10. Honey Winters Tagebuch: Alles Echt.Eigentlich fühle ich mich wieder einsatzfähig. Doch die Ärzte im Krankenhaus lassen leider nicht mit sich handeln. Bis die Nase vollkommen abgeschwollen ist, wollen sie mich nicht fliegen lassen. Ich sitze also immer noch zu Hause. Aber das heißt natürlich nicht, daß ich vom Alten nichts zu tun bekommen hätte.
Ich habe einen tollen Job. Ich muss mir sozusagen offiziell die neuesten Videos der Rainbow-Show ansehen. Mann, bin ich glücklich.
Nein, im Ernst: so schlimm ist es nicht. Nach all dem Stress der letzen Wochen passte es mir zur Abwechslung ganz gut, zu Hause im Sessel zu liegen, kalte Getränke zu schlürfen und das Unterhaltungsnetz durch zu zappen, dessen geistige Höhenflüge: »nicht einmal den Horizont einer Küchenschabe strapazieren würden«.
Letztes Zitat stammt von meiner lieben Schwester, die diesen Teil des Stadtnetzes aus Grundsatz verschmäht. Der Alte kauft jeden Monat in Reno die neuesten Shows, und Direktmporte von der Erde sind dann natürlich schon mindestens sechs Monate alt, schliesslich liegt Reno im Ganz Weit Draussen. Aber das heisst noch lange nicht, dass: » ... man die einheimische Produktion sowieso nicht ansehen kann«, oder Importe: » ... nur Babys interessieren«.
Was von solchen und ähnlichen Statements zu halten ist, weiss ich schon lange, Cleo jetzt auch. Als sie mich gestern mit Silver in meinem Krankenstand besuchte, muss meine beste Freundin irgend ein kleiner Teufel eingeflüstert haben, beiläufig die Frage in den Raum zu stellen, welche Showview-Kennzahl man denn nun für die neueste Folge von City in Flammen brauche? Silver wies natürlich weit von sich, dass sie je: » ... von diesem Krampf«, gehört hätte.
Doch die Kennung kannte sie ganz genau.
(Ich bin ja so gemein. Später machte ich mir die Mühe nachzusehen, ob zufällig von Silvers und meinem gemeinsamen Netzzugang aus auf City in Flammen zugegriffen worden war. Bingo! Jede einzelte Folge ...)
Zurück zum Thema! Die Rainbows. Als mir Mirja Terescu an jenem bewussten Tag so nebenher mitteilte, der Alte habe mich als Captain eines Charterflugs zur Erde vorgesehen, und meine künftigen Passagiere seien die Mitglieder einer Showgruppe, hatte ich diesen Teil des dicken Brockens einfach kommentarlos geschluckt. Was noch hinten daran hing, diese ganze Mafia-und Piraten-Story, dass der Alte seinem Geschäftspartner auf der Erde auf die Finger klopfen wollte und so weiter, die Aussicht, erneut durch den Zoll zu müssen, und welche Dummheiten Silver auf dem Weg dahin einfallen mochten - das war schon Horror genug. Wenn mir die Präsidentin erzählt hätte, ich müsse zur Krönung des Ganzen noch ein Quartett singender Eisbären betreuen, wäre mir das auch schon egal gewesen.
Aber Tiere haben die Rainbows glücklicherweise nicht. Dafür frage ich mich inzwischen, ob dem Alten wirklich klar ist, auf was er sich da eingelassen hat. Cleo ist übrigens der gleichen Meinung. Sie sagte erst gestern, sie wüsste gerne, wo wir um Himmels Willen den ganzen Krempel unterbringen sollen.
»Wollen hoffen, dass der Alte denen erklärt hat, wie begrenzt der Raum an Bord der RAINBOW GLORY ist!«
Ich konnte ihr nur zustimmen. Ich habe mich in den letzten Tagen durch fünf Show der Rainbows gesehen, zum Teil sogar in Zeitlupe und Zoom, weil ich mich fragte, wie manche der Kostüme eigentlich halten. In einigen Szenen hat die Gruppe um Leila Aylik nämlich nicht gerade sehr viel an. Oder besser gesagt, die Tänzerinnen schaffen es, mit einem Minimum an bedeckter Körperoberfläche ein Maximum an Wirkung zu erzielen. Das trifft es wohl am besten.
Trotzdem dürfen wir uns auf Federn im Umfang einer ganzen Straussenfarm, tischgrosse Reifröcke und Tonnen von Perlen und Pailletten einstellen, dazu Vorhänge aus Schleierstoff, fahrbare Muscheln, Springbrunnen, Palmen, Treppen und weiss Gott welches andere Deko-Material noch. Ich hoffe nur, wenigstens einiges davon ist virtuell. Es sieht aber leider nicht sehr danach aus. Oder zumindest nicht, wenn man dem Info-Teil auf der zweiten Spur der Rainbow Show Glauben schenken darf. Dann gibt es wirklich alles in Echt.
