15 . Honey Winters Tagebuch: Minesweeper
deluxeVielleicht hätte Cleo Silvers Motivation für ihren Food-Designer-Kurs doch nicht puschen sollen. Oder besser gesagt, wir hatten alle zusammen vergessen, dass meine kleine Schwester ja immer noch erkältet ist und dass man unbekannte Keime in einem so empfindlichen Ökosystem, wie es das von Reno nun einmal ist, nicht leichtfertig durch alle Klimaschleusen gehen lässt.
»Mein Gott! Hätte ich ahnen sollen, dass Die deswegen so ein Theater machen?«
Cleo war ziemlich empört, als sie mich verständigte, »ausserdem - was nützt es jetzt noch? Silver war immerhin heute schon einkaufen.«
»Hast du denen gesagt, dass wir ein Team der Lunacraft-Werft an Bord hatten?«
»Ich bin doch nicht blöd. Glaubst du, ich riskiere, dass sie deswegen den ganzen Hafen sperren? Der Alte reisst mir den Kopf ab.«
»Cleo, es wird sich ja wohl bald herausstellen, dass alles ganz harmlos ist.«
»Ja, aber drei Tage Sperre, bis das Labor die Ergebnisse hat! Weisst du, was uns das kostet? Ich möchte ihr am liebsten den Hintern versohlen.«
Kann natürlich sein, dass Silver ein wenig übertrieben hatte, in der Hoffnung, dass sie so noch eine Weile um das Food-Design-Studio herumkäme. Wenn, dann war ihr das gelungen. Sie hatte sie sich aber trotzdem verrechnet.
»Schade, dass ich nicht dabei war«, sagte Cleo sarkastisch, »das dumme Gesicht hätte ich zu gerne gesehen, als sie erfuhr, dass sie nur wieder unter meine Fittiche kommt.«
Die Raumhafen-Polizei, Abteilung Gesundheit & Vorsorge, hatte Silver auf dem schnellsten Weg zur RAINBOW GLORY zurückgebracht. Silver, Schiff und Mannschaft stehen jetzt unter Quarantäne.
Ich war zum Glück schon von Bord, sonst hätte es mich mit erwischt.
»Sag's denen in der Klinik lieber. Bevor du auch noch Schwierigkeiten kriegst. Ende und aus.«
Cleos Gesicht auf dem Bildschirm verblasste, bevor ich noch Danke sagen konnte.
Ich lehnte mich zurück. Das mit der Klinik hatte noch Zeit. Es war nach all der Eigenverantwortung, die man auf Plejades in allen Dingen hat, ganz angenehm, zur Abwechslung wieder einmal mit einem wirklich voll automatischen Beförderungssystem unterwegs zu sein. Nirgends in dem Taxi auch nur ein einziger Knopf zu drücken oder Gott behüte! etwa eine Selbststeuerungs-Konsole.
Einfach einsteigen, Ziel nennen, Unterhaltungsprogramm aussuchen - oder darauf verzichten, so wie ich - und den Rest dem Verkehrsleitsystem überlassen.
Wenn nur die Fahrt an sich nicht so langweilig gewesen wäre.
Die gesamte Stadtbebauung der Mega-City Reno befindet sich unter der Planetenoberfläche. Oder mit anderen Worten: unterirdisch.
Den Satz darf man sich auf der Zunge zergehen lassen.
Natürlich hatte ich das gewusst. Aber wissen und sehen sind immer noch zweierlei. Ich weiss nicht, ob Termiten Termitenhügel schön finden. Vielleicht haben sie überhaupt keine rechte Vorstellung davon. Was interessiert auch ein Lebewesen, das sich nur innen aufhält, das Aussen? lch jedenfalls hatte bisher nur oberirdisch gelebt und war Stadtlandschaften gewöhnt, die man auch sehen konnte, zumindest Strassenzüge davon. Deshalb war ich auf Reno nicht vorbereitet.
Man sieht nichts.
Na gut - man sieht das Innere der Verkehrsröhren,
durch die das Taxi befördert wird. Es scheint so etwas wie Highways
zu geben, jedenfalls war ein Teil der Strecke irre breit. Oder ich sollte
besser sagen:
die Röhren hatten einen irren Durchmesser. Und es
herrschte ein Wahnsinnsverkehr.
Aber der andere Teil: von einem Tunnel in den nächsten, zur Abwechslung höchstens einmal um Kurven, oder Steigungen hinauf oder hinab. Gleichmässige Geschwindigkeit, indirektes Licht, nirgends Abwechslung.
Irgendwann schlief ich ein.
Ich wurde erst wieder munter, als dasTaxi, beziehungsweise die Steuerung mich ansprach.
