Mutter h.c.

Honey Winter:

Natürlich hätte ich mir eine Menge Ärger sparen können, das ist klar. Ich hätte zum Beispiel nur die Verantwortung für Silver ablehnen müssen.

Sie war vier, als unsere Eltern starben. Es war einer jener Unfälle. Menschliches Versagen, ein Brand in einem Tunnel, und wie viele Andere kamen eben auch Mom und Pa nicht mehr heraus. Die Polizei sagte mir, es sei sehr schnell gegangen. Mein Eltern hätten nicht gelitten.  Nur würde es mit der Beerdigung noch eine ganze Weile dauern, wegen der Ermittlungen, deshalb riete mir der Bestattungsunternehmer ab, die Särge noch einmal öffnen zu lassen. Ich verstand schon, was sie damit sagen wollten. Später hörte ich in den örtlichen Nachrichten, dass die Hitze die Opfer regelrecht gebacken hatte.

Ich war achtzehn und ich sah sie jahrelang im Traum.

Tagsbüber blieb für Trauer wenig Zeit. Ich hatte eine Schwester, die noch ein  Baby war, und eine Menge Probleme. Unsere Eltern waren Wissenschaftler gewesen, Neuere deutsche Philologie, beide, und damit war kein Geld zu machen. Oder jedenfalls nicht viel. Folglich waren Schulden da. Und plötzlich auch die liebe Verwandtschaft.

Einige sehr entfernte Cousins, Leute, die ich zu Lebzeiten meiner Eltern nie bei uns gesehen hatte, befanden, dass ich zu jung war, mich um eine Vierjährige zu kümmern. Sie schickten nacheinander das Jugendamt, einen Anwalt und einstweilige Verfügungen. Als das nichts half, probierten sie es mit wohlmeinendem Terror. Sie vermittelten sie meine Adresse an Pflegeeltern. Jede Woche kam mindestens ein Paar, und vor allem die Frauen hatten alle schon immer so ein goldiges kleines Mädchen mit blonden Locken haben wollen.

Am Anfang war ich noch höflich. Die Leute hatten mir schliesslich nichts getan. Ausserdem meinten es manche davon wirklich nur gut. Aber das ständige Kommen und Gehen weckte auch die Hunde im Netz.

Ihre Angebote poppten mir bald auf den Bildschirm. Ein Unternehmer bot eine halbe Million für ein blondes Mädchen, und versprach bei Überlassung Beteiligung am Gewinn. Andere wurden deutlicher.

Die zuständige Staatsanwältin konnte nichts machen. Nur in flagranti. Nicht, ohne dass ich Silver als Lockvogel hergab. Vielleicht brachte sie sogar das später auf die Idee.

Ich weiss es nicht, und will es auch gar nicht wissen. Ich ergriff die Flucht. Wir zogen in drei Jahren acht Mal um. Jedesmal eine andere Stadt. Danach war Silver neurotisch. Ich auch.

Wir bekamen jede Menge Therapie. Silver hatte Spielgruppen. Ich hatte eine Betroffenengruppe. Wir lebten eine Weile mit einer Opfer-Selbsthilfegruppe. Aus dem Abstand von Jahren betrachtet war die Wohngemeinschaft nett. Wem das Chaos nichts ausmachte, hatte viel zu lachen. Die Kinder, die Silvers Status nur mit Schwester aufmöbeln wollten, erklärten mich zur Mutter h.c.

Doch igendwann hatte ich die Betroffenheit satt. Ich wollte endlich wieder fliegen. Ich zog mit Silver um.

Das kannte sie schon.

Hamburg-Berlin, Raumhafen Europa-West. Wenn mir die Welt auf die Nerven ging, verschwand ich im Simulator. Ich machte den A-Pilotenschein.

Silver ging auf den Strich.
 

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