man einen Prinzen findet«, murmelte Ginnie, den Blick dabei weiter auf ihren Bildschirm gerichtet. Anne schnitt ihr eine Grimasse.
Piloten sitzen im Cockpit wie auf dem Präsentierteller, nicht nur hier in der RAINBOW GLORY, wo der Alte die Sache durch die Anordnung unserer Pulte zum Hufeisen in der Mitte eines offenen Panoramadecks fast bis zum Absurden übertrieben hat, sondern auf jedem Schiff. Und natürlich wird überall aufgezeichnet. Jedes Wort, das im Cockpit eines von Menschen durchs All gesteuerten Raumschiffs fällt, ist registriert. Optische Eindrücke aus dem Cockpit sind es dagegen ebenso automatisch nicht.
Ganz früher musste man wohl aufpassen, dass man nicht ganz in Gedanken versehentlich in der Nase bohrte, doch vor ungefähr 200 Jahren wurde von der Gewerkschaft ein generelles Verbot von Bildaufzeichungen durchgesetzt, wofür alle Piloten bis heute tief dankbar sind. Raumfahrt ist sicher. Ich kann mich nicht erinnern, wann zuletzt ein Schiff verloren ging, aber Unfälle gibt es natürlich hin und wieder doch. Das ist ja auch normal. Ich kenne den aktuellen Stand jetzt auf der Erde natürlich nicht; wie es dort aussieht werden wir frühestens nach der Landung in circa 25 Wochen erfahren. Aber in dem Jahr, bevor ich mit Silver von dort aufbrach, gab es zum Beispiel nur einen einzigen, dafür aber spektakulären Crash. Angeblich ging dabei auf dem Raumhafen Südliche Nordsee bei einer Notlandung der Prototyp eines neuentwickelten Autopiloten mit zu Bruch und die Medien sprachen von Sabotage - was hier und heute nicht weiter von Interesse ist. Mir fällt es sowieso nur deshalb wieder ein, weil die Rettungskapsel (das Cockpit) bei der Bruchlandung nicht abgesprengt wurde und die ganze Besatzung in den Flammen umkam.
Und natürlich hatten sich bis 24:00 Uhr des gleichen Tages zwei Millionen Freaks die Schreie der Crew von der Datenbank des örtlichen Piratensenders heruntergeladen, der sie solange frei im Netz anbot, bis die Raumflugaufsicht dieses pietätlose Treiben unterband. Die Angehörigen strengten deshalb einen Prozess an, den sie letztlich nur deshalb verloren, weil die Jury zu der Überzeugung kam, dass die Sequenz aus dem Cockpit einen Quotenhit gelandet habe und somit zum nicht mehr schutzfähigen Allgemeingut geworden sei - aber seitdem denke ich: wenigstens blieben den Familien dank des Bildaufzeichnungsverbots die verzerrten Gesichter der Piloten im Todeskampf erspart.
Ganz abgesehen von diesem Schutz für den Notfall, haben die Vorschriften durchaus auch noch andere, sehr praktische Vorteile. Nicht jedes Wort, das während eines langen Flugs an Bord eines Raumschiffs fällt, ist es wert, unbedingt der Nachwelt erhalten zu bleiben. Jeder, selbst ein Idiot, kann sich schliesslich ausrechnen, dass Piloten und sonstiges Personal dazu neigen, im Cockpit nur noch Unsinn zu schwatzen, weil sie genau wissen, dass sie permanent beobachtet werden. Flug-Crews sind sogar dafür berühmt (siehe auch Annes Frosch-Gerede).
Daraus folgt aber auch der Umgekehrschluss: kein Captain kann es sich leisten, der Flugaufsicht nach der Landung ein völlig unbereinigtes automatisches Logbuch zu präsentieren. Also wird bearbeitet und diese Praxis ist sogar so verbreitet, dass man ihre Grundlagen ganz offiziell während des Pilotentrainings lernt.
Wäre das nicht so, hätten wir keine Chance gehabt, zu tun, was wir gestern mussten. Ich könnte jetzt auch nicht in Ruhe darüber schreiben.
Das heisst, in Ruhe ist etwas übertrieben. Das Ereignis ist schon wieder 48 Stunden alt, nur hatte ich vorher einfach keine Zeit, von Silvers neuestem Streich zu berichten. Für den sie streng genommen allerdings nichts konnte.
Ich habe weiter oben geschrieben, wir sehen nicht viel von unseren Gästen an Bord und das ist auch richtig. Wir müssen sie gar nicht sehen. Sie schaffen es auch ohne das, drei Crews 24 Stunden beschäftigt zu halten. Und wenn es nur ist, weil sich inzwischen jede einzelne Frau beschwert hat, dass die Klimaanlage brummt.
»... und irgendwie so komisch, Honey. Unregelmässig«, um nur Leila Ayliks letzten Anruf gerade eben bei mir als Beispiel zu zitieren.