Es gibt ausserdem Kurzbiographien und Bilder jeder einzelnen Tänzerin, komplett mit Starportrait und allem. Die Rainbows sind ein rein weibliches Unternehmen, nur ein Portrait der Managerin gibt es nicht. Leila Aylik, wer immer sie ist, bleibt völlig im Hintergrund. Dabei würde gerade sie mich mehr interessieren, als der gesamte Rest. Aber man erfährt von ihr gerade, dass sie auf der Erde eine der gefragtesten Darstellerinnen auf dem Gebiet des Orientalischen Tanzes gewesen sein soll, ehe sie ihre Karriere in den Kolonien fortsetzte. Und genau das glaube ich einfach nicht.
Zufälligerweise, sie ist zwar jetzt schon lange tot, und ich habe lange nicht mehr an sie gedacht. Aber meine eigene Tante Elisa war zu Hause wirklich eine der Top-Tänzerinnen der Ras-Sharki-Szene und meine Eltern, hauptsächlich meine Mutter, verfolgten ihre Karriere und die der Konkurrenz sehr genau. Wenn es also in den letzten dreissig Jahren auf der Erde eine international bekannte Bauchtänzerin namens Leila Aylik gegeben hätte, wüsste ich das. Doch wie gesagt - nie gehört.
Natürlich ist es in Zusammenhang mit dem Charterflug im Grund einerlei. In den Kolonien wird alles angestaunt, das von der Erde stammt, unter anderem manchmal auch ich. Deshalb war es vermutlich nur folgerichtig, der Show auf dem Weg einer echten oder falschen Qualifikation der Managerin etwas Zusatzpublicity zu verpassen. Gekocht wird jedenfalls wie überall auch bei ihnen nur mit Wasser.
Die Rainbows sind wie eine von diesen bunten Pralinenschachteln. Jedes Stückchen wunderbar eingewickelt, aber wenn man es aufmacht und probiert, ist auch nur Schokolade drin. Ich habe mich durch sämtliche verfügbaren Nachrichten geklickt, die im Netz über die Showgruppe zu finden sind. Das Ergebnis war mager. Abgesehen davon, dass sie in ihren Shows äussert aufreizend an- oder vielmehr ausgezogen sind, sind die Rainbows geradezu klinisch rein. Es gibt keine Drogen, keine Skandale und ausser dem offensichtlichen auf der Bühne kaum Sex. Oder jedenfalls weniger, als Raumschiff-Crews untereinander haben - zum Beispiel.
Dazu passt, dass das Management rein gar nichts dem Zufall zu überlassen scheint. Leila Ayliks hat mit dem Alten einen Chartervertrag ausgehandelt, der jede Kleinigkeit regelt. Ich möchte zum Besipeil gerne wissen, wozu zum Beispiel folgende Passage gut sein soll:
§ 8: Nach Möglichkeit wird die RAINBOW GLORY von einer weiblich besetzten Chefcrew geflogen.
Gut, wir haben Cleo Patras als Chefingenieurin, ihre Kusinen Melody, Harmony und Tiffany als Technikerinnen, Anne-Cyril du Pont für die Bordkommunikation, Ginnie Terescu als zweite Pilotin - sie heisst übrigens mit vollem Namen Ginever - und als Captain eben mich. In sofern ist das kein Problem.
Totila allerdings wird sich verstecken müssen.
Aber wie ich ihn kenne, ist ihm das gerade recht.
--- Unterbrechung ---
Tagebuch: Eintrag 30.04. 2389 06:17
Was man doch so alles erfährt! Eigentlich bin ich hundemüde, und es wäre wirklich besser, ich ginge schlafen, bevor die Tageshitze bis in mein Dolmenhaus dringt. Aber ich bin auch so aufgedreht, dass ich nicht schlafen kann. Und alles nur, weil mich heute Nacht noch Merry besucht hat.
Ich rief ihn etwa gegen halb Drei an, weil mir kurz vorher der Alte eine Liste der Dinge gemailt hatte, die wir im Auftrag von Leila Aylik an Bord zur Verfügung stellen sollen. Das meiste war höchstens ein logistisches Problem. (Also nichts, was man mit einer gebrochenen Nase nicht lösen könnte, sagte der Alte in der begleitenden voicemail - wie nett von ihm!)
