Untergrund Totila: Geschäfte im Untergrund I

15.05. 2389:  11:00

Es war kein grosses Problem, die GLORY ungesehen zu verlassen. Totila musste sich dazu eigentlich nur ausserhalb des Blickfelds der Überwachungskamera bewegen, und deren Reichweite und Winkel waren einfach zu berechnen. Ausserdem rechnete er ohnehin nicht damit, dass die Bewegungen rund um das Schiff noch überwacht wurden. Die Quarantäne sollte zweifellos in den nächsten Stunden aufgehoben sein. Und falls doch nicht - nun, dann hatte er bis dahin zumindest den wichtigsten Auftrag des Alten erledigt.

»Heh Junge! Heute ohne den Captain unterwegs?«

Einige Techniker seines Grossvaters winkten Totila beiläufig zu, während er auf das nächste Taxi-Terminal zusteuerte. Sagen würden sie nichts.

Nicht, weil sie wussten, wer er war. Auf Reno mischte man sich einfach nicht in anderer Leute Angelegenheiten, oder jedenfalls nur im Notfall und dann nicht gern.
Manchmal war das ganz gut.

Totila stieg in eines der Autotaxis, mit denen man nicht auf die Haupttunnels und damit das Verkehrsleitsystem angewiesen war. Es gab schnellere Verbindungen quer durch die Stadt als die Highways, allerdings musste man sich dazu im Untergrund auskennen und bereit sein, auf einen Teil der Sicherheit des getakteten Leitsystems zu verzichten. Die unterirdische Megacity war ein riesiges, unübersichtliches Labyrinth. Allein der unmittelbare Bereich des Raumhafens Reno Eins bestand bereits aus einer Vielzahl von Ebenen mit Hangars, Versorgungseinrichtungen,  Passagier- und Frachterminals und den Verbindungen dazwischen, die letzlich alle in drei miteinander verbundenen, riesigen Hallen auf der Null-Ebene zusammentrafen.

Totila steuerte in einen der Frachtaufzüge, schaltete die Bordkommunikation tot, damit er die Flüche der Fahrer zumindest akustisch nicht hören musste  und wählte Null. Es kam ziemlich auf das gleiche hinaus, von welchem Punkt aus er sich in den Fracht-Zirkus mit seinem höchst eigenen Fahrstil einklickte. Fahrbahnmarkierungen waren hier ein Scherz. Hunderte kleiner Cargo-Lifter flitzten kreuz und quer über das erste Deck.
 

Im zweiten, grössten, der eigentlichen Drehscheibe, war das Getümmel schlimmer. Der Verkehr liess erst jenseits des Schotts zu den ersten Shopping-Malls etwas nach, oder zumindest bewegten sich nun alle Fahrzeuge in der gleichen Richtung.

Reno-Süd. Richtung Seven-Stars-Beauty-Klinik

Die meisten dieser wilden Tunnels waren Einbahnstrassen, schon weil es kein Tempolimit gab. Totila hielt sich in der Mitte, fuhr mit der Horde mit und versuchte ausreichend Abstand von den Taxis seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu halten. Bei Kilometer 29 - noch vier Kilometer voraus, Tempo 180,  lieferten sich vier Taxis eine Verfolgungsjagd um die berühmt-berüchtigten Scharfen Kurven.

Der dritte Fahrer übersteuerte,
flog hoch hinaus.
Überschlug sich.
Und landete sein Taxi auf dem Dach.

Der Letzte versuchte noch zu bremsen ...

Totila wurde schlecht. Er hielt in der nächsten Parkbucht, einen Kilometer vor der Kurve.

Der Aufprallknall rollte wie eine Explosion durch den Tunnel.
Unmittelbar danach legte der Katastrophen-Alarm die gesamte Strecke still.

Den Verrückten in den Taxis war nicht viel geschehen. Prellungen und der Schock. Zwei  Bürschchen von sechzehn Jahren, und noch ziemlich durcheinander.

Die Fahrgastzellen der Taxis waren stabil gebaut, die Tunnel im Bereich der Kurven von den Strecken-Ingenieuren als dreidimensionale Achterbahn-Schalen ausgelegt. Mehr als das, was den jungen Rowdies passiert war, ereignete sich selten.

Trotzdem fühlte sich Totila flau. Zitteriger als die beiden Verunglückten.

»Du musst einen guten Riecher haben«, sagte der Polizist, der wenig später zum Taxi kam und Totila wie alle Anderen im Tunnel auf die Umleitung zur offiziellen Strecke schickte, »wie hast du es erraten, dass du rechtzeitig in den Parkplatz ausgewichen bist?«

Die Fahrt im Verkehrsleitsystem war vielleicht langweilig. Aber sie beruhigte die Nerven. Der Unfall und der Schock der Verursacher hatten die Migräne zu voller Blüte entwickelt. Totilas Kopf dröhnte schlimm.