Cleos Gehirnerschütterung ist leider doch schlimmer, als wir zunächst dachten. Aber die Ärztin der Rainbows meint, dass Cleo in ein, zwei Tagen wieder fit genug ist, um dem verdächtigen Geräusch auf den Grund zu gehen, denn Techniker aus drei Schichten kriegen es offensichtlich ohne ihre Hilfe nicht hin.
Übrigens könnte das Geräusch auch ein kleiner Anfall kollektiver Langzeitflug-Hysterie sein. Aber so früh?
Genau das kam mir vor zwei Tagen als erstes in den Sinn, als Silver losschrie.
Ich sass an diesem Nachmittag nach sechs Tordurchflügen innerhalb von 19 Stunden ziemlich geschafft im sogenannten Captainszimmer, das die Chefcrew als Aufenthaltsraum nützt, denn es ist unser (der Chefcrew) grösster, hatte die Beine hoch gelegt und döste mehr oder weniger vor mich hin. Wie man weiss, ist die zeitliche Aufeinanderfolge der Sterntore etwas, das wir Menschen nicht beeinflussen können. Wir müssen dem Kurs folgen, den sie für uns öffnen. Und da dahinter ebenso wenig Logik oder besser: keine für Menschen erkennbare Logik steckt, bedeuten die Sterntore der Strecke Reno - Erde für die Piloten entweder Dauerstress - oder endlose Langeweile. Manche folgen dicht gedrängt auf einander, dann kommt aber auch schon mal eine Woche lang gar keines.
Dazu noch eine Anmerkung, weil mir das auch noch niemand erklären konnte: seltsamerweise sind die Kolonien untereinander viel leichter und schneller zu erreichen, als jede von der Erde. Gaia liegt zum Beispiel von Reno nicht einmal zwei Tage entfernt, aber zu unser aller Urheimatwelt braucht man von dieser ältesten aller Kolonien aus wölf Wochen und damit ist Gaia der Erde trotzdem noch die nächste.
Lassen wir das vorläufig.
Silver schrie also. Oder, halt, nein, ich muss das anders erzählen. Zuerst hörte ich, wie draussen vor dem Captainszimmer jemand sehr eilig den Gang entlang rannte und die Treppe ins Subdeck hinunterpolterte.
Das schreckte mich hoch.
Das ist doch hoffentlich keine Verfolgungsjagd quer druch das Mannschaftsdeck, dachte ich.
Was für das Verbot optischer Aufzeichnungen im Cockpit gilt, heisst in Passagieren zugänglichen Bereichen nämlich leider das genaue Gegenteil, sprich: wir hatten hier Aufzeichnungspflicht. Ich sollte also besser wissen, was auf mich zukam, deshalb liess ich die Tür zum Gang auffahren und das war mein Glück. Sonst hätte ich die Schreie nämlich gar nicht gehört.
Sie brachen auch ziemlich abrupt wieder ab und mit all den unangenehmen Vermutungen über mögliche Konsequenzen im Kopf und leicht benommen, wie ich nach dem Nachmittagsschläfchen noch war, brauchte ich ein, zwei Sekunden um zu begreifen, dass sich das Geschrei verdächtig nach Silver angehört hatte.
Ehrlich gesagt war ich danach erst einmal sauer.
Egal, was passiert war oder wer sie zum Schreien gebrachte hatte, die Schreie mussten aus dem Logbuch.
Silver ist ziemlich leicht zu erschrecken und ich dachte, wenn ihr jetzt einige von der Besatzung einen Streich gespielt haben, geschieht es ihr recht. Andererseits mussten sie die Techniker ja nicht gleich so zum Schreien bringen.
Ich wusste, Silver hatte vor ein paar Tagen angefangen, die Kühlräume aus- und ihren Vorstellungen gemäss neu einzuräumen. Oder besser gesagt, sie liess räumen. Freiwillige Helfer hatte sie dabei zunächst einmal genug.
Meine Schwester ist von all den hübschen jungen Frauen an Bord die einzige, mit der die Männer der Crews Zwei und Drei jederzeit Kontakt aufnehmen können. Mich zähle ich dabei sowieso nicht mit, Ginnie und Anne sitzen normalerweise im Cockpit fest, Cleo fällt krankheitsbedingt aus und die Rainbows werden von Tante Leila bewacht. Silver dagegen verbringt ganze Tage in der Küche.
Man(n) kann zu ihr gehen, einen Happen essen oder einen Kaffee trinken und sie ansülzen. Silver tut dann zwar gerne so, als verstünde sie nicht, was die Männer eigentlich in der Küche wollen (vom Essen einmal abgesehen). Aber sie bringt es natürlich mühelos fertig, sogar in einem Kälteschutzanzug, der nur ihre goldbraunen Augen und ein kaltes Näschen freigibt, rührend hilfsbedürftig auszusehen. (Dass es meine zarte Schwester ohne Weiteres schafft, sich eine gefrorene Schweinehälfte über die Schulter zu werfen, diese in die Küche zu schleppen und das Teil dort mit dem Küchenbeil gekonnt zu spalten, wissen die Crews Zwei und Drei noch nicht. Vielleicht zu ihrem Glück.)
