Plejades


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Plejades - Honey Winters Tagebuch

Die Menschheit hat längst den Weg zu den Sternen gefunden. Neue Welten sind besiedelt, aber Wirtschaft und Verkehr zwischen der Erde und ihren Kolonien im All liegen ausschliesslich in den Händen weniger irdischer Grosskonzerne. Natürlich mangelt es nicht an Versuchen, im Outback der Galaxie unabhängige Gemeinschaften aufzubauen. Doch wer seine Produkte auf dem lukrativen irdischen Markt bringen will, bekommt Probleme ...



 

was vorher geschah

4. Honey Winters Tagebuch: Nachtschicht

06.02.2389: 11:45

Inzwischen weiss ich, wie es ist, wenn man auf Plejades nachts arbeitet: anstrengend.

Wir hausen jetzt alle im tiefen Schatten einer überhängenden Felswand, Cleo und der Alte beschlossen noch am Nachmittag unserer Ankunft umzuziehen, und ich denke das war eine weise Entscheidung. Wenn man im Morgengrauen müde und verschwitzt von der Schicht zurückkehrt, kann man hier bis etwa gegen Mittag ziemlich gut schlafen.

Danach ist es aus, viel zu warm. Ausserdem habe ich vermutlich einen Hitzeschlag abbekommen, ohne es zu merken. Oder es sind Halluzinationen. Cleo sagte allerdings, ich würde mir nur einbilden, was ich beobachtet habe.

Ich war  letzte Nacht mit ihr im Antriebsturm unseres künftigen Luxusschiffs unterwegs. Angeblich, um ihr bei der Aufnahme aller Ersatzteile zu helfen, aber Cleo wäre ohne mich wahrscheinlich schneller gewesen. Ich denke mir, sie wollte einfach Gesellschaft. 

Erstens war es totenstill, und sogar diese Bezeichnung ist eigentlich noch untertrieben. Man hört nichts in einem stillgelegten Antriebsturm, höchstens noch das Singen des Blutes in den eigenen Ohren, und man erwischt sich ständig bei dem Versuch, Watte aus eben jenen Ohren zu stochern, obwohl dort garantiert keine steckt. 

Ausserdem gibt es da noch die taktilen Besonderheiten der hochflorigen Schalldämmung im Turm. Alles, Wände, Laufstege, Geländer, Treppen, ist wie mit dickem grünen Moos überzogen, was Cleo als das Neueste und eine feine Sache vorstellte. Sie hatte aber vergessen zu erwähnen, dass sich der Belag bei Kontakt anschmiegte und auf der Haut ein Gefühl wie eine grosse, samtig-glitschige Tierzunge hinterliess. 

Besonders, wenn man nicht aufpasste und gerade an etwas anderes dachte. Dann leckte es einen prompt an.

Cleo fand meinen Widerwillen komisch.

»Was glaubst du, wie laut es hier ohne das Zeug wird, wenn alle Maschinen laufen«, sagte sie zu mir, »du warst noch nie in einem Turm?«

Ich sagte wahrheitsgemäß Nein, und dass ich gedacht habe, der Grund sei Raumzeitalter-Aberglaube, weil der Alte nur die Techniker in die Maschinentürme seiner Schiffe liess, und mir die Besichtigung einmal rundweg abgeschlagen hatte. So nach dem Motto - fremder Schritt bringt Unglück.

Cleo lachte sehr.

»Ach was!  Bestimmt hat er dir erzählt, man müsse den Gravitationsmotor auf die Schritte aller Techniker vom Dienst kalibrieren? Alles Quatsch! Es ist nur so verflucht eng überall. Du wärst normalerweise nur im Weg. Aber das merkst du ja selbst.« 

Wir hatten an dem Punkt, wo wir standen, gerade nebeneinander Platz und das war noch komfortabel.

»Siehst du?«

Cleo redete mir direkt ins Ohr, trotzdem musste sie beinahe schreien. Danach war sie heiser.

»Du nimmst jetzt diesen Datenspeicher«, bestimmte sie, »und folgst mir einfach. Alles, was ich dir sage, tippst du ein, weil ich meistens die Hände voll haben werde.  Danach zeigst du es mir. So entstehen keine Irrtümer.« 

Sie hätte natürlich auch ein Kehlkopfmikro nehmen können. Aber ich erinnerte mich gerade noch rechtzeitig daran, dass an sich selbstverständliche Dinge auf Plejades längst nicht immer selbstverständlich vorhanden haben. Deshalb sagte ich nichts und kletterte den Rest der Nacht brav Cleo hinterher.

Es war anstrengend. Ich weiss jetzt, warum Techniker und Ingenieure alle schlank und gelenkig sind. Man brauchte fast bergsteigerisches Können und einen guten Instinkt. Es war nicht gerade sehr hell, wir sparten sogar mit der Notbeleuchtung, es war abartig still.

