das All 12. Honey Winters Tagebuch: Back in Space Again II

Tagebuch: Eintrag vom 09.05.2389: 22:20

Es ist wirklich nicht zu glauben - kaum hat man eine Startverzögerung von einem halben Tag irgendwie wieder bereinigt - dazu mussten Ginnie und ich ja nur das komplette Programm resetten und neu starten, das macht man ja mal so eben gerne und mit links - und kaum hat man zusätzlich zwei Sterntorsprünge neu berechnet, denn das kommt bei einem Programm-Neustart heraus - schon hat man genügend Zeit, um  schnell einen Happen Essen für alle heiss zu machen (Silver liegt nun endgültig mit Grippe im Bett, ausserdem schmollt sie) und nebenbei, während man selbst isst, Tagebuch zu schreiben.

Für sonstige Aufgaben gebraucht werde ich ausnahmsweise einmal nicht. Ginnie schiebt mit Cleo Wache auf der Brücke, Totila steckt irgendwo im Turm und Anne-Cyril schläft, oder wollte das zumindest. Das nächste Sterntor ist in zwei Stunden achtzehn Minuten fällig, dazu müssen wir sie wieder wecken, weil es Annes Aufgabe ist, die exakte Position des Tors im All anzupeilen. Sie wird in der Woche, die vor uns liegt, selten länger als fünf Stunden Schlaf am Stück bekommen und dem Rest von uns wird es wohl nicht viel besser gehen.

Das ist der Preis, wenn man mit nur einer Crew von Plejades nach Reno fliegt, aber was soll's. Nach all der Aufregung und den Beinahe-Katastrophen, die sich seit gestern Abend fast nahtlos aneinander reihten, scheint mir das bisschen Flugstress ganz erträglich.

- - -
Wir kamen zur Party etwas zu spät, Silver und ich. Silver hatte sich mit sich selbst nicht auf ein passendes Outfit einigen können und ich war sowieso nicht der Meinung, dass wir unbedingt die ersten Gäste sein mussten. Der Alte hat die nette Angewohnheit, immer bis zum letzten Augenblick mit den unangenehmen Details zu warten, falls es im Zug eines Flugs irgendwo welche gibt und ich hoffte, wenn ich erst auftauchte, wenn es auf der Party schon wimmelte, bekam ich sie nicht gleich. Ich hatte mich jedoch getäuscht. Der Alte sah mich sofort und sagte, er müsse mit mir reden. Aber erst bekam Silver ihren Teil ab.

»Ich habe etwas für dich«, sagte er und gab ihr eine umfangreiche Doku-Mappe.

»Was soll dich damit?« fragte Silver, bereits etwas verschnupft.

»Das sind deine Unterlagen. Für den Koch-Kurs.«

Silver war empört.

»Halt mal! Stop! Ich gehe nicht in diesen Kurs! Du weisst doch, dass ich kochen kann.«

»Ja. Darum geht es dort auch nicht. Wenn du mich ausreden lassen hättest, wüsstest du bereits, dass du damit eine Qualifikation als Ökotrophologin auf Raumschiffen erwirbst. Es ist ein Crash-Kurs und wenn du den Abschluss nicht bis zum Start von Reno geschafft hast, bleibst du hier.«

»Aber ...«

»Keine Widerrede Fräulein! Das war von Anfang an so mit dir ausgemacht. Du kannst nicht ohne Diplom auf der Erde auftauchen. Das weisst du seit Wochen. Und nun hör auf zu maulen. Wenn du dich ein bisschen anstrengst, schaffst du das mit links. Und nun will ich mit Honey reden.«

Der Alte packte mich am Arm und zog mich fort. Silver war die Lust auf Party gründlich vergangen, das sah man ihr an. Aber mir ging es fünf Minuten später kaum besser.

»So«, sagte der Alte, nachdem er mich mit einem unglaublich bunten und völlig undefinierbaren Cocktail versorgt hatte - undefinierbar abgesehen vom erkennbaren Fehlen von Alkohol, in Anbetracht des Starts hatten wir alle Alkoholverbot.

