Totila: Geschwisterliebe

30.04. 2389:  00:00

Dass ihm Anne den Laufpass gegeben hatte, tat ein bisschen weh. Er hatte es natürlich kommen sehen, wie denn auch nicht, aber trotzdem. Und er konnte noch nicht einmal sagen, es war nicht seine Schuld.

Natürlich war es seine Schuld. Es war Totila klar, dass er für Anne nicht der richtige Mann war. Das war er vermutlich für überhaupt keine Frau, denn irgendwann waren sie ihm alle zu viel. Er hatte nur ab und zu ein Bedürfnis nach Nähe, eigentlich hauptsächlich nach Sex, wenn er ganz ehrlich war. Die übrige Zeit blieb er sehr gerne allein.

Was sich eben so allein nannte. Totila hatte die letzten fünf Jahre fast ständig auf Reno gelebt, wo alles viel anonymer zuging, schon bedingt durch die Masse. Auf Reno lebten fast acht Millionen Menschen. Auf ganz Plejades nicht einmal Zehntausend, und er kannte sie fast alle. Hier war man niemals ganz für sich. Mindestens kam jemand nachsehen ...

Natürlich hatte ihn Anne längst durchschaut. Er hatte ihr ja auch nie etwas vorgemacht. Sie war neugierig gewesen, ob er tatsächlich im Bett so gut war wie sein Ruf, und es hatte ihm Spass gemacht, ihre Vorstellungen von ihm zu bestätigen, wenn nicht zu übertreffen. Es hätte ihm auch weiter Spass gemacht. Aber es war vorbei.

Es war auch besser so. Totila konnte Sex und Liebe sehr gut trennen, und darum war es ja auch Anne nie gegangen. Er war kein solches Monster, dass er Gefühle ausnutzte, die ihm entgegen gebracht wurden, wenn er sie nicht erwidern konnte. In diesem Fall hätte er auch gleich Silver nehmen können. Sie wäre glücklich gewesen - für eine Weile. Bis nämlich selbst ihr aufgefallen wäre, was Anne längst wusste.

Dass es nämlich nur einen einzigen Menschen gab, an dem Totila hing. Ginnie. Anne täuschte sich nur etwas darin, wie tief Totila tatsächlich mit seiner Schwester verwachsen war.

Mit Sex hatte das überhaupt nichts zu tun. Oder zumindest nicht in dem Sinn. Er war in so engem Kontakt mit Ginnie gross geworden, dass er sich tatsächlich oft wie eine Hälfte eines gemeinsamen Organismus gefühlt hatte; und er wusste, dass ihr das genauso ging. Sie war fünf Jahre jünger als er und bis er nach Reno gegangen war, für die Technikerausbildung, die seinem Grossvater nicht sehr gefallen hatte - Attila Gorekian hätte ihn lieber als Betriebswirt oder Juristen gesehen - hatte Totila jede Sekunde seines Lebens gemeinsam mit Ginnie verbracht.

Nicht immer im selben Raum, obwohl sie jahrelang zusammen in einem Bett geschlafen hatten.

Seine Mutter hatte das abgestellt, als er ungefähr zehn gewesen war. Wobei der blosse Gedanke von ihr genügt hatte. Er war ohne Protest in ein eigenes Zimmer umgezogen, Wand an Wand mit Ginnie, bemüht nicht in falschen Verdacht zu geraten. Dabei hätte er es nie mit ihr getan, zumindest nicht im landläufigen Sinn. Mauern zwischen ihnen waren nie ein Hindernis. Eher schon sehr grosse Entfernungen.

Es klappte gewöhnlich noch auf Distanzen wie zwischen den Stadt auf Plejades und dem Raumhafen im Hochtal. Manchmal, selten, sogar quer durch die ganze Atmosphäre. Dass Totila im Februar aus Reno zurückgekommen war, hatte Ginnie noch vor dem ersten Funkkontakt gewusst.

