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Plejades - Honey Winters Tagebuch
Die Menschheit hat längst den Weg zu den Sternen gefunden. Neue Welten sind besiedelt, aber Wirtschaft und Verkehr zwischen der Erde und ihren Kolonien im All liegen ausschliesslich in den Händen weniger irdischer Grosskonzerne. Natürlich mangelt es nicht an Versuchen, im Outback der Galaxie unabhängige Gemeinschaften aufzubauen. Doch wer seine Produkte auf dem lukrativen irdischen Markt bringen will, bekommt Probleme ...
Morgens um Fünf ist die Welt nicht in OrdnungEs war jetzt kurz nach Sonnenaufgang noch ziemlich kühl, aber das würde nicht lange so bleiben. Vor zwei Tagen waren die ersten Drachen aufgetaucht, ein Zeichen, dass der Alte den Sommerbeginn richtig kalkuliert hatte. Immer wenn die geflügelten Echsen ins Hochgebirge vorstiessen, wurde es bald darauf unerträglich. Die Vorbereitungen für die Arbeitszeitumstellung liefen. Totila konnte sich nicht so genau an die letzte Hitze erinnern. Er war damals neunzehn gewesen, gerade im ersten Semester an der Raumfahrtakademie auf Reno, und schon damit ziemlich ausgelastet. Trotzdem war natürlich keine Rede davon gewesen, dass ihn der Alte etwa in Ruhe gelassen hätte. Wichtige Geschäftstermine waren wichtige Geschäftstermine, und Totila hatte dabei zwar im Hintergrund zu bleiben, war aber trotzdem unverzichtbar. Doch er war zum ersten Mal nicht ständig unter Kontrolle gewesen - und er hätte ein Heiliger sein müssen, wenn er das nicht ausgenützt hätte. Die Bewegung im Himmelsblau lag ausserhalb seines Gesichtsfelds, dennoch wurde Totila aufmerksam. Hoch oben gaukelte ein buntes Etwas mit häutigen Schwingen und einer sehr spitzen Schnauze, schlug Salti und spielte mit dem Wind. Ohne Ginnie neben ihm im Taxi, die den Kopf nach dem fliegenden Drachen gedreht hatte, hätte er die Echse nie gesehen. Aber seine Schwester war Totilas zweites Paar Augen, sein anderes Ich. Unfassbar, dass sie es all die Jahre geschafft hatten. Vielleicht war es ihnen nur gelungen, weil der Alte einfach schon mit Totila zu beschäftigt gewesen war. Trotzdem hatten alle, die von seiner Begabung wussten, seine Eltern, der Alte, ein, zwei Leute im Krankenhaus auf Reno, Ginnies völlig gleich entwickeltesTalent absolut übersehen. Nicht, dass er dafür nicht dankbar war. Das waren sie Beide. Gerade weil Ginnie ebenso wie er in Menschen hineinsehen konnte, fremde Gefühle fast noch schneller und besser erkannte, musste man dankbar sein. Sie war im Gegensatz zu ihm in Ruhe gelassen worden. Eine Zeit lang hatte Totila den Alten regelrecht dafür gehasst, dass er ihn immer wieder benutzt hatte. Auch seine Mutter. Obwohl sie alles getan hatte, was in ihrer Macht stand - und zum Teil noch heute den Puffer machte - um Totila vor den unberechenbaren, selbst für ihn oft überraschenden, Ausbrüchen des Alten zu schützen. Sie kamen nicht mehr gut miteinander aus, zumindest nicht, seit Totila angefangen hatte, sich zu wehren. Er hatte schon als Kind gewusst, dass das was er tat, in gewisser Weise Verrat war. Kein Mensch hatte mit Totila gerechnet, wenn ihn der Alte zu schwierigen Verhandlungen mitgenommen und mit einigen Spielsachen in einer Ecke des Raums deponiert hatte. Die bunten Würfel, die Modelle und später die Stapel von Lernmaterial waren in Wirklichkeit optische Signale für den Alten gewesen. Sie hatten einen ganzen Satz von Kombinationen vereinbart und benutzt, ausserdem hatte der Alte anschliessend immer einen ausführlichen Bericht von Totila verlangt. Natürlich war längst nicht alles, was Totila als scheinbar unbeteiligter Zuschauer mitbekommen hatte, für den Alten wirklich von Wert gewesen. Und mittlerweile war er Gott sei Dank zu erwachsen, um noch auf diese Weise für die Gorekian Holding arbeiten zu können. Selbst wenn er sich vor den Augen der Konferenzteilnehmer wie ein Vollidiot aufgeführt hätte, hätte ihn niemand mehr für harmlos gehalten. Ein Verdacht wäre geblieben. Wenn Totila jetzt überhaupt noch offiziell in Erscheinung trat, dann höchstens kurz, um für sich die Gedanken den Gesichtern zuzuordnen. Er servierte dann meistens die Getränke, quasi als Sekretär seiner Mutter, und zog sich anschliessend in einen Nebenraum zurück. Gedanken lesen konnte er auch von dort. Trotzdem blieb moralisch verwerflich, was er tat und manchmal weigerte er sich jetzt auch, mochte der Alte einen Tobsuchtsanfall bekommen, oder nicht. Der Alte musste nicht alles wissen. Manches, das Totila unvermeidlich erfuhr, war Sprengstoff, aber dennoch nicht zu verwerten, anderes purer Mist, reine Phantasterei. Ausserdem war es immer die Frage, ob das, was in Totilas Umgebung in den Köpfen seiner Mitmenschen herumgeisterte, auch in die Realität umgesetzt wurde. Meist blieb erschreckend wenig. Der verbindende Faden zwischen Wünschen und Wollen war oft nur hauchdünn. Manchmal gab aber gerade das Anlass zu hoffen. Zum Beispiel Honey Winter: sie hatte Totila gestern einen regelrechten Schock versetzt. Noch nie in seinem ganzen Leben hatte ihn eine Frau, und wenn auch nur in Gedanken, einen Erzengel genannt und damit Schönling gemeint. Wenn sie diese Meinung beibehielt, war es eine Katastrophe. Totila hatte gelernt, mit Abneigung fertig zu werden. Ein gut Teil seiner Schwierigkeiten mit dem Alten basierte darauf, dass Totila die Gedanken des Alten immer kannte, der Alte Totilas jedoch nie. Aber er fürchtete sich davor, während dieses Flug zur Erde ein halbes Jahr oder länger mit einer Frau praktisch eingesperrt zu sein, die ihn nicht mochte. Denn dem Alten konnte er aus dem Weg gehen, wenigstens zeitweise, Honey an Bord der Rainbow Glory jedoch nicht. Ausserdem mochte er Honey Winter und es wäre ihm lieber gewesen, wenn sie ihn zumindest sympathisch gefunden hätte. Er hatte zwar noch nicht viel von ihr mitbekommen, dazu war die kurze Strecke bis ins Büro seiner Mutter einfach zu kurz gewesen. Aber sie hatte zumindest nicht so hysterisch reagiert, wie Silver gestern Mittag beim Alten. Totila lachte in sich hinein. Er hatte es sich ja gleich gedacht. Silver war ein Irrwisch, wenn auch ein niedlicher. Sie hatte den Alten gestern regelrecht überfallen, und so lange bekniet, bis er sie ihr erlaubt hatte, als Köchin zur Erde mitzufliegen. Genau das, was Attila Gorekian ohnehin vorgehabt hatte. Aber Totila hätte Silver die wirklichen Zusammenhänge selbst dann nicht verraten, wenn sie mehr wie Honey gewesen wäre. Die Welt war schon so wie sie war kompliziert genug.
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