14. Honey Winters Tagebuch: Wasser für RenoEigentlich sollte ich schon seit Stunden in Dr. Stevensons Seven-Stars-Beauty-Klinik sein. Nicht, dass es mich dort hin reisst. Ich wäre lieber irgendwo, als ausgerechnet dort. Aber wie sagte Ginnie noch heute beim Frühstück: »Niemand hat dich gezwungen, bei diesem Flug mitzumachen. Ausserdem - gib's endlich zu: du bist gar nicht so sehr gegen die Operation.«
Ich sehe das zwar ein bisschen anders, denn faktisch bleibt mir gar nichts anders übrig. Ich möchte wetten, der Alte hat es schon so hingetrickst, dass Silver vor mir erfuhr, wohin die Reise ging. Dass ich sie dann nicht alleine fliegen lassen würde, war ihm ja wohl klar. Und dass ich nicht völlig unverändert auf der Erde auftauchen konnte, auch.
Silver ist in dieser Hinsicht natürlich wieder einmal fein heraus. So wie sie jetzt aussieht, von Kopf bis Fuss in Silber gewickelt, würde sie auf der Erde niemand unserer alten Freunde erkennen. Und gute zehn Zentimeter gewachsen ist sie in diesen vier Jahren auch. Nur ich - ich musste mir auch noch passend die Nase brechen, und dem Alten damit selbst einen Grund liefern, mir ein neues Gesicht machen zu lassen.
Obwohl - wer weiss. Ich traue ihm zu, dass er die Idee schon vor meinem Unfall hatte.
(Und wenn ich ganz ehrlich bin: meine Nase ist immer noch dick. Wenn nicht alle Leute so vehement damit beschäftigt gewesen wären, mir die Gesichtskorrektur schmackhaft zu machen - vielleicht hätte ich von selbst damit angefangen. Wenigstens, was die Nase angeht.)
»Siehst du«, sagte Ginnie.
»Was?« fragte ich irritiert.
»Na, du hast laut gedacht. Übrigens, die Leute von der Werft sind da.«
Ginnie, die perfekte Assistenin ihres eher leicht konfusen Captains, hatte besser aufgepast, als ich und die heftig blinkende Mitteilung auf dem Bildschirm in Silvers Küche gelesen.
»Anne hat vergessen, auf Akustik-Nachricht zu schalten. Wo ist eigentlich Silver?« fragte Cleo, die eine Sekunde später in die Küche fegte, und eilig Kaffee und ein halbes Brötchen hinunterschlang.
Es interessierte sie nicht wirklich - Silver war meines Wissens mit Anne-Cyril Einkaufen, hätte sich aber eigentlich um ihren Food-Designer-Kurs kümmern sollen. Ausserdem kamen Aik Richter von der Lunacraft-Werft und sein Team gleich darauf tatsächlich an Bord und ersparten mir die Antwort. Cleo will nicht einsehen, dass Ermahnungen an Silver meist genau das Gegenteil bewirken. Sie ist nicht davon abzubringen, ihr die zu halten, die ich nach Cleos Meinung versäumt habe und erstaunlicherweise hilft das auch.
Manchmal.
Als nämlich Silver später am Vormittag mitten in die Konferenz mit den Werftleuten platzte, wir sassen mangels passendem anderen Räumlichkeiten in der Küche und rechneten die Kosten für den Umbau schon mal hoch, da sah sie Cleo nur schief an. Worauf Silver tatsächlich ohne ein Wort ihre fertig gepackte Tasche nahm und abzog.
»Sie ist kein schlechtes Ding. Nur verantwortungslos«, sagte Cleo noch einige Zeit später, nachdem das Lunacraft-Team wieder von Bord war, »ach, was freue ich mich auf ein Bad!«
Wir waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht an die Wasser/Abwasser-Versorgung des Raumhafens angeschlossen, lebten also noch von Eigensubstanz.
»Auf Renos selbst gibt es kaum verwertbares Wasser. Alles, was heute in den verschiedenen Kreisläufen zirkuliert, ist irgendwann in der Vergangenheit her transportiert worden.«
»Aha, deshalb hast du auf Plejades diese Unmengen in die Tanks pumpen lassen.«
»Exakt. Jeden Raumschiff, das Reno Wasser bringt, hat Anspruch auf einen Bonus. Die Liegegebühren für die erste Woche kosten uns nichts. Und ob du Wasser oder Brauchwasser bringst, ist denen egal.«
Cleo war der Meinung, dass sie ruhig noch etwas davon benützen konnte, bevor sie es abgab. Doch da sie richtig baden wollte, brauchte es dazu einige Vorbereitungen.
