Totila: Geschäfte
im Untergrund IVViele Einwohner der unterirdischen Städte fanden sich instinktiv in der komplizierten dreidimensionalen Geographie von Reno zurecht. Totila hatte das schon oft festgestellt, wenn er fremde Köpfe benützte, um seinerseits nicht in die Irre zu laufen. Das Dojo lag natürlich nur dem Namen nach im Canyon Green, zumindest war dort der offizielle Eingang. Sein eigentlicher Bereich, Trainings-Räume für verschiedene Sportarten, Sauna, Whirlpool, eine grosszügige Aroma-Grotte und die Massage-Praxis - wie Totila erwartete hatte, mit einer ernsthaften, sehr kompetenten Mannschaft von Physiotherapeuten (und den unvermeidlichen Masseusen für die Speziellen Wünsche nebenan) - dieser Teil steckte tief im Fels.
Und es war ein Irrgarten. Wie alle echten Piraten-Dojos war auch dieses völlig autark, sowohl was die Versorgung, als auch die nicht vorhandene Anbindung an das Notfall-Netz von Reno anging. Der Canyon Green hatte seine eigene Variante von Versorgungsgängen und -schächten, die das Über- und Nebeneinander im Fels rund um die dem normalen - zahlenden - Publikum zugänglichen Bereiche ausfüllte, und natürlich kannte sie jeder, der hier beschäftigt war wie den Inhalt seiner Hosentasche. Über sechzig feste Mitarbeiter zu den Stosszeiten am späten Vormittag oder jetzt, am Abend, die mit ihrem Wissen über Wege und Strukturen des Dojo für Totila fast so etwas wie ein Kollektivbewusstsein darstellten. Nicht einfach, so etwas anzuzapfen und gelegentlich irritierend, weil sich die Sichtweisen oft ziemlich unterschieden.
Trotzdem zuckte Totila schon aus diesem Grund mit keiner Wimper, als Vermillion O'Toole plötzlich aus einer Wand trat.
»Gute Nerven«, sagte Vermillion, »du bist also der Bursche, der für Stevenson arbeitet.«
Vermillion seiner/ihrerseits arbeitete als Drag-Queen.
Totita taxierte sie argwöhnisch. Acht sehr teure Operationen hatten die Geschlechtsumwandlung perfekt gemacht, nur an den Genen geändert hatte sich dadurch natürlich nichts. Psychologisch betrachtet war Vermillion homosexuell - mit ausgesprochen nymphomanen Zügen.
Ach Herrje! Die Jagd war schon eröffnet.
»Darf man dir etwas anbieten?«
Sie selbst vielleicht? Vermillion fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen.
Totila hatte keine Lust. Er sagte: »Nein danke.«
Nicht, weil er Hemmungen gehabt hätte, mit einer Frau zu schlafen, die früher ein Mann gewesen war. Er hatte tief genug in Vermillion O'Toole hineingesehen, um zu wissen, dass es tatsächlich keinen Unterschied gemacht hätte. Keinen, oder fast keinen. Denn natürlich war sie anders. Sie war so gnadenlos auf ihr Frausein fixiert, dass sie Totila damit schwer auf die Nerven ging.
Er hatte es lieber, wenn Frauen ausser Frau noch etwas
anderes waren und konnte es genau genommen überhaupt nicht leiden,
dass ihm Vermillion ihren durchtrainierten Body samt Atombusen wie eine
Art Doppelbombe entgegenreckte. Möglich, nein sicher, denn er wusste
es genau, dass sie die Meisten damit kriegte. Vermillion brauchte Männer
zur Selbstbestätigung. Sie sammelte Betteroberungen, wie andere vielleicht
Vasen, aber er hatte einfach keine Lust, in ihrer Trophäensammlung
zu landen.
17.05. 2389 kurz vor Mitternacht: Totila Terescu,
25 Jahre jung und sehr süss.
Eine grässliche Vorstellung.
»Na, gut«, sagte Vermillion, die als echte Frau genau merkte, wie wenig ihrem Besucher danach war, »dann vielleicht später? Ich nehme an, du willst zuerst das Geschäftliche erledigen.«
»Ja. Ich habe heute leider gar keine Zeit.«
Das war eine fette Lüge, aber Totila sah keinen Grund grob zu werden. Sollte sie heute Nacht ruhig in dem Bewusstsein ins Bett gehen, dass sie die Chance gehabt hätte, hätte er nur gekonnt. Er bereute es sofort.
»Stimmt das eigentlich«, fragte Vermillion, »ich habe gehört, dass die Ware mit der RAINBOW GORY zur Erde fliegt?«
Was blieb ihm übrig, als das zu bestätigen?
»Der Umbau läuft gerade an. Du hast mit der Lieferung sechs Wochen Zeit.«
»Na wunderbar! Dann kann ich mich noch darauf vorbereiten!«
Vermillion gurrte. Totila hätte sie am liebsten geschlagen.
Miststück!
Sie war natürlich nur der Mittelsmann für die Lieferung. Sie wusste nicht einmal, was sie Totila übergeben sollte und es interessierte sie auch nicht. Vermillion hatte eigene Pläne. Sie kannte nahezu jeden Piraten auf Reno und sie würde ihre Beziehungen spielen lassen. Totila erkannte mit einer gewissen Verbitterung, dass es einfacher gewesen wäre, hier und heute mit ihr ins Bett zu gehen. Vermillion hatte hinterher selten noch Interesse an einem ihrer One-Night-Stands, vermutlich wäre er sie so auf relativ schnelle Weise losgeworden. Sie hatte noch keinen wirklichen Plan. Aber sie würde alles daran setzen, an ihn heranzukommen.
Er verliess das Dojo kurz darauf, und Vermillion, die nicht wusste, was er von ihr wusste und wie genau er sie einschätzen konnte, wünschte ihm spöttisch gute Reise. Mochte der Junge ruhig gehen, er war wohl noch ein wenig schüchtern. Aber niedlich.
Vermillion dachte, dass ihm die Hose brannte.
Und ärgerlicherweise hatte sie damit sogar recht. Die Ration Sinnlichkeit, die in ihr steckte, hätte einen Heiligen angemacht. Was Totila sicher nicht war.
Nun - und wenn schon! Die Nacht war noch jung und er hatte viel Zeit. Machen wir etwas daraus!
Totila nahm sich ein Taxi und fuhr in die Stadt.
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