Und ziemlich stickig, weil auch die Klimaanlage überholt wurde.

»Ach, das ist noch gar nichts«, sagte Cleo, »sei froh, dass du jetzt nicht untertags und im Freien unterwegs bist!«

Ich bedankte mich ironisch, aber Cleo steckte schon wieder mit dem Kopf unter eine Konsole und schraubte. Ausserdem hätte sie mich wohl sowieso nicht gehört.

Ich setzte mich also neben sie und spähte etwas unsicher in die Dunkelheit. Sie hatte mich erst kurz vorher ziemlich kalt erwischt, weil sie um ein Aggregat gegangen war und plötzlich rechts von mir auftauchte, von wo ich sie nie erwartet hätte. Cleo hatte nur den Kopf geschüttelt.

»Das kann dir noch oft passieren! Wir sind nicht allein hier im Turm.«

Kurz darauf war sie unter der Konsole fertig. Sie wischte sich den Schweiss von der Stirn und machte mir Zeichen, ihr nach oben zu folgen. Aufzuschreiben gab es also nichts.

Ich stieg ihr gehorsam hinterher, machte mir dabei Gedanken über meinen merkwürdigen Job in diesem Turm und verpasste promt beim Klettern den Anschluss. Was ich aber leider erst merkte, nachdem ich eine Ebene zu tief ausgestiegen war, und fast in Ginnie rannte, die dort sass und eifrig in einen Datenspeicher tippte.

Ich machte einen Satz rückwärts - zum Glück gegen das Geländer, sonst wäre ich durch die Einstiegsöffnung nach unten gekippt - und natürlich erschreckte ich mich zum zweiten Mal in dieser Nacht furchtbar.

Ginnie nicht. Sie sah mich kurz an, tippte weiter und drehte nicht einmal den Kopf, als von hinten aus der Dunkelheit ihr Bruder Totila auftauchte, was mich beinahe zum dritten Mal erschreckte. Und keiner von Beiden sah aus, als seien sie sonderlich von meinem Erscheinen überrascht.

Das irritierte mich. Nicht so sehr, weil Ginnie keinen Versuch gemacht hätte, mich vor dem Absturz zu bewahren. Manche Leute werden wie gelähmt, wenn sie erschrecken. Obwohl ich glaube, ich zumindest hätte versucht Ginnie zu packen, wenn sie vor meiner Nase den Halt verloren hätte. Immerhin standen wir auf Ebene Sieben oder Acht.

Noch seltsamer war jedoch Ginnies eifriges Tippen. Sie war so wenig Technikerin, wie ich. Und selbst wenn sie sehr viel bessere Ohren hatte, war es doch unwahrscheinlich, dass sie auf mehr als Gesprächsdistanz zu ihren Erzengel von Bruder Daten erfassen konnte.

Aber bevor ich noch mit dem Sortieren sämtlicher Eindrücke fertig war, oder auch nur in Gedanken einen klaren Verdacht formulieren konnte, kam Cleo auf der Suche nach mir zurückgeklettert. Sie sah mich mit den Terescus, sah auf ihre Uhr, nickte dann und fuhr sich mit zwei Fingern quer über den Hals.

Dieses Zeichen für Pause verstand sogar ich.

Es muss wohl um Mitternacht gewesen sein, als wir kurz danach gemeinsam vom Schiff zum Küchenzelt gingen. Die Stadt lag hinter dem Berg und war ohnehin zu klein für eine Lichtglocke in die Nacht. Aber es war trotzdem so hell, dass Totila und Ginnie vor mir im Licht der Plejaden Schatten warfen. Sie haben dieser Welt und der Gesellschaft des Alten den Namen gegeben, wir sind den Sieben Schwestern hier sehr nah und der Himmel über mir war unbestreitbar prachtvoll.

Nur leider bekam ich den ketzerischen Gedanken nicht aus dem Kopf, dass sich der Alte Plejades wahrscheinlich auch deshalb angelacht hatte, weil er hier mit Strassenbeleuchtung sparen konnte. 

Genau als ich das dachte, sah ich zufällig Totila ins Gesicht. Er lächelte, sehr amüsiert, als sei er gerade auf etwas besonders Witziges aufmerksam geworden. Aber ich war zu hungrig, um mir noch gross Gedanken zu machen, mir war kalt - Aussentemperaturen von zwanzig Grad sind eisig, wenn man tagsüber fast fünfzig hatte - und als ich heute beim Frühstück Cleo erzählte, was ich gestern Nacht beobachtet hatte, erklärte sie mich für verrückt.

Trotzdem steht Eines fest: Totila und Ginnie reden nie miteinander. Anscheinend verständigen sie sich wortlos. Ich habe sie beobachtet.

 

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