- nachträglich anonymisiert -
Stimme des Interviewers gelöscht
- Der Alte hat nicht viel über solche Sachen geredet. So viel ich weiss, ist er schon hier auf Plejades geboren, als eines der ersten Kinder auf dieser Welt.
- Damals muss seine Familie noch am Rand des Gletschers gelebt haben, in einem ausrangierten alten Kahn, mit dem Attila Gorekians Grossvater vorher jahrelang von Kolonie zu Kolonie geschippert war und alles Mögliche verkauft hatte.
- Das mit der ersten Siedlung kam erst später. Sogar als der Alte Amylin heiratete, waren die Umstände noch reichlich primitiv. Sie haben ja deswegen die meiste Zeit gar nicht auf Plejades gelebt.
- Ach was! Da hätten sie mal den echten Alten kennenlernen sollen, Attila Gorekians Grossvater. Verkaufstalent kann man dazu nicht mehr sagen. Der hätte glatt dem Teufel Eisen unter die Hufe genagelt und den Gehörnten anschliessend als Stepptänzer verkauft.
- Seinen Sohn hat er ziemlich unterdrückt. Es war ohnehin eine Kombination, die langfristig nicht funktionieren konnte. Grossvater, Vater und Sohn in der gleichen Firma, dazu noch der ganz Alte und der Enkel mit dem gleichen explosiven Temperament. Da musste einer von den Dreien der Kürzeren ziehen.
- Attila zwei hat dann ja auch ziemlich sofort nach dem Tod seines Grossvaters die Gesamtleitung übernommen. Ich weiss gar nicht, was aus seinem Vater geworden ist.
- Nein, nein, das dachten zwar viele Leute, und sollten es wohl auch denken. Aber Mirja Terescus Kinder sind nicht die richtigen Enkel des Alten. Mike Gorekian, mit dem sie eine Weile zusammen war, starb 2360 oder 61 auf dem Gletscher und Totila wurde erst 64 geboren.
- Ja. Der Gletscher war immer gefährlich. Aber ich sollte Ihnen doch von dem ersten schlimmen Winter erzählen, nicht?
- Ich war damals noch ganz jung. Acht oder neun, denke ich. Es ist schon so lange her. Im Alter gehen Einem die Jahre etwas durcheinander.
- Meine Leute stammten von Taiga Nova. Taiga war damals fast völlig vergessen.
- Damals waren die Schwarzen Jahre. Wenn unsere Kolonie nicht Männer wie der Alte angeflogen hätten, wären wir dort vermutlich verschimmelt. Auf Plejades konnte man wenigstens hoffen, dass es irgendwann aufwärts gehen würde. Und das tat es dann ja auch tatsächlich.
- Oh ja, erstaunlich schnell. Zwei Winter später, das sind immerhin zwölf Erdjahre, ich war also ungefähr zwanzig, war schon alles unter Dach, oder besser gesagt Fels. Der Alte ging immer auf Nummer Sicher. Trotzdem wurde uns dieser Winter fast zum Verhängnis.
- Mike Gorekian wurde im Frühling geboren. Sie wissen, dass die Jahreszeiten auf Plejades jeweils rund zwei irdischen Jahre dauern?
- Ja, sehen Sie! Es war also Mikes erster Schnee und vermutlich wollten Amy und der Alte ihm den Spass gönnen. Nur - dann kam der Schnee wirklich. Zwei Meter, in Nullkommanix über Nacht herunter geschneit. Zuerst haben wir ja noch darüber gelacht. Aber als es weiter schneite, bekam "Vom Himmel Hoch..." eine völlig neue Bedeutung.
- Na ja. Wir dachten Alle, das muss doch mal aufhören. Ausserdem hatten wir wirklich genug damit zu tun, wenigstens die Verbindungen zwischen den Häusern aufrecht zu erhalten.
- Nein, nein. Wenn wir damals noch im Freien gehaust hätten, das hätte Keiner überlebt. Minus vierzig Grad nachts. Es war ein Wunder, dass es überhaupt mit ein paar Erfrierungen abging. Und natürlich wurden wir Alle ziemlich schlank. Der Kalorienverbrauch ist unter solchen Bedingungen unglaublich.
-Weil es in beiden Schiffen die Decks eingedrückt hatte. Raumschiffe sind nicht dafür konstruiert. Ein Raumschiff ist schliesslich kein U-Boot.
- Na ja, gut. Meteorschauer, Vakuum, was weiss ich. Ich kenne mich da nicht so aus. Aber jedenfalls vertragen Raumschiffe keine Tonnenlasten, die von oben darauf fallen.
- Oh - so unterschiedlich sind Reno und Plejades nicht. Hier kann man gar nicht raus, das stimmt schon. Aber auf Plejades war das selbst zu besten Zeiten ebenfalls ein Problem. Und die Gärten sind hier in der Stadt wenigstens immer grün.
- Wie der Alte damals wegkam? Na, er kam ja nicht weg. Wir sassen Alle fest. Und wenn die beiden Captains, die auf Tour waren, nur noch eine Woche länger gebraucht hätten, wären wir wirklich in echte Schwierigkeiten gekommen.
- Unterernährung natürlich. Ich sagte schon, dass der Durchschnittsumsatz bei dieser Kälte enorm war. Übrigens machte eins der Schiffe eine Bruchlandung auf dem Gletscher.
- Ja. Es gab insgesamt sechs Tote. Sie hätten vielleicht überlebt, wenn man sie hätte ausfliegen können. Aber das havarierte Schiff lag mitten auf der sogenannten Landebahn. Die Männer mussten es erst einmal aus dem Weg kriegen. Mit der Hand natürlich. Und selbst dann. Reno und Plejades waren nach damaligen Stand der Technik wenigstens eine Woche Flugzeit von einander entfernt. Wer nicht auf Plejades sozusagen mit Bordmitteln versorgt werden konnte, hatte keine Chance.
- Ach wissen Sie, ich war damals viel zu jung, um mir richtig Sorgen zu machen. Für Amy war's natürlich schlimm. Selbst nichts zu essen und dann noch der kleine Mike. Sie ist nie mehr nach Plejades zurückgekehrt.
- Ich weiss nicht. Sie haben sich irgendwann scheiden lassen. Die Ehe bestand nach diesem Winter ohnehin nur noch auf dem Papier.
- Wir wussten lange nichts. Der Alte sprach wie gesagt kaum je über sein Privatleben. Erst als Mike auf dem Gletscher blieb, da merkte man es ihm wirklich an. Ohne Mirja wäre die Firma damals vor die Hunde gegangen. Sie war grossartig. Obwohl sie selbst schwer an Mikes Tod zu knabbern hatte.
- Oh, aber bitte sehr. Es hat mir Spass gemacht von alten Zeiten zu plaudern. Und wenn es der Forschung dient ... Ich freue mich, wenn Ihnen das bisschen weitergeholfen hat. Auf Wiedersehen! Oder sollte ich lieber sagen: leben Sie wohl?
zurück zum Textanfang