11. Honey Winters Tagebuch: Back in Space Again
IMorgen starten wir. Was unter anderem heisst, dass ich mich zur Abwechslung wieder einmal an das Leben bei Tageslicht gewöhnen darf. Ausserdem war ich den ganzen Tag auf den Beinen. Silver hat es nämlich fertig gebracht, sich ausgerechnet jetzt eine fürchterliche Erkältung zu holen. Sie schnieft und hustet, und hatte heue Morgen auch noch Fieber. Oder wie Cleo sagte:
»Das sieht ihr ähnlich. Wenn es wirklich mal Arbeit für sie gibt, fällt Silver aus.«
Nun, ganz so stimmt das sicher nicht. Aber Cleo, Ginnie und ich verbrachten heute Morgen drei ziemlich frustrierende Stunden damit, die vorbereiteten (und von einander abweichenden) Einkaufsdateien meines Schwesterleins zu öffnen, gegeneinander zu vergleichen, Überflüssiges zu löschen und Doppeleinträge zu erkennen. Dazu nur ein Beispiel: Silver hatte in einer Datei Grapefruitkonzentrat aufgelistet, in einer anderen wollte sie Pampelmuse. Was ja ziemlich das gleiche ist.
Cleo sagte:
»Deine Schwester macht mich noch wahnsinnig. Das nächste Mal lade ich ein Synonym-Wörterbuch dazu. Wozu braucht sie den Krempel überhaupt? Algen bleiben Algen. Egal, wie man sie maskiert.«
Sogar die immer ernste Ginnie hätte beinahe gelacht. Cleo könnte man allen Ernstes mit Algen aus dem Tank in den drei gängigen Aggregatzuständen ernähren: als Suppe, Keks oder Brei. Als wir gemeinsam im Antriebsturm arbeiteten, naschte sie manchmal sogar davon. Aber für den Rest der raumfahrenden Bevölkerung, und das gilt weltenweit, wäre reine Algenernährung wahrscheinlich mehr als genug Grund, den verantwortlichen Koch auf dem nächsten Mond auszusetzen. Ich sagte:
»Cleo - wie lange ging eigentlich dein längster Flug?«
Es stellte sich heraus, das sie nie weiter als bis nach Reno gekommen ist, und für eine Woche im All und wenn man wirklich keine Wahl hätte, mögen Algen pur ja gehen, Sie schmecken roh ein bisschen nach Spinat, ein bisschen nach Meer, gekocht allerdings - und da gebe ich Silver recht - tatsächlich nur noch wie nasser Lappen.
Ich erinnere mich noch mit Schrecken an die eintönige Kost, die es an Bord der SKYJANE gab, bis sie sich einmischte, und vermutlich wäre die ganze Reise ohne ihr Mitwirken in der Küche weniger harmonisch verlaufen. Es half natürlich auch, dass ich Stan Walker seit Jahren kannte und dass sein zweiter Pilot damals gerade einen Unfall gehabt hatte und fast die ganze Zeit bis Reno ausfiel. Ausserdem hatte Walker selbst keine guten Erfahrungen mit dem irdischen Zoll gemacht, und es war definitiv seine letzte grosse Reise. Er war also bereit, Silver und mir zu helfen.
Trotzdem bekomme ich noch immer leichte Magenschmerzen, wenn ich an unsere überstürzte Flucht denke. Es hätte Alles passieren können. Walker war nur onkelhaft nett zu mir, und natürlich hat er es probiert. Doch als ich Nein sagte, war es okay. Aber er hätte Silver und mich auch vergewaltigen können und der Rest der Mannschaft dazu. Langstreckenflüge sperren Leute auf ein halbes Jahr schlimmer zusammen, als jedes Gefängnis. Und man kann nicht einmal ausbrechen, denn wenn man aussteigt, ist man tot.
