Plejades


Start | Index¦ Galerie ¦ Objekte | Kurzgeschichten - Hauptseite ¦ über mich ¦ Kontakt ¦ Links


Plejades - Honey Winters Tagebuch

Die Menschheit hat längst den Weg zu den Sternen gefunden. Neue Welten sind besiedelt, aber Wirtschaft und Verkehr zwischen der Erde und ihren Kolonien im All liegen ausschliesslich in den Händen weniger irdischer Grosskonzerne. Natürlich mangelt es nicht an Versuchen, im Outback der Galaxie unabhängige Gemeinschaften aufzubauen. Doch wer seine Produkte auf dem lukrativen irdischen Markt bringen will, bekommt Probleme ...



 

was vorher geschah:

5. Honey Winters Tagebuch: Da haben wir den Salat

05.03.2389: 15:30

Gestern war ich seit langem wieder einmal in der Stadt.Wir kommen hier im Hochtal selten vor Sonnenaufgang in die Betten, Frühstück gibt es jetzt ab Mittags halb Zwei  und danach sitzt die ganze Crew meist bis Sonnenuntergang vor 3D-Programmen und macht Vorschläge für die Ausgestaltung der neuen Decks.

Der Alte hat die Rainbow Glory total entkernen lassen, bis auf den Antriebsturm, den zu demontieren weigerte sich Cleo. Aber sonst flog alles von Bord, ob es freiwillig durch die Luken ging, oder nicht. Und als die Griechen vorgestern damit anfingen, die Träger für die neue Konstruktion ins Schiff zu hieven, traf mich wieder einmal fast der Schlag. Denn Werftausrüstung, oder wenigstens einen vernünftigen Kran, muss ich es noch erwähnen? gibt es auf dem Raumhafen des Alten natürlich nicht.

»Was willst du«, sagte Cleo verwundert, »Flaschenzüge sind eine uralte Geschichte. Und richtig angewendet völlig sicher, falls du dir deshalb Sorgen machst!«

Machte ich mir nicht. Ich traute mich nur nicht, ihr zu sagen, dass sie auf der Erde für verrückt erklärt worden wäre, Museklkraft für etwas einzusetzen, für das es Maschinen gab.

Aber Cleo muss wohl meinen  Blick richtig interpretiert haben. Sie kam gestern kurz vor Arbeitsbeginn zu mir, ein Klemmbrett mit Liste unter dem Arm. Sie hatte sich sogar die Mühe gemacht, ihre Wünsche auszudrucken, damit ich sie besser lesen konnte. Auf Plejades schreibt man normalerweise mit der Hand.

»Also, meine Liebe!« sagte sie, »ich weiss ja nicht, ob ihr das auf der Erde wirklich alles mit Maschinenkraft macht. Habe mir sagen lassen, dass es dort einige erstaunlich rückständige Ecken gibt. Aber da sogar der Alte einsieht, dass wir mit ein, zwei Generatoren schneller sind, fliegst du jetzt für mich in die Stadt und besorgst alles, was da drauf steht.« 

So kam ich zum ersten Nacht-Alleinflug meines Lebens, und in der Stadt zu endloser Rennerei. Es waren natürlich nicht nur zwei Generatoren zu besorgen, sondern auch noch eine Menge anderer Kleinkram, Cleo war wie immer gründlich gewesen. Die Zutaten ihrer Liste waren überall in den Magazinen verstreut und zu guter Letzt hatte es sich Silver auch nicht nehmen lassen, Cleos Wünsche durch eigene für die Küche im Hochtal zu ergänzen.

Unter anderem wollte sie Salat.

Nichts Exotisches also, ausnahmsweise, frisch geernteter Salat ist relativ stabil, und ich war schon die ganze Nacht auf den Beinen gewesen, hatte für Cleo noch hochempfindliche Elektronik zu verstauen, die nun wirklich keinen Stoss abbekommen durfte - im Gegensatz zum Salat, der war mir inzwischen Wurst. 

Deshalb blieben die Kisten eine Weile unbeaufsichtigt und beinahe hätte ich sie sogar stehen lassen, aber im letzten Augenblick fielen sie mir wieder ein. Ich sagte den beiden Männern, die mir geholfen hatten, dass sie das Grünzeug irgendwo im Laderaum  unterbringen sollten, wo eben noch dafür Platz sei, und  damit hatte ich Silver und ihren Salat schon wieder vergessen.

