... natürlich war er das.
Was Totila im Auftrag des Alten mit Honey Winters Identitätskarte tun würde, war Betrug. Allerdings fand Totila Stevensons moralische Bedenken ziemlich übertrieben. Und ziemlich plötzlich.
Sicher, der Alte nützte eine Lücke im Geldtransfer-Programm der Banken. Die Währungssysteme der Kolonien und der Erde waren nicht miteinander vernetzt, was auf Grund der immensen Entfernung der Mutterwelt sogar Sinn machte. Man musste jede Transaktion auf Datenträgern sichern und durch Kurierdienste abwickeln.
Aber musste man deswegen die gängige Praxis aller irdischen Banken hinnehmen, die für die unvermeidliche Zwischenfinanzierung aller Geschäfte zwischen irdischen Konzernen und den freien Gesellschaften im Ganz Weit Draussen horrende Zinsen und Gebühren berechneten? Übrigens auch für ihre eigenen Konzerntöchter.
Hätte der Alte Honey die Summe, die sie auf der Erde für Lande- und Liegegebühren, Treibstoffkosten, eventuell Wartung und so weiter brauchen würde, auf dem üblichen Weg mitgegeben - also verschlüsselt, in einem vom Gouverneur beglaubigten Datenträger - sie hätten bis zu einem Viertel dabei verloren.
Genau genommen war Totila sich gar nicht sicher, ob das nicht doch noch geschehen konnte. Was der Alte vorhatte, war bis jetzt nur Theorie. Aber eigentlich logisch.
Identitätskarten definierten den Status ihres Besitzers und damit auch den seiner Finanzen. Honey Winter war mit dem Status einer Bürgerin der Erde auf Reno eingetroffen und somit automatisch Besitzerin des E-Cash in ihrer Karte - in einer der beiden, untereinander voll kompatiblen irdischen Währungen.
Auf der Erde gab es nur noch zwei Währungssysteme von Bedeutung. Folglich konnte jede Summe, die auf Honey irdischer Identitäts-Karte gebucht war, auf der Erde wiederum nur als irdische Währung erkannt werden. Dass der Alte sie während ihrer Zeit als Pilotin mit Bedacht daran gehindert hatte, je Renos unterirdische Städte zu betreten, erwies sich nun als weise Voraussicht. Für den Einreise-Chek später auf der Erde war sie nur ein einziges Mal auf Reno gewesen, nämlich für die Gesichtsplastik bei Dr. Stevenson. Das erklärte gleichzeitig die Buchung, die Totila auf ihrer Karte in wenigen Stunden vornehmen und als Kartenprüfung und gleichzeitige Bezahlung der Operationskosten tarnen würde.
Jedenfalls theoretisch.
Es gab genügend logische Brüche in dieser Geschichte, die einer intensiven Prüfung wohl kaum standhalten würde. Der Alte rechnete jedoch mit der Massenträgheit der irdischen Raumhafen-Verwaltungen, wo man wohl kaum die Phantasie für die wahren Zusammenhänge aufbringen würde. Normalerweise verliessen Menschen die Erde für immer, wenn sie sich entschlossen ins Ganz Weit Draussen auszuwandern. Sie verloren damit in aller Regel auch ihren Status.
Ohne zu ahnen, was sie damit aufgaben.
Für Einige, sehr wenige, galt das allerdings nicht. Für sie schien gar nichts zu gelten, nicht einmal die Reisezeiten im All. Die Reichen und die Schönen kamen bis nach Reno, oft mehrmals im Jahr, vergnügten sich in den unterirdischen Freizeitclubs und Spielcasinos, die längst nicht mehr so wild waren, wie noch zu Piratenzeiten, aber für Reiche von der Erde offenbar noch immer ausschweifend genug.
Oder sie kamen zu Dr. Stevenson, um Fehler der Natur korrigieren zu lassen, ohne dass ihnen ein Millionenpublikum auf der Erde dabei über die Schulter sehen konnte.
Sie machten zwar nur vier Prozent seiner Kundschaft aus, aber 70 Prozent vom Umsatz. Stevensons Klinik war auf allen Welten für die Qualität der Arbeit seiner Ärzteteams berühmt, dass er jedoch auch der Arzt der Superreichen von der Erde war, die er in einer Klinik in der Klinik sehr diskret versorgte, dass er über einige von ihnen Kontakte bis zur Erde hatte, wussten die wenigsten.
Kontakte, die Stevenson jetzt offenbar in Schwierigkeiten gebracht hatten. Totila sah es ihm an. Er wusste natürlich, was der Arzt nicht über die Lippen brachte, jedenfalls so ungefähr. Er konnte ihm nur nicht helfen. Er sah es auch gar nicht ein.
Stevenson hatte sich auf etwas eingelassen, das Totila schon deshalb nicht gefiel, weil es die Pläne des Alten komplizierte. Mindestens um 100 Prozent, und er war der Ansicht, dass Stevenson dafür ruhig etwas im eigenen Saft schmoren konnte. Ebenso klar war allerdings auch, dass Totila die Bitte nicht ablehnen konnte, die der Arzt in der nächsten Sekunde hastig aussprechen würde.
Dr. Stevensons Privat-Klinik in der Klinik wurde Video-überwacht.
Die Bildschirme in seinem Arbeitszimmer liefen. Einer davon zeigte Amy
im Anmarsch. Sie wusste nichts von dieser zweiten
Sache. Und sollte es auch nicht erfahren. Stevenson wusste,
was er riskierte, wenn herauskam, dass Totila Honey Winters Identitätskarte
manipuliert hatte. Es würde ihn die Lizenz kosten, jedenfalls vorläufig.
Das konnte er sich leisten. Aber das Andere ...um Gottes Willen nicht.
»Totila, da ist noch etwas. Wenn du auf der Erde bist, musst du mit Harry Kraft-Hausdorf Verbindung aufnehmen. Mir ist da eine Sache zu Ohren gekommen. Harry ist ein Hacker. Er war wohl bei der Homburg-Corporation beschäftigt, aber sie haben seinen Vertrag nicht verlängert ...«
Mann, komm auf den Punkt!
»... er ist bereit, uns den Weg durch die Sterntore zu verkaufen. Er hat den Quellcode geknackt, oder so etwas ähnliches.«
»Damit könnten wir alle die kurzen Routen der Konzerne fliegen. Was will er dafür?«
»Weg von der Erde. Er sagt, sein Leben ist bedroht.«
»Das kann ich mir vorstellen.«
Wer hatte Stevenson nur diese Information zukommen lassen? Sie war so brisant, dass Totila versucht war nachzuhaken. Er konnte nur nicht. Stevenson wusste nichts von seiner Begabung, und den Dummen spielen und einfach Fragen stellen führte meist nicht wirklich zum Ziel, das war der Punkt. Ein Mann, den Stevenson nur ein einziges Mal gesehen hatte, als Patient. Eine anonyme Nasenkorrektur, zu einem horrenden Preis, keine Krankenakte, keine Fragen .... Niemand aus Reno, so viel war gewiss.
Die Spur führte zu den Piraten-Dojos in der Wüste.
»Na, ihr Beiden? Alles erledigt?«
Amy kam.
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