Kurz, ich dachte, Silver habe den Bogen irgendwie überspannt und jetzt dafür die Quittung bekommen. Dass der Streich soweit harmlos gewesen war, bewiesen mir die ruhigen Schritte die Treppe wieder nach oben zu mir und das Schweigen dazu draussen auf dem Gang.
Soweit mit meinen Überlegungen gediehen, wollte ich gerade die Beine wieder hochlegen, als Silver ins Captainszimmer platzte. Käseweiss um den Mund, Tragik im Gesicht. Hinter ihr kam Totila.
»Alles halb so schlimm, Honey«, sagte er.
Silver beachtete ihn nicht. »Im Kühlraum Zwei liegt ein Toter«, verkündete sie und brach in Tränen aus.
Das verschlug mir erst einmal die Sprache.
»Du kommst am besten mit, ich zeige es dir«, sagte Totila. Er hielt mir einen Kälteschutzanzug hin.
Ich tappte ihm wie in Trance in den Kühlraum Zwei nach und beugte mich dort pflichtschuldigst über das lange, in Isolier-Folie gewickelte Paket, das halb aus dem untersten Fach herausgezogen vor meinen Füssen lag. Ich betrachtete Silvers Fundsache gründlich. Aber der gefrorene Block wollte sich auch nach mehrmaligen Blinzeln nicht vor meinen Augen in Luft auflösen.
»Genug gesehen?« fragte Totila schliesslich und als ich nickte, sagte er: »dann pack ich ihn wieder weg.«
»Möglichst so, dass ihn keiner mehr findet. Und wickele Den gut ein«, sagte ich mühsam.
»Klar«, sagte Totila: Ich fand: unangemessen fröhlich.
Das, was vor mir auf dem Boden lag, war zwar kein Toter, sondern nur ein Medizin-Dummie. Manche sagen auch Zombie dazu, obwohl das eigentlich nicht stimmt. Denn um tot zu sein, hätte der Dummie streng genommen vorher gelebt haben müssen, das ist aber bei diesen gezüchteten Fabrikaten aus echtem menschlichen Gewebe natürlich nicht der Fall. Sie sind wie Puzzles für Studenten zum Üben gedacht, schliesslich kann man angehende Doktoren kaum ohne geeignetes Training auf die leidende Menschheit loslassen. Und in soweit war die ganze Aufregung grundlos.
Obwohl mich schon interessierte, was das Teil in Silvers Kühlraum zu suchen hatte. Dass sie in Geschrei ausgebrochen war, verstand ich diesmal sehr gut. Sie hatte den Kopf freigelegt, Dummies haben aber kein Gesicht. Oder jedenfalls kein richtig menschliches und der Anblick der mit Eiskristallen überzogenen Masse mit den gebleckten Zähnen wird auch mir länger im Gedächtnis haften bleiben, als mir eigentlich lieb ist.
Das gab sogar Totila zu.
»Zum Glück hatte sie heute Nachmittag keine Techniker zum Räumen. Cleo hat uns vom Bett aus auf Brumm-Inspektion geschickt. Wäre ich es bisschen näher am Subdeck gewesen, hätte ich das hier verhindert, das darfst du mir glauben. Es war nicht vorsehen, dass Silver ihn findet«, Totila verpasste dem Paket einen Fusstritt, der den Dummie ganz nach hinten unter das Regal schlittern liess.
»Verrate mir eines - was willst du mit dem Ding?« fragte ich auf dem Rückweg ins Captainszimmer, denn dass Totila dafür verantwortlich zeichnete, war mir sonnenklar.
Er sagte es mir.
»Offenbar gibt es auf der Erde einen Wissenschaftler, der von sich behauptet, dass er den Schlüssel zu den Tormelodien der Sterntore kennt.«
»Kraft-Hausdorf«, bestätigte ich, »ich weiss. Aber der Typ spinnt. So wie der das behauptet, kann es gar nicht funktionieren. Nach seiner Theorie wären die Sterntore, so wie wir sie kennen nichts als Kreuzungen, die rein zufällig die Strecken, wie wir sie benützen, hintereinander schalten. Er hält das für eine Art Schutzmechanismus, der Eindringliche abwehrt. Den nimmt auf der Erde doch niemand ernst. Sie haben ihm schon vor Jahren die Forschungsgelder gestrichen, soviel ich weiss. Sag bloss noch ... Totila, oh nein!«
Er nickte.
»Ich halte von der Kraft-Hausdorf-Theorie nicht mehr als du«, sagte er, »und glaub nur nicht, dass ich den Dummie gerne mitgeschleppt habe. Stevenson hat das ohne unser Wissen arrangiert. Er hat irgend einem schwerreichen Kunden versprochen, er würde dafür sorgen, dass Kraft-Hausdorf die Erde verlassen kann. Der Dummie wird den Wissenschaftler bei einem Unfall vertreten.«
»Sollen wir diesen Wahnsinnigen etwa auch noch mit zurückschleppen?«
Klarer Fall - wir sollten.
----- Unterbrechung -----
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