»Also Honey. Ich weiss, dass dir die neue Nase nicht passt.«

»Was heisst hier Nase! Laut Merry willst du mir ein völlig neues Gesicht machen lassen.«

»Stimmt. Ich habe meine Gründe.«

»Und welche?«

Der Alte prostete mir zu.

»Honey, du bist doch eine intelligente Frau. Was glaubst du hat es für Folgen, wenn du mit Silver auf der Erde auftauchst, der erstbeste Raumhafenmitarbeiter sieht dich und zu seinen Kollegen sagt: na klar, das ist doch Die, hinter der vor fünf Jahren der Zoll her war.«

Ich sagte, dass Strafsachen von der Art, für die Silver damals verantwortlich gemacht worden wäre, hätte sie es nicht vorgezogen, einem gewissen, mir bekannten Raumschiff-Captain eine horrende Summe zu zahlen, damit er uns als blinde Passagiere an Bord nahm, nach fünf Jahren sowieso verjährt wären.

»Stimmt schon«, gab der Alte zu, »aber wir können uns Publicity dieser Art trotzdem nicht leisten. Wenn, dann sollen die Rainbows auf der Erde im Mittelpunkt stehen. Niemand achtet auf die Mannschaft, merk dir das.«

Er sagte noch, ich brauche keine Angst vor der (vermutlich eher den) Operation(en) zu haben.

»Dr. Stevenson arbeitet mit Amnesie-Narkose. Er nennt das Kontrollierter Gedächtnisverlust. Du wirst keine Schmerzen haben und dich auch an nichts erinnern, wenn du nicht willst. Du kannst dir das Beste vom Besten aussuchen, verschwende keinen Gedanken an die Kosten. Übrigens bin ich Mehrheitseigner der Klinik.«

»Na, ich habs ja gewusst. Vermutlich machst du mit mir sogar noch ein Geschäft.«

»Nein. Aber du bist mir das wert. Und nun erschuldige mich. Ich muss mit Mirja über SeptemTriones reden. Wir werden Gorekian umstrukturieren. Ich habe keine Kinder und ich will nicht, dass sich Totila und Ginnie später um mein Erbe streiten müssen. Totila bekommt Gorekian und Ginnie SeptemTriones, das auf ganz anderem Gebiet agieren wird, mit einem nicht vernetzten Firmenspektrum. Morgen Abend fliegen wir zu den ersten Verhandlungen nach Reno. Deshalb wünsche ich dir für deinen ersten Flug als verantwortliche Captain auf alle Fälle jetzt schon mal viel Glück.«

Der Alte klopfte mir auf die Schulter und liess mich sprachlos und ein bisschen wütend zurück.

Es wurde danach eine Zeit lang doch noch ein netter Abend. Merry kam und Totila kam, und gemeinsam schafften sie es, hauptsächlich Merry mit vielen albernen Witzen, dass sogar meine Schwester wieder lachte.

»Ich will euch die Laune ja nicht verderben«, sagte Cleo dann etwa gegen 11:00, »aber wie mir meine Tante gerade sagte, sind Melody, Harmony und Tiffany noch nicht aus den Nebelbergen zurück. Sie hatte seit 17:00 keinen Funkkontakt mehr. Ich habe gerade den Alten informiert.«

»Scheisse!«

Damit verwandelte sich die Party in eine Krisensitzung. Wir warteten noch bis Mitternacht, danach holte Attila Gorekian Alle zusammen. Die Präsidentin, die Griechen, und Cleos Tante Soraya, die grimmig zum Alten sagte:

»Selbst schuld! Was hast du meinen Töchtern auch erlaubt, in die Nebelberge zu fliegen! So kurz vor dem Start macht man das doch nicht.«

Um 01:30 war klar, dass wir das Startprogramm nicht würden halten können.  Cleos Kusinen waren immer noch nicht da und Cleo stritt sich mit dem Alten, ob und wieviel Sinn es machte, ein Suchflugzeug in die Nebelberge zu schicken.

