9. Honey Winters Tagebuch: Mattscheibe / Blackout
IIAllmählich wird das Bild klarer. Ich erinnere mich zwar immer noch nicht genau, wie das passieren konnte, aber zumindest habe ich nun die vollständige Schadensmeldung. Es ist nicht nur die Nase. Ich habe mir die Rippen geprellt, eine Gehirnerschütterung, und überall blaue Flecken. Cleo sagt, ich sehe aus, als sei ich in eine Schlägerei geraten.
Aber wieso - also, das ist ein gewisses Problem. Ich war gestern mit Silver in einer Fähre zum Boden unterwegs. Meine liebe kleine Schwester wollte sich nicht mehr darauf verlassen, dass gedankenlose Techniker oder Piloten - damit war natürlich ich gemeint, sie hat das Desaster mit den Drachen im Salat mittlerweile überall und jedem erzählt (und nur bedingt Verständnis geerntet) - also, sie wollte:
»... so etwas einfach nicht noch einmal mitmachen!« (Originalzitat Silver)
Vermutlich kamen wir auch an. Aber was danach kam - keine Ahnung.
Ich weiss noch, dass wir vorhatten, zu Mittag in die Cafeteria des Verwaltungszentrums zu gehen. Oder vielmehr, ich muss wohl etwas gegessen haben. Denn als ich in der Nacht im Krankenhaus wieder so richtig zu mir kam, um mich eine Reihe besorgter Gesichter, erfuhr ich als erstes, dass mich Totila nach dem Unfall aufgelesen und mir den Kopf gehalten hatte, während ich ihm alles vor die Füsse spuckte, das ich in mir gehabt hatte.
Was nicht gerade das war, was mich im Augenblick interessierte.
»Sei froh, dass du dir nicht selbst dabei zusehen musstest, wie du in der RAINBOW GLORY abgestürzt bist.« Cleo hatte es offenbar gesehen, war aber zu weit weg gewesen, um eingreifen zu können. Sie tätschelte meine Hand.
»Ihr habt keine Aufzeichnung davon?« fragte Silver verwundert.
»Das fehlte noch! Honey stürzt sich fast zu Tode und du willst ein Video!« Cleo war empört.
»Wieso denn nicht? Es ist ihr doch kaum was passiert.«
Typisch Silver. Ich musste furchtbar lachen, was meine Rippen nicht mochten. Ausserdem wurde mir schwindelig, und schliesslich, als mir zu Bewusstsein kam, was wirklich alles hätte sein können, speiübel. Offenbar ist der Unfall nämlich so passiert, dass irgend ein Techniker, ohne Cleos Wissen den Gravitationsmotor in der RAINBOW GLORY für einen Probelauf startete, während sie mich mich gerade an einem dünnen Seil über den Abgrund der entkernten Decks auf den Weg geschickt hatte.
Bei Null Schwerkraft kein Problem. Mit meinem Gewicht belastet, war das Seil mit Einsetzen der Gravitation gerissen.
»Du bist heruntergekommen wie einer von diesen idiotischen Serien-Superhelden«, sagte Cleo.
Nur leider war ich nicht so elegant gelandet. Aber ich fand, was sie sagte, zum Schreien komisch. Ich sass relativ wohlbehalten in einem Krankenhausbett, mir war zum Kotzen schlecht und ich konnte vor Kopfschmerzen kaum noch aus den Augen sehen - trotzdem kicherte ich, bis mir die Tränen kamen.
Bis die Pfleger vom Dienst Cleo, Totila, Silver und den Rest der Gesellschaft auf dem Raum warfen.
Dann war es zu meiner Überraschung plötzlich Morgen und ich stellte fest, dass ich mitten in einer hitzigen Debatte mit dem Alten steckte, der mich davon überzeugen wollte, dass ich eine neue Nase brauchte. Ich sah das gar nicht ein.
Ich hatte eine Nase, wozu plötzlich eine neue?
Aber der Alte gab nicht nach. Zuletzt kamen Totila und Ginnie, wie immer im Doppelpack, mit einem Arzt.
»Lass das Mädchen in Ruhe, Attila!« sagte er, »du merkst doch, dass sie nicht auf der Höhe ist!«
Ich hatte Lust, nun auch noch dem Doktor zu widersprechen. Er wollte mir eine Injektion geben, ich wollte nicht. Ich bekam sie trotz Diskussion. Danach muss ich wohl eingeschlafen sein.
Heute geht es mir besser. Wenigstens bilde ich mir das ein. Mir ist nicht mehr schwindelig und die Kopfschmerzen sind auch schon fast weg. Dafür tut mir nun jeder Muskel weh. Der Doctor sagt, ich hätte im Abstürzen etwas Hartes gestreift, vermutlich eine Verstrebung. Die Kollision hatte meinen Absturz sozusagen mit dem Gesicht gebremst, und mir das Nasenbein zertrümmert.
»Natürlich habe ich den Schaden vorläufig gerichtet. Aber der Alte kennt auf Reno einen Spezialisten.«
Er sagte, das habe noch einen weiteren Vorteil: mit einer gewissen, behutsamen Gesamtkorrektur brauche ich bei meiner Rückkehr zur Erde nicht befürchten, dass mich Jemand erkennt. Immerhin liefe noch die Fahndung. Und ich solle es mir doch zumindest überlegen.
Nett, dass sich immer alle um meine Probleme kümmern ...
Offenbar war Silver beim Alten und hat ihm die Ohren voll gejammert. Und der wiederum hat mit meinem Arzt gesprochen.
Dass auf der Erde in Fällen wie dem unseren gewöhnlich
nach fünf Jahren ohne Ergebnis jede Verfolgung eingestellt wird, hatte
sie natürlich wohlweislich verschwiegen.
zurück zum Textanfang
oder weiterlesen?