Totila: Geschäfte
im Untergrund IITee mit Amy uferte regelmässig aus. Sie war nicht seine richtige Grossmutter, Totila hatte Grosseltern oder andere Verwandte nie kennengelernt, aber so wie Amy stellte er sich eine Grossmutter vor. Seit er als kleiner, sehr kleiner Junge an der Hand des Alten zum ersten Mal ihren Garten betreten hatte, besetzte Totila einen festen Platz in Amys Herzen. Sie tat alles, was sie konnte, damit er sich bei ihr wohl fühlte, und ermunterte ihn immer wieder zu bleiben.
Leider fütterte sie ihn auch gnadenlos fett.
Heute zum Beispiel hatte es getoastete Weissbrotscheiben mit kleine Tournedos vom Taiga-Nova-Weiderind gegeben, Blattsalate mit Walnuss-Öl und Aceto Balsamico, Pina-Colada-Eis und zum Abschluss noch die guten Sahnetörtchen, die Totila sehr mochte und die Amy immer selbst von Renos bestem Konditor bestellte, wenn sie wusste, dass er kam.
Der Alte hatte ihr schon ein paar Mal gesagt, dass sie das lassen sollte, war aber schlecht damit angekommen.
»Quatsch, Attila Gorekian! Was ich kaufe kümmert keinen.«
Dabei verstand Amy ganz genau was er meinte. Natürlich, wenn tatsächlich jemand vorgehabt hätte, den Alten über Totila zu erpressen, ihn zum Beispiel zu entführen, dann wären diese regelmässigen Sahnetörtchen ein gutes Indiz gewesen, wann sich der Entführer auf die Lauer zu legen gehabt hätte.
Nur - erwischt hätte man Totila so sicherlich nicht.
Selbst jetzt, satt und etwas müde nach Amys üppiger Tee-Tafel in einem Taxi im Haupttunnel unterwegs, hätte Totila genau sagen können, wieviele Männer und Frauen rund um ihn unterwegs waren. Naja gut, vielleicht nicht die exakte Anzahl. Aber so etwas wie die Quersumme ihrer Absichten. Ein Paar einige Taxis weiter hinten trieb zum Beispiel hinter getönten Scheiben etwas, das zumindest der Mann für heissen Sex hielt und in Wirklichkeit seiner Partnerin nur etwas mehr an Gymnastik abverlangte.
Wenn es ihnen denn Spass machte ...
Totila verliess das Verkehrsleitsystem eine Ebene unter dem Haupteingang zu den Büros des Alten auf Reno. Attila Gorekian hatte für sich und Plejades Räume im ältesten Teil der unterirdischen Stadt gekauft, einesteils der Romantik des Ortes wegen - der Palast der Laster, heute Renos Stadtmuseum, lag in unmittelbarer Nähe. Andererseits hatte diese Wahl aber auch ganz handfeste Gründe und einer davon war mit Sicherheit die ungeklärte Kartographie.
Totila erinnerte sich noch mit Vergnügen daran, wie er als Kind mit seiner Schwester Ginnie in den zahlreichen Schächten und grossen und kleinen Höhlen Minenarbeiter gespielt hatte. Das heisst: sie hatten für den Alten gespielt, dass sie spielten. Und sie hatten natürlich ganz genau gewusst, was er bezweckte. Kinder waren klein und gelenkig. Totila und Ginnie hatten noch mühelos Durchschlupfe gefunden, wo die Passage für Erwachsene viel zu eng gewesen wäre.
Der Alte kannte seit dieser Aktion den Kubikkilometer Fels rund um seine Büros sicher besser, als das Vermessungsamt auf Reno und natürlich hatte er gar nicht daran gedacht, sein Wissen zu veröffentlichen. Totila und Ginnies Höhlenkundler-Tour hatte zu behutsamen Bohrungen geführt und zu noch behutsameren Erweiterungen einger Gänge im Fels. Im Kernbereich der City war in den wilden Jahren der Kolonie so viel erweitert, verfüllt und wieder gesprengt worden, dass das Gestein die Struktur, aber leider nicht die Elastizität eines Schweizer Käse angenommen hatte.
Der offizelle Aufzug von der Parkebene zu den Büros war darum auch eine massive Stahlröhre.
Oben war es still.
Totila bewegte sich lautlos über den Mittelgang. Die unterirdische Stadt lebte nach einem 24-Stunden-Rhythmus, kam aber niemals ganz zur Ruhe. Er rechnete deshalb ganz sicher damit, auf Mitarbeiter des Alten zu treffen. Nur, heute sollte ihn besser nur Eine sehen.
Im Fünften sassen noch drei Leute in der Cafeteria beim Essen. Sie würden sicherlich nicht in die Chef-Etage kommen. Oder jedenfalls nicht in dem Zeitraum, den er hier sein würde.
Lady Chang, Chef-Sekretärin des Alten auf Reno, betrat gerade das Haus. Sie war mit Totila verabredet.
Er mochte sie gern. Sie hatte ihm oft geholfen, als er noch ein Junge gewesen war und der Alte vertraute ihr blind. Wenn auch nicht so blind, wie sie selbst vielleicht glaubte. Sie hatte den Zugangs-Code zu Attila Gorekians meisten Konten. Den zu den Schwarzgeldern hatte sie nicht. Aber es sparte Totila Zeit, wenn er diese Konten öffnete, wenn ihm Amy auf dem offiziellen Kanal bereits einen Weg in das Netzwerk der Banken gebahnt hatte.
Totila fühlte sich versucht, das Etui mit Honey Winters Identitätskarte schon jetzt herauszuholen. Dass er sie bei ihrem Mann abgeholt hatte, war Amy nicht recht gewesen. Sie hielt nichts von Transaktionen der Art, wie sie Totila in den nächsten Minuten durchführen würde.
Aber Totila selbst war noch weniger wohl in seiner Haut. Es sah Dr. Stevenson nicht ähnlich, seine Hilfe an solche Bedingungen zu knüpfen und irgendwie witterte Totila Unrat. Er konnte jedoch nichts mehr dagegen machen. Nur den Kopf hinhalten.
Lady Chang sah ihn im Büro des Alten warten, stiess einen zwitschernden Schrei aus und fiel ihm um den Hals. Danach liess sie ihn wieder los und musterte ihn besorgt.
»Du brauchst ein bisschen Entspannung«, sagte Lady Chang, »soll ich für dich im Club anrufen?«
»Danke. Ich habe heute leider keine Zeit.«
»Entschuldige. Ich habe vergessen. Du musst sofort wieder zurück.«
Sie gab neben ihm am Terminal ihren Teil des Zugangscodes
ein und zog sich dann diskret zurück, obwohl das streng genommen nicht
nötig war. Die Konten des Alten, die Totila öffnete, waren mit
einem Augenhintergrund-Erkennungssystem gekoppelt. Weltenweit gab es nur
vier Paar Augen, deren Abtastung den Zugriff erlaubten:
Die des Alten, die seiner Mutter, die Totilas und die von Ginnie.
Trotzdem schwitzte Totila, als er Drei komma acht Millionen auf Honey Winters Identitätskarte umgebucht hatte.
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