Ein silbernes MädchenTotila kannte die beiden Frauen nicht, das war aber auch gar nicht nötig. Der Alte hatte ihm alles erzählt, was Totila wissen musste, und noch einiges mehr. Völlig überflüssig dass er es getan hatte, sie wussten beide, dass sie sich die Komödie sparen konnten. Man brauchte Totila nie etwas zu erzählen. Er wusste, was sein Gegenüber sagen wollte, noch bevor der Andere es zuende gedacht hatte.
Immer.
Er hatte jedoch beschlossen, die Laune des Alten nicht dadurch kaputt zu machen, dass er ihn darauf hinwies. Nicht heute. Der Alte hatte weiss Gott genug um die Ohren. Das Ganze war eine Katastrophe und mindestens zu einem guten Teil dadurch entstanden, weil Totila nicht an den Verhandlungen teilgenommen hatte. Weder er noch die Präsidentin, und weil den Alten dies eine Mal der Instinkt in Stich gelassen hatte. Darum war Totila auch sofort aufgebrochen.
Wie schon so oft. Fragte sich nur, ob er es auch dieses Mal wieder schaffte, den Sturm aufzufangen. Natürlich würde es Sturm geben. Honey Winter würde nicht begeistert sein, wenn Totila ihr sagen musste was der Alte von ihr wollte. Das wäre auch ein bisschen viel verlangt. Niemand begab sich freiwillig zurück in die Reichweite der irdischen Zollfahndung. Obwohl Honey vermutlich relativ mühelos ihre Unschuld beweisen konnte.
Sie musste nur ihre Schwester ausliefern.
Was sie nie tun würde. Nicht, wenn der Alte Honey Winter richtig einschätzte. Totilas konnte seinen Grossvater Attila Gorekian nicht sonderlich leiden - und zum guten Teil beruht das auf Gegenseitigkeit - aber wenn es darum ging, Menschen für sich einzuspannen, für einen Bedarf, der noch gar nicht feststand, war der Alte unschlagbar.
Er hatte Honey und Silver Winter vom Fleck weg engagiert, nachdem sie auf der Flucht vor den Federales auf Reno gestrandet waren und Silver dem Alten auf einem der Raumhäfen über den Weg gelaufen war. Natürlich hatte sich der Alte diese Gelegenheit nicht entgegen lassen. Obwohl Honey zu Hause auf der Erde nie wirklich geflogen wart, nur Simulator-Training hatte war eine Pilotin mit irdischer A-Lizenz im Ganz Weit Draussen ihr Gehalt hundertfach wert.
Und natürlich hatte ihr der Alte ihr das nicht gesagt.
Totila vermutete, dass sie es bis heute nicht wusste, drei Jahre später. Der Alte hatte sie in sein eigenes Team übernommen, das die Strecke Reno - Plejades nonstop flog, Waren grundsätzlich im Orbit übergab oder übernahm. Zwei Wochen im All, keine Zwischenlandung, Honey hatte das 25 Monate ausgehalten. Was Einiges über ihre guten Nerven aussagte. Totila war auf sie gespannt.
Aber er stellte fest, dass er Pech hatte, als er sein Taxi vor ihrem Haus parkte. Honey Winter war nicht zu Hause. Dafür aber Silver, Honey Winters jüngere Schwester. Totila wusste, was der Alte von ihr hielt.
Er beugte sich vor, läutete und wappnete sich innerlich gegen den Schock, den er zweifellos auslösen würde. Silver Winter hatte aus irgend einem Grund die Aussenkamera abgeschaltet, auch keine Lust, dieses Manko gerade jetzt zu korrigieren und damit keine Chance, sich an seinen Anblick zu gewöhnen. Es war immer dasselbe.
Und natürlich ging jetzt die Tür auf und auch Honeys Schwester stand, wie festgenagelt.
Fast so gross wie er, schlank und zierlich schaute Silver Winter von der obersten Stufe vor ihrer Tür direkt Totila in die Augen. Ihre waren braun, mit kleinen goldenen Lichtern darin, und sie sah ihn damit überrascht an. Ihr Gesicht war noch fast kindlich weich, und ihr Mund, ohne dass sie es wusste, zu einem hingerissenen Lächeln verzogen.
Er kannte das, zur Genüge, aber Totila konnte es diesmal trotzdem fast nicht glauben.
Das war also der eiskalte Teenager, der den irdischen Zoll und die Macker auf dem Babystrich zwei Jahre lang an der Nase herumgeführt hatte? Dieses niedliche Mädchen? Silver trug silber.
Total.
Eine kurze Bestandsaufnahme ergab silberne Locken, eine silberne Hose und einen Glitzerpulli, silbern. Dazu Silberschuhe, silbernen Nagellack und Lippenstift. Sollte sie ihn in ihre Zimmer führen, würde Totila feststellen, dass er sich in einer Silberhöhle befand.
Doch halt! Silver wusste, wie Fremde auf ihr Reich reagierten. Sie würde ihn - wie immer - in Honeys Zimmer bitten. Es war freundlich in Holz und Naturwolltönen gehalten, und sie hoffte, dass es ihm gefiel. Sie fand Totila umwerfend.
Aber er hatte beim besten Willen nicht die Absicht. Nicht bei Mädchen wie Silver. Er hatte nichts gegen das eine oder andere nette Treffen im Heu, doch er kannte sich besser als jeder Andere mit Tagträumen aus. Sie zerrannen oft genug ins Nichts.
Ausserdem hatte Totila diesen Auftrag des Alten. Er war
eigentlich für Honey gedacht, aber Totila konnte nicht warten, bis
sie nach Hause kam. Blieb er zu lange, endete er vielleicht doch noch in
Silvers Bett. Und kam Honey dann, na gute Nacht.
Also richtete der die Botschaft des Alten in Gottes Namen
Silver aus. Ihre Reaktion überraschte ihn völlig.
Silver stiess einen Freudenschrei aus, und Totila wusste sofort, wer würde sie nie mehr loswerden.
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