Er hatte sie auf Reno furchtbar vermisst. Viel schlimmer, als er sich das vorgestellt hatte. Er war so daran gewöhnt gewesen, alles mit ihr zu teilen, dass er sich ohne sie amputiert vorgekommen war. Erst das Wiedersehen hatte die hohle Stelle in seinem Ich wieder gefüllt. Er hatte aber nicht bedacht, dass er und sie in diesen fünf Jahren, da sie sich kaum je länger als für Minuten gesehen hatten, unterschiedliche Erfahrungen machen würden. Die sich auch nicht mehr völlig abgleichen liessen

Sie hatten es versucht. Die erste Nacht zu Hause auf Plejades war wie ein Rausch gewesen. Ginnie hatte gesagt, sie sei sehr müde und er war ihr kurz danach gefolgt, in sein eigenes Bett. Sie hatten zum ersten Mal seit fünf Jahren wieder Wand an Wand geschlafen. Aber geschlafen hatten sie in dieser Nacht nicht.

Keine Sekunde. Alles was er wusste, was er erlebt hatte, was sie erlebt hatte, war aus seinem in ihren Kopf geflossen und umgekehrt zurück. Es war eine schlimme Datenlawine gewesen, völlig irre, nicht zu stoppen, knapp am Ausrasten vorbei. Totila hoffte, dass er das nie mehr in seinem Leben mitmachen musste. Trotzdem hatte er es genossen. Wie ein Junkie, der endlich wieder einen Schuss hat.

Unterschiede waren natürlich auch nach dem update geblieben. Aber sie hatten daraus gelernt. Sie würden zusammenbleiben müssen, auf die eine oder andere Art. Auch wenn sie beide inzwischen wussten, dass sie so nicht mehr weitermachen konnten. Anne war nur Katalysator für das Problem.

Anne, oder jede Frau, mit der Totila ins Bett ging.

Er war davon ausgegangen, dass Ginnie auf Plejades in der Zwischenzeit die gleichen, oder zumindest ganz ähnliche sexuelle Erfahrungen gemacht hatte, wie er. Aber er hatte übersehen, dass das, was ihn für nahezu jede Frau attraktiv machte - von sehr kritischen Wesen wie Honey oder Cleo einmal abgesehen - nämlich sein ansprechendes Äusseres, Ginnie geradezu stigmatisierte. Sie sah ihm zum Verwechseln ähnlich, wenn auch auf eine weichere, sehr zarte Art. Sie war die schönste junge Frau auf der Welt seines Grossvaters.

Ausserdem war sie der Liebling des Alten. Mit dem zu erwartenden Ergebnis: kein Mann auf Plejades traute sich an Ginnie heran.

Ginnie behauptete, das mache ihr nichts aus. Es stimmte natürlich. Sie war der Meinung, er habe unnötige Skrupel und sie hatte damit ganz Recht. Sie war nur theoretisch noch unberührt, genau wie auch er lange vor seinem ersten Mal genau gewusst hatte, was zwichen Mann und Frau ablief. Trotzdem waren Wissen und Machen offensichtlich zweierlei. Aber er war ein Dummkopf, wenn er darunter litt.
 

Er musste es doch wissen. Früher, als halbe Kinder hatten sie es miteinander geteilt. Sie hatten sich buchstäblich nichts dabei gedacht, dass Ginnie seine ersten Versuche auf diesem Gebiet mit erlebt hatte. Natürlich nur im Kopf, aber das hatte auch genügt. Ausserdem hätte er selbst heute nicht gewusst, wie er es hätte vermeiden sollen.

Sie konnten ihren sechsten Sinn nicht abstellen, er lief durchs ganze Leben mit. Wenn Totila hungrig wurde, war es auch Ginnie, sie schliefen zusammen ein, sogar ihre Verdauung lief meistens synchron.

Nur - wenn er ganz ehrlich war, fand er es jetzt nicht so furchtbar angenehm, mit Anne im Bett zu sein und zu wissen, Ginnie erlebte es mit.

Es frustrierte ihn, weil sie selbst niemanden hatte. Totila hatte sich - vielleicht, irgendwie - vorgestellt, dass er und sie mit ihren jeweiligen Gefährten eine Art Doppelpaar bilden würden, natürlich nur auf der Ebene im Kopf. Aber er allein mit Anne im Bett war der Spass für Ginnie  nur die halbe Miete. Sie konnte sich natürlich mühelos in Anne hineinversetzen. Oder in ihn.

Das erste Mal, als sie es getan hatte, hatte ihm das erst den richtigen Kick verpasst. Es wäre unehrlich gewesen, das nicht zuzugeben. Was er Ginnie ohnehin nicht verbergen konnte. Es war einfach schön.

Und irgendwo auch pervers, haarscharf am Inzest vorbei.
 

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