1. Honey Winters Tagebuch: Ein furchtbarer
TagEs heisst ja immer, eine gewisse Dosis Frustration sei für den menschlichen Organismus lebenswichtig. Demnach hätte ich heute einen sehr gesunden Tag hinter mir. Zuerst gab ein Messgerät den Geist auf und ich rannte den halben Vormittag nach einem Ersatzteil herum, das wie üblich dann doch nicht auf Lager war. Lieferzeit zwei Wochen, wer hätte das besser gewusst als ich. Meine Kollegen nahmen es mit Gelassenheit. Wer hier arbeitet, ist Ausfallzeiten gewöhnt. Nur mich regt das immer noch auf.
Kurz nach der Mittagspause, der Alte hatte wohl mitbekommen, dass wir gewisse Probleme hatten unser Projekt weiterzuführen, schleppte uns einer der Piloten Seetang an. Langes grünes Zeug, so ähnlich wie Kelp, schönen Gruss vom Chef. Wir sollten es auf praktische Einsatzmöglichkeiten untersuchen. Gleichgültig, ob man es zu Fasern verspinnen, essen, oder jemanden damit vergiften kann, wir hatten es herauszufinden.
Harmlos wie ich bin, fragte ich, warum wir die nötigen Versuche nicht gleich vor Ort machten. Falls tatsächlich etwas mit dem Tang anzufangen war, mussten wir ja auch seine Lebensbedingungen kennen. Aber das war wieder einmal viel zu irdisch gedacht, wie mir meine Kollegen rasch klarmachten. Wir haben nämlich kein einziges Schiff.
»Der Alte hat das Zeug selbst geangelt. Du weisst doch, dass er selbst auf einem Jupiterähnlichen landet, wenn ihm gerade danach ist. Glaubst du, ausgerechnet Wasser hält ihn auf?« sagte der Pilot.
Mir verschlug es die Sprache. Der Chef einer planetenumspannenden Gesellschaft fliegt höchstpersönlich mit der Raumfähre ein Meer an und geht für eines seiner Labors fischen. Das sah dem Alten ähnlich. Ich wünschte seinem Piloten noch nachträglich herzliches Beileid. Aber er grinste nur.
Kurz darauf war es 15:00 Uhr, und damit Schichtwechsel. Ich konnte für diesen Tag ohnehin nichts mehr tun, jedenfalls nichts Sinnvolles, deshalb warf ich meine Laborkleidung in den Wäschecontainer, zog mich blitzschnell um und machte, dass ich davonkam.
Sehr weit kam ich jedoch zunächst einmal nicht. Denn
ich hatte eine Kleinigkeit vergessen.
Die Stadt, wenn man dieses Felsennest einmal so grossartig
nennen will, liegt bekanntlich auf einem Plateau
in
fast 4000 Metern Höhe und damit in einem für hiesige Verhältnisse
recht erträglichen Klima. Was sich eben auf Plejades so erträglich
nennt. Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht von wenigstens 30
Grad, knochentrockene Luft, Dornbüsche, die im Bund mit den Staubhexen
harmlose Passanten jagen. Dazu kommt noch eine nette Dosis UV-Strahlung.
Jeder, der sich ohne Sonnenschutzspray ins Freie wagt, wird innerhalb von Minuten gegrillt. Und an dieses Spray hatte ich wieder einmal nicht gedacht.
Meine Kollegen rannten zu dritt hinter mir her, hielten mich fest und nebelten mich von oben bis unten ein, selbstverständlich nicht, ohne mir eine Vorlesung über meinen bodenlosen Leichtsinn zu halten. Ich bedankte mich bei ihnen, sie hatten völlig recht. Ich hätte mir in Nullkommanichts den schlimmsten Sonnenbrand meines Lebens geholt, wenn ich ohne nach draussen marschiert wäre.
Innerlich ärgerte ich mich natürlich trotzdem schwarz. Ich bin lange genug auf Plejades, um die örtlichen Gepflogenheiten zu kennen. Dreieinhalb Jahre, um genau zu sein, und mittlerweile finde ich es gar nicht mehr so schlimm. Obwohl ich mich nach wie vor frage, warum der Alte von allen Kontinenten und Gebirgen ausgerechnet diese staubige Gegend ausgewählt hat. Und noch dazu so nahe am Strahlungstod.
