Kabelsalat7. Honey Winters Tagebuch: Die Tücke des Objekt

Eintrag vom 15.04.2389: 12:30 Mittagspause

Unglaublich. Ich habe gerade festgestellt, dass schon wieder ein halber Monat vorbei ist. Eigentlich hatte ich mir nach meiner Landung auf Plejades vorgenommen, regelmässig aufzuschreiben, was mir hier im Alltag begegnet. Aber wie heisst es so schön:

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

Na ja, und Alltag kann man das, was ich hier seit Wochen mitmache, wirklich nicht mehr nennen. Dauernd ist irgend etwas. Die erste Woche nach dem Start der RAINBOW GLORY in die Umlaufbahn war ich ständig mit einer der Fähren unterwegs, manchmal mit Ginnie als Copilotin, aber öfter auch allein, weil es unglaublich viele Dinge gab, die Cleo oder Alte - wahlweise auch mal beide in inniger Übereinstimmung - noch brauchten, zur Sicherheit zusätzlich angeforderten, oder (für Abwechslung war gesorgt), komplett für überflüssig erklärt hatten, und daher schleunigst aus dem Weg haben wollten.

Ich kam mir langsam aber sicher vor, wie ein Jojo, und als ich das leichtsinnig wie ich bin im Scherz zum Alten sagte, runzelte der nur die Stirn und meinte knapp:

»Captains müssen mindestens hundert Starts und Landungen nachweisen. Auf diese Weise brauchst du wenigstens beim Lügen nicht allzu rot zu werden, wenn man dich nach der Zahl deiner Orbit/Boden-Takes fragt.«

Es lag mir auf der Zunge, ihm zu antworten, dass ich, wenn es nur darum ginge, ein gutes Tausend davon im Simulator hinter mir hätte. Aber ich verkniff es mir noch rechtzeitig. Der Alte hält gar nichts von Piloten mit Simulatortraining und ich hatte nach guten acht Tagen mit durchschnittlich zwei bis drei Take-offs in jeweils vierundzwanzig Stunden, wahlweise viel zu viel und gar keiner Gravitation, plus den ständigen dummen Witzen aller lieben KollegInnen - die sie natürlich auch nur machten, weil sie mit der Situation im Orbit so wenig glücklich waren wie ich - Galgenhumor! - jedenfalls hatte ich nicht mehr die Nerven.

Es war Ginnie, die mich rettete. Sie, vielleicht auch Mirja Terescu, die Präsidentin, muss wohl mit dem Alten geredet haben. Denn in der zweiten Woche gab es wie durch Zauberei plötzlich einen festen Dienstplan für Shuttles und Schlepperpiloten, und geregelte Freizeit. Dafür brummte mir der Alte die Koordination von Flügen und Transporteinheiten auf, so dass für mich aus der freien Zeit nicht zu viel wurde.

»Ist ne gute Übung für frisch gebackene Captains, hähä!«

Er putzte dabei seine (überflüssige) Brille, mümmelte mit seinem Bart und gab sich überhaupt so greisenhaft, dass ich sicher war: Er war froh, den Stress endlich los zu sein. Ich kenne doch den Alten. Er ist mit Leib und Seele Schiffseigner und Pilot. Nicht ist ihm lieber, als selbst durch die blauen Galaxien zu gondeln und wenn er Mirja Terescu nicht hätte, wäre die Plejades-Company längst nicht dort, wo sie offenbar ist, nämlich Markt führend auf Reno, und in gewissen Bereichen in den anderen Kolonien ebenfalls.

»Ja«, sagte Cleo, als ich ihr heute Vormittag meine Sicht der Dinge mitteilte, »und wie allen wirklichen Sternfahrern fehlt auch dir der Bodenkontakt! Schau bloss, was du wieder angestellt hast!«

Ich musste lachen. Es war ausnahmsweise kein Shuttleflug fällig gewesen, also hatte Cleo mich dazu eingespannt, ihr beim Strippen ziehen zu helfen. Was in der Schwerelosigkeit an Bord der RAINBOW GLORY auf die Bändigung aller Nattern einer Schlangenfarm gleichzeitig hinauslief. Unglaublich, welches Wirrwarr man mit einer Handvoll harmloser Kabel anrichten kann. Und natürlich hatte ich es geschafft, Alles zu verheddern.

»Zieh's zurück zum Anfang und dann einzeln zu mir.«

Cleo war ein bisschen sauer.

»Du darfst dich nicht so willkürlich bewegen«, sagte sie, »was du bei Null-Gravitation in Drehung versetzt, behält sein Bewegungsmoment bei. Habt ihr auf eurer kostbaren Erde eigentlich nie Schwerelosigkeit geübt?«

Hatten wir nicht.

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