Canyon 13.Honey Winters Tagebuch: Reno sehen und ... naja: sicher nicht sterben

Tagebuch: Eintrag vom 14.05.2389: 00:00

»Reno-Tor durchflogen. Autopilot: folgt Kurs auf Reno Oberfläche, Zielanflug Target: Canyon Constrictor. Schlepper auf 12 Kilometer über Grund vorausgesagt«, sagte Ginnie, die mit dem Alten Hunderte ähnlicher Manöver hinunter geflogen war.

Zehn Jahre Flugerfahrung und Flugdauer jeweils rund eine Woche hin oder zurück gaben realistisch geschätzt pro Jahr 25 Oberflächen-Orbit und/oder Orbit-Oberflächen-Flüge. Man ist ja auch nicht ständig im All. Trotzdem eine respektable Leistung für Ginnies gerade mal achtzehn Jahre. Der Alte hatte ihr das Fliegen in einem Alter beigebracht, da andere Kinder gerade ihre ersten Strichmännchen auf den Bildschirm zeichnen. Aber Anne-Cyril war zu müde, um beeindruckt zu sein.

»Na wunderbar", sagte sie, »liegt noch was an? Sonst gehe ich ins Bett.«

Ein Profi, auch die liebe Anne. Es braucht eine Menge Fingerspitzengefühl, selbst mit Computer, um die Kennungsmelodien der Sterntore aus dem allgemeinen Pfeifen und Quarren innerhalb der Galaxie herauszufiltern, sie senden ihre Position genau auf der Frequenz der Radiosterne, und ich war aus dem Chaos noch nie schlau geworden.

Gute Ortungstechniker unterschieden sie am optischen Muster auf dem Bildschirm, oder sogar nach Gehör.

»Geht dir das Pfeifen nicht auf die Nerven?«

»Nein, überhaupt nicht. Ich finde das sehr interessant.«

Nun ja, Funker.

Anne-Cyril lachte herzlich.

»Dazu braucht man gar keine Ausbildung. Nur Übung. Der Alte hat dich vermutlich nie gelassen, denn er kennt die Strecke nach Reno selbst besser als den Inhalt seiner Unterhose. Frag mal Ginnie. Die kanns sicher auch.«

»Ich weiß nicht, ob ich aus dem Gepiepse schlau würde.«

»Es ist auch ein blödes System. Wer immer sich das ausgedacht hat, hat einen Knall gehabt«, sagte Anne nicht sehr respektvoll, als wir gemeinsam die Treppen nach unten zu Silver in die Küche stiegen, »ich hätte jedenfalls was anderes als die häufigsten Frequenzen genommen.«

»Laß das nur Cleo nicht hören.«

»Pff«, machte Anne-Cyril, »wer immer die Dinger so passend im All vor unserer Nase verloren hat, ist längst über alle Sterne und weg. Du weißt doch, wie alt die Stationen sind. T. Rex war noch hinter Bronto-Burgern her, wenn die Berechnungen stimmen. Also, Cleo braucht wirklich keine Angst ztu haben, dass uns die Erbauer hören. Die Götter sind tot. Religion ist Opium für das Volk, hat irgendwer mal gesagt ....«

Anne gähnte herzhaft und verschwand um die Gangbiegung Richtung Bett, während ich mich nachdenklich zu Silver in die Küche verzog. Die übrigens gerade nicht da war. Ihr Bildschirm verriet mir, dass sie sich gerade die Haare wusch. Sehr wichtig, kurz vor der Landung auf Reno.

Sagte auch Totila, der nach dieser Woche Alleinflug ziemlich geschafft vor seiner Tasse sass. Er hatte wieder einmal fast genau das ausgesprochen, was ich mir gedacht hatte. Und wie immer war ich mir nicht ganz sicher, wie ich seine Bemerkung über Silver auffassen sollte. Ernst gemeint, oder spöttisch? Als Versuch, mich aufzumuntern?

Es tut niemandem gut, besonders nicht nach einer Woche im All, über die Erbauer der Torstationen nachzudenken. Die RAINBOW GLORY war ein Staubkorn in den Unendlichen Weiten, die mit Hilfe anderer Staubkörner - der Torstationen - Lichtjahre und Sonnensysteme durchmass, oder richtiger gesagt übersprang. Totila gab mir recht.

»Sämtliche Erkundungssonden des 20. und ersten des 21. Jahrhunderts haben die Torstation des Sterntors im irdischen Sonnensystem glatt übersehen. Und erforschen kann man sie bis heute nicht, wegen der Schutzschirme. Manchmal denke ich, dass das ein Segen ist. So gehören sie Allen.«

»... und Keinem. Amen«, sagte Cleo, die gerade hereinkam, sich einen Becher Kaffee schnappte, und gleich wieder ging, »der Schluss-Check vor der Landung auf Reno ist fällig. So alle Sterngötter wollen, kommen wir ohne Beanstandung durch.«

»Amen«, sagte auch Totila, aber deutlich weniger fromm.