»Denk besser nicht drüber nach«, sagte Ginnie, »du machst nämlich ein Gesicht, als hättest du auf deinem Flug damals von der Erde nach Reno wirklich nur Algen zu essen gekriegt.«
Feinfühlig ist sie, meine Co-Pilotin, das muss man Ginnie lassen. Und ein nettes, wenn auch sehr stilles Mädchen, fast noch schweigsamer, als ihr grosser Bruder. Trotzdem war ich nicht allzu traurig, dass Cleo mir wenig später Totila als Helfer zuteilte und nicht sie. Ich brauchte für meinen Teil der Einkaufstour einen kräftigen Mann, denn ich hatte mich freiwillig für die Gewächshäuser gemeldet. Ich wollte sie schon immer mal besichtigen und Silvers Obst- und Gemüse-Einkaufsliste kam mir gerade recht.
Es wurde dann auch wirklich ein zwar arbeitsreicher, und heisser, aber auch sehr angenehmer Tag. Totila sagte wie üblich meistens nichts und machte, was ich von ihm wollte. Exakt, ohne Diskussion, ohne mich misszuverstehen. Ich suchte aus, was Silver sich ausgedacht hatte, und berechnete mit den Gärtnern die Kosten. Totila half beim Packen und Verladen. So einfach war das.
Wir wären noch besser miteinander ausgekommen, hätte Silver nicht ständig versucht, aus der Ferne zu helfen. Keine Viertelstunde, ohne dass sie anrief. Entweder war ihr noch etwas eingefallen, von dem sie sich nicht erinnern konnte, ob sie es auf ihrer Einkaufsliste hatte. Oder sie machte Verarbeitungsvorschläge, die in dieser Phase niemandem halfen.
Man nimmt auf Langstreckenflügen naturgemäss nur wenig Frischware mit, selbst normale Tiefkühlkost braucht viel zu viel Platz. Also wird das Meiste gefriergetrocknet, gepresst und/oder hoch konzentriert, und für den Rest greift man eben auf jene Algenkulturen zurück, die Cleo auch ohne Alles schmecken, als Teil des bordinternen Ökosystems in grossen Tanks wachsen, und unter anderem auch das Brauchwasser reinigen. Das ist echtes Recycling, und natürlich isst man die Algen auf diese Weise sozusagen mehrmals. Pingelig sein darf man an Bord von Raumschiffen nicht.
Die Algen liefern Vitamine und Faserstoffe, und es gibt riesige Kochbibliotheken, wie man sie am besten mit Lebensmittelfarbe aufpeppt, mit Aromastoffen und Füllstoffen verändert. Dann noch Proteine dazu und Silver macht aus ein bisschen Algenheu und Bordküchenchemie zum Beispiel Hamburger, die weder vom Gefühl beim Hineinbeissen, noch vom Geschmack vom Original zu unterscheiden sind. Auch ihre Ravioli sind einsame Klasse.
Aber am heutigen Tag sägte sie einfach nur an meinen Nerven. Als mit Totila mitten am Nachmittag gestand, dass er das Handy irgendwo im Gemüse liegen gelassen hatte, konnte ich mich gerade noch beherrschen, nicht erleichtert:
Na endlich! zu sagen.
Totila grinste ein bisschen.
Gerade nur ein bisschen, fast hätte ich es nicht gesehen. Und wie schon so oft war ich mir nicht ganz sicher, über was oder wen er sich gerade amüsierte - falls er das tatsächlich tat. Aber in diesem Augenblick rutschte Totila eine Ladung Kartoffeln weg und wir mussten beide hinter kullernden Knollen her, und als wir die letzten Ausreisser wieder in die offene Kiste gepackt hatten, lächelte er ganz offen.