Aber die Rainbows wollten auch Trockeneis. Gut, klar, Trockeneis mit Wasser begossen sorgt für Bühnennebel. Das ist ein alter Hut - aber mussten wir es wirklich den ganzen Weg - über ein halbes Jahr Flugzeit - von Reno bis zur Erde mitschleppen? Konnte es Cleo nicht vielleicht wenn nötig an Bord erzeugen, und wenn nicht, wie wurde es aufbewahrt? Ich war ratlos.
Cleo hatte keine Zeit. Sie sagte: »Frag doch Merry!«
Ich fragte.
Leider schmiss ich ihn aus dem Bett. Merry, ich hätte mir ja denken können, denn genau das passt zu ihm, hatte die allgemeine Arbeitszeitumstellung nicht mitgemacht. Aber zuerst konnte ich mich natürlich nur entschuldigen.
»Was willst du?« fragte er, immer noch ein wenig grimmig, »hat Silver etwa schon wieder kein Shampoo mehr?«
Ich musste lachen. Silvers Shampoo ist zwischen uns Quelle ständiger Hänseleien. Merry ist Silvers Speziallieferant, seit meine kleine Schwester sich ganz zu Anfang unserer Zeit auf Plejades einmal mit nassen Haaren in die mörderische Sonne hinausgesetzt hatte, nur weil irgend ein verantwortungsloser Zeitgenosse ihr erzählt hatte, das mache Haare auf natürliche Weise silberblond. Das Ergebnis war natürlich ein monumentaler Sonnenstich und meine Bekanntschaft mit Merry, der sich ziemlich über Silvers Vorstellungen wunderte, (Frauen versuchen auf Plejades im Allgemeinen eher ihre Haare gegen Ausbleichen zu schützen), aber achselzuckend die erste von unzähligen Flaschen Aufheller-Shampoo zusammen mischte.
Merry ist Chemiker. Ich brauchte allerdings eine Weile um zu begreifen, dass Merry ähnlich wie Cleo und die Griechen im Prinzip alles macht. Und alles weiss. Dass mich der Alte befördert hatte, wusste er auch schon wieder.
»Sag mal«, sagte Merry, »was soll das eigentlich heissen, dass ihr beiden Süssen so mir nichts, dir nichts auf grosse Fahrt geht? Hast du nicht mal so viel Anstand, dich als Captain ordentlich von mir zu verabschieden?«
»Na, so weit ist es noch nicht«, sagte ich.
Merry grinste.
»Du ahnungsloser Engel! Die RAINBOW GLORY gehst in fünf Tagen Richtung Reno ab, für den Innenausbau in der Werft. Und du gehst in die Klinik für dein neues Gesicht.«
»Unsinn! Meine Nase heilt auch so. Und mein Gesicht bleibt, wie es ist.«
»Glaubst du! Der Alte Totila schon Vollmacht gegeben, damit er die Operation bezahlen kann.«
Ich fuhr aus der Haut. Und leider, ich muss es zugeben, ein wenig zu gründlich, denn ich sagte mehr, als ich eigentlich wollte. Unter Anderem, wofür ich Totila hielt. Zu weiss, zu schön, reichlich arrogant, eben ein Gott verdammter, allwissender Erzengel.
Mitten drin stand Merry von seinem Terminal auf und ging aus dem Zimmer.
Ich wartete eine Minute, reichlich verblüfft, denn einfach mitten im Gespräch aufgestanden war er mir noch nie. Aber als Merry danach nicht wieder kam, wechselte ich die Ebene und teilte seinem Hauscomputer mit, dass er die Verbindung trennen konnte. Ich war ein bisschen sauer. Wenn ich Merry mit meiner Meinung über Totila so verärgert hatte, was einfach aus dem Zimmer gehen auch keine Lösung.
Zwei Minuten später klingelte er an meiner Tür.
»So!« sagte Merry, nachdem ich ihn einigermassen aus der Fassung ins Haus gelassen hatte, denn er war gekommen, wie er war, das heisst: nur im Bademantel. Merry schläft nackt.
»So, du leichtsinnige kleine Erdfrau! Bevor du weiter über das allgemeine Netz Dinge aussprichst, über die man selbst hier besser nicht laut redet, werde ich dir ein paar Dinge erklären! Hast du was zum Trinken?«
Wir setzten uns in die Küche. Die Auswahl aus Silvers Vorräten im Kühlschrank überliess ich allerdings klugerweise Merry selbst. Wie alle Plejadesleute verträgt auch er zu jeder Tages- und Nachtzeit Mixgetränke. Die heutige Variante bestand aus Pfefferminztee, Schokoloadeneis und Ananassaft.