»Weisst du - irgendwie denke ich immer, es gibt sie gar nicht.«

Mit dieser Ansicht stand er vermutlich nicht allein. Trotzdem war es kein grosses Wunder, dass sich um die unbekannten Erbauer ein Kult gebildet hatte, gerade in den Kolonien. Cleo gerhörte zum Glück nicht zu den fanatischen Anhängern, aber flapsige Bemerkungen über der Erbauer der Tore, oder ganz allgemein die Vorsehung machte man in ihrer Gegenwart lieber nicht. Übrigens auch keine normal zweideutigen Bemerkungen, oder Gott bewahre sogar eindeutig sexuelle Anspielungen.

Nicht, dass ich damit behaupten will, auf der Erde sei man darin unbedingt völlig freizügig. Ausserdem kenne ich ja nur die Einwohner von Plejades und von ihnen längst nicht alle. Aber was das anging, das man ganz allgemein Moral nennen könnte, war Cleo sehr strikt in ihren Ansichten - verglichen etwa mit Anne.

»Vergiss nicht, Anne ist ein Reno-Mädchen«, sagte Totila.

»Was hat das damit zu tun?«

»Reno ist eine alte Schmugglerwelt.«

»Piraten und Prostitution, ich weiss.«

Vorurteile, also auch bei Totila? Er blinzelte über den Rand seiner Tasse.

»Alte Tradition«, behauptete er, ohne mir näher zu erläutern, was er damit eigentlich genau meinte (die Piraten? Prostitution?), und nahm noch einen tiefen Schluck, »so, und nun muss ich zusehen, dass ich zu Cleo komme, ihr mit dem Check helfen. Sonst bedroht sie mich mit der Rache der Sterngötter.«

»Davor wirst gerade du dich fürchten!«

Dafür brachten mir siebenundzwanzig Minuten später die Schlepper-Piloten das Fürchten bei, die unser stolzes Schiff (innerlich noch immer ein ziemlicher Rohbau) hinunter bringen sollten.

Gut, ich wusste: Canyon Constrictor ist die Hauptanflugsroute zum Raumhafen Reno Eins.

Reno Eins liegt wie alles auf Reno unterirdisch, Reno ist ein Marsähnlicher, staubig und furchtbar kalt, und das bisschen Atmosphäre kann man vergessen. Darum hat Reno auch die sicherste und beste Klimatechnik aller bekannten Welten.

Der Raumhafen wurde damals, als auf Reno zuerst die Piraten und danach die Hochfinanz zu Gange war, aus dem Vulkangestein der Renogebirge gesprengt und vermutlich war das alles andere als einfach. Ausserdem ist der Raumhafen riesig gross.

Aber warum um alles in der Welt hatten sich die Piraten damals zu John P. Reno's Zeiten von allen Hunderttausend Tälern dieser Welt ausgerechnet Canyon Constrictor als Anflugsroute ausgesucht? Weil sie besonders kompliziert zu fliegen ist?

(Und warum müssen Reno-Piloten wie die Irren mit Mach 3,5 die RAINBOW GLORY im Schlepp durch sämtliche Windungen dieses verflixten Irrgartens fegen? Blos, weil den Übeschallknall hier eh keiner hört? Faule Ausrede!)

»Stell dir einfach vor, es ist eine Simulation«, sagte Ginnie neben mir ziemlich gelassen.

»Ach du lieber Gott!«

Mir blieb schon gar nichts anderes übrig, als die Kerle machen zu lassen. Ohne die Triebwerke und Tragflächen der Schlepper sind Raumschiff wie die GLORY in Atmosphären manövrierunfähig. Und objektiv betrachtet hatten die Piloten natürlich Erfahrung. Sie wussten, was sie taten. Also riss ich nur die Augen auf, als wir in die gähnende Höhlung hinter dem Einflug-Schott in den Raumhafen schossen und wartete ab, ob die RAINBOW GLORY trotz schaumgebremster Landung nicht doch am Ende der Rollbahn gegen die Wand knallte.

Tat sie nicht.

»Bravo! Gute Nerven, Captain Winter«, sagte der Schlepper-Pilot Eins, »wir klinken uns aus und ab.«

»Danke und allzeit guten Flug.«

»War uns ne Freude, Süsse.«

Sie trennten sich von uns, jagten bis ans Ende der Einflughalle, wendeten und flogen rechts und links an der RAINBOW GLORY vorbei zurück in den Canyon Constrictor und noch vor der ersten Biegung mit Raketenzündung senkrecht hoch, dem nächsten Auftrag entgegen.

Wir rollten derweil schon mal per Schub-Lotsen auf ein Parkfeld, und ich las zum Zeitvertreib die Werte der Halle vom Display. Fünf Kilometer lang, fast sechs breit, Aussen-Schott Durchmesser 800 Meter.

»Wie bitte? Also, dass die GLORY mit Schleppern sogar hochkant durchgepasst hätte, klar. Aber 800 Meter?«

»Retina-Blende. Sie haben die Aussenwelt-Schleuse gerade weiter aufgefahren. Hinter uns kommt gerade ein Transporter rein. Brauchst nur hinzusehen«, sagte Cleo, sichtlich stolz, dass sie mich, die Erdfrau, endlich mal mit etwas beeindrucken konnte.
 

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