»Holen wir Tara«, schlug Mirja vor.

Tara, ich muss es sagen, er machte mir Angst. Nicht, weil er sagte, jetzt noch und bei Dunkelheit in die Nebelberge zu fliegen sei vollendeter Wahnsinn.

»Luftfeuchtigkeit bei hundert Prozent und Vegetation, die Radar nicht immer und vor allem nicht überall gleichmässig durchlässt. Ihr würdet sie nicht sehen, selbst wenn ihre Maschine in Trümmern direkt unter euch liegt. Aber wenn sie Pflanzen holen wollten, sind sie höchstwahrscheinlich gar nicht direkt in die Nebelberge geflogen, sondern irgendwo am  Rand des Regenwaldes gelandet. Im Kerngebiet wächst nichts, das man guten Gewissens zur Erde mitnehmen könnte. Zu seltsam. Am besten ihr geht für ein paar Stunden ins Bett.«

Dabei sah er mich an, eher zufällig denke ich. Totilas Vater hat den gleichen spöttisch-amüsierten Blick wie sein Sohn, sie sehen sich auch sehr ähnlich, aber Tara hat Katzenaugen. Unglaublich grün und unglaublich -

Anne-Cyril brachte es wenig später auf dem Flug nach Hause auf den Punkt:

»Frech, ja. Wie ein Kater. Er ist unglaublich. ich schätze mal, Tara geht mit jeder Frau ins Bett, die nicht mit der Schaufel nach ihm schlägt. Und ich muss sagen, er ist wirklich gut.«

»Hast du etwa ...?« fragte Cleo entsetzt.

»Warum nicht?« Anne zuckte die Achseln, »er lief mir vor ein paar Tagen über den Weg und so ergab es sich einfach.«

»Aber die Präsidentin!«

»Ich glaube, sie weiss das. Na, vielleicht nicht, dass ich mit Tara ein bisschen Spass hatte. Aber du kannst doch wirklich nicht annehmen, dass sie eine andere als eine sehr offene Ehe führen. Mirja ist ständig mit dem Alten unterwegs und Totila hat mir gesagt, dass er seinen alten Herrn auch dann, wenn seine Mutter in der Stadt ist, nur selten sieht. Daraus kann man kaum schliessen, dass Mirja ...«

»Ich muss schon sagen, du scheinst auch mit Totila recht intim zu sein.«

»Das war einmal«, sagte Anne-Cyril, »übrigens geht dich das nichts an.«

»Oh, hört auf ihr Beiden!« sagte ich.

Es war fast 3:00 und ich wollte endlich in mein Bett. Aber ich konnte natürlich lange nicht einschlafen. Silver sägte nebenan ihren Schnupfen klein und mir ging zu viel im Kopf herum. Unter anderem die Frage, ob Cleos Kusinen etwas geschehen war und (das schlimmste angenommen) wer sie in der Eile ersetzen sollte. Ich träumte von Leila Aylik, die mir wieder und wieder den Charter-Vertrag auf einen Bildschirm schickte, jedesnal eine andere Passage rot markiert. Sie sagte: Wo Sie die Technikerinnen hernehmen, ist Ihr Problem. Vertrag ist Vertrag.

Heute Morgen, 06:30, als ich im Hochtal ankam, waren die Kusinen immer noch abgängig.

»Wir verschieben den Start auf 14:00 Uhr«, sagte der Alte. Er sah sorgenvoll aus und verzichtete sogar auf das übliche Getue. Trotzdem wirkte er alt, zum ersten Mal seit ich ihn kenne.

Ginnie und ich berechneten den Start neu.

Und um 12:30 ein zweites Mal, diesmal für 17:00.

»Wenn sie bis 15:00 Uhr nicht da sind, startest du ohne sie. Noch mehr Aufschub kann ich nicht verantworten. Wir haben nur noch dieses eine Zeitfenster nach Reno. Ihr müsst schliesslich irgendwann ankommen«, sagte der Alte.