Er hatte damit gerechnet. So ging es ihm regelmässig, wenn er nach einiger Zeit auf Plejades nach Reno kam. Nicht immer gleich am ersten Tag, und nicht immer so heftig. Aber die Stadt, an die zwei Millionen Menschen und die schiere Wucht ihrer Gedanken waren wie Tinnitus.

Er konnte sie wegdenken, zu Hintergrundrauschen verdrängen. Aber er fragte sich, wie das erst auf der Erde werden sollte, unter Milliarden und Abermilliarden.

Zum Glück war es nicht mehr weit bis zur Klinik.

Totila verliess die offizielle Strecke vor der Biegung zum Panorama-Tunnel mit seinen Fenstern zur Aussenwelt zum zweiten Mal. Er stellte sein Fahrzeug auf einem Parkdeck der Fortunecity-Shopping-Mall ab ubd wechselte aufs Geratewohl in die nächste Ladenstrasse. Dort ass er einen Hamburger. Danach verbrachte er eine halbe Stunde am nächsten Terminal, wo er scheinbar die neuesten Nachrichten durchklickte und in Wirklichkeit seine Umgebung scannte.

Weit und breit Niemand, der sich für ihn interessierte. Das war gut.

Trotzdem entschied sich Totila, auf Nummer Sicher zu gehen. Er hätte sich auch einfach ein anderes Taxi nehmen können. Er wusste, dass er weder verfolgt wurde, noch Aufmerksamkeit erregt hatte. Aber er hatte immer noch schlimme Kopfschmerzen und die Luft in der Ladenstrasse machte sie nicht besser. Er wechselte die Ebene mit dem Lift hinauf zur Haupthalle mit ihrem kleinen Park unter künstlichen Sonnen. Dort gab es mehrere Vernebler, die Feuchtigkeit und Aroma zumindest im Bereich der Bepflanzung verteilten, Erholung für Allergiker und Stressgeplagte.

Man merkte es zweifellos nicht mehr, wenn man immer in der unterirdischen Stadt lebte, doch Renos Luft war zu trocken. Sie war warm. Und sie stank.

Quer durch Shopping-Mall zu gehen bedeutete einen Umweg von fast fünf Kilometern. Aber Totila beeilte sich nicht mehr als nötig. Amy und Dr. Stevenson hätten es sicher nicht gerne gesehen, wäre er in Begleitung in der Nähe des Zugangs zu ihrer Kernzelle erschienen. Ausserdem hatte er Zeit. Er kannte in etwa Honeys Therapie-Plan, sie würde nicht vor dem Nachmittag für den unangenehmeren Teil der Voruntersuchung in Heilschlaf versetzt werden.

Allerdings hatte er Amy versprochen, mit ihr Tee zu trinken.

Dies im Hinterkopf steuerte Totila die Filiale von Marie Celeste in Fortunecity an, schritt zielsicher mehr oder weniger achtlos durch die Präsentationsebene mit ihren Glasvitrinen und dem rosa getönten Licht, betrat die Toilette und dort "Nur für Klima-Service-Personal".

Die linke Seitenwand dieser Kabine bestand aus solidem, mattglänzenden Stahl, und sie liess sich mit einem Handy und dem entsprechenden Quellcode zur Seite schieben. Der Gang dahinter bestand aus rohem Fels, von einigen primitiven Niedervolt-Lampe nur spärlich erleuchtet. Dafür bezogen sie ihre Energie direkt aus dem Luftstrom, der ständig in diesem engen Versorgungs-Schacht zirkulierte und waren damit gleichzeitig auch ein praktisches Frühwarnsystem für die Techniker, die hier gelegentlich einstiegen.

Sie führen keine Atemmaske mit sich! Bei Zirkulationsabschaltung Lebensgefahr!

Totila ignorierte die rot blinkende Leuchtschrift. Er folgte dem Gang durch die Magazine der Shopping-Mall, orientierte sich an den Ausgängen und ihren Beschriftungen und bog schliesslich an einer Kreuzung in die Versorgungstunnels des Highway ab, der hier kurz vor der Seven-Stars-Beauty-Klinik auf Wunsch des Besitzers ein Stück durch die Aussenwelt-Canyons verlief.

Vielleicht gut, dass Honey das nicht wusste, doch Amy Stevensons Garten steckte in einer vulkanischen Gesteinsblase fast siebzig Meter unter der Golden Bay.  Totila betrat ihn durch den Aufzug.

»Mein Junge!«, sagte Amy entzückt, »ich freue mich wirklich, dich zu sehen.«

Ungeachtet dessen, dass sie natürlich seinen Auftrag missbilligte.
 

zurück zum Textanfang

oder weiterlesen?