Aber halt, ich will gerecht sein. Als ich ankam, war Frühling und das Plateau ein Garten. Dass es im Lauf der Monate immer heisser und trockener wurde, fiel mir zunächst gar nicht so sehr auf. Plejades ist der fünfte Planet einer weißen Sonne und braucht sechs Erdjahre, um sein Zentralgestirn einmal zu umlaufen. Die Jahreszeiten verändern sich darum nur langsam.
Die Vegetation dagegen gründlich. Manches bricht oberirdisch einfach ab. Wandernde Dornbüsche, ich sagte es schon. Die Moospolster, dunkelgrün, rostrot und ocker, die zu Beginn meiner Zeit hier jeden freien Fleck vor dem Laborgebäude überzogen, sind längst zu Staub zertreten.
Zwischen dem Ausgang und dem Sonnensegel des Taxistands flimmerte die Luft. 45 Grad im Schatten, nur dass es keinen gab. Mittlerweile muss man sich jede Bewegung im Freien gut überlegen. Ich war nicht die Einzige, die für heute Schluss gemacht hatte. Rings um mich setzten Menschen gleich mir Hut und Sonnenbrille auf, und krempelten Ärmel herunter. Kein Mensch geht hier oben ohne.
Die Glut, die mir auf den wenigen Metern entgegen schlug, war einfach mörderisch. Die Luft brannte. Ich musste nicht einmal fünf Minuten warten, bis ich Platz in einem der Taxis fand, aber sie reichten um meine Kehle vollkommen auszudörren. Ausserdem waren meine Mitfahrer Einheimische. Ich registrierte es mit Unbehagen.
Plejadesleute reden nicht über das Wetter. Wie sollten sie auch, wenn es sich hier erst einmal zu etwas entschlossen hat, hält sich das wochenlang. Die Vermutung, wie es denn morgen so werden wird, ist also recht sinnlos. Aber es gibt Ersatz für das Wetter als unverfängliches Thema unter Fremden.
Plejadesleute reden stundenlang und mit wachsender Begeisterung über Getränke.
Ich tat mein Bestes. Ich betrachtete die Landschaft. Ich zählte die Häuser.
Das war nicht einfach. Die Häuser der Stadt, sogar die grossen, sieht man nur, wenn man weiss, worauf man achten muss. Aus einiger Entfernung, sogar noch in der Einflugschneise, sieht das Plateau geradezu gottverlassen aus. Alles ist hervorragend getarnt. Wobei kein Mensch kapiert, warum der Alte derart darauf besteht.
Schliesslich gehört ihm Plejades ganz offiziell. Das heisst, er hat diese Welt gefunden, besetzt und seinen Anspruch auf Reno registrieren lassen. Meiner Meinung nach die Sorte Schnäppchen, die in Wirklichkeit eine Mogelpackung ist. Es gibt hier nichts, das es nicht woanders besser oder billiger gäbe. Und ein Dolmen als Bungalow war auch nicht mein Traum. Denn genauso sieht mein Heim aus - wie ein missglücktes Hühnengrab.
Trotzdem verliess ich das Taxi vor meinem Haus fluchtartig.
Dreissig Minuten Gespräche über Getränke, na Danke bei meinem
Durst! Ich flüchtete ins Haus, zerrte mir die verschwitzen Sachen
vom Leib und wollte vor der Dusche noch in die Küche, für einen
schönen Krug kaltes Wasser. Dabei fiel mein Blick auf ein Blatt Papier,
das einsam auf der Spiegelkonsole lag.
Verblüfft las ich den einzigen Satz:
Die Präsidentin bittet Honey Winter und Silver Winter ins Zentrum zu kommen.
Da ich dabei vor dem Spiegel stand, konnte ich auch gleich noch mein dummes Gesicht bewundern. Botschaften auf Papier, als gäbe es keine Vernetzung! Ausserdem ärgerte ich mich. Ich hatte wenig Lust, noch einmal in die Hitze hinauszugehen. Also tat ich, was ich für das Vernünftigste hielt. Ich schnappte mir die Fernsteuerung und rief im Büro der Präsidentin an.
Das heisst, ich versuchte es. Ich bekam nur Fehlermeldungen - disconnected - und danach eine Menge Werte über Leistungsschwankungen.
Leider zog ich daraus nicht die richtigen Schlüsse. Genauer gesagt, ich dachte mir gar nichts. Ich ging unter die Dusche, trank zur Sicherheit noch ein grosses Glas Wasser, und zog mich leise vor mich hin fluchend erneut an. Dann verliess ich das Haus.
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