Man kann sich denken, wie schwungvoll und heiter wir gegen 14:45 mit den letzten Checks begannen. Keine Spur von Cleos Kusinen. Cleo sass links neben mir mit steinernem Gesicht, Ginnie, liebe Gewohnheit, sagte gar nichts, wirkte aber seltsam entspannt.

Manchmal frage ich mich, ob sie eine Art geheimes Vorwissen hat, so etwas soll es ja geben.

Genau um 15:10 sprang Anne aus ihrem Sitz.

»WIR HABEN SIE!«

Cleos Kusinen hatten ausgesprochenes Pech gehabt und waren natürlich auch ganz schön leichtsinnig gewesen. Sie waren ohne Handy losgeflogen und in den Nebelbergen in ein Unwetter kapitalen Ausmasses geraten. So hatten sie erst gestern am Nachmittag ihre Pflanzen sammeln können - und zu spät gemerkt, dass sie auf einem Saurierpfad gelandet waren.

»Mann, wir haben zwanzig von den Riesenbiestern gezählt. Die müssen dort eine Art Familientreffen veranstaltet haben und das dauerte die ganze Nacht. Wir konnten natürlich erst wieder weg, als sie heute Mittag die Bahn freigegeben hatten.«

Wir schmissen alle zusammen die Pflanzen, die Cleos Kusinen gesammelt hatten, in einen Laderaum, Cleo schimpfte die ganze Zeit. Man kann jedes Raumschiff im Prinzip mit Autopilot starten lassen - wenn es ein Lotsenleitsystem gibt, das auf Plejades im besten Fall aus dem Alten oder einem anderen Piloten am Boden besteht, wenn gerade Jemand in der Stadt ist und Zeit dafür hat. Cleo hat es darum nicht so gerne, wenn nicht Jeder auf seinem Posten sitzt. Sie scheuchte uns auf unsere Plätze, in einem Ton, ich kann nur sagen - schlimmer als der Alte.

Aber es war tatsächlich keine Sekunde mehr zu verlieren. Die Schlepper kamen schon. Cleo zündete die Triebwerke mit dem Notprogramm - trotzdem etwas zu spät - es gab einen gewaltigen Ruck. Die Rainbow Glory, immer noch fast leer und daher viel Resonanz, dröhnte wie ein riesiger misstönender Gong.

Und dann waren wir in der Luft.

»Nicht eine meiner Glanzleistungen«, brummte Cleo selbstkritisch.

»Ach lass!«

Anne, Ginnie und ich hatten alle Hände voll zu tun, den hektischen Start mit seinen 00:00:02:7821 Sekunden Verzögerung mit dem laufenden Startprogramm für den Sterntorsprung zu synchronisieren. Man sollte nicht glauben, zu welcher  Ewigkeit sich weniger als drei Sekunden auswachsen können, aber so ist es nun einmal.

Mitten in den Berechnungen für den zweiten Sprung kam Silver

»In meiner Küche stehen Pflanzen herum!« sagte sie und schneuzte sich. Es klang wie Protest.

»Und wenn schon«, sagte Cleo unvorsichtigerweise, »dafür ist jetzt wirklich keine Zeit.«

»So kann ich nicht kochen.«

»Verflixt Silver! Du wirst doch wohl das Grünzeug ein bisschen auf die Seite räumen können, bis wir es verstaut haben!«, sagte ich.

Warum hatte ich nicht meinen Mund gehalten? Silver sah mich an, schnappte nach Luft und drehte sich auf dem Absatz um. Keine zwei Minuten später meldete sie sich bei Anne über die Bordkommunikation krank.

»Ich soll euch ausrichten, dass sie Fieber hat. Sie sagte, es tut ihr leid, aber sie kann einfach nicht mehr.«

»Was ich dir sage - wenn man sie braucht, fällt Silver aus! Wer kocht jetzt? Ich habe Hunger.«

Keine Frage - wer wohl: ich.
 

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