Eines muss man dem Alten lassen: wenn er sich tatsächlich dazu durchringt, freiwillig Geld auszugeben, dann aber auch richtig. Attila Gorekian hatte sich für die Aussenhülle der RAINBOW GLORY die vermutlich teuerste Lackierung geleistet, die es für Geld zu kaufen gab. Das Schiff schillerte in allen Farben des Regenbogens. Ich war erst einmal sprachlos, als ich die GLORY im Hangar liegen sah. Obwohl mich Cleo in ihrer letzten voicemail vorgewarnt hatte:
»... fragt sich nur, was das Teilchenbeombardement im All aus unserem bunten Drops machen wird.«
Aber jetzt, im Hangar des Raumhafens Reno Eins und brandneu - ein toller Anblick. Ich bezahlte das Taxi, schnappte meine Tasche und lief zuversichtlich auf die GLORY zu. Die Materialschleuse zum untersten Deck befand sich fast auf dem Bodenniveau des Liegeplatzes, ich musste nur um etwa einen halben Meter hinaufklettern, kein Problem mit der bequemen neuen Hose von Marie Celeste. Ich wunderte mich zwar ein bisschen, denn Cleo hatte es offenbar für unnötig gehalten, eine Rampe oder zwei Stufen anzubringen, andererseits aber die Schleuse weit offen gelassen, doch keine drei Meter weiter verstand ich den Grund.
In der RAINBOW GLORY ging es zu wie in einem Tollhaus. Offenbar war ich mitten in den endgültigen Rückzug der Handwerker geraten und schwamm damit mit meinem Gepäck sozusagen gegen den Strom. Ich wollte nach oben, auf die Brücke, weil ich vermutete, dass ich Cleo oder sonst jemand aus meiner Crew dort finden würde. Kein Captain oder sein Stellvertreter lässt das Herzstück der Kontrollen unbeaufsichtigt, aber der Weg dorthin war ein hartes Stück Kampf gegen Verpackungseinheiten und Arbeitsgerät.
Auch nach dem Umbau bleibt die GLORY ein sehr kleines Schiff. Es gibt auf allen Decks nur den einen zentralen Gang rund um den Antriebsturm, von dem aus jeweils um 180° Grad versetzt Treppen in die nächsthöhere Ebene führen. Wer auch immer Gang oder Treppen benützt, hat höchstens Sicht auf die nächsten beiden Meter vor sich und genau das war das Problem. Es half auch nicht viel, dass ich Achtung! rief. Die meisten Handwerker waren viel zu beschäftigt, ihre Ausrüstung um die Gangkrümmungen zu manövrieren, um auch noch auf mich aufpassen zu können.
Ausserdem, das muss ich zugeben, hatte ich meine Augen auch nicht immer dort, wo sie nötig gewesen wäre, nämlich auf dem Weg vor mir. Denn während die Handwerker nur versuchten, die Stätte ihrer Arbeit ohne allzu viel Chaos hinter sich zu lassen, bewunderte ich die Decks.
Ganz unten lag Silvers Reich mit Küche, Vorratsräumen und der sogenannten Nasszelle, die Cleo aus Sicherheitsgründen für Crews und Passagiere gemeinsam konzipiert hatte. Sicherlich keine ideale Lösung, es würde zumindest für uns von der Chefcrew morgens im bad ganz schön hektisch werden, aber wir hatten dadurch auf dem Passagierdeck Platz genug gewonnen, um jeder der Frauen der Rainbow-Show eine Einzelkabine bieten zu können. Die Wandverkleidung des Ringgangs bestand hier aus Edelstahl.
Das Passagierdeck lag eine Ebene höher und jetzt wurde es richtig fein. Jeder Quadratmeter Wand überzogen mit Echtholzfurnier, die Schiebetüren zu den Kabinen leuchteten in Regenbogenfarben und die Techniker hatten schon einmal Namen und Kabinen-Nummern der Tänzerinnen angebracht. Neben der einzigen Suite las ich Leila Aylik, Managerin.
Das erinnerte mich daran, dass ich sie heute noch aufsuchen musste, um mich vorzustellen.
Auf Deck Drei befanden sich der Trainingsraum - ein Viertelkreis des Schiffs, also fast ein richtiger Tanzsaal - die Schneiderei und etwas, das sich Fundus nannte und bis auf die Regale noch komplett leer stand. Ich musste wegen des Gegenverkehrs auch auf dieser Ebene in eines der Fundussegmente ausweichen, es wirkte im Kontrast zur grauen Stoffbespannung der Wand im Gang noch fast unfertig.