Ich hatte noch den Rückflug vor mir. Autopilot hin oder her, die Turbulenzen über der Stadt hatten meine alte Kiste schon im Herflug ordentlich durchgeschüttelt; rückwärts war es nicht besser. Dafür ging jetzt die Sonne auf und ich wurde ordentlich geblendet, weil ich nicht an die Schutzbrille gedacht hatte.

»Mein Gott!« sagte Cleo, »du solltest es doch wirklich langsam wissen! Geh blos noch heute zum Augenarzt!« 

Ich wischte mir die Tränen aus den Augen, sagte schon recht, und sorgte dafür, dass Silvers Salat in die Küche kam. Um alles Andere kümmerten sich Cleos Cousins. Ich selbst fiel erst einmal ins Bett.

Nun hört man ja in einer Zeltstadt alles. Ob nebenan ein Pärchen horizontale Gymnastik betreibt, der Nachbar schnarcht, oder auf dem Weg zur Dusche singt - man weiss es. Wecker brauchen wir keinen. Etwa um Eins klappern im Küchenzelt die ersten Teller auf den Tischen, Teelöffel landen KLIRR!! in Tassen, es riecht appetitlich nach Kaffee, und man darf rechnen, dass die ganze Reparatur-Truppe allmählich auf die Beine kommt.

Auch ich war gerade vom Sanitärbereich zurück und unterwegs zum Frühstück. Da hörte ich aus dem Küchenzelt ein spitzer Schrei. Die Stimme kam mir vertraut vor, deshalb legte ich einen Schritt zu, und als die Schreie schriller wurden, rannte ich los. Genau wie andere Leute. Aus den Augenwinkeln sah ich Anne-Cyril und Cleo. Aber wir waren alle drei langsamer, als Totila mit seinen langen Beinen. Meine Güte, ist er schnell, wenn er will!

Silver im Zelt war inzwischen endlich still. Aber es schüttelte sie noch immer. Sie stand in respektvoller Entfernung von den Salat-Kisten.

»Die fasse ich nicht mehr an! Da sind grüne Würmer drin!« keuchte sie, »was hast du da nur mitgebracht!«

Natürlich, jetzt war es wieder ich gewesen. 

Totila lachte. 

Ich hatte ihn noch nie vorher lachen sehen. Er ist immer sehr ernst und er redet nicht viel. Aber dieses Lachen klang warm, freundlich.

»Von wegen Würmer«, sagte er, fasste ohne Zögern zwischen die Salatköpfe und zog vorsichtig an einem der grünen, sich ringelnden  Schwänze. Der oberste Salatkopf machte einen Purzelbaum und dann sass in Totilas Händen ein putziger kleiner Drachen mit roten Fledermausflügeln, einer bunt- schuppigen Federmähne rund um den Echsenkopf und munteren Vogelaugen. 

»Darf ich ihn haben? Ist der niedlich!« Anne-Cyril war restlos begeistert. Der Drachen nieste, aber er hatte nichts dagegen umzusteigen, faltete seine Flügel neu und machte es sich auf Annes Arm gemütlich. Cleo zog ein bedenkliches Gesicht.

»Scheucht sie besser alle gleich weg«, sagte sie, »sie sind zwar völlig harmlos. Aber furchtbar neugierig und wenn man sie lässt ...« 

Sie liess den Rest des Satzes offen. Totila hatte inzwischen die Verwandtschaft des Drachen aus dem Salat geholt. Ich zählte acht, neun kleine bunte Echsen, die nickend und niesend über den Boden des Küchenzelts wanderten, FLAPP! auf dem Tisch sassen, spitze Schnauzen in Tassen steckten, Löffel herum zerrten, und sich überhaupt drachenmässig wohl fühlten.

»Aufregung beendet?« Totila sah Silver und mich an, blinzelte Anne-Cyril zu und verliess das Zelt.

Silver packte einen Besen. 

»Los! Ihr blöden Viecher! Ihr ärgert mich nicht noch mal! «

Sie trieb die Drachen vehement aus dem Zelt, so dass der Kies unter ihrem Fegen aufspritzte.

Es half ihr aber nichts. Sie kamen wieder.
 

zurück zum Textanfang 

weiterlesen? nächster Teil 

oder: email an mich; Leserbriefe werden gerne beantwortet


Start | Index ¦ Galerie | Objekte | ¦ Kurzgeschichten - Hauptseite ¦ über mich ¦ Kontakt ¦ Links