»Captain Winter«, sagte die Stimme der Verkehrsleitzentrale, »Ihr Taxi fährt nun für ein kurzes Stück ausserhalb des geschützten Stadtbereichs. Der Bahnhof zu Dr. Stevensons Seven-Stars-Klinik ist nur über die Oberfläche zu erreichen. Bitte verlassen Sie unter keinen Umständen die Ökosphäre des Taxis. Die Oberflächentemperatur beträgt im Augenblick Minus 85 Grad Celsius, fallend. Gezeitensturm 5 Minuten voraus. Bitte bestätigen Sie die Durchsage Captain Winter.«
»Bestätigt«, sagte ich und wiederholte es zur Sicherheit noch einmal:
»Captain Honey Winter. Bestätigt.«
Ich dachte mir: das wird etwas werden! Ich muss mich erst noch daran gewöhnen, dass mich jeder Automat mit Captain anspricht.
Später erfuhr ich, dass ich mir die Mühe hätte sparen können. Die Klasse Taxies, mit der ich gefahren war für Touristen, Ortskenntnisse nicht erforderlich, verfügt über ein ausgefeiltes Personen-Identifizierungs-System kombiniert aus Stimmerkennung, Atemfrequenz- und Bewegungsmelder. (Irgendwo in Reno haben sie jetzt mein Schnarchen dokumentiert. Garantiert.)
Aber dann hatte das Taxi die Aussenschleuse zur Wüste passiert, diesmal eine handliche Ausgabe, gerade gross genug für ein Taxi. Allerdings mit Exhaustoren der Superklasse. Sie fuhren den Luftdruck in Nullkommanichts auf die Werte der Wüste herunter.
Ich wunderte mich noch, dass draussen gar so wenig Druck herrschte. Bis ich kapierte warum: das Verkehrsleitsystems hatte mich schliesslich vorgewarnt.
Renos Atmosphäre wandert mit der Planetendrehung. Natürlich nicht ganz und gar. Die Nachtseite hat nicht unbedingt das, was Phyiker als Vacuum bezeichnen würden. Aber zumindest die bodennahen Schichten verhalten sich zwischen Tag und Nacht so, wie es auf der Erde die Ozeane tun. Es gibt Ebbe und Flut, Gezeitenstürme, die der grosse Mond auslöst, und im Verein damit gewaltige Temperaturschwankungen, und unglaublich viel Staub.
Vielleicht hätte ich etwas von der Landschaft gesehen, wenn ich tagsüber oder Nachts durch die Wüste gefahren wäre. Unglücklicherweise war es gerade Zwischendrin.
Es stürmte. Es staubte. Und pfiff. Es war draussen nur grau. Sehr gleichmässig grau. Landschaft - von wegen! Vielleicht dahinter. Hinter all dem wirbelnden Sand.
Schon witzig, was so ein bisschen Sand anrichten kann. Die Fenster des Taxies waren ziemlich blind, als ich die Schleuse passiert hatte und im Foyer der Seven-Stars-Beauty-Klinik ausstieg. Die freundliche Hostess, der ich das meldete, meinte, das sei normal. Wenn ich aber gedacht hätte, ich sei nun am Ziel meiner Reise - von wegen!
Ich tauschte zunächst nur das eine Taxi gegen das andere, klinikinterne.
Luxuriöse Ausstattung, Innenraum klinatisiert und aromatisiert, Minibar und Mini-Pick, Dolby-Surround, 47 3D-Video-Kanäle, nur Unterhaltung.
Dafür war die Fahrt selbst keine Abwechslung. Es ging durch Röhren und Tunnels, mal um die Kurve, mal auf und mal ab. Was ich schon sagte: Minesweeper deluxe.
Blos, dass mir keine Fresserchen auf den Fersen waren.
Vorläufig.
Die Fahrt endete schliesslich in einer Schleuse.
»Privatbereich Dr. Stevenson. Die Fahrt endet hier. Bitte aussteigen, Folgen Sie Stern Rot. Sie werden geleitet.«
Ich folgte.
Dr. Stevensons Klinik ist riesig. Ich hatte mir unterwegs die Karte angesehen, ein wunderschönes dreidimensionales Ding, mit dem man - alle Möglichkeiten vorgesehen - sogar Minesweeper spielen kann. Einschliesslich der Variante Patient jagt Krankenschwester (und ich möchte wetten in der nicht-lizensierten Erwachsenenversion, gegen Gebühr, macht er mit ihr noch ganz andere Sachen).
Nur der Bereich, in den ich mich dem roten Stern folgend hineinbewegte, ist auf der Karte gar nicht verzeichnet. Vermutlich bekommen ihn nur sehr wenige Patienten zu Gesicht. Und vermutlich nicht gerade die, die Dr. Stevenson auf Sozialsatz behandelt.
Doch bevor ich begann mich zu fragen, was um Himmels Willen der Alte für meine Gesichtskorrektur gelöhnt hatte, landete ich mit dem roten Stern vor einer weiteren Schleuse, die in einem sehr dunklen Gang führte. Hier waren die Wände plötzlich roh aus dem Felsen herausgehauen und danach stand ich in einem Garten.
Dr. Stevenson und Frau empfingen mich in ihrem privaten Wohnbereich.

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