???23. Honey Winters Tagebuch: Ein toller Tag - Fortsetzung -

Eintrag vom 13. 06. 2389:  15:01

Cleo hat offenbar einen harten Schädel. Es ist "nur" eine Gehirnerschütterung. Wie man sich da fühlt, weiss ich, aber ihr geht es deutlich besser, als damals mir. Sie sagte, sie habe scheussliche Kopfschmerzen. aber das hinderte sie gerade eben nicht daran, Vermillion in allen ihr zu Verfügung stehenden Sprachen zu verfluchen. Griechische Schimpfwörter hören sich toll an.

- wenn man sie nicht versteht

Um nun den Rest des Dramas weiter zu berichten:  das Chaos, das nach Vermillions unseligem Kopfdruck auf den Not-Aus für den Gravitationsmotor ausbrach, bekam Cleo zum Glück für ihren Seelenfrieden nicht mehr mit. Ginnie half mir, sie in ihren Sessel zu betten, aber dazu musste sie sich erst einmal losschnallen. Denn Totilas Schwester, man glaubt es kaum, arbeitete mit Sicherheitsgurt. Sie hatte sich von uns allen unbemerkt kurz vor dem Unfall angeschnallt und war darum nach dem Ausfall der Schwerkraft zunächst erst einmal in aller Ruhe sitzen geblieben.

Andere litten nicht unter so passenden  Vorahnungen. Wer vor Schreck aufgesprungen war, hing nun unter der Decke, oder sonst wie malerisch im Raum. Einige Frauen kreischten. Die Übeltäterin war Leila Aylik in den Schwung dessen hineingeraten, was unter normalen Umständen eine Rückhandohrfeige geworden wäre. Bei Null-Gravitation flog aber die aktiv Austeilende der passiv zum Empfang Vorgesehenen selbstverständlich hinterher, wobei Vermillion auf einen Sessel traf und danach ungebremst zur Außenwand weitersegelte, während meine Tante sich vernünftigerweise an eben jenem Möbel festhielt, geschickt drehte und hineinkrabbelte.

Sie sagte:»Das wird ein Nachspiel haben«, enthielt sich aber dann jeden weiteren Kommentars, ausser dass sie Chiyo Asadori bat, nach Cleo zu sehen. Die war aber da mit Unterstützung eines offenbar mit solchen Situationen vertrauten Technikers bereits unterwegs.

Wir, die Reste der Chefcrew und einige Männer aus Crew zwei und Drei hatten in der Zwischenzeit alle Hände voll zu tun. Die Schwebenden mussten eingefangen und sicher in den Sitzmöbeln auf dem Panoramadeck untergebracht werden, denn vorher konnten wir den Gravitationsmotor logischerweise nicht neu starten. Und dann stand natürlich auch noch Silvers Mittagessen auf dem Tisch. Suppe, im Raum schwebend, landet sonst bei Einsetzen der Schwerkraft mit einem Platsch.

Es stellte sich jedoch heraus, dass über den meisten Schüsseln und Platten noch die Warmhaltefolien lagen, ausserdem hatte Silver auf Suppe zufällig verzichtet und die Getränke bis jetzt gar nicht eingeschenkt. Einzig die Spaghetti, von ihr im Moment des Unfalls wohl etwas hart auf den Tisch gesetzt, waren dabei zu entfliehen. Aber wir drückten den sich ringelnden Haufen mit einem Löffel in seinen Topf zurück.

»Puh«, sagte Anne, »so ein unverschämtes Glück.«

Insgesamt dauerte die ganze Aktion nur wenige Minuten, dann gelang es Totila vom Antriebsturm aus Cleos Programmierung des Gravitaitonsmotors zu rekonstruieren. Wir bekamen wieder Oben und Unten und ich muss sagen, ich war doch recht erleichtert. Obwohl mich die Schwerkaraft bei der "Landung" etwas in den Boden stauchte. Soviel zu: mit beiden Füssen auf dem Boden stehen.

---- Unterbrechung ---

17:45. Ich war gerade noch einmal bei Cleo. Sie kann wahrscheinlich vor Migräne nicht aus den Augen sehen, aber das gibt sie natürlich nicht zu. Sie will morgen spätestens mit der Abendschicht wieder im Einsatz sein. Daran glaube ich ja noch nicht.

Weiter im Text.

Als unmittelbare Folge des verpatzten Mittagessens beschloss Leila Aylik, dass die Passagiere künftig ihre Mahlzeiten getrennt von der Mannschaft bei Silver in der Küche einnehmen sollen. Ausserdem überreichte sie meiner lieben Schwester einen dicken Ordner für ihren Computer mit Unterlagen und Essplänen für jede einzelne der Tänzerinnen und Beauties. Tante Leila sagte, sie habe einige unverbesserliche Fresser in ihrer Truppe, die einfach alles in sich hineinstopften:

»... jetzt habe ich endlich die Chance darauf zu achten, dass sie vernünftig essen.«

Ich will hier die ganze peinliche Szene, die dann folgte, hier wirklich nicht im Detail wiederholen. Silver sagte jedenfalls ziemlich patzig, dass sie schon wisse, was sie kochen müsse und daher keinerlei Hilfe brauche. Und Leila Aylik antwortete (auch sinngemäss) dass ihre Anweisung nicht gegen Silver selbst oder ihr Wissen als Fachfrau gehe, sondern einfach aus der Praxis entstanden sei und bewährt.