Darüber lag das Mannschaftsdeck: Wände in lichtem Ockerton. Aber ich hatte es eilig, ausserdem liess der Gegenverkehr hier oben endlich nach. Ich folgte dem Rund des Gangs, las Panoramadeck, dachte, Cleo übertreibt aber mit den Bezeichnungen, stiefelte die letzte Treppe hoch -
und stand auf in einem weiten, völlig offenen Deck.
Ich erinnerte mich natürlich an die Planung. Wir hatten von Anfang an vorgehabt, die Flugkontrollen in der Mitte des Raums zu plazieren, direkt über dem Maschinenturm. Cleo wollte kurze Verbindungen. Dass der Umbau jedoch zu einem freitragenden Gewölbe führen würde, mit einem Hufeisen-Cockpit in der Mitte und aussen herum eine Sofalandschaft, das war mir neu.
Ich tröstete mich aber damit, dass ich die letzten Besprechungen wohl durch meinen Klinikaufenthalt verpasst hatte und wollte neugierig, wie ich nun mal bin, ins Cockpit und spasseshalber den Status des Schiffs checken. Anne-Cyril sass dort, sie verfolgte irgend eine spannende Soap auf dem Bildschirm und ich dachte schon: schöne Wache, sie beachtet mich gar nicht. Aber ich hatte noch nicht richtig den Fuss in das Rund der Kontrollen gesetzt, da fuhr sie schon herum und blitzte mich an.
Wirklich: im-wenn-Blicke-töten-könnten grosse Klasse.
Ich musste lachen. Ich hatte schon wieder vergessen, dass ich mir nicht mehr ähnlich sah.
»Hallo Anne«, sagte ich erheitert, »darf ich mich vorstellen. Ich bin der runderneuerte Captain.«
»Das gibt's doch nicht! Lass dich ansehen«, Anne packte mich an den Händen und versuchte gleichzeitig um mich herumzugehen. Was ihr natürlich nicht gelang. Dann liess sie mich wieder los und drückte hektisch nach einander mehrere Knöpfe auf ihrem Keyboard.
»Cleo, Silver, Totila, alle Mann hoch zu mir. Schnell!« sagte Anne und zu mir:
»Sag blos nichts! Die Gesichter möchte ich sehen. Honey, du siehst klasse aus. Also, ich meine, nicht dass du vorher hässlich warst ...«, sie geriet ein wenig in Verlegenheit, »ach, du weisst schon, wie ich das meine.«
Silver und Cleo kamen fast gleichzeitig, Totila bedächtig hinterher. Ich hatte zu tun, dass ich nicht loslachte. Annes Gesicht war einmalig. und Cleos auch. Sie merkte, dass Anne irgend eine Teufelei im Sinn hatte, kam aber beim besten Willen nicht darauf welche. Totila sah sich die Sache eine Sekunde lang an. Dann zog er eine Augenbraue hoch und blinzelte mir zu.
Silver wurde es zu bunt.
»Also, was soll das?« fragte meine Schwester überllaunig, »ich habe einen Kuchen im Ofen. Spielen wir hier Gegenseitig-Anstarren, oder was?«
»Nun, sag es ihnen schon, Anne«, sagte Totila.
Sie konnten es kaum glauben.
Cleo schon eher, aber Silver war absolut nicht überzeugt.
»Nein«, sagte sie, »das glaube ich nicht.«
Ich musste meine aktualisierte Identitätskarte zücken und ihr zeigen, dass ich sämtliche Passwörter für alle mannschaftsinternen Bereiche kannte und natürlich hörte sie mich mit unveränderter Stimme reden. Trotzdem sah sie mich im Lauf der nächsten beiden Stunden immer wieder befremdet von der Seite an.
»Lass sie«, sagte Cleo, »Silver gewöhnt sich schon. Leila Aylik wird sich freuen, wenn sie so einen schicken Captain für ihren Charterflug kommt. Du solltest allmählich aufbrechen. Wir haben uns von ihr für heute zur Sicherheit drei unterschiedliche Termine nennen lassen. Wenn du dich ein bisschen beeilst, schaffst du noch den zweiten. Wir wussten ja nicht genau, wann du kommst.«
Kaum an Bord also schon wieder unterwegs.
Diesmal zwar in einem ganz anderen Teil der Stadt, aber ehrlich gesagt: für mich war es Jacke wie Hose. Diese Schächte und Stollen sehen sich alle so ähnlich, dass ich in keinem davon ohne Orientierungshilfe ausgesetzt ein möchte. Wie Reno-Leute damit zurecht kommen, ist mir ein Rätsel. Die Stadt ist wirklich eine Mischung aus Bergwerk und Ameisenhaufen. Naja, Termitenbau trifft es wohl eher.
Wie auch immer ...
Der Eingang zum Rainbow-Fountain-Theatre war eine Show für sich. Gut, ich gebe zu, ich hatte vorher nicht sonderlich viel von der Stadt gesehen. Totila und Ginnie, die einen Teil ihrer Kindheit hier verbracht haben, nämlich immer dann, wenn die Präsidentin oder der Alte hier zu tun hatten, haben mir versichert, dass sich das normale Leben ganz sicher nicht in diesen Gewirr aus Röhren und Verkehrsverbindungen abspielt. Es soll Shopping Malls mit grosszügigen Parks geben und die Wohnungen sind angeblich kaum von denen anderswo zu unterscheiden. Oder vielmehr doch, wenn ich an Amy Stevensons Galerie von Bildschirmen mit Aussenweltmotiven denke, die hier die Fenster ersetzen.
Man käme auf der Erde auch bestimmt nicht auf die merkwürdige Idee, den Zugang zu einer Show-Bühne einzig und allein durch eine U-Bahn-Station zu regeln. Ich musste mein Taxi stehen lassen und die letzten 500 Meter eben mit dieser U-Bahn zurücklegen, für die die Bezeichnung auch schon wieder nicht passt. Es war vielmehr ein Schrägaufzug und wenn ich mich nicht völlig irre, als Standseilbahn.
Und erst das Eingangsportal
Leider konnte ich keinen Blick auf Zuschauerraum und Bühne werfen, denn Leila Eylik erwartete mich schon. Das Theater beschäftigt eine ganze Reihe Platzanweiser-Bugs, die natürlich am Nachmittag zwischen den Vorstellungen nichts zu tun hatten und als Staubsauger durch die Gänge wuselten. Einen der kleinen runden Roboter programmierten sie am Empfang für mich um und schickten mir das Teil voraus. Und das war auch gut so, denn ich hätte es mir ja denken können.
Abgesehen vom pompösen Eingang und der Halle dahinter ist das Theater der übliche Irrgarten aus Gängen im Fels. Überall offene Leitungen in allen Farben, jede Menge Abzweigungen und Türen und der Charme eines aufgelassenen Kohlenbergwerks. Leila Aylik sprach gerade noch mit einem ihrer Bekannten, der sie angerufen hatte und hielt den Blick deshalb ziemlich unverwandt auf ihrem Bildschirm, als ich eintrat und das war mein Glück.
Vor mir am Schreibtisch sass eine Frau, die ich dort und auf Reno am allerwenigsten erwartet hätte.
Meine eigene Tante Elisa.
Besser gesagt: meine tote Tante Elisa, die jüngere Schwester meiner Mutter. Elisa hatte, so weit ich mich daran erinnerte, knapp vor Silvers Geburt einen tödlichen Unfall gehabt. Wir hatten sie betrauert und begraben, allerdings nur noch ihre Urne. Wir, das heißt Mutter, ich sowieso nicht, hatte sie nicht mehr gesehen, denn der Unfall war auf dem Mond passiert, irgendwie etwas mit einer undichten Fahrgastzelle und Vater, der sie identifizieren musste, hatte uns dringed abgeraten. Ich hatte bisher an dieser Version keinerlei Zweifel gehabt, wie hätte ich auch sollen - aber da sass Tante Ellie in ihrem Stuhl, lachte und witzelte mit irgend einem Typ. Alles andere als tot.
Ich werde nicht so leicht hysterisch, aber da, ich gebe es zu, war ich knapp dran.
Nicht wegen der wieder gefundenen Verwandtschaft. Ehrlich gesagt, war mir das völlig egal. Ich vermute mal, Tante Elli hatte schon ihren Grund, meine Eltern und mich hereinzulegen. Mußte sie ja wohl, wenn ich mir auch nicht denken konnte, welchen. Ausserdem hatte sie vermutlich Helfer, denn so eine Inszenierung des eigenen Todes ist ziemlich schwierig, heutzutage. Und teuer. Stelle ich mir jedenfalls vor.
Nein, was mir viel schlimmeres Kopfzerbrechen machte, war etwas anderes. Sollte ich mich meiner Tante zu erkennen geben? Hallo, Tante Ellie, grüss dich! Ich bin deine Nichte Honey ...
Sie kannte mich gar nicht unter diesem Namen und auch nicht mein Gesicht. Es war neu, und selbst wenn nicht: sie hatte mich zuletzt als pummeligen Teenager von nicht ganz Vierzehn gesehen. Wie sollte sie die Frau Anfang Dreissig wiedererkennen? Dass ich mich nicht irrte, war leider ausgeschlossen. Auf Tante Ellies stand ein Kinderbild mit Widmung in ungelenker Schrift:
der lieben Tante Ellie von ihrer Nichte Minnie
Minnie. Ach Herrje, ich hatte schon fast vergessen, dass mich die meisten Leute früher einmal so genannt hatten. Und ich hatte auch kaum Zeit, über das Ganze nachzudenken und zu irgend einem Entschluss zu kommen. Tante Ellie war mit ihrem Gespräch fertig und sah mich an.
Mir war schlecht.
»Ist Ihnen nicht gut?« fragte sie und musterte mich dabei kritisch.
»Nein. Äh, vielmehr doch. Es geht schon wieder«, sagte ich lahm.
»Na gut. Dann wollen wir einmal ...«
Tante Ellie.
Sie ist schlimmer, als Silver. Der Alte hatte mich gut vorbereitet, besser gesagt, er war mir mit dem Chartervertrag in den vergangen Monaten so gründlich auf die Nerven gegangen, dass ich das Ding inzwischen fast auswendig konnte. So hatte ich auf alle von Ellies - oder vielmehr Leilas Ayliks Fragen eine Antwort. Nicht immer konnte ich sie aus dem Ärmel schütteln und sie hat die fatale Angewohnheit, mitten in einer Argument Sprünge zu machen, aber schliesslich bin ich von Silver Kummer gewohnt. Und zuletzt machte das Kreuzverhör sogar Spass.
Tante Ellie allerdings weniger. Sie sah mich am Ende an, als habe läge ihr etws quer im Hals. Aber was hatte sie sich eigentlich gedacht? Dass ich zu den piepsenden Mäusen gehöre? Dazu hatte es mich in den letzten Jahren zu sehr durchgeschüttelt.
»Das war es dann, denke ich«, sagte sie zuletzt, »wir kommen also Morgen früh mit den Team von WorldsWide, um die Szenen für die Einspielung in den Abendnachrichten zu schiessen. Um 7:30 sollte bei Ihnen alles vorbereitet sein. Schaffen Sie das?«
Ich sagte: »Klar«, und dann ging ich. Zugegeben mit einem komischen Gefühl in der Herzen.
Merkwürdig, einen Menschen aus seiner eigenen Vergangenheit auf Reno zu treffen, Ich würde ihr gerne sagen, dass meine Eltern tot sind. Andererseits hatte ich meine Tante Elisa damals nicht so übermässig gut gekannt. Sie war immerzu mit ihrem Manager und einem Bauchtanz-Engagement unterwegs gewesen; ausserdem hatte sie sich nicht gerade auf die feinste Art aus unserem Leben von damals verabschiedet. Ich weiss nicht, wie man so etwas fertig bringen kann und schon darum ist mir die Leila Aylik von heute völlig fremd.
Ich erzählte Totila, was mir passiert war, er lief mir zufällig als erster über den Weg, als ich an Bord kam und ich musste es einfach bei jemandem loswerden. Ein paar Stunden später hätte ich vermutlich den Mund gehalten. Er sagt etwas Interessantes:
»Es wird vermutlich einfacher, als du dir jetzt vorstellst. Gewöhne dich schon mal daran, sie nicht Tante Ellie zu nennen, nicht mal im Kopf. Und ich werde Silver im Auge behalten, Honey.«
Gleichzeitig rief aber Ginnie an und brauchte ihn, deshalb
ging Totila eilig weg. Nun plagt mich die Neugier, was er damit meinte,
er würde auf Silver achten. Aber vorläufig ist zum Fragen keine
Zeit.
Nur noch wenige Stunden, dann kommt Leila Aylik. Bis
dahin muss die Rainbow Glory in Topzustand sein. Cleo hat schon damit angefangen,
dass Putz-Team herumzuscheuen.
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