»Totila kann nichts dafür, wie er aussieht«, sagte Merry nach dem ersten tiefen Schluck, »du kennst doch die Präsidentin. Na also!«
»Was also!«
»Mirja und Tara stammen von Taiga Nova. Du weisst doch, was dort los war.«
»Na klar. Taiga Nova wurde in den Schwarzen Jahren fast völlig aufgegeben. Und erst später wieder besiedelt. Aber was hat das mit Totila zu tun.«
»Ziemlich viel.«
Es war eine schaurige Geschichte, die Merry mir im Lauf er nächsten beiden Cocktails auftischte.
»Taiga Nova war eine der ersten Kolonien überhaupt und wie alle lief sie am Anfang schlecht. Die Kolonialgesellschaften machten im ersten Jahrhundert alle den gleichen Fehler. Sie schöpften viel zu schnell Gewinne ab, statt erst einmal eine solide Basis zu schaffen. Sagt dir der Name Homburg-United etwas?«
»Natürlich. Meine Eltern haben für eine ihrer Universitäten auf der Erde gearbeitet. Homburg hat einen guten Ruf als Sponsor.«
»Vielleicht bei euch. In den Kolonien sind sie immer noch ziemlich verhasst. Als auf der Erde Genexperimente mit menschlichem Ausgangsmaterial verboten wurden, haben sie ihre Versuchslabors nach Taiga Nova verlegt.«
»Ich habe Gerüchte darüber gehört.«
»Was immer du gehört hast, es stimmt und noch mehr. Du brauchst nur Totila anzusehen.«
»Merry, du willst doch nicht behaupten ...?«
Ich muss sagen, das verschlug mir wirklich die Sprache. Aber Merry schüttelte beruhigend den Kopf.
»Natürlich nicht. Totila hat ganz normal Eltern, wie du und ich. Trotzdem sind auf Taiga Nova in den Wäldern eine Reihe von Experimenten gemacht worden, die Folgen hatten. Die Genetiker von Homburg United müssen versucht haben, eine Art Superrasse zu schaffen. Als sie feststellten, dass ihre Geschöpfe nicht ihren Wünschen entsprachen, oder vielmehr, als man sie dabei erwischte, dass sie es überhaupt taten, versuchten sie die entstandenen Transgenen auszulöschen, indem sie einen Bürgerkrieg anzettelten. Zufällig war gerade die grosse Wirtschaftskrise und bei uns im Ganz Weit Draussen ging es überall drunter und drüber. Homburg United nutzten die schwarzen Jahre um auf Taiga eine Art Hexenjagd gegen Transgene zu zünden.«
»Mein Gott!«
»Niemand weiss, was damals wirklich geschah. Es gibt so gut wie keine Dokumente mehr, weil Homburg United alles vernichtete. Trotzdem sind ihnen offensichtlich eine Reihe ihrer Genveränderten entkommen.«
Merry stand auf,
»Dass Totila so weiss ist, liegt am, na, sagen wir mal zweifelhaftem Erbgut seiner Eltern. Mirja und Tara sind Cousin und Cousine, wenn du so willst. Und mindestens Tara hat mehr als die normale Zahl Grosseltern. Kennst du ihn eigentlich?«
»Nein.«
»Man sieht ihm an, was er ist, mehr noch als Totila oder Ginnie. Deshalb lässt sich Tara selten in der Stadt blicken. Geistige Defekte haben die Kinder von Transgenen übrigens nie.«
»Wenigstens etwas.«
»Ja. Wir haben Totilas Haut mal untersucht. Sie reflektiert das Licht, statt Pigmente auszubilden. Er kann auch besser in die Sonne hineinsehen, als du und ich, und noch ein paar andere Dinge. Aber sonst ist er wirklich völlig harmlos.«
Ich hatte meine Zweifel, was das anging. Aber ich widersprach Merry nicht. Sicherlich konnte keiner der Terescus etwas für seine Herkunft, Mirja nicht, so wenig wie Tara oder Totila und Ginnie. Aber das Ganze hinterliess bei mir trotzdem einen unangenehmen Geschmack auf der Zunge. Genversuche an Menschen - du lieber Gott. Als ob wir es in der Zwischenzeit nicht gelernt hätten.
Merry merkte vermutlich, wie ich mich fühlte. Denn er ging danach bald. Es war inzwischen hell geworden. Und natürlich stand meine neugierige Nachbarin Margarete schon auf ihrer Terrasse, umringt von einem guten Dutzend kleiner Sommerdrachen, die auf die Küchenabfälle scharf waren.
Und natürlich musste Merry demonstrativ seinen Bademantel öffnen, mich und sich hinein wickeln und mich zum Abschied sehr zärtlich küssen. Nicht, dass es mir unangenehm gewesen wäre.
Aber man kann sich denken, was sich Margarete dachte.
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