Worauf Silver sagte: »Offenbar doch nicht. Du sagst doch selbst, dass es bisher nichts genützt hat.«

Ich sagte: »Silver! Darum geht es doch gar nicht ...«

Worauf Silver mir über den Mund fuhr, dass sie sich von mir in dieser Beziehung nichts sagen lassen müsse, weil der Alte die Küche ihr ganz allein anvertraut habe, es gehe mich also gar nichts an, was sie wann zu kochen beabsichtige. Oder wie. Punkt.

Und das natürlich vor der schweigenden, aber interessiert zuhörenden neuen Mannschaft und sämtlichen Passagieren. Die Rainbows hatten den Anstand, so zu tun, als seien sie gar nicht da oder wenigstens sehr schwerhörig, aber Leila Aylik schaute sehr nachdenklich von Silver zu mir und wieder zurück und der Blick, mit dem sie mich bedachte, gefiel mir gar nicht. Ich hätte mich am liebsten unsichtbar gemacht.

Ginnie rettete die Situation schliesslich.

Sie packte Silver energisch am Arm und sagte: »Es reicht, Silver. Wir können verstehen, dass du dich sehr geängstigt hast, als die Schwerkraft ausfiel. Aber wir haben heute alle schlechte Nerven. Anne kann servieren und nachher Honey mit dem Geschirr helfen, dann haben wir beide die Zeit, die du brauchst, um die Menü-Vorschläge für unsere Gäste zum Abendessen mit diesen Unterlagen neu zu programmieren. Wenn ich dir helfe, schaffen wir es bestimmt. Und Totila kommt nachher auch.«

Irgendwo in dieser Rede steckte bestimmt ein Zauberwort. Ich weiß nur nicht, welches. Silver zog sämliche Krallen wieder ein und brachte es sogar fertig, sich bei Leila Aylik zu entschuldigen. Bei mir tat sie es natürlich nicht, aber wen kümmern schon die verletzten Gefühle einer älteren Schwester oder die ramponierte Autorität des Captains der RAINBOW GLORY.

Der Imageverlust wäre vermutlich noch schlimmer ausgefallen, hätte nicht Totila ausgerechnet eine Sekunde nach Silvers und Ginnies Abgang angerufen und mich nach seinem Mittagessen gefragt. Ich bin ihn ja mittlerweile gewöhnt. Oder besser gesagt, ich hatte einfach vergessen, dass ihn bis zu diesem Augenblick noch keine einzige unserer Passagiere gesehen hatte und wie sein Anblick für gewöhnlich wirkt. Ich fand es nur sehr ungewöhnlich, dass er sich meldete, denn normalerweise ist Totila nicht auf Essen scharf.

Anne schwor mir nachher, es sei Zufall gewesen und nicht sie hätte Totilas Anruf in Bild und Ton auf die Grossleinwand im Panoramadeck gelegt. Und da ich nicht annehme, dass sie lügt, denn warum sollte sie, kann ich nur schliessen, dass Totila vom Antriebsturm aus selbst den falschen Knopf erwischt hatte. Jedenfalls bekamen ihn die Rainbows überlebensgross.

Er warf sie um.

Ich übertreibe nicht: durch die Frauen ging ein kollektives Aufseufzen. Und besonders Vermillions Augen wurden fast glasig.

»Möchtest du hier bei uns essen, Totila?« fragte ich heuchlerisch, »es ist noch genug da.«

Er sagte nein, er hätte nur gerne ein Tablett in den Turm und er könne hier im Augenblick nicht weg. Was eine so dicke Lüge war, dass es den beiden Chef-Technikern der Crews Zwei und Drei die Sprache verschlug.

Und später am Nachmittag gegen 16:30, als ich von der ersten von vermutlich vielen Kursbesprechungen mit den Piloten zurückkam und mir in der Küche bei Silver einen Kaffee holen wollte, wo ich Totila dann fand, sagte er: »Was bist du doch für ein boshaftes Ding.«

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»Du hättest mich doch glatt Vermillion O'Toole ausgeliefert«, sagte Totila.

»Aber wo. Glaubst du?«

»Ja«, sagte Totila, «und das weisst du ganz genau.«

Ich musste lachen. »Dann pass eben in Zukunft besser auf, welche Knöpfe du drückst.«

Silver knallte mir schweigend den Kaffeetopf hin.

»Aua«, sagte Anne, »Freundlichkeit und Kompetenz für unsere Gäste an Bord, hat der Alte gesagt. Kannst du an Honey schon mal üben.«

----- Unterbrechung ------

Nachsatz 00:35: Merkwürdigerweise verlief die Abendschicht völlig ereignislos. Soll mich das misstrauisch machen? Ich bin zu müde, um darüber nachzudenken.
 

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