»War es das jetzt, Honey?«
»Lass mich sehen. Wir haben fast alles, was Silver wollte. Fehlt nur noch der nicht-vegetarische Teil.«
»Dann mal los.«
Da der Flug nach Reno nur eine Woche dauerte, waren wir zum Glück nicht auf Trockenobst und Gefrierkonzentrate angewiesen. Totila und ich konnten es uns sogar erlauben, puren Luxus einzupacken - Frischfleisch. Der Alte hatte uns die Mehrausgabe erlaubt, weil wir mit der Minimalcrew fliegen würden, der Rest der Mannschaft für den Charterflug sollte erst in Reno an Bord kommen. Für nur zwei Piloten - Ginnie und mich, Ingenieurin: Cleo, vier Techniker = ihre Kusinen und Totila, Anne-Cyril für Fernerkundung und Bordkommunikation, ist selbst eine kurze Reise wie nach Reno ziemlich Stress.
Ich sagte:
»Zum Glück müssten wir nicht auch noch selbst kochen.«
Denn es war klar, Silver war zwar erkältet. Aber sie wäre vom Totenbett aufgestanden, um diesen Flug zur Erde nicht zu versäumen.
»Hoffentlich niest sie uns nicht ins Essen«, sagte Cleo deutlich frostig, als wir an Bord der RAINBOW GLORY eintrafen und unsere Einkäufe abluden, »ihr habt das Handy im Gemüsebau liegen lassen, nicht? Ich habe es lokalisiert. Und du kannst Silver sagen, wenn sie mich nochmal den halben Nachmittag mit Suchaufträgen nervt, sorge ich dafür, dass sie der Alte doch noch zu Hause lässt!«
»Ach komm, Cleo, lass das jetzt. Wir sind alle müde und verschwitzt. Ich will unter die Dusche. Vielleicht gehe ich auch schwimmen«, sagte Anne.
»Schwimmen? Oh ja, das wäre schön. Aber Wo in dieser Wüste gibt es genug Wasser dazu?«
»Im Fluss.«
Anne hatte dann doch keine Lust und Cleo sowieso nicht. Kurz bevor Totila und ich gekommen waren, hatten sich ihre Kusinen zum Pflanzen-Sammeln in die Nebelberge abgemeldet. Sie hatten zur allgemeinen Überraschung den Alten dazu gebracht, dass er sie noch fliegen liess, obwohl der Start für Morgen früh 07:30 angesetzt war.
»Jeder hat ein recht auf ein grünes Raumschiff. Meine Güte!« Cleo sagte, sie ginge vor dem Fest heute Abend lieber noch für eine Runde ins Bett.
Ginnie musste noch mit dem Alten am Startprogramm arbeiten. So kam es, dass nur Totila Zeit hatte, mir die Schwimmteiche zu zeigen. Aber dazu mussten wir vom Raumhafen erst einmal zurück zum Rand des Stadtplateaus und den Sonnenuntergang abwarten.
»Mir macht das zwar nichts, aber du würdest mit einem Sonnenbrand zurückfliegen. Oder möchtest du in den Kleidern schwimmen?«
»Nein.«
Wir stiegen aus. Dort, wo im Frühling der Gletscherfluss aus den Bergen hinter der Stadt in Dutzenden von Katarakten über den Ostrand des Plateaus fliesst, bevor er an der Abbruchkante dreihundert Meter tiefer ins flache Land stürzt, lag jetzt eine Schlucht. Überall sonst, wo es in der Stadt kleinere Wasserläufe gibt, kann man nur noch an den Steinen lutschen, in der Tiefe der Schlucht gab es tatsächlich eine Reihe flacher Teiche. Wir mussten eine ganze Weile laufen, um sie überhaupt zu erreichen, denn von dort unten heraus zu starten, war mir mit dem Flugtaxi zu riskant.
In der Schlucht war es warm wie im Backofen. Ich war nass geschwitzt, als wir ankamen und musste erst einmal verpusten. Aber das Wasser war türkisblau und ganz klar, und Totila versicherte mir, ich könne es unbesorgt trinken, denn ich kam vor Durst fast um.

Schwimmen war nach all der Hitze
herrlich.
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