18. Honey Winters Tagebuch: Alles für die
SchönheitMan sollte nicht glauben, wie sehr man vor sich selbst erschrecken kann. Ein Blick in den Spiegel heute morgen im Bad und - naja, es war vielleicht auch vor dem Frühstück zuviel von mir verlangt. Ich hatte vergessen, dass ich nicht mehr so aussehe wie früher. Dabei gefällt mir mein neues Gesicht. Wer hätte nicht gerne eine schmalere Nase, wohlgeformte Lippen und perfekte Zähne, vom neugeformten Grübchen in der Wange ganz zu schweigen. Ich lächelte mich versuchsweise an.
Trotzdem war mir mein Spiegelbild entsetzlich fremd. Das
Morgenritual verlief nach dem Motto:
Ich kenne dich zwar nicht, aber ich wasche dich trotzdem.
Cleo hätte sich amüsiert, obwohl ich ihr den Rest des Tages nicht gerade wünschte.
Dass ich nicht zu den Modebewussten gehöre, ist ja bekannt. Meine Garderobe umfasst Hosen, Hemden und Shirts, möglichst einfarbig und in halbwegs neutralen Farben, also blau, weiss, meinetwegen auch noch rot. Ansonsten sehe ich aus, wie alle auf Plejades: Hände und Gesicht braun verbrannt, die Haare ausgebleicht. Mein persönliches Beauty-Team war entsetzt.
Dr. Stevensons Klinik entlässt ihre Kunden nämlich nicht ohne perfektes Makeup, perfekte Frisur, selbst eine Grundset von Marie Celeste - Hose, Jacke, Shirt und Schuhe - ist im Service inbegriffen.
(Ich frage mich, ob Mirja Terescu ihre perfekte Schönheit nicht auch auf diesem kleinen Umweg bezieht. Aber das ist natürlich boshaft.)
Zurück zum Beauty-Team. oh, sie gaben sich wirklich alle Mühe. Auch darin, und das war sicher das schwierigste, mich zu motivieren. Mein Aussehen ist mir normalerweise so was von egal, ausserdem hatte Silver seit Jahren den Top-Schick in der Familie Winter mit ihrer Person besetzt und, was das Budget von Honey&Silver anging, regelmässig voll ausgereizt bis überlastet. Ich war also ganz klar Entwicklungsgebiet und Hairstylist, Visagistin und Typberater hatten wohl die Vision, mich in eine honigblond gelockte, nicht ausschliesslich in silber gewickelte Version meiner kleinen Schwester zu verwandeln. Sie dachten dabei an tannengrün, gold und violett.
Wir einigten uns schliesslich auf einen Kompromiss.
Ich sagte ihnen, ich würde in Kürze für ein halbes Jahr im All unterwegs sein. Was nützte mir die tollste Frisur vom Hairstylisten, wenn ich sie demnächst alle drei Tage selbst in Form bringen müsse - davon, dass die Haare in diesem halben Jahr weiter wachsen würden und natürlich nicht fachgerecht geschnitten werden könnten, ganz zu schweigen.
Gegen ein möglichst perfektes Make-up, soforn ich es selbst machen könne. hätte ich dagegen nichts. Und die neue Kleidung müsse vor allem praktisch sein und möglichst leicht zu pflegen. Sprich - nur nichts, das Flecken anzieht. Das sahen sie ein.
Die heftigen Farben der vorgesehenen Garderobe wurden auf Paspelstreifen und einige Accessoires zurückgedrängt, mein strapaziertes Haar auf die nicht ausgebleichte Stufe von Blond zurückgefärbt, die es vermutlich in einem halbe Jahr haben wird und danach arbeitete die Visagistin hart am natürlichen Honey-Winter-Look. Alles in allem waren vier Menschen damit fünf Stunden gut beschäftigt - wenn man mich einmal einrechnet, die ich eigentlich nicht zu tun hatte, als meinen Kopf hinzuhalten - und als sie mit mir fertig waren, sah das Ergebnis wirklich nach absolut nichts aus.
So, als wäre ich gerade aus der Dusche gekommen und
hätte mir nur so eben das Haar ein bisschen zurechtgezupft. Nur, dass
Honey Winter im Normalzustand nicht diesen Pfirsichteint hat und keineswegs
die strahlenden, veilchenvioletten Augen - die ihre exotische
Farbe Augentropfen verdankten, die mich für eine Weile alles durch
wie durch eine rosa Brille sehen liessen. Das hatte mir die Visagistin
nämlich vergessen zu sagen, dass die Flüssigkeit sich in der
obersten Schicht der Hornhaut ablagert.
Genug davon, nach einer Weile ignoriert man es.
Ich ass noch mit Amy und Dr. Stevenson, der den Lunch mit einer kleinen Vorlesung über die möglichen oder vielleicht zu erwartenden Nachwirkungen der ganzen Aktion würzte. Die Amnesie-Narkose, beziehungsweise der daraus resultierende Blackout, der mich gestern in einige Verwirrung gestürzt hatte, war ohne weitere Gedächtnislücken abgeklungen. Ich erinnerte mich sogar wieder an die Operationen samt sämtlichen lästigen Begleiterscheinungen, aber nur so wie von fern.
»Das ist der Zweck«, sagte Stevenson, »wir möchten nicht, dass unsere Kunden vergessen. Wir nehmen ihnen lediglich das Trauma. Beziehungsweise wir verhindern mit der Amnesie-Narkose, dass es erst entsteht. Denn es kommt ja immer erst hinterher. Post-operativ.«
Dabei schob er mir vertraulich meine aktualisierte Identitätskarte zu.
»Oh!« sagte ich, »ihr seid ja wirklich aktuell.«
Das Hologramm, Honey Winter in Daumennagelgrösse,
Pfirsichwangen, veilchenblaue Augen, lächelte
mich an.
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