Abend am Fluss

Sie hatte einen schönen Rücken. Totila sah Honey zu, während er selbst noch aus Hose und Hemd
schlüpfte. Sie kauerte am Rand des Teichs und kühlte sich ab. Dann glitt sie knapp vor ihm ins Wasser.

Er folgte ihr, hin- und hergerissen zwischen Gefühlen, seinen eigenen und ihren, die sich zumindest in einem Punkt deckten: nach der Hitze in der Schlucht war das Wasser brutal kalt. Was Honeys schöner Rücken wachgekitzelt hatte, ging sofort baden. Aber davon einmal abgesehen bremste ihr Verhalten Totila sowieso aus. Sie dachte sich einfach nichts dabei mit ihm schwimmen zu gehen. Das war es.

Andererseits - was hatte er eigentlich erwartet?

Er hatte das merkwürdige Privileg, Gedanken lesen zu können. Illusionen machen konnte er sich dagegen nicht. Totila drehte sich auf den Rücken, liess sich treiben und las dabei Honeys Gedanken, keine sehr klaren, die sich hauptsächlich um das Wasser, das Schwimmen, die rasche Dämmerung in der Schlucht drehten. Sie war nicht im mindesten besorgt hier mit ihm allein zu sein.

Wenn er sie gefragt hätte, hätte sie nein gesagt. Nein in der Sicherheit, dass er das schlucken würde und vermutlich hätte sie sich sowieso sehr gewundert. Instinktiv kannte auch sie ihn, wusste, was sie von ihm zu halten hatte. Die meisten Frauen konnten das. Warum also die Komödie bis zum Exzess treiben und tatsächlich fragen?

Totila rollte sich wieder zurück, schwamm durch einen Schwall kühlerer Strömung, Wasser aus dem Gletscher, das  als Rinnsal über einen Katarakt in den Teich plätscherte. Was jetzt der Teich war, ein blinkendes Auge auf dem Grund der Schlucht, war im Frühjahr in den Stromschnellen verschwunden, nur eine Stelle relativ ruhigen, besonders tiefen Wassers im chaotischen Fluss.

Honey, Totila erkannte es amüsiert, war zu ähnlichen Schlüssen gekommen, während sie durch eine von der Sonne aufgeheizte Fläche im Teich schwamm. Sie hatte schon andere Schluchten gesehen, aus Videos von zu Hause, auf der Erde. Sie wusste, dass sie im tobenden Wildwasser nicht überlebt hätte. Aber sie fühlte sich gut. Und sie dachte an ein altes Lied: bridge over troubled water ...

genauer gesagt, sie sang in ihrem Gedächtnis, hörte den Sänger, sogar ein wenig verschwommen das Orchester. Totila hörte mit.

Es gefiel ihm. Die ganze Frau gefiel ihm. Honey hatte sich ganz spontan entschlossen, mit ihm schwimmen zu gehen, und nun schwammen sie. Sie hatte sich ausgezogen und war ins Wasser gegangen, einfach so. Wenn sie sich zu etwas entschloss, tat sie das dann auch. Sie hatte nicht eine Sekunde darüber nachgedacht. Aber vielleicht waren Frauen auf der Erde so.

Totila hatte keine Lust auf die Abschluss-Party. Alle würden da sein, die Crew, seine Mutter, der Alte und natürlich nicht zu vergessen Silver, noch immer verliebt, ein Durcheinander aus Gedanken und Emotionen. Er wusste, dass sie ihn mindestens mit Blicken verfolgen würde.

Aber es musste wohl sein und Honey war inzwischen zu dem gleichen Schluss gekommen. Sie stieg aus dem Wasser und in ihre Hosen. Totila tat es ihr gleich. Es war eine Quälerei. Die Klamotten klebten überall. Und die Nachglut in der Schlucht buk sie fest.
 

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