Die RAINBOW GLORY hatte als Frachter nur Duschen an Bord und daran würde sich auch nach dem Umbau nichts ändern. Obwohl Ingenieure seit beinahe drei Jahrhunderten Gravitationsmotore in Raumschiffen einbauen und obwohl die Technik als narrensicher gilt - man ist gegen offenes Wasser noch immer etwas misstrauisch.
Die Dusche an Bord schloss darum hermetisch und sie ging auch freiwillig nicht auf, so lange Wasser in ihr lief. Oder jedenfalls nicht, so lange der, der darin war, mit beiden Beinen auf dem Boden der Duschtasse stand. Belastung des Bodens öffnete die Düsen, jede Lageveränderung stellte das Wasser wieder ab und öffnete automatisch den Abfluss. Unter Umständen gab die Dusche bei zu dramatischen Bewegungen des Benützers sogar noch Alarm. Übrigens ein Grund, warum sich die meisten Paare auf Raumschiffen verkneifen, gemeinsam zu duschen.
Cleo, die natürlich alle diese Funktionen persönlich eingebaut hatte, hatte als sparsame Hausfrau noch eine zusätzliche gesteckt: sie begrenzte die Wassermenge pro Duschvorgang.
Und die baute sie für ihr Vollbad heute kurz vor dem Mittagessen wieder ab.
Leider auch alle anderen.
Ich bekam von dem Ganzen zunächst nichts mit. Silver war wie gesagt zu ihrem Food-Design-Training abgerauscht. Anne sagte. sie verstünde nichts vom Kochen, und Cleos Kusinen steckten mit ein paar Technikern von Lunacraft im Turm. Totila sagte:
»Du machst das schon. Ich bin ein Deck höher.«
Das war Cleos Glück.
Zunächst lief alles prima. Cleo suchte ihre Sachen zusammen, baute die einzelnen Steuer-Module aus und legte sie säuberlich nebeneinander auf den Waschtisch der Dusche gegenüber im Bad. Dann schraubte sie den Wandduschkopf auf, legte eine Badeperle mit ihrem Lieblingsduft ein und zog sich aus. Hineinhüpfen, Türe schliessen und das Wasser rauschen lassen, war danach nur noch eine Frage von Sekunden.
Ich bin sicher, sie hat es genossen.
Nur hatte Cleo nicht bedacht, dass sie die Tür nicht aufkriegte, so lange das Wasser floss und dass das Wasser natürlich immer höher stieg, so lange der Abfluss blockiert war.
Sie muss wohl eine ganze Weile mit sich gekämpft haben, ob sie um Hilfe schreien sollte. Und ich persönlich bin der Meinung, sie liess sich zu lange damit Zeit. Kann natürlich auch sein, dass sie schon viel früher rief. Aber ich brutzelte in der Küche die Steaks, die Silver auf dem Raumhafen eingekauft hatte - übrigens erstaunlich preisgünstig - und hörte erst mal nichts.
Ich bekam erst mit, als Jemand wie von sämtlichen Hunden gehetzt draussen vor der Küche über den Gang donnerte. Das machte mich neugierig. Ich liess die Steaks sein und ging nachsehen.
Die Tür zum Bad stand offen und drin gab es hektische Geräusche. RUMMS!, KLACK!, KLACK! und ein gewaltiges PLATSCH!, verbunden mit viel Wasser.
KLATSCH!
Keine Sekunde später flitzte Cleo nackt, Tropfen sprühend, ziemlich rot im Gesicht an mir vorbei und verschwand im Turm. Ich sah ihr mit offenem Mund dabei zu. Dann ging ich ins Bad.
Totila sass auf dem Fussboden, von Kopf bis Fuss pitschnass.
»Hätte gar nicht gedacht, dass sie einen so tollen Busen hat«, sagte er und rieb sich die Wange.
Cleo hatte ihren Lebensretter in der Aufregung geohrfeigt.
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