6.
Honey Winters Tagebuch: Startbahn WestWir sind seit gestern im All. Was ich mir schon lange dachte, gibt jetzt sogar Cleo zu - der Umbau der RAINBOW GLORY ist nicht auf dem Boden zu schaffen. Allerdings wäre mir lieber gewesen, Cleo hätte nicht kurz vor dem Start beiläufig gesagt:
»Bin mal gespannt, ob der alte Kasten jetzt dicht hält.«
»Wie bitte?«
»Reg' dich bloss nicht auf. Du sitzt im Cockpit, das ist praktisch eine Rettungskapsel. Wenn, dann erwischt's schon uns im Turm.«
Ginnie neben mir sagte:
»Schlepper docken an.«
Und danach hatte ich keine Zeit mehr, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, wie ernst Cleos Aussage gemeint gewesen sein könnte. Schlepperstarts sind haarig genug.
Frachter, und das ist die RAINBOW GLORY nun mal von der Konzeption her, haben ungefähr die aerodynamischen Eigenschaften einer Suppenschüssel. Man kann sie notfalls in Atmosphären hinein fliegen, Hitzschild voran, und ich bin sicher, der Alte brächte es sogar fertig, so ein Ding auf dem Boden zu landen, ohne dabei ein allzu tiefes Loch zu reissen. Aber ohne Hilfe starten - das nun nicht.
Auf der Erde geht Alles mit Fähren hinauf und hinunter, Schlepper kannte ich vor Plejades nur als Raumfahrer-Latein, solche Starts sind zu Hause seit Jahren verboten. Aber wie vieles Andere in den Kolonien ... na, lassen wir das. Wenigstens sass ich diesmal im Raumschiff und brauchte das Manöver nicht von aussen mit anzusehen.
Schlepper sind nur Triebwerk, eine asymmetrische Tragfläche und ein Leitwerk, es gibt sie links- und rechts-seitig und wenn man sie nicht braucht, stationiert man sie am praktischen in einer Umlaufbahn und vergisst den Alptraum ganz schnell. Braucht man sie, geht er nämlich los.
Ich hatte einige geschleppte Starts und Landungen an der Seite des Alten hinter mir, aber der Start der RAINBOW GLORY war mein erster Alleinstart plus Andocken von Schleppern und ich kannte die Reaktionen meiner neuen Copilotin noch nicht.
Totila redet schon sehr wenig, Ginnie sagt überhaupt nichts.
Oder na ja, gerade das Nötigste.
Aber ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Sie ist als Kopilotin phantastisch. Ich hatte es ehrlich gesagt zuerst nicht glauben wollen, als mir der Alte von ihr vorschwärmte, schliesslich ist Ginnie noch reichlich jung. Natürlich fangen alle ernsthaften Piloten praktisch schon als Kinder an, ich war vierzehn, als ich den Simulator für mich entdeckte, und bis ich den Pilotenschein endlich hatte, war ich immerhin schon fünfundzwanzig. Allerdings möchte ich bezweifeln, dass man Kandidaten im Ganz Weit Draussen derart mit Gesetzen und Sicherheitsvorschriften zwiebelt, wie es auf der Erde normal ist.
Wie auch immer - es gab den üblichen hässlichen Geräuschmischmasch aus Motorendröhnen und kreischendem Metall, nur diesmal noch viel schlimmer, weil die RAINBOW GLORY innen so hohl war, die Schlösser der Schlepper rasteten in der Aussenhülle des ausgeweideten Frachters ein - Ginnie hatte die Schlepper schon synchronisiert und auf Kurs zur Startbahn gebracht, als ich noch Cleos Maschinencheck bestätigte. Eine Sekunde später gab die Ingenieurin die Triebwerke frei.
Ich sagte: »Zündung ... Schub.«
Und dann preschten wir schon mit der RAINBOW GLORY und den angedockten Schleppern wie ein Manta mit gigantischen Deltaschwingen über die Startbahn, gewannen Höhe und zogen knapp über den Gipfeln im Westen der Startbahn hoch.
»Zündung Stufe Zwei ... jetzt!«
Es presste mich in den Sitz, die RAINBOW GLORY machte einen gewaltigen Satz und dann waren wir schon auf achtzehn Kilometern Höhe.
»Fein, so ein leeres Ding hoch zu jagen«, sagte Cleo aufgeräumt, »spart Treibstoff.«
Sie zündete die Raketentriebwerke noch einmal, sie brachten uns diesmal auf eine stationäre Umlaufbahn in dreissig Kilometern Höhe, wo der Alte schon zwei seiner Schiffe als Wohneinheiten für Ingenieure, Techniker und Hilfskräfte wie mich geparkt hatte. Damit haben wir wenigstens zum Essen und Schlafen festen Boden unter den Füssen, denn an Bord der RAINBOW GLORY ist der Gravitationsmotor vom Netz, sonst wäre die ganze Aktion ja auch sinnlos gewesen, wie Cleo vorhin richtig sagte.
»Ist natürlich blöd für den armen Petrus«, sagte sie, »er verträgt Schwerelosigkeit schlecht.«
»Wer ist das nun wieder? Noch ein Cousin von dir?« wollte ich wissen.
»Aber nein!« Cleo war fast beleidigt.
Anne-Cyril klärte mich endlich auf. Petrus ist Cleos Ehemann. Und ich dachte schon, sie hätte ausser Raumschiffbasteln überhaupt kein Hobby.
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