17. Honey Winters Tagebuch: Drei ein/halb WochenHeute morgen haben sie mich aufgeweckt, mir gesagt, dass mein Name Honey Winter ist und dass ich in ein, zwei Tagen - vielleicht auch ein kleines bisschen später, so genau liessen sie sich darüber nicht aus - die Klink verlassen könne, denn es sei ja nun alles wunderschön verheilt.
Ich war völlig perplex.
Klinik? Wieso? Das letzte, an das ich mich erinnern konnte, war, dass Cleo an Bord der Rainbow Glory versucht hatte, sich mit der manipulierten Duschsteuerung selbst zu ertränken. Womöglich war ihr dabei doch etwas passiert, aber eigentlich hatte ich den Vorfall ganz anders, nämlich harmlos und eher komisch in Erinnerung. Sie war jedenfalls herausgekommen, oder doch nicht? Ich konnte mir wirklich nicht erklären, weshalb dann ich in der Klinik gelandet war. Denn eigentlich hätte eher sie ...
Die freundlichen Leute, alle in Creme und Gold gekleidet, die unverständliche Aufträge in meinem Zimmer zu erledigen hatten (eine junge Frau trug sogar ein Tablett mit einer silbernen Thermoskanne und einem putzigen bunten Stoffmützchen darauf und setzte es neben mich hin), sie lachten sehr über meine Verwirrung. Sie schlugen mir vor, nicht so viel zu denken, sondern das weiche Ei zu essen und meinen Tee zu trinken.
»Das wird dir alles bald von selbst wieder einfallen. Wenn wir dir helfen, stören wir nur den natürlichen Prozess«, sagte die junge Frau unangebracht heiter, die mir das Tablett quer über die Beine stellte und dem Ei im Becher das Mützchen abzog, »nachher, sobald Dr. Stevenson deinen Kiefer noch einmal vermessen hat, bekommst du ein schönes Müesli.«
Ich hasse Müesli.
Sie drückte mir den Eierlöffel in die Hand. Ich merkte jetzt, ich sass im Bett.
Ich klopfe das Ei auf, man ist ja kooperativ. Ich trank den Tee. Obwohl ich keinen Tee mag. Das Ei schmeckte traumhaft. Beim letzten Löffel fiel es mir wieder ein.
»Gott verdammt!«
Sie hatten mir den Kiefer gerichtet ...
Kieferoperationen haben auch heute noch den Nachteil, dass danach für ungefähr ein halbes Jahr nichts mit dem Beissen geht. Das heisst - man kann schon, aber man sollte nicht.
Sechs Monate keine feste Nahrung. Nichts, das schwieriger zu kauen wäre, als ein weiches Ei.
Keine Steaks, kein Brot, kein knackiges Gemüse, nicht einmal Würstchen.
ICH HASSE MÜESLI !!!
Und was das allerschlimmste war - ich hatte dem ganzen Wahnsinn auch noch zugestimmt. Das, an das ich mich noch am besten erinnern konnte, war die Vorbesprechung mit Dr. Stevenson, der mit mir drei Stunden lang sämtliche Schritte durchgegangen war und mich vor allem über jede mögliche oder auch nur denkbare Nebenwirkung aufgeklärt geklärt hatte. Selbstverständlich auch darüber, dass ich damit rechnen müsse, dass mir die Amnesie-Narkose einen kleinen Prozentsatz Erinnerung für immer wegnehmen würde.
Aha.
Sehr lustig.
Ich verbrachte den Rest des Vormittags damit, darüber zu grübeln, wieviel ein kleiner Prozentsatz sein mochte, während ich einen kompletten Fitness-Test mit mir machen liess. Viele neue Gesichter und alle schienen zu wissen, wer ich war - nur ich hatte immer noch keine Ahnung. Mir fiel auch absolut kein Grund ein, warum ich eine Kieferoperation gebraucht haben sollte. Höchstens, dass ich mir als Kind einmal die Nase gebrochen hatte und deshalb mein Gesicht zu richten, kam mir ein wenig, na sagen wir einmal: übertrieben vor.
Es war alles sehr merkwürdig.
Immerhin, die weisshaarige alte Dame, die mich zu sich zum Mittagessen einlud - in ihre Privaträume, ein Luxusappartement innerhalb einer Klinik, man stelle sich das einmal vor! - sie kannte ich, sogar ihren Namen. Amy Gorekian-Stevenson servierte Tomatencremesuppe mit winzigen Croutons.
»Lass sie ein wenig aufweichen, Liebe«, sagte Amy, »das mit dem Nicht-kauen-dürfen muss man nicht ganz so ernst nehmen. Randy sagt das nur, weil die Leute einfach unvernünftig sind. Wir hatten schon welche, die zwei Tage nachher unbedingt Hähnchenknochen zerbeissen mussten. Das kann dir die Zähne aus dem Kiefer sprengen, von der Kieferplastik selbst ganz zu schweigen.«
- Auch eine Methode, Dr. Stevensons Patienten von Experimenten mit dem neuen Gebiss abzuhalten. Nach Amys freundlich gemeinten Ausführungen war mir leise schlecht. Vielleicht lag es auch an der Suppe. Sie schien im Magen zu quellen.
Ausserdem war ich müde.
»Macht nichts, machts nichts«, sagte Amy, warum legst du dich nicht einfach auf die Couch oder betrachtest für eine Weile eines unserer Meditationsvideos? Ich habe heute einen Wald bekommen, mal sehen ob er dir gefällt.«
Ich hatte keine Lust auf Wälder, aber ich wollte auch nicht mit Amy diskutieren. Es war mir mittlerweile sogar ganz egal, ob ich noch irgendwann herausfand, wie ich in diesen ganzen Schlamassel geraten war. Ich setzte mich auf ihre Couch und starrte auf das Video.
Es passierte natürlich nichts. Die Bäume wiegten sich ab und zu im Wind und manchmal flog ein Vogel vorbei. Einmal, Gipfel der Aufregung im Wald, turnte ein Eichhörnchen über einen Stamm und ganz langsam veränderte sich das Licht. Es wurde Abend.
Immerhin, das Rauschen des Waldes wirkte sehr beruhigend. Es erinnerte mich an meine Kindheit. Ich hatte das Glück gehabt, am Standrand aufzuwachsen. Später, als Silver noch klein gewesen war, hatte ich versucht, sie wenigstens ab und zu ins Grüne zu schleppen. Nie zur besonderen Begeisterung meiner kleinen Schwester. Überhaupt Silver, war noch nie ...
Ich sah auf meine Uhr. 17:45, ich hatte doch tatsächlich den Nachmittag vor diesem Video vertrödelt. Dann las ich das Datum: 09. 06. 2389. Mir fehlten ziemlich genau 25 Tage meines Lebens. Und wahrscheinlich durfte ich Dr. Stevenson dafür sogar dankbar sein. Besser gesagt, ich wusste es. Er hatte mir gezeigt, wie derartige Operationen abliefen, Bild für Bild und Schnitt für Schnitt ...
Ich setzte mich ruckartig auf.
»Amy?«
Sie kam sofort.
Ich brauchte unbedingt einen Spiegel.
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