19. Honey Winters Tagebuch: Zu früh gefreutAmy behauptet, dass das nach einer Amnesie-Narkose normal sei, aber ärgerlich ist es doch. Ich muss vorhin nach dem Essen mit den Stevensons so schnell eingeschlafen sein, dass es mir mitten im letzten Satz für das Tagebuch regelrecht die Füsse weggezogen hat. Jedenfalls ist das noch die beste, will sagen halbwegs vernünftige Erklärung dafür, wie (und vor allem mit wem) ich die nächsten fünf Stunden verbracht habe. Denn war wirklich passiert ist, da frage ich sie lieber nicht.
Ich habe nämlich das sichere Gefühl, Amy würde mir unter keinen Umständen antworten. Oder, noch schlimmer, vielleicht betrachtet man solche Dinge auf Reno als Service des Hauses und Amy wäre beleidigt. Naja, vielleicht bilde ich es mir das Ganze eben doch nur ein, sozusagen als Alptraum deluxe.
Anders herum betrachtet würde das aber wiederum bedeuten, die Stevensons haben keine Ahnung davon, was in ihrem unterirdischen Reich abläuft. Und das macht nun mir wieder Angst. Es gibt nämlich nur zwei Möglichkeiten: entweder ich hatte vorhin einen sehr lebhaften Traum - oder in meinem Zimmer tatsächlich Besuch von Tara MacDiarmuid.
Fragt sich nur wie der nach Reno gekommen sein soll. Und natürlich kann ich bei Amy oder Stevenson nicht nachforschen, ausser ich möchte mich unglaublich lächerlich machen.
Ehrlich gesagt kriege ich es immer weniger auf die Reihe, je länger ich darüber nachdenke. Die Klinik innerhalb der Klinik ist ungefähr so gut nach aussen abgeschottet und gesichert, wie auf der Erde vielleicht noch der Zentralrechner von Homburg United, ausserdem laufen überall Angestellte der Stevensons herum. Tara hätte also nicht nur alle Zugangscodes gebraucht, sondern sich auch noch hervorragend auskennen müssen - plus das Talent, im richtigen Augenblick unsichtbar zu werden.
Wenn die Unterhaltung (sehr neutral ausgedrückt), die ich mir einbilde vorhin mit ihm gehabt zu haben, dagegen nur eine Ausgeburt meiner lebhaften Phantasie war und eine Folge der Amnesiebehandlung, dann kann ich mich für die nächsten paar Tage vermutlich noch auf weitere lebhafte Träume einstellen. Und das freut mich auch nicht gerade.
Kurz und knapp erinnere ich mich an das: ich wurde von einem Geräusch in meinem Zimmer wach und dann sass plötzlich Tara MacDiarmuid an meinem Bett. Ich glaube, er erzählte schon eine ganze Weile irgend etwas, bevor mir richtig klar war, wer da neben mir sass und mich streichelte. Zuerst hielt ich ihn nämlich für Totila. Wie man weiss, sehen sie sich sehr ähnlich, aber ich bin trotzdem ziemlich sicher, dass es in Wirklichkeit Tara war - wenn überhaupt.
Was er sagte, klang sehr eindringlich und wichtig und es hatte mit meinem Handy zu tun, das ich auf der Erde auf gar keinen Fall benützen dürfe. Klar - Handys sind dort verboten, schon lange, und ich sah deshalb zuerst nicht ein, warum ich das unnütze Ding überhaupt mitschleppen sollte.
Aber Tara lächelte mich mit seinen intensiv grünen
Augen an und sagte (sinngemäss):
»... ich will nicht, dass meinen Kindern dort etwas
geschieht ...«,
Und dann sagte er noch: »... wenn ich weg bin, wirst du nach und nach vergessen, was ich dir erklärt habe. Aber damit die Behandlung anhält, werde ich vorher mit dir schlafen.«
Was er dann auch tat.
Oder jedenfalls bilde ich mir das ein.
Das schlimmste daran ist gar nicht die Tatsache an sich. Sexuell gefärbte Träume, du lieber Gott, darüber muss man nicht nachdenken. Dieser war zwar intensiv, aber das macht mir nicht wirklich Kopfzerbrechen. Ich finde viel beunruhigender, dass ich zuerst, als ich ungefähr um 22:30 aufwachte, überhaupt keine Erinnerung an einen Traum oder sonstige Besonderheiten hatte. Erst als ich das Handy auf dem Tisch liegen sah, fiel mir ganz allmählich das eine oder andere Detail wieder ein.
Normalerweise ist es mit Träumen genau umgekehrt. Und seitdem ich hier sitze und schreibe, geht alles schon wieder weg.
Ich überlege ehrlich gesagt, ob ich nicht diesen ganzen Tagebucheintrag löschen soll. Was sollte Tara auf Reno und ausgerechnet bei mir? Er kennt mich doch gar nicht.
Ich denke, in Wirklichkeit wird es einfach Zeit, dass ich endlich aus dieser Klinik und aus der unterirdischen Stadt herauskomme. Ich entwickle wahrscheinlich eine Art Koller und der Schlafanfall und die Erinnerung an den Alptraum von vorhin sind nur Zeichen dafür. Ich wäre wirklich lieber an Bord der RAINBOW GLORY, nur will mich Stevenson heute noch hierbehalten und über Nacht verkabeln.
»Nur um sicher zu gehen«, sagte er.
Aber ich denke, die Klinik kann es sich nicht leisten, mich zu entlassen falls mir in den nächsten Tagen noch einmal so etwas geschieht.
Amnesie-Narkosen scheinen eben doch mehr Nebenwirkungen zu haben, als Stevenson zugibt. Naja, dann warte